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Veröffentlicht am 13.05.2019

Eindrückliche Mahnung an alle, die in Nordirland wieder zündeln

Cal
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Bei einem Besuch in Londonderry und Belfast im Sommer 2018 war ich schockiert über die noch deutlich sichtbaren Spuren des Nordirlandkonflikts, nicht zuletzt über die Mauer in Belfast. Gleichzeitig hat ...

Bei einem Besuch in Londonderry und Belfast im Sommer 2018 war ich schockiert über die noch deutlich sichtbaren Spuren des Nordirlandkonflikts, nicht zuletzt über die Mauer in Belfast. Gleichzeitig hat mich der spürbare Wille der Menschen dort begeistert, den Frieden, der seit dem Karfreitagsabkommen vom April 1998 herrscht, zu bewahren. Nun ist die offene Grenze zwischen Irland und Nordirland im Zuge des Brexits erneut in Gefahr und der Mord an der Journalistin Lyra McKee durch die militante New IRA im April 2019 in Londonderry sowie zahlreiche neue Bombenattentate machen nicht nur vielen Iren und Nordiren Angst. Bernard MacLavertys Roman „Cal“ aus dem Jahr 1983 ist daher aktueller denn je und eine Warnung an alle, die leichtfertig zündeln.

Der 19-jährige Cal Mc Cluskey, arbeitslos wie viele seiner Altersgenossen, schlägt sich im tristen, vom Bürgerkrieg gebeutelten Nordirland der 1970/80er-Jahre mühsam durch. Zusammen mit seinem Vater Shamie, einem Schlachthausarbeiter, lebt er in einem protestantischen, loyalistisch geschmückten Viertel irgendwo in der Provinz Ulster. Als letzte Katholiken dort erhalten sie massive Drohungen, die dazu führen, dass der friedliche Shamie von militanten IRA-Anhängern einen Revolver zur Selbstverteidigung annimmt. Doch die IRA gibt nichts umsonst, fortan muss Cal als Fahrer bei Überfällen fungieren. Als dabei ein protestantischer Farmer und Reservepolizist vor den Augen seiner Familie erschossen wird, will Cal, der „nie richtig eingestiegen“ ist, die Gruppe verlassen. Sein Gewissen lässt ihn nicht mehr zur Ruhe kommen, doch mitten im Krieg duldet die IRA keine Aussteiger: „Nicht zu handeln – weißt du – heißt handeln... Dadurch daß du nichts tust, trägst du dazu bei, daß die Engländer hierbleiben.“

Ein Jahr nach dem Anschlag lernt Cal in der örtlichen Bibliothek Marcella Morton kennen, „ausgerechnet die eine Frau, die ihm verboten war“, und verliebt sich, doch „Von Liebe zu sprechen, das wußte er, erforderte Offenheit und Wahrhaftigkeit. Wegen dem, was er getan hatte, war er für sie eine einzige Lüge“.

Bernard Mac Laverty zeigt in "Cal" eindringlich, wie ausweglos die Situation für den Einzelnen in einem gewalttätigen Konflikt sein kann. Auch wenn der Roman keine ganz große Literatur ist und die ständig beschriebene exzessive Raucherei Cals mich zunehmend genervt hat, ist die Perspektive auf den nordirischen Alltag und die Frage nach Schuld, Verantwortung und Vergebung gut gelungen.

Der Roman wurde 1984 von Pat O’Connor mit John Lynch und Helen Mirren in den Hauptrollen verfilmt.

Veröffentlicht am 17.04.2019

„Es wiederholt sich immer alles und doch ist es nicht dasselbe.“

Gott wohnt im Wedding
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Ihr 2014 erschienenes Debüt "Machandel" habe ich erst kürzlich entdeckt und war absolut begeistert von dieser gelungenen Verknüpfung aus Zeitgeschichte und Romanhandlung. Genau dies gelingt Regina Scheer ...

Ihr 2014 erschienenes Debüt "Machandel" habe ich erst kürzlich entdeckt und war absolut begeistert von dieser gelungenen Verknüpfung aus Zeitgeschichte und Romanhandlung. Genau dies gelingt Regina Scheer auch in ihrem neuen Buch "Gott wohnt im Wedding".

