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Veröffentlicht am 16.08.2025

Ein aufrüttelnder Roman

Eden
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MEINE MEINUNG
Mit „Eden“ legt Jan Costin Wagner einen vielschichtigen, nachdenklich stimmenden Roman vor, der sich ebenso eindringlich wie sensibel mit den Folgen einer erschütternden Familientragödie ...

MEINE MEINUNG
Mit „Eden“ legt Jan Costin Wagner einen vielschichtigen, nachdenklich stimmenden Roman vor, der sich ebenso eindringlich wie sensibel mit den Folgen einer erschütternden Familientragödie auseinandersetzt. Die zutiefst berührende Geschichte beginnt mit einem dramatischen Einstiegsszenario: Bei einem Popkonzert kommt es zu einem Anschlag eines jungen Selbstmordattentäters, bei dem die zwölfjährige Sofie ihr Leben verliert.
Wagner gelingt es, existenzielle Fragen von Trauer, Schuld, Vergebung und dem Umgang mit persönlichem Verlust sowie der Verantwortung des Einzelnen in der Gesellschaft facettenreich zu beleuchten.
Durch die multiperspektivische Erzählweise lässt er uns unterschiedlichste Sichtweisen auf die Ereignisse und ihre Nachwirkungen erleben. Mit großem Feingefühl zeichnet Wagner das Innenleben vieler seiner Charaktere nach.
Besonders gelungen sind die differenzierten und eindringlichen Schilderungen, wie Sofies Eltern in einen Strudel aus Schmerz, Sprachlosigkeit und Entfremdung stürzen. Besonders überwältigend ist es mitzuerleben, wie beide ganz eigene Wege finden (oder suchen), um mit dem Verlust, ihrer Ohnmacht und Trauer umzugehen und nach Halt zu ringen. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang insbesondere Markus’ Entwicklung, der – trotz aller Verbitterung – den Dialog mit der Familie des Attentäters sucht und damit einen ungewöhnlichen Versuch zur Verständigung wagt.
Darüber hinaus richtet Wagner den Blick auf weitere Betroffene, etwa die Familie des jugendlichen Täters. So wird deutlich, dass die Folgen der unfassbaren Katastrophe nicht auf eine einzelne Familie beschränkt bleiben, sondern sich auf das soziale Umfeld und die gesamte Gesellschaft ausdehnen. Geschickt thematisiert Wagner schließlich auch, wie Medien und Politik das Geschehen für eigene Zwecke instrumentalisieren und so zur gesellschaftlichen Spaltung beitragen.
Der Schreibstil des Romans verlangt den Lesenden jedoch einiges ab. Wagners Reduktion auf das Wesentliche, seine distanzierte Erzählweise und die oft knapp gehaltenen, fast fragmentarisch wirkenden Dialoge lassen vieles unausgesprochen und offen. Vieles bleibt im Vagen, wodurch häufig erst die eigene Vorstellungskraft die Leerstellen hinsichtlich Innenleben und Motivationen der Figuren füllen muss.
Der konsequent eingehaltene Blickwinkel der dritten Person erschwert es jedoch, eine echte Nähe zu den Charakteren herzustellen und mit ihnen zu fühlen.
Gerade Sofies Mutter und ihren Freund Tobias blieben für mich überraschend blass und wenig greifbar; auch die Innensicht des Attentäters und die Erklärung für die Hintergründe seiner Tat werden nicht umfassend ausgearbeitet, was zu einer gewissen Distanz führt.
Gleichzeitig sorgen die häufigen Perspektivwechsel und die episodisch strukturierten, kurzen Kapitel für eine spürbare Unruhe, was sehr stimmig das Gefühl von Ohnmacht, Aufgewühltheit und Fassungslosigkeit unterstreicht und hervorragend zur Thematik und den Figuren passt.
Kritisch anzumerken ist allerdings, dass Wagner in seinem Roman eine Vielzahl gesellschaftlich relevanter Themen wie Rassismus, rechtsextremistische Radikalisierung und den Umgang mit Demenzerkrankungen zwar aufgreift, diese aber meist nur andeutet und selten in ihrer vollen Komplexität beleuchtet. Dadurch bleiben manche Aspekte eher an der Oberfläche und werden teilweise nur schlaglichtartig und ohne eingehende Vertiefung gestreift. Die wichtigen Zwischentöne und Ambivalenzen, die gerade vor dem Hintergrund der gegenwärtigen gesellschaftlichen Debatte nötig wären, fehlen stellenweise, wodurch der Roman leider etwas von seinem Potenzial einbüßt.
Positiv hervorzuheben ist jedoch, dass Wagners sachliche Sprache und die klar strukturierte, oft kurze und prägnante Erzählweise den Roman gerade für die jüngere Leserschaft sehr zugänglich machen. Dies prädestiniert „Eden“ als Schullektüre und schafft vielfältige Anknüpfungspunkte für Diskussionen über Schuld, Verantwortung, gesellschaftliches Miteinander und die Rolle der Medien.

