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Veröffentlicht am 08.04.2026

„Keine Frau will einen Mann, der denkt, Brutalität sei eine Stärke“ (S. 278)

Die Ärztin – Gefährlicher Besuch
3

„Die Ärztin – gefährlicher Besuch“ ist ein tiefgründiger und spannender Thriller mit klaren Aussagen wie das oben genannte Zitat.
Im Vordergrund stehen zwei Vermisstenfälle von jungen Frauen, die jedoch ...

„Die Ärztin – gefährlicher Besuch“ ist ein tiefgründiger und spannender Thriller mit klaren Aussagen wie das oben genannte Zitat.
Im Vordergrund stehen zwei Vermisstenfälle von jungen Frauen, die jedoch erst durch das „professionelle Bauchgefühl“ der Frauenärztin und der Polizistinnen zu Fällen werden.

Die Protagonistinnen sind vornehmlich Frauen. Die Charaktere – auch die Nebencharaktere - harmonieren sehr gut miteinander, erscheinen hilfsbereit und unterstützend. Es ist angenehm zu lesen, dass gerade innerhalb der Polizei eine Arbeit auf Augenhöhe ohne Geschlechts- und Altersdiskriminierung stattfindet. Zudem werden die persönlichen Schicksalsschläge zwar angerissen wie bei der Polizistin Mina, die häusliche Gewalt erlebt haben muss, oder der Frauenärztin Eva, die durch Rückblenden aus Band 1 ein tragisches Familienerlebnis durchlebte. Auswirkungen auf eine berufliche Professionalität haben diese nicht. So erscheinen sie fast noch gravierender, da unausgesprochen.
Die Erzählstränge der Vermisstenfälle verlaufen parallel. Geschickt werden sie miteinander verbunden, teilweise ruht ein Strang, um am Ende beide aufzuklären. Die Erzählweise erfolgt in Episoden mit dem jeweiligen Namen als Überschrift. So kann der Lesende direkt in die Arbeits- und Gefühlswelt der Frauenärztin, der Polizeiarbeit, aber auch in die Welt eines Opfers eintauchen.
Den oben genannten Band 1 gelesen zu haben, ist für das Verständnisses des Thrillers nicht notwendig. Jedoch weiß es Meike Dannenberg geschickt das Interesse mit Einspielern darauf zu lenken und den Wunsch das Lesen nachzuholen zu wecken.

Wie fast beiläufig und ohne belehrenden Ton schafft die Autorin das wahrscheinlich noch viel bemerkenswerte an diesem Buch: Aufklärung. So werden Themen wie häusliche Gewalt (z.B. S. 34), mangelnde Krankenversicherungen / Kritik am Gesundheitssystem (z.B. S. 37), das internationale Zeichen für Gefahr (S. 59) und Incels / Opferumkehr (S. 80 / S. 180 / S. 272) besprochen. Teilweise werden die Themen immer wieder im Thriller aufgegriffen, was zu einer Verstärkung und auch Interesse an weiteren Informationen wird. Auch erfährt man Wissenswertes zur Geburt (z.B. S. 128).

Auch für Lesende aus Bremen und dem Umkreis bietet dieses Buch einiges an Überraschungen. Die Autorin gibt die Umgebung detailgetreu an, ohne sie besonders hervor oder herab zu würdigen (z.B. S. 108). Auch stellt sie z.B. die Gewaltambulanz so dar, wie sie in Bremen stattfindet – und wie sie in jeder anderen Stadt ablaufen sollte. Zudem findet auch der „Showdown“ (ab S. 237 / 240) in einer noch vorhandenen Umgebung statt; teilweise ist diese mit und ohne Führung zu besichtigen. So öffnet sich neben der Ebene des gelungen Thrillers und der der aufklärenden Themen noch eine dritte Ebene: die des regionalen Blickes und Lust auf eine „Lost Places“-Suche.

Auf allen drei Ebenen ein Thriller, der durch seine ruhige Schreibweise und intensiven Themen fesselt.

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Veröffentlicht am 31.08.2025

Empowerment der neuen und schmerzlichsten Art

Madwoman
1

„In der Öffentlichkeit halte ich heute noch Ausschau nach der geschlagenen Frau, wo auch immer ich bin. Im Normalfall gibt es eine. Niemand sieht sie, aber ich tue es.“ Chelsea Biekers Roman „Mad Woman“ ...

