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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 03.12.2024

Viele Lösungsansätze, um Veränderungen anzustoßen

Die Lösung für alle deine Probleme: Gibt’s nicht
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Das hier ist ein Ratgeber, doch wie bereits der Titel sagt, wollen die Autor*innen keine übertriebenen Versprechen geben, sondern einen realistischen und wissenschaftlichen Blick auf typische Probleme ...

Das hier ist ein Ratgeber, doch wie bereits der Titel sagt, wollen die Autor*innen keine übertriebenen Versprechen geben, sondern einen realistischen und wissenschaftlichen Blick auf typische Probleme unserer Zeit richten. Dabei schreiben sie u.a. über Stress, Schlaf, Selbstwert oder Perfektionismus.

Pro:
- Im Buch wird betont, dass es keine universellen Lösungen gibt und das Leben häufig aus Höhen, Tiefen und Rückfällen in alte Muster besteht.
- Die politische Komponente des eigenen Wohlbefindens wird nicht außen vor gelassen. Systemische Probleme werden benannt. Es wird betont, dass nicht jeder „seines Glückes Schmied“ ist, da gesellschaftliche und individuelle Voraussetzungen stark variieren.
- Wissenschaftliche Quellen werden genutzt und zitiert.
- Ich fand die Sprache gut, da sie weder zu fachlich noch zu angestrengt witzig war.
- Das Buch ist übersichtlich gestaltet. Es ist aufgeteilt in die beiden Teile „Machen“ und „Lassen“ und alle Kapitel sind mit Unterüberschriften und kleinen Illustrationen versehen und haben eine ähnliche Aufteilung.
- Es stimmte mich vorsichtig hoffnungsvoll.

Contra:
- Manche Lösungsansätze hat man schon so oft gehört, dass sie banal wirken, auch wenn sie wissenschaftlich gestützt sind (Beispiel: Handy in einen anderen Raum legen, um weniger Bildschirmzeit zu haben. Oder: Sportkleidung abends neben das Bett legen, um am nächsten Morgen laufen zu gehen).
- Die kapiteleinleitenden Anekdoten fand ich manchmal ganz witzig, hätte ich aber nicht bei jedem Kapitel gebraucht.
- Die Kritik an außerfamiliärer Betreuung im U3-Bereich aufgrund hoher Cortisolspiegel bei Kindern lässt mich mit gemischten Gefühlen zurück. Ohne Zweifel ein wichtiges Thema, aber abgesehen davon, dass es da Nuancen sowie Vor- und Nachteile gibt, fand ich die „Lösung“ (längere Elternzeit, kürzere außerfamiliäre Betreuungszeiten und ein Appell an die Politik) zu kurz gegriffen.
Fazit: Ich mochte den Grundgedanken des Buches: Einen Ratgeber zu lesen wird niemals die Lösung für alle Probleme sein. Mehrere kleine Stellschrauben, Reflexion, Zeit, der Umgang mit Rückschlägen und in manchem Fällen Psychotherapie können zu Verbesserungen führen.

Veröffentlicht am 10.11.2024

Abenteuer in Willewitt

Wieso? Weshalb? Warum? Meine Vorlesegeschichten. Was erleben wir Tag für Tag?
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Das Buch enthält 15 Geschichten, die jeweils ein paar Seiten lang sind. Diese Länge ist ideal, wenn Kinder langsam anfangen, etwas längere Erzählungen abseits vom klassischen Bilderbuch zu mögen. Die Geschichten ...

Das Buch enthält 15 Geschichten, die jeweils ein paar Seiten lang sind. Diese Länge ist ideal, wenn Kinder langsam anfangen, etwas längere Erzählungen abseits vom klassischen Bilderbuch zu mögen. Die Geschichten können unabhängig voneinander und in beliebiger Reihenfolge gelesen werden. Ich empfinde sie für die angegebene Zielgruppe (4 bis 7 Jahre) gut passend. Für die meisten jüngere Kinder sind sie noch etwas zu komplex und lang.

In den Geschichten finden sich wiederkehrende Charaktere. Sie alle sind Bewohner des Stadtviertels Willewitt, das sich in einer namenlosen deutschen Großstadt befindet. Was ich sehr gern mag, ist die liebevolle Darstellung der Familien, um die sich die Geschichten drehen. Sie werden mit Namen, Alter und einem Persönlichkeitsmerkmal beschrieben. So gibt es zum Beispiel einen „Wörtererfinder“ oder einen „Gruselfan“ unter den Kindern. Die Charaktere sind divers und kommen ohne Stereotype aus. Eine Übersichtskarte des Viertels, auf der die Wohnorte der Familien eingezeichnet sind, gibt ein Gefühl für die Umgebung, in der die Geschichten spielen.

Inhaltlich behandelt das Buch viele Alltagssituationen, die die Kinder aus ihrer eigenen Welt kennen: von Naturerkundungen über Recycling bis hin zu Theaterbesuchen und Fahrradfahren. Dabei wird auf spielerische Weise Sachwissen vermittelt, was ich grundsätzlich gut finde. Allerdings wirken die eingeflochtenen Fakten an manchen Stellen etwas gezwungen und die Dialoge künstlich. Ich glaube aber, dass das die meisten Kinder nicht weiter stören wird.