FAZIT
Ein bewegender Roman, der viele gesellschaftlich brisante und drängende Themen der Gegenwart aufgreift und zum Nachdenken über Verlust, Schuld und gesellschaftlichen Zusammenhalt anregt. Auch wenn manche Themen nur angerissen und einige Figuren etwas schemenhaft bleiben, beeindruckt der Roman durch seine emotionale Wucht und ist eine bereichernde Lektüre!

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Veröffentlicht am 01.08.2025

Faszinierende Fantasy-Reise ins Unbekannte 

Handbuch für den vorsichtigen Reisenden durch das Ödland
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MEINE MEINUNG
Mit ihrem Roman „Handbuch für den vorsichtigen Reisenden durch das Ödland“ ist Sarah Brooks ein faszinierendes und, atmosphärisch dichtes Debüt gelungen.
Der Roman besticht durch eine ungewöhnliche ...

MEINE MEINUNG
Mit ihrem Roman „Handbuch für den vorsichtigen Reisenden durch das Ödland“ ist Sarah Brooks ein faszinierendes und, atmosphärisch dichtes Debüt gelungen.
Der Roman besticht durch eine ungewöhnliche Genrevielfalt auf, die sich am ehesten dem „Magischem Realismus“ zuordnen lässt. Geschickt verwebt die Autorin Elemente aus historischem Roman, Krimi und Fantasy mit surrealen Einschüben und erschafft so eine originelle, facettenreiche und ungemein fesselnde Geschichte, die uns immer wieder aufs Neue überrascht.
Die Ende des 19. Jahrhunderts angesiedelte Handlung nimmt uns mit auf eine ungewöhnliche Reise mit dem Transsibirien-Express - mitten durch die bedrohlich wirkende, feindselige Landschaft des legendären Ödlands. Obwohl die Transsibirien-Kompanie ihren Reisenden vollkommene Sicherheit in dem hermetisch abgeriegelten Zug verspricht, offenbaren sich hinter der vertrauenerweckenden Fassade schon bald unberechenbare Gefahren.
Die wendungsreiche Geschichte wird aus den wechselnden Perspektiven verschiedener Passagiere und Angestellter des Transsibirien-Express erzählt, von denen jeder seine eigenen Beweggründe für die Reise hat. Ob nun das Findelkind Weiwei, das als „Zugkind“ sein ganzes bisheriges Leben im Zug verbracht hat, die rätselhafte Frau Maria Petrowna, die unter falschen Namen reist und den Selbstmord ihres Vaters aufklären möchte oder der in Ungnade gefallene Naturforscher Henry Grey, der um seine wissenschaftliche Reputation kämpft – sie alle bringen ihre individuellen Schicksale, Hoffnungen und Geheimnisse mit, die erst im Verlauf der Handlung allmählich enthüllt werden. 
Einfühlsam und facettenreich sind die verschiedenen Figuren mit ihren Eigenheiten, Geheimnissen und Verletzlichkeiten beschrieben, so dass man ihnen gerne durch die Geschichte folgt. Dennoch erschienen mir die Charaktere oftmals etwas blass und zu wenig greifbar, was es erschwerte, eine wirkliche emotionale Bindung zu ihnen aufzubauen.
Eingestreut in die Handlung finden sich immer wieder Passagen aus dem „Handbuch für den vorsichtigen Reisenden durch das Ödland“, verfasst von einem gewissen Rostow, der die mystische und gefährliche Natur des  Ödlands und seine Durchquerung akribisch erforscht und niedergeschrieben hat.
Mit ihrem lebendigen, äußerst anschaulichen Erzählstil gelingt es der Autorin hervorragend, sowohl das einzigartige Ambiente des Transsibirien-Expresses als auch die geheimnisvolle Weite des Ödlands samt seiner bizarren Kreaturen eindrucksvoll und facettenreich zu beschreiben. Rasch verliert man sich in dieser faszinierenden, von unheilvoller Atmosphäre und ungewöhnlichen Ereignissen geprägten Welt, die vor originellen Details nur so sprüht.
Das Geschehen entfaltet sich aus unterschiedlichen Blickwinkeln und nimmt erst allmählich Fahrt auf, wodurch sich das Gesamtbild erst schrittweise zusammensetzt. Es braucht eine gewisse Zeit, bis sich anfangs verwirrende Details zuordnen und gewisse Zusammenhänge erkennen lassen. Teilweise gerät die Handlung jedoch ins Stocken und wirkt phasenweise etwas langatmig. Gleichzeitig lockert Brooks die Erzählung zunehmend mit magischen und surrealen Elementen auf, die für eine zusätzliche Vielschichtigkeit sorgen.
Mit zahlreichen unerwarteten Wendungen gewinnt die Geschichte aber schließlich deutlich an Dynamik und Spannung und steuert auf ein höchst packendes Finale zu, das mit einigen überraschenden Verwicklungen aufwartet.
Brooks thematisiert in ihrem Roman grundlegende Fragestellungen zum respektvollen Umgang mit der Natur sowie den Risiken von Industrialisierung und Kommerzialisierung. Das Ödland wird zum kraftvollen Symbol für das Unbekannte und Unkontrollierbare, das sich einer Vereinnahmung durch die Menschen widersetzt. Durchzogen von subtilen gesellschaftskritischen Anklängen liest sich der Roman zugleich als eindringliche Mahnung, einen harmonischen Einklang mit der Natur zu suchen und zu bewahren – eine wunderbare Botschaft dieses faszinierenden und tiefgründigen Romans!