Im Personenregister, einem wegen der Vielzahl von Mitwirkenden hilfreichen Instrument, steht ein überraschender Protagonist ganz oben: ein Berliner Mietshaus in der Utrechter Straße im Wedding, erbaut um 1890 und nun Spekulationsobjekt und, „weil ich als Immobilie nicht mehr das Potential habe, den Mietwert zu erhöhen“, kurz vor dem Abbruch. Seine kursiv gedruckten Geschichten über seine Erbauer und Besitzer, die Mieter, die kamen und gingen, und sein Wissen darum, dass sich „alles wiederholt“, sind so spannend wie melancholisch, „jetzt, wo alles zu Ende geht“, und es „eine Ahnung von Endgültigkeit“ umweht.

„Wenn man lange genug wartet, kommen hier alle wieder vorbei“, so auch der Jude Leo Lehmann, der ab 1943 mit seinem Freund Manfred als „U-Boot“, Untergetauchter, lebte. Nun ist er mit seiner Enkelin Nira wegen Erbangelegenheiten aus Israel nach Berlin gekommen und ausgerechnet in einem Hotel im Wedding gelandet. Im alten Haus in der Utrechter Straße lebt noch immer Gertrud Romberg, die den beiden Jungen damals Unterschlupf gewährte. Manfred wurde in ihrer Wohnung verhaftet und Leo hat nie erfahren, welchen Anteil Gertrud daran hatte. Die alte Frau ist an die hundert Jahre alt, schon ihr Vater wurde in diesem Haus geboren. Sie hat Manfred nie vergessen, nie geheiratet und nie über das gesprochen, was damals passierte. Der Handlungsstrang um Leo und Gertrud, der wiederum viele Einzelschicksale umfasst, hat mir ausnehmend gut gefallen, besonders auch die Geschichte von Leos Frau Edith.

Ein weiterer Handlungsstrang umfasst das Schicksal der Sintiza Laila, die 1975 in Polen geboren wurde und als Spätaussiedlerin über Umwege 1991 nach Berlin kam. Sie hat studiert, lebt getrennt von ihrem Mann und hat einen Mietvertrag über drei Jahre, der demnächst ausläuft. Mit ihrem ausgeprägten Sozialbewusstsein kümmert sie sich um die alte Gertrud, um die vielen Roma-Familien aus Rumänien, die genauso wie Wanderarbeiter inzwischen im Haus leben. Ihre komplizierte, sehr ausführlich erzählte Familiengeschichte und die ihrer Schützlinge haben mich das ein oder andere Mal verwirrt, es war nicht leicht, Personen, Orte und Schicksale auseinanderzuhalten. Wichtiger ist aber ein großer Erkenntniszuwachs über die Geschichte und Tradition der sehr verschiedenen Roma-Gruppen, zu denen die Sinti als eine Untergruppe gehören, und über ihre fehlenden Perspektiven.

Man merkt dieser geglückten Verbindung von Geschichte und Gegenwart die umfängliche Recherchearbeit von Regina Scheer deutlich an. Dass sie darüber hinaus so viel Wärme für ihre Figuren aufbringt und auf Schwarz-Weiß-Zeichnung weitgehend verzichtet, macht den Roman für mich empfehlenswert.

Ich hatte das Glück, Regina Scheer am 10. April 2019 live bei einem Interview mit Lesung im Botnanger Buchladen in Stuttgart zu erleben. Wer die Gelegenheit dazu hat, sollte sie sich nicht entgehen lassen, denn die Autorin hat auch über den Roman hinaus viel zu erzählen.

Veröffentlicht am 15.04.2019

Mein - dein - unser

Tafiti - Auch beste Freunde streiten mal
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Für Eltern ist es nervenaufreibend, aber Kinder sammeln dabei wichtige Erfahrungen: beim Streiten. Egal ob unter Geschwistern oder wie in diesem Bilderbuch unter allerbesten Freunden, Streit dient der ...

Für Eltern ist es nervenaufreibend, aber Kinder sammeln dabei wichtige Erfahrungen: beim Streiten. Egal ob unter Geschwistern oder wie in diesem Bilderbuch unter allerbesten Freunden, Streit dient der Artikulation von Bedürfnissen, der Durchsetzung eigener Interessen und der Abgrenzung. Eltern und Pädagogen können und sollen ihn deshalb nicht unterbinden, aber es ist sinnvoll, Kindern die Angst zu nehmen und ihnen Auswege aus Streitsituationen zu zeigen. Genau dieses Ziel verfolgt das Bilderbuch "Tafiti – Auch beste Freunde streiten mal" von Julia Boehme, illustriert von Julia Ginsbach. Kindgerecht für kleine Zuhörer und Zuhörerinnen ab etwa vier Jahren zeigt es am Beispiel des Erdmännchens Tafiti und des Pinselohrschweins Pinsel, wie Streit entsteht und wie man ihn zur allseitigen Zufriedenheit beilegen kann.