„In der Öffentlichkeit halte ich heute noch Ausschau nach der geschlagenen Frau, wo auch immer ich bin. Im Normalfall gibt es eine. Niemand sieht sie, aber ich tue es.“ Chelsea Biekers Roman „Mad Woman“ liest sich genauso kontrovers und voller Gesellschaftskritik wie dieses Zitat es vermuten lässt. Er mit solchen Zitaten nicht umgehen kann, sollte nicht weiterlesen – und besser gesagt, dann erst recht!

Der Roman handelt von Clove, die ein perfektes Leben zu leben scheint und dennoch ist es schon auf den ersten Seiten mehr als deutlich, dass sie ein traumatisches Erlebnis mit sich trägt.

Cloves Wunsch nach einem normgeführten Leben scheint aus einer Kindheit und Jugend unter häuslicher Gewalt psychischer und physischer Art herauszuentstehen. Dass exklusive Einkäufe in SuperFoodmärkten, teure Käufe auf Vintageplattformen und die Suche nach einem perfekten Mann per Checkliste kein Garant für ein unbeschwertes Leben ist, merkt man bereits zu Beginn.

Zeitgleich schafft die Autorin durch massive Darstellung und (weiteren) Zitaten Cloves den Leidensweg so nahe zu bringen, dass mal als LeserIn nicht mehr weiß, ob man das Buch weglegen oder weiterlesen soll.

Der Schreibstil ist dabei gewöhnungsbedürftig, da er auf drei Ebenen stattfindet. So agiert Clove zwar als Ich-Erzählerin, jedoch sowohl in der beschriebene Jetzt-Zeit als auch aus ihrer Kindheit. Zudem richtet sie sich teilweise direkt an die eigene Mutter. Diesen Stil halte ich für die perfekte Wahl, um dieses vielschichtige Thema aufzugreifen.

(Achtung, dieser Absatz könnte als Themenspoiler gesehen werden!)
Neben dem Thema häuslicher Gewalt werden weitere Themen, die oft vergessen werden, beschrieben.
Teilweise sehr deutlich wie die die Beziehung zur Mutter. Diese wird als eine Art Coabhängigkeit und Fürsorgeumkehr beschrieben. Ein wichtiger Teil der Spirale der Gewalt, die passiv verläuft und doch viele weitere, sekundäre Opfer mit sich bringt – auch um die eigene Stabilität im Leben zu finden ("Mutterschaft, die ultimative Art der Heilung"). Auch werden psychische Erkrankungen verschiedener Formen deutlich oder nebenbei dargestellt.
Andererseits werden Themen fast wie zufällig eingestreut wie die gesellschaftliche Struktur und Beschaffenheit der Care-Arbeit und die Ansichten z.B. des Ehemanns. Sie sind so alltäglich und real, dass man fast aufpassen muss, sie nicht zu überlesen. Ähnlich wie das Perfektionismusstreben einer Mutter, Regreting Motherhood und teilweise mangelnde Frauensolidarität. Allerdings schafft es Bieker auch Episoden des Romans wieder aufzugreifen und eine generelle Veränderung – nicht nur bei Clove – wie die Postszene darzustellen.

Zudem ist es neben diesen Themen ein spannender Roman entstanden, da Wendungen und Lösungen teilweise nicht ersichtlich sind. Dadurch zieht dieses Buch den Lesenden wie einen Sog in die Geschichte hinein.

Für mich persönlich ein Buch, das man auch im Unterricht oder unter FreundInnen u.ä. besprechen sollte. Und böse gesagt, auch überall da, wo ein „was stellt ihr Frauen Euch so an“ oder ein „was hinter anderen Haustüren passiert, geht mich nichts an“ wie zufällig fallen gelassen gesagt wird.
Der Plot, die Zitate, die ProtagonistInnen sind so interessant aufgebaut, teilweise ekelt man sich vor ihnen, dass man noch lange nach Beendigung des Romans daran denken muss. Leider wird zum Schluss ein sehr spannendes, ebenso wenig in der Öffentlichkeit stattfindendes Thema angeschnitten, aber nicht mehr ausführlich behandelt. Dies schmälert das Ende ein ganz kleines wenig. Deshalb vergebe ich 4,5 von 5 Sternen.

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