Feeling lost – ein Buch, das Halt gibt
feeling lost (and other weird feelings)Worum geht es?
„Ich wünschte man könnte mentale Erkrankungen sehen“ (S. 27)
Vanessa Ihmann lässt in ihrem Buch „feeling lost (and other weird feelings)“ tief in ihre Seele blicken. Sie schreibt, was ...
Worum geht es?
„Ich wünschte man könnte mentale Erkrankungen sehen“ (S. 27)
Vanessa Ihmann lässt in ihrem Buch „feeling lost (and other weird feelings)“ tief in ihre Seele blicken. Sie schreibt, was sie fühlt, und verleiht damit der unsichtbaren Welt einer psychischen Erkrankung Ausdruck und Sichtbarkeit in besonderer Form. Ihre Texte spiegeln die Höhen und Tiefen sowie den inneren Kampf mit der eigenen Gefühlswelt wider.
Meine Meinung:
Vanessa Ihmann ist eine junge Content Creatorin, die auch auf Social Media für die Sichtbarkeit von Gefühlen und Ängsten kämpft. In ihrem Buch gelingt es ihr, mit einzelnen Sätzen oder kurzen Texten lyrisch ihre Gefühle zu beschreiben und den Leser*innen das Wiedererkennen eigener Emotionen, Ängste oder Hoffnungen zu ermöglichen. Damit schenkt sie das Gefühl, verstanden zu werden, und gibt Halt im Umgang mit schwierigen Zeiten.
Die Gliederung in drei Teile sortiert die Texte thematisch und erzählt zugleich Vanessa Ihmanns Geschichte.
Im ersten Teil „Sommerkind“ beschreiben ihre Texte das Leiden und den Kampf um Identität und Akzeptanz. Sie fühlt sich in den Teenagerjahren bis in die Zwanziger verloren. Der ständige Vergleich mit anderen und der Druck von außen spielen hier eine besondere Rolle. Besonders nachdenklich hat mich ein Zitat gestimmt:
„Wenn ich dich jetzt bitten würde, alle Dinge
aufzuzählen, die du liebst und die dir wichtig sind, dann
frage ich dich:
Wann hättest du dich genannt?“ (S. 39)
- Ja, ich habe mich hier auch nicht selbst zugezählt…
Selbstliebe und Selbstannahme sind nicht leicht – schon gar nicht, wenn man mit inneren Dämonen zu kämpfen hat. Das machen Vanessas Texte deutlich. Sie bringen mich zum Nachdenken und geben mir das Gefühl, mit diesen Empfindungen nicht allein zu sein.
Im zweiten Teil „Gedankenkarussell“ kreisen die Texte um die Verletzung durch eine andere Person und den mentalen Kampf, die Beziehung loszulassen. Deutlich wird, wie schwierig es ist, das Empfinden einer psychischen Erkrankung nachvollziehbar zu machen – und wie daraus immer größere Distanz zu den Mitmenschen entsteht. Sie trifft das Problem mit den Worten:
„Also bleibt man still.
Bekämpft die inneren Dämonen allein.
Man will immerhin keine Belastung sein.
Kein Problem.
Keine Enttäuschung.“ im Kern.
Im dritten Teil „Symphonie der Jahreszeiten“ zeigt Vanessa, dass der Prozess der Heilung verschiedene Phasen durchläuft. Wie die Jahreszeiten gibt es Phasen des Aufblühens, der Freude, aber auch des Zerfalls und der Dunkelheit. Die Texte machen deutlich, dass nach jedem Tief auch wieder eine Zeit der Erleichterung und des Aufatmens kommt, in der Selbstliebe und Selbstannahme möglich sind – und damit auch Heilung. Mit diesen Texten schenkt sie Ausgleich und Hoffnung: „Und irgendwann wurde aus dem Regen ein Regenbogen.“
Vanessa schafft es mit ihren Texten, eine Hand hinzuhalten, die man ergreifen kann, wenn man selbst in einem emotionalen Tief steckt, mit der Identitätsfrage ringt oder das Gefühl hat, nicht stark genug zu sein, um standzuhalten. Sie zeigt, dass das Aufschreiben und Beschreiben von Emotionen eine wundervolle Möglichkeit ist, bedrückende Themen aus der Tabuzone zu holen und sie mit einem warmen, verständnisvollen Licht zu beleuchten.
Potentiell triggernde Inhalte sind: Depression, lebensmüde Gedanken, Auseinandersetzungen mit (negativen) Selbst- und Körperbildern.
Besonders liebevoll ist auch die Gestaltung des Buches, das mit seinem floral verzierten Einband und den vielen kleinen Details auf den Seiten zusätzlich Freude beim Lesen bereitet.
Fazit:
Vanessa beweist Mut, indem sie ihrem Innersten Ausdruck verleiht und es mit uns teilt. Sie ermöglicht Wiedererkennen in ihren Texten und schenkt das Gefühl von Beistand und Angenommensein.
Ihre Offenheit kann in meinen Augen zu einem breiteren Verständnis für Depression als psychische Erkrankung beitragen. Das Buch eignet sich damit auch für Angehörige, denen es auf lyrische Weise die Wahrnehmung von Betroffenen näherbringt.
Ein besonderes Buch, das ich allen empfehlen möchte, die sich mit psychischen Themen auseinandersetzen möchten – und dabei mehr suchen als reine Fachliteratur.