Dabei beginnt alles ganz harmonisch in einer Hängematte für zwei beste Freunde unter dem funkelnden Sternenhimmel. Doch als ein Stern vom Himmel fällt, reklamiert ihn jeder für sich, und jeder hat durchaus schlüssige Gründe. Dahin ist die Harmonie, es wird gegrunzt, geschnaubt, gequiekt und gerangelt. So vertieft sind die beiden Streithähne, dass sie die Bedrohung von außen gar nicht wahrnehmen. Fast zu spät entdecken sie den hungrigen Löwen King Kofi und auf einmal sind sie wieder auf derselben Seite. Sobald sie dem Löwen ein Schnippchen geschlagen und das Recht des Stärkeren außer Kraft gesetzt haben, ist auch die Einigung unter den Freunden nicht mehr weit.

Tafiti und Pinsel haben eine für sie und für die kleinen Zuhörer und Zuhörerinnen wichtige Erfahrung gemacht: Auch unter besten Freunden kommt es zu Streit, aber mit gutem Willen und Kompromissbereitschaft kann man sich versöhnen und das „Unser“ ist schöner als das „Mein“.

Die farbigen Illustrationen von Julia Ginsbach spiegeln sehr schön die Gefühle der Tiere wider, nicht nur bei Tafiti und Pinsel, sondern auch bei den vielen kleinen Tieren, die das Geschehen am Rande beobachten, ohne im Text vorzukommen. Es gibt also viel zu entdecken, bis es am Ende über den Stern heißt: „Vor allem, weil er für uns beide funkelt. Für die besten Freunde der Welt.“

Veröffentlicht am 12.04.2019

Schwierige Rückkehr

Nur wer die Hölle kennt
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Fast zweieinhalb Jahre hat es nach „Ihr einziges Kind“ gedauert, bis nun endlich mit „Nur wer die Hölle kennt“ der vierte Band der ostfriesischen Martinsfehn-Krimireihe von Barbara Wendelken erschien, ...

Fast zweieinhalb Jahre hat es nach „Ihr einziges Kind“ gedauert, bis nun endlich mit „Nur wer die Hölle kennt“ der vierte Band der ostfriesischen Martinsfehn-Krimireihe von Barbara Wendelken erschien, aber das Warten hat sich gelohnt. Zwar lassen sich die einzelnen Teile problemlos unabhängig lesen und Neueinsteiger werden keine Verständnisschwierigkeiten haben, hinsichtlich des Privatlebens der beiden Protagonisten macht es allerdings noch mehr Spaß, wenn man die Vorgängerbände kennt.

Der vorliegende vierte Fall spielt auf zwei Zeitebenen im Abstand von 20 Jahren. 1997 kamen bei einer Brandstiftung auf einem Pferdehof am Rande von Martinsfehn drei Menschen ums Leben: die Besitzerin Verena Matzke, ihr zweijähriger Sohn Michel und Daniela Finke, eine pferdebegeisterte Siebzehnjährige, die mit im Haus lebte. Verenas Lebenspartner Wulf Leutnant ging damals von der Schuld seiner fünfzehnjährigen Stieftochter Melody aus, genau wie die meisten Menschen im Dorf, und zu Melodys Überraschung hat sich daran bis heute nicht viel geändert. Ihr angespanntes Verhältnis zu ihrer herrischen Mutter sprach damals gegen sie, doch gab es sonst keine belastenden Indizien und die Ermittlungen wurden eingestellt. Nun kehrt Melody nach 20 Jahren mit ihrem kleinen Sohn ins Dorf zurück und prompt gibt es wieder Feuer und Tote. Zufall? Daran glaubt niemand, auch nicht Renke Nordmann, Leiter des Polizeireviers von Martinsfehn, und seine Kollegin Nola van Heerden von der Kripo Leer. Die alten Akten müssen noch einmal geöffnet werden.

Wieder einmal gelingt es Barbara Wendelken mit großem erzählerischem Geschick, den Leser durch einen Irrgarten von heißen und kalten Spuren zu führen. Obwohl die Zahl der beteiligten Personen beträchtlich ist, behält man mühelos den Überblick, denn die psychologisch ausgefeilten Charaktere prägen sich sehr gut ein. Durch die Zeit- und Perspektivwechsel wird die Spannung nochmals erhöht und dem Leser keine Erholungspause gegönnt, denn jede noch so kleine Information heißt es aufmerksam abzuwägen und im Kopf zu behalten. Die Atmosphäre im Dorf, die latente Bedrohung, der sich Melody mehr und mehr ausgesetzt sieht, und die Entwicklung einer unscheinbaren, verzagten Nebenfigur zur mutigen Heldin haben mir darüber hinaus besonders gut gefallen.

