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Veröffentlicht am 31.07.2019

Feinster Humor in Spitze oder Warnung! Lesen kann zu Einsichten führen und verursacht Bewusstsein.

Effi liest
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Auf den ersten Seiten des Buches erwartet einen zugleich den wohl amüsantesten Abriss über die Medizingeschichte des 19. Jahrhunderts. Dieser gibt nicht nur einen ersten Einstieg in die Gedankenkonstrukte ...

Auf den ersten Seiten des Buches erwartet einen zugleich den wohl amüsantesten Abriss über die Medizingeschichte des 19. Jahrhunderts. Dieser gibt nicht nur einen ersten Einstieg in die Gedankenkonstrukte der Zeit, sondern zeigt viel mehr gleich zu Beginn den wunderbaren Humor des gesamten Romans auf. Auch wenn das Buch in den noch recht prüden 1890er Jahren spielt, könnte die Sprache nicht treffender oder spitzer gewählt sein
.
Doch zunächst: Man schlage ein Buch auf und werde der Schule verwiesen. Was in der heutigen Zeit befremdlich klingen mag, widerfährt Effi, als sie ein mysteriöses Exemplar in der Nähe ihres Mädchenpensionat findet. Doch auf dem Weg zurück nach Berlin zu ihrem Vater wird ihr während eines Gesprächs das erste Mal bewusst, wie viel wissenschaftlicher doch manche Dinge ergründet werden könnten. Oder kann bestimmtes Wissen tatsächlich krank machen?

Anna Moretti gelingt es auf hervorragende Weise, die damalige Zeit heraufzubeschwören – weder verklärend noch dramatisierend. Der historische Hintergrund fügt sich, ohne sich aufdrängen zu wollen, nahtlos in das Geschehen ein und alle Handlungen und Charaktere sind stringent darin verwurzelt. Geradezu begeistert hat mich der authentische Umgang mit den sozialen und medizinischen Vorstellungen der Zeit, der stets reflektiert und informativ ist, dabei aber ohne den erhobenen, urteilenden Zeigefinger (wie er leider in manch anderen historischen Romanen zu finden ist) auskommt. Man wird gezwungen, sich wirklich auf den damaligen Wissenstand einzulassen und erfährt wie beiläufig viel über die Zeit.

Die Protagonist Effi ist eine scharfdenkende, schlagfertige und sympathische junge Frau, deren Gedankengängen und vor allem ihrem feinen Humor ich gerne gefolgt bin. Aber auch die Nebenfiguren sind allesamt Personen für sich, die in ihrer Gestaltung Effi in keinster Weise nachstehen. Dadurch liest sich das Buch durchweg spannend.

So leicht und amüsant die Geschichte und Sprache zu Beginn erscheinen mögen, umso mehr gibt einem das Buch im Nachhinein zu denken. Gerade diese Kombination aus Leichtigkeit, Humor und Ernst haben mich in besonderem Maße überzeugt, sodass ich „Effi liest“ fünf Sterne vergebe.

Fräulein Grimaud sagte immer noch nichts. Der Karpfen sah jetzt aus, als würde er gleich zuschnappen. - S. 57 Effi bringt mich einfach immer wieder zum Schmunzeln…

Veröffentlicht am 07.03.2019

"A Medal for Sparing Criminals"

Mord braucht keine Bühne
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"A Medal for Murder" - so lautet der englischsprachige Originaltitel zu diesem Buch und er bringt um einiges besser diesen Kriminalroman auf einen Punkt, als es der deutsche Titel vermag.
Wir haben es ...

"A Medal for Murder" - so lautet der englischsprachige Originaltitel zu diesem Buch und er bringt um einiges besser diesen Kriminalroman auf einen Punkt, als es der deutsche Titel vermag.
Wir haben es mit Mord, Raub und Erpressung im beschaulichen 20iger Jahre Städtchen Harrogate zu tun. Dabei wird der Eindruck erweckt, die Autorin Frances Brody versuche unter allen Umständen, möglichst viele Aspekte in diese Geschichte zu packen. Zunächst ist der Leser mit einer Vielzahl an neuen Personen konfrontiert, die jedoch - jede auf ihre eigene Weise - Teil eines großen Komplexes sind.

Die Geschichte ist spannend und filigran aufgebaut, allerdings geht diese Güte bei der Erzählweise etwas verloren. Den logischen Schlüssen der Privatdetektivin Kate ist nicht immer zu folgen: Einerseits kommt sie durch weit hergeholte Spekulationen meist zu den richtigen Schlüssen, andererseits dauern die Ermittlungen für einfachere Aspekte sehr viel länger.
Da der Leser durch Perspektivenwechsel und Rückblenden einige Auflösungen bereits früh kennt und dem Ermittlungsstand weit voraus ist, wirkt der Handlungsverlauf an manchen Stellen etwas fad.

Auch die Protagonistin kann nicht so richtig überzeugen. Dass Kate am Ende ihre eigenen Moralvorstellungen voranstellt und einige Täter davonkommen lässt, ist für mich nicht nachvollziehbar. Geht es ihr wirklich darum, Fälle für andere aufzuklären, oder vielleicht doch nur um die eigenen Neugier?

Insgesamt war ich von der Geschichte an sich begeistert, weshalb ich letztlich doch 3 Sterne vergebe, denn jedes noch so kleine Detail ist am Ende wichtig, . Allerdings wirkt Kate noch sehr unerfahren und die Erzählweise wies für mich zu viele Inkohärenzen auf. Einen dritten Fall von Kate Shackleton würde ich vermutlich eher weit unten auf meiner Leseliste ansiedeln.