FAZIT
Ein beeindruckendes, atmosphärisch dichtes Debüt voller origineller Ideen - mit einem faszinierenden Genre-Mix, einer fesselnden,  tiefgründigen Handlung und einer wichtigen, zeitlosen Botschaft!
Trotz gelegentlicher Längen und etwas distanzierter Figurenzeichnung empfehlenswert für alle, die Lust auf eine ungewöhnliche Mischung aus Abenteuer, Fantasy und literarischer Reise haben!

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Veröffentlicht am 03.06.2025

Eine bewegende Familiensaga

Das Licht in den Wellen
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MEINE MEINUNG
Mit „Das Licht in den Wellen“ ist dem Bestseller-Autor Janne Mommsen erneut ein facettenreicher Wohlfühlroman gelungen, der auf beeindruckende Weise das Herz berührt und zum zugleich zum ...

MEINE MEINUNG
Mit „Das Licht in den Wellen“ ist dem Bestseller-Autor Janne Mommsen erneut ein facettenreicher Wohlfühlroman gelungen, der auf beeindruckende Weise das Herz berührt und zum zugleich zum Nachdenken anregt. Mommsen nimmt uns mit auf eine fesselnde und emotionale Reise und führt uns mit seiner bewegenden Lebensgeschichte nicht nur durch vergangene Epochen, sondern auch geografisch von der nordfriesischen Insel Föhr bis in die faszinierende Metropole New York.
Gekonnt erzählt Mommsen eine vielschichtige Geschichte gelungen über Mut, Charakterstärke, Neuanfang, die Macht der Erinnerungen sowie die Bedeutung familiärer Bindungen und den Umgang mit Verlusten und verpassten Chancen.
Im Mittelpunkt steht die beeindruckende Protagonistin Inge Martensen, die kurz vor ihrem 100. Geburtstag gemeinsam mit ihrer Urenkelin Swantje von ihrer Heimatinsel noch einmal nach New York aufbricht – an den Ort, an den sie vor über acht Jahrzehnten als junge Frau auswanderte.
Geschickt hat Mommsen die Rahmenhandlung der Gegenwart mit Inges Rückblicken in die Vergangenheit verwoben. Eindrucksvoll schildert er, wie sich Inge ihrer Urenkelin während der Atlantiküberquerung allmählich öffnet und prägende Erlebnisse aus ihrem bewegten Leben offenbart. Trotz anfänglicher Unsicherheiten und Schwierigkeiten findet die unbedarfte Bauerntochter ihren Platz in der pulsierenden Weltstadt, arbeitet sich hoch und avanciert schließlich mit ihrer berühmten Kartoffelsalat-Kreation zur gefeierten Gastronomin mit eigenem Restaurant. Ihre Erzählung ist geprägt von persönlichen Erfahrungen des Aufbruchs und des Heimwehs, von Triumphen und Niederlagen, von Freundschaft und Liebe – und lässt zugleich ein faszinierendes Kapitel Zeitgeschichte lebendig werden. Wie im ausführlichen Nachwort erläutert, wurde der Autor während seiner umfassenden Recherchen durch die zahlreichen Lebensgeschichten von Föhrern, die in die USA ausgewandert sind, inspiriert und hat diese in seinen Roman einfließen lassen.