Selbst als Nola, Renke und ich den Fall 30 Seiten vor Schluss endlich zufriedenstellend gelöst hatten und ich mich beruhigt zurücklehnen wollte, wurde es noch zweimal hochdramatisch. Und so heißt es zuletzt: Fall gelöst, aber für Nola und Renke bleibt es dank eines unglaublichen Cliffhangers trotzdem spannend...

Veröffentlicht am 09.04.2019

Bei den Prischingers wird niemand zurückgelassen

Rückwärtswalzer
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Bei den Griechen und Römern brachte der Fährmann Charon die Seelen über den Styx und wurde dafür entlohnt. Was aber, wenn man das Geld für den Fährmann nicht aufbringen kann? Für die drei alten Prischinger-Schwestern ...

Bei den Griechen und Römern brachte der Fährmann Charon die Seelen über den Styx und wurde dafür entlohnt. Was aber, wenn man das Geld für den Fährmann nicht aufbringen kann? Für die drei alten Prischinger-Schwestern Mirl, Wetti und Hedi ist die Antwort klar: Sie werden selbst zu Fährmännern. Willi, Hedis verstorbener Lebenspartner, der in seiner Heimat Montenegro begraben werden möchte, wird kurzerhand beim Metzger tiefgefroren, auf den Beifahrersitz verfrachtet, der Neffe Lorenz als Fahrer verpflichtet und schon beginnt bei auf Hochtouren laufender Kühlung die 1029 Kilometer lange Fahrt von Wien durch Slowenien, Kroatien und Bosnien nach Montenegro.

Die Vorgeschichte und der Ablauf dieser skurrilen Fahrt mit Leiche sind der rote Faden in Vea Kaisers drittem Roman „Rückwärtswalzer oder Die Manen der Familie Prischinger“. Während der Ton in diesen Kapiteln trotz des Toten überwiegend komisch ist, sind die Kapitel dazwischen von ernsterem Inhalt bis hin zu Themen wie Kindesmissbrauch, Rassismus oder österreichische Zeitgeschichte und Politik. Zwischen 1953 und 2001 werfen sie Schlaglichter auf das Leben der vier Geschwister Prischinger, der drei Schwestern und Lorenz‘ Vater Sepp, sowie auf Willis Vergangenheit. In diesen Abschnitten geht es um Kindheit, Partnerschaften, Geburten, Trennungen und Schicksalsschläge aller Art. Sowohl Willi als auch die Schwestern leiden unter Traumata: der eine muss mit dem Tod seiner Halbschwester leben, die anderen mit dem ihres kleinen Bruders Nenerl, und immer geht es um Schuld. „Niemand wird zurückgelassen“ war Nenerls Wahlspruch - und doch ist ausgerechnet er verlorengegangen.

Vea Kaiser beherrscht sowohl die Komik als auch die Tragik und kann sehr unterhaltsam erzählen. Oft habe ich bei der Lektüre herzlich gelacht, teils über das originelle österreichische Vokabular, teils über loriothafte Szenen wie den Metro-Großeinkauf der Schwestern, Mirls pannenbehafteten Heiratsantrag, die ablenkende Gesprächsführung der Schwestern, den Stellenwert der Mahlzeiten („Essen rettet jede Situation“) oder der Tupperware. Gelegentlich wurde es mir aber zu slapstickhaft, wenn das Transportgefährt ausgerechnet ein roter Fiat Panda war, die Reisenden auf einen Bus mit 24-Stunden-Pflegerinnen aus Bulgarien trafen oder ein Zwischenstopp im Pilgerort eingelegt wurde. Auch das Loblied auf die sehr engen Familienbande, die den drei so unterschiedlichen Schwestern manchmal fast die Luft zum Atmen zu nehmen scheinen, hat mich nicht voll überzeugt. Gut gelungen ist dagegen die Entwicklung der Figuren, denn die Fahrt nach Montenegro verändert Lorenz, Mirl, Wetti und Hedi: „Lorenz gefiel der Gedanke, dass auch Onkel Willi seiner hinterbliebenen Familie neue Wege aufgezeigt hatte.“ Überhaupt Onkel Willi: Er ist nicht nur für mich der eigentliche Held des Romans, sondern auch für „drei alte Damen, die diesen Irrsinn aus Liebe und Zuneigung zu dem einzigen Mann unternommen hatten, der sie nie enttäuscht hatte“.