„Keine Frau will einen Mann, der denkt, Brutalität sei eine Stärke“ (S. 278)
Die Ärztin – Gefährlicher Besuch„Die Ärztin – gefährlicher Besuch“ ist ein tiefgründiger und spannender Thriller mit klaren Aussagen wie das oben genannte Zitat.
Im Vordergrund stehen zwei Vermisstenfälle von jungen Frauen, die jedoch ...
„Die Ärztin – gefährlicher Besuch“ ist ein tiefgründiger und spannender Thriller mit klaren Aussagen wie das oben genannte Zitat.
Im Vordergrund stehen zwei Vermisstenfälle von jungen Frauen, die jedoch erst durch das „professionelle Bauchgefühl“ der Frauenärztin und der Polizistinnen zu Fällen werden.
Die Protagonistinnen sind vornehmlich Frauen. Die Charaktere – auch die Nebencharaktere - harmonieren sehr gut miteinander, erscheinen hilfsbereit und unterstützend. Es ist angenehm zu lesen, dass gerade innerhalb der Polizei eine Arbeit auf Augenhöhe ohne Geschlechts- und Altersdiskriminierung stattfindet. Zudem werden die persönlichen Schicksalsschläge zwar angerissen wie bei der Polizistin Mina, die häusliche Gewalt erlebt haben muss, oder der Frauenärztin Eva, die durch Rückblenden aus Band 1 ein tragisches Familienerlebnis durchlebte. Auswirkungen auf eine berufliche Professionalität haben diese nicht. So erscheinen sie fast noch gravierender, da unausgesprochen.
Die Erzählstränge der Vermisstenfälle verlaufen parallel. Geschickt werden sie miteinander verbunden, teilweise ruht ein Strang, um am Ende beide aufzuklären. Die Erzählweise erfolgt in Episoden mit dem jeweiligen Namen als Überschrift. So kann der Lesende direkt in die Arbeits- und Gefühlswelt der Frauenärztin, der Polizeiarbeit, aber auch in die Welt eines Opfers eintauchen.
Den oben genannten Band 1 gelesen zu haben, ist für das Verständnisses des Thrillers nicht notwendig. Jedoch weiß es Meike Dannenberg geschickt das Interesse mit Einspielern darauf zu lenken und den Wunsch das Lesen nachzuholen zu wecken.
Wie fast beiläufig und ohne belehrenden Ton schafft die Autorin das wahrscheinlich noch viel bemerkenswerte an diesem Buch: Aufklärung. So werden Themen wie häusliche Gewalt (z.B. S. 34), mangelnde Krankenversicherungen / Kritik am Gesundheitssystem (z.B. S. 37), das internationale Zeichen für Gefahr (S. 59) und Incels / Opferumkehr (S. 80 / S. 180 / S. 272) besprochen. Teilweise werden die Themen immer wieder im Thriller aufgegriffen, was zu einer Verstärkung und auch Interesse an weiteren Informationen wird. Auch erfährt man Wissenswertes zur Geburt (z.B. S. 128).
Auch für Lesende aus Bremen und dem Umkreis bietet dieses Buch einiges an Überraschungen. Die Autorin gibt die Umgebung detailgetreu an, ohne sie besonders hervor oder herab zu würdigen (z.B. S. 108). Auch stellt sie z.B. die Gewaltambulanz so dar, wie sie in Bremen stattfindet – und wie sie in jeder anderen Stadt ablaufen sollte. Zudem findet auch der „Showdown“ (ab S. 237 / 240) in einer noch vorhandenen Umgebung statt; teilweise ist diese mit und ohne Führung zu besichtigen. So öffnet sich neben der Ebene des gelungen Thrillers und der der aufklärenden Themen noch eine dritte Ebene: die des regionalen Blickes und Lust auf eine „Lost Places“-Suche.
Auf allen drei Ebenen ein Thriller, der durch seine ruhige Schreibweise und intensiven Themen fesselt.