Mommsen versteht es hervorragend, die verschiedenen Schauplätze und die Atmosphäre der so gegensätzlichen Welten sehr bildhaft und mit viel Liebe zum Detail einzufangen. So kann man sich nicht nur mühelos in das raue, ländlich geprägte friesische Inselleben, sondern auch in den turbulenten Melting pot von Manhattan hineinversetzen kann. Besonders gelungen sind zudem die eingestreuten historischen Informationen und interessanten Hinweise auf die Auswanderungstradition der Föhrer Insulaner, die auch in der Fremde stets zusammenhielten.

Mit der 100-jährigen Inge hat Mommsen eine wundervoll lebendige, vielschichtige Protagonistin geschaffen. Mit ihrer außergewöhnlichen Persönlichkeit, ihrer Lebensfreude und Tatkraft beeindruckt sie auf der ganzen Linie, denn sie lässt sich trotz herber Rückschläge und Lebenskrisen nie unterkriegen. Mit ihrer lebensklugen, humorvollen und manchmal auch eigensinnigen Art wächst sie einem schnell ans Herz. Mommsen versteht es, ihren Rückblick auf ein langes, erfülltes Leben mit all seinen dunklen Flecken und Geheimnissen feinfühlig und glaubwürdig zu schildern. Recht authentisch ist zudem ihre enge Beziehung zu Swantje dargestellt, die sich an einem Wendepunkt ihres Lebens befindet und auf der Suche nach Sinn und Identität ist. Etwas blass bleiben leider die Nebenfiguren, denen etwas mehr Tiefe gut getan hätte.
Auch wenn Mommsen ein sehr idealisiertes Bild des American Dream zeichnet und Inges märchenhafter Aufstieg in New York insgesamt etwas zu überzeichnet wirkt, konnte mich die warmherzig erzählte Familiengeschichte dennoch gut unterhalten. Für alle, die mehr gesellschaftskritische Nuancen oder überraschende Wendungen schätzen, dürfte der Roman jedoch insgesamt zu vorhersehbar und mit seinen Wohlfühlmomenten als zu harmonisch wirken.
Das etwas überstürzt wirkende Ende des Romans deutet bereits darauf hin, dass die turbulente Familiengeschichte noch nicht zu Ende ist: Im April 2026 erscheint mit „Das Salz in der Luft“ die Fortsetzung, in der weitere spannende Kapitel aus Inges bewegter Lebensgeschichte erzählt werden.
FAZIT
Eine unterhaltsame, warmherzige Familiensaga, die von der Kraft der Erinnerung, dem Mut zum Neuanfang und der Bedeutung von Familie erzählt und durch ihre authentische, sympathische Protagonistin auf ganzer Linie überzeugt.
Wer auf der Suche nach einem inspirierenden, emotionalen Roman mit viel Herz ist, wird hier voll auf seine Kosten kommen!

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Veröffentlicht am 24.05.2025

Eine faszinierende Zeitreise in die Pionierzeit des österreichischen Films

Von Stufe zu Stufe
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MEINE MEINUNG
In seinem beeindruckenden Roman „Von Stufe zu Stufe“ nimmt uns der österreichische Autor Felix Kucher mit auf eine faszinierende Zeitreise zurück zur Geburtsstunde des österreichischen Films ...

MEINE MEINUNG
In seinem beeindruckenden Roman „Von Stufe zu Stufe“ nimmt uns der österreichische Autor Felix Kucher mit auf eine faszinierende Zeitreise zurück zur Geburtsstunde des österreichischen Films zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Gekonnt fängt er die Aufbruchstimmung und den Innovationsgeist jener äußerst faszinierenden Ära der Kulturgeschichte ein.
Durch die geschickte Verflechtung von gut recherchierten, historischer Hintergrundinformationen und fesselnder Fiktion gelingt es dem Autor, die rasante technische und künstlerische Entwicklung der Kinematografie greifbar zu machen. Er entwirft aber nicht nur ein vielschichtiges Panorama der damaligen Gesellschaft, sondern zeichnet zugleich ein facettenreiches Bild der fortschreitenden Entwicklungen und kulturellen Umbrüche über ein Jahrhundert hinweg bis hin in unsere heutige Zeit.

Die Geschichte ist auf zwei thematisch miteinander verwobenen Handlungssträngen angelegt. Geschickt verbindet Kucher faszinierende historische Details über die filmgeschichtlichen Anfänge der österreichischen Stummfilmära mit einer spannenden fiktiven Gegenwartshandlung, Mit seinem ansprechenden und recht ruhigen Schreibstil gelingt es Kucher sehr schnell uns in seine facettenreiche Geschichte hineinzuziehen.

Im Mittelpunkt der im Dezember 2021 angesiedelten Handlung steht der frustrierte Filmwissenschaftler Marc, der nach seinem Studium in der Wissenschaft nicht richtig Fuß fassen konnte und sich mit befristeten Gelegenheitsjob als Filmarchivar und Kartenabreißer im Kino durchschlagen muss. Als er durch Zufall durch die ukrainische Pflegekraft seiner Großmutter Hinweise auf historische, verschollen geglaubte Filmrollen erhält, keimt in ihm die leise Hoffnung, doch noch durch eine mögliche Publikation einer sensationellen Entdeckung seine akademische Karriere retten zu können. So nimmt ein fesselndes Abenteuer seinen Lauf, das ihn kurz vor Ausbruch des aktuellen Ukraine-Konflikts in eine Stadt im fernen Transkarpatien führt.
Die historische Zeitebene zeichnet ein vielschichtiges Porträt der Kinematografie und beleuchtet eingehend die Pionierzeit der österreichischen Filmindustrie. In ihrem Mittelpunkt steht das Ehepaar Anton und Louise Kolm in Wien, die neben ihrer Arbeit als Fotografen zunächst damit beginnen, mit den neu aufkommendenden Kinematographen zu experimentieren und schließlich im Jahr 1908 einen kleinen, künstlerisch anspruchsvollen Kurzspielfilm mit dem Titel "Von Stufe zu Stufe"produzieren.
Mit großer Sachkenntnis und anschaulichen Details schildert die Kucher nicht nur die rasanten technischen Fortschritte der frühen Kinematographie von der faszinierenden Entwicklung der Pathé-Kinematographen bis zum Aufkommen der ersten Kinematographentheater, sondern auch die künstlerischen Herausforderungen. Eindrucksvoll zeichnet er in verschiedenen Episoden den steinigen Weg des ambitionierten Filmemacher-Teams bei den ersten Schritten ihres Schaffens nach, die sich vom einfachen Klamauk der damals produzierten Kurzfilme absetzen wollten. Besonders gelungen ist die Darstellung der realen historischen Persönlichkeit und Pionierin des österreichischen Films Louise Kolm (später Kolm-Fleck). Kucher versteht es, dieser visionären Filmemacherin der ersten Stunde eine eigene Stimme zu geben und bringt uns ihre bemerkenswerte, oft übersehene Rolle als Regisseurin bei der Entwicklung des künstlerischen Films in Österreich näher. In einer Zeit, in der Frauen sich in die tradionellen Rollenbilder fügen mussten, erleben wir Louise als kreative, durchsetzungsfähige Persönlichkeit, die sich in männerdominierten Umfeld zu behaupten weiß. Sie begegnet den Widerständen von Männern geschickt und zeigt Stärke und Eigenständigkeit, so dass sie ihren Weg unbeirrt beschreiten kann.

Kucher ist es hervorragend gelungen, sowohl die Atmosphäre des Wien der Kaiserzeit als auch die Gegenwart mit ihren Besonderheiten lebendig und authentisch darzustellen. Neben der nuancierten Auseinandersetzung mit der Filmgeschichte greift der Roman auch wichtige Themen auf wie Geschlechterrollen in der Kultur, das Spannungsfeld zwischen künstlerischer Vision und kommerziellen Interessen, persönliche Opfer beim Kampf für die eigenen Überzeugungen, prekäre Arbeitsverhältnisse in der Wissenschaft sowie die Überwindung persönlicher Ängste.

Durch den permanenten Wechsel zwischen den beiden Handlungssträngen wird geschickt Spannung aufgebaut. Fesselnd ist es Marc auf seiner ereignisreichen und abenteuerlichen Reise in die Ukraine zu begleiten und mitzuerleben, wie er auf der Jagd nach den Filmrollen mit den harten Realitäten in dem Land zu kämpfen hat und es ihm schließlich gelingt seine inneren Dämonen zu überwinden.
Während die Darstellung des historischen Wien überzeugt, wirkt das Bild der Ukraine und der dortigen Verhältnisse leider stellenweise etwas klischeebehaftet und eindimensional. Zudem hätte ein ausführliches Nachwort mit Anmerkungen zu Fakten und Fiktion den Roman bereichern können.
FAZIT
Ein fesselnder Roman, der Filmgeschichte lebendig werden lässt.

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Veröffentlicht am 22.05.2025

Fesselndes Porträt von Anita Berger - Ein Leben wie ein Tanz auf dem Vulkan

Der ewige Tanz
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MEINE MEINUNG
In seiner Romanbiografie „Der ewige Tanz“ portraitiert Autor und Schauspieler Steffen Schroeder das kurze, bewegte Leben der für ihre innovativen Tanzperformances berühmte Tänzerin Anita ...

MEINE MEINUNG
In seiner Romanbiografie „Der ewige Tanz“ portraitiert Autor und Schauspieler Steffen Schroeder das kurze, bewegte Leben der für ihre innovativen Tanzperformances berühmte Tänzerin Anita Berber (1899–1928) an, die als eine sehr ikonische und polarisierende Figur der Weimarer Republik gilt.
Anita Berbers provokante Erscheinung und skandalträchtige Lebensweise sorgte für Aufsehen und machte sie zu einer Symbolfigur des rebellischen Zeitgeists und einer Epoche des Umbruchs. Ihr Leben war geprägt von Höhen und Tiefen, von Exzessen und Tabubrüchen. Ihr unkonventioneller, androgyner Look, ihre Nackttänze, exzessiver Drogenkonsum und offen gelebte Bisexualität brachen mit den damaligen gesellschaftlichen Normen und machten sie zu einer Vorreiterin ihrer Zeit, indem sie stets die Grenzen der Kunst und Moralvorstellungen herausforderte.
Der Roman verwebt auf kunstvolle Weise historische verbürgte Begebenheiten und Fakten mit erzählerischer Freiheit, um das Porträt dieser ebenso faszinierenden wie innerlich zerrissenen Persönlichkeit zu zeichnen.
Die Handlung, die im Juli 1928 einsetzt, als Berber von der Schwindsucht schwer gezeichnet im Berliner Bethanien-Krankenhaus liegt, entfaltet sich in verschiedenen episodischen Rückblenden als ein vielschichtiges Mosaik aus Erinnerungssplittern. Die sprunghafte Chronologie kann mitunter anstrengend und verwirrend wirken, was den Lesefluss insgesamt etwas beeinträchtigt.
Mit seinem ansprechenden, bildhaften Schreibstil gelingt es Steffen Schroeder rasch, uns auf eine faszinierende Zeitreise in die Welt der Goldenen Zwanziger Jahre mitzunehmen – eine widersprüchliche Epoche im ständigen Wandel, die einerseits zwischen Armut, gesellschaftlichen Umbrüchen, ungezügeltem Vergnügen und Dekadenz taumelte und auf andererseits rasantem Fortschritt, beispielloser kultureller Aufbruchsstimmung und Innovation.
Wie einzelne Puzzleteile fügen sich die Bruchstücke von Berbers Vergangenheit und ihrer einzigartigen Karriere nach und nach zu einem lebendigen, vielschichtigen Porträt der Künstlerin und ihrer Epoche zusammen. Ob nun kurze Episoden zu ihrer Kindheit bei ihrer geliebten Großmutter Lu, ihren künstlerischen Triumphe oder selbstzerstörerischen Exzesse - diese fragmentarische Erzählweise spiegelt nicht nur eindrucksvoll die Komplexität von Berbers Kreativität und ihrem chaotischen Lebenswandel wider, sondern gewährt uns zudem schlaglichtartig aufschlussreiche Einblicke in die turbulente Atmosphäre der Weimarer Republik. Einfühlsam und facettenreich fängt er nicht nur deren Magie ein, sondern zeigt auch schonungslos ihre Abgründe und dunklen Seiten auf.

Sehr gründlich hat Schroeder das kulturgeschichtliche Umfeld sowie das historische Geschehen jener Zeit recherchiert und anschaulich in die Handlung eingeflochten Er versteht es hervorragend die besondere Ästhetik der wilden Goldenen Zwanziger im pulsierenden Berlin oder Wien einzufangen und ein faszinierendes Panorama der avantgardistischen, künstlerischen Kreise zu entwerfen. Wie kaum eine andere verkörperte Berber durch ihre Kunst, ihren avantgardistischen Stil und ihr exzentrisches Leben den Zeitgeist einer Generation, die traditionelle Moralvorstellungen durch provokative ästhetische Auflehnungen infrage stellte und bei der Tanz als Medium gesellschaftlicher Befreiung fungierte. Hervorragend haben mir vor allem die äußerst plastischen und eindringlichen Schilderungen von Bergers außergewöhnlichen, oft bis an die Grenze zur Nacktheit gehenden Tanzchoreografien gefallen, die ihr leidenschaftliches, künstlerisches Credo wiedergeben und deutlich zeigen, dass sie mit ihrer künsterlerischen Innovation und Radikalität ihrer Zeit in vielerlei Hinsicht sogar voraus war. Bergers bahnbrechende Choreografien und sinnliche Darbietungen eröffneten eine innovative Dimension des Tanzes. Ihre künstlerische Vision prägte maßgeblich die Entwicklung des modernen Tanzes und etablierte sie als wegweisende Figur in dieser Kunstform. Durch die gewagte Verschmelzung von Bewegung und Erotik schuf sie eine einzigartige tänzerische Sprache, die die Grenzen des Konventionellen sprengte und neue Ausdrucksmöglichkeiten erschloss. Ein faszinierendes Highlight ist die mitreißende Darstellung ihres Skandalstücks „Kokain“, bei der Sprache und ekstatische Bewegung zu einer gelungenen Einheit verschmelzen. Sehr aufschlussreich sind auch die kurzen Episoden mit historischen Persönlicheiten wie dem Maler Otto Dix, der Berber 1925 in seinem berühmten Porträt als alte Frau verewigte, oder der Filmemacher Fritz Lang.
Trotz atmosphärischer Dichte bleibt Anita Berber leider als Hauptfigur merkwürdig distanziert und ihre Beweggründe wenig greifbar. Dies mag der Tatsache geschuldet sein, dass von Berber selbst wenig persönliches Material überliefert ist, aus dem man mehr über ihre Innenwelt erfahren könnte. Gerne hätte ich noch mehr über ihre inneren Dämonen und die psychologischen Hintergründe für ihre obsessive Hingabe an die Kunst und selbstzerstörerischen Drogenexzesse erfahren.
Durch umfassende Recherchearbeit insbesondere zu bekannten Personen in ihrem Umfeld ist es Schroeder dennoch gelungen, ihre schillernde Persönlichkeit mit ihrer mutigen, provokanten Art aber auch mit all ihren Ängsten und Nöten als gefeierte Künstlerin jener Zeit lebendig und authentisch darzustellen.
Geschickt räumt er mit dem gängigen Mythos der „femme fatale“ auf, indem er stimmig aufzeigt, wie Berbers subversive und skandalträchtige Inszenierungen nicht nur ihre feministische Emanzipation darstellten sondern oft auch auf kommerziellem Kalkül beruhten.
Geschickt thematisiert Schroeder auch die Doppelmoral einer Gesellschaft, die Berber gleichermaßen als Ikone des modernen, selbstbestimmten Frauentyps verehrte, der neue Ausdrucksformen und Lebensweisen sucht, und sie zugleich ächtete.

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