Veröffentlicht am 28.09.2024

Millenial Love Story

Okaye Tage
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„Okaye Tage“ von Jenny Mustard (übersetzt von Lisa Kögeböhn) erzählt die Geschichte von Luc und Sam. Sam ist 28, Schwedin, impulsiv, mutig und chaotisch. Luc ist 27, Engländer, kontrolliert, nachdenklich ...

„Okaye Tage“ von Jenny Mustard (übersetzt von Lisa Kögeböhn) erzählt die Geschichte von Luc und Sam. Sam ist 28, Schwedin, impulsiv, mutig und chaotisch. Luc ist 27, Engländer, kontrolliert, nachdenklich und sensibel. Gleichzeitig haben sie auch viel gemeinsam. Die beiden treffen sich in London, während Sam dort ein Praktikum macht, und verlieben sich Hals über Kopf. Doch ihre Zeit miteinander ist begrenzt, und die Unterschiede zwischen ihnen führen zu Konflikten.

Ich habe irgendwo gelesen, dass „Okaye Tage“ ein Buch sei, das Millenials treffend beschreibt, und ich kann das nachvollziehen. Luc und Sam sind egozentrisch und denken viel nach, wobei ihre Gedanken viel um sich selbst kreisen. Sie wollen ihr Leben möglichst optimieren und in coolen Städten leben, sie trinken viel Alkohol und nehmen manchmal Partydr0gen. Sie sind gut ausgebildet und wollen einen interessanten Job mit anständiger Bezahlung, doch der Weg dahin ist steinig und führt über unbezahlte Praktika und Beziehungen.

Jenny Mustard zeichnet Luc und Sam und die Beziehung der beiden sehr authentisch und ich habe gern von ihnen gelesen. Themen wie Geldsorgen, psychische Gesundheit, Familie, Trauer und Kinderwunsch finden sich im Text wieder, ohne dass er überladen wirkt. Im Mittelteil gab es ein paar Längen, insgesamt habe ich das Buch aber sehr gern gelesen. Erwähnenswert ist auch die tolle London-Atmosphäre.

(Rezensionsexemplar)

Veröffentlicht am 12.09.2024

Brutaler Spiegel der 2000er

Die schönste Version
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In den frühen 2000ern aufgewachsen, lebt Jella in einer Welt, in der Frauen und Mädchen stark dem Male Gaze unterworfen und von spezifischen Schönheitsidealen geprägt sind. Auch Jella versucht sich dem ...

In den frühen 2000ern aufgewachsen, lebt Jella in einer Welt, in der Frauen und Mädchen stark dem Male Gaze unterworfen und von spezifischen Schönheitsidealen geprägt sind. Auch Jella versucht sich dem anzupassen und möglichst attraktiv für Männer zu sein.

In "Die schönste Version" schildert Ruth-Maria Thomas Jellas Erfahrungen mit toxischen Beziehungen und Situationships, die von Man1pulation und M1ssbrauch geprägt sind. Besonders erschütternd ist ihre Beziehung zu Yannick, einem „Künstlertypen", der ihr von Anfang an seine Wahrheit überstülpt und ihr vorschreibt, wie sie zu sein hat. Als die Beziehung in G3walt eskaliert und Yannick Jella würgt, zeigt sie ihn an, stellt sich danach aber quälende Fragen. War dieser Weg richtig? Übertreibt sie? Oder trägt sie gar irgendwie selbst die Schuld?

Das Buch ist brutal, emotional herausfordernd, realistisch, wichtig. Die Sprache ist teilweise sehr vulgär, was mich an manchen Stellen etwas gestört hat. Etwas zu kurz gekommen ist für meinen Geschmack vielleicht Jellas Aufwachsen und Familiengeschichte, die Rolle ihrer Mutter. Das sind aber nur kleine Kritikpunkte, die den Impact der Geschichte für mich nicht schmälern.

„Die schönste Version“ wurde für den Deutschen Buchpreis 2024 nominiert und ich freue mich darüber. Ich kann den Hype auf Bookstagram nachvollziehen, denn die Geschichte bietet enorm viel Identifikationspotential für so viele Frauen, die in den 2000ern sozialisiert wurden. Das Selbstverständnis vieler Männer, die Misogynie der Medien, Übergriffe, für die es keinen Namen gab oder die verharmlost wurden und nicht zuletzt die gefühlte Normalität des Ganzen – das so geballt zu lesen und zu fühlen, lässt mich immer noch fassungslos den Kopf schütteln. Ich wünschte, ich hätte in meinen frühen Zwanzigern Zugang zu diesem Buch gehabt. Ein Buch, an das ich wahrscheinlich noch lange denken werde.

Veröffentlicht am 30.08.2024

Moderne Geschichte über Familiendynamiken und Verlust

Blue Sisters
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💙 Inhalt: Die Blue Sisters, das sind Avery, Bonnie, Lucky – und eigentlich auch Nicky, die jedoch vor einem Jahr verstorben ist. Der Verlust hat bei allen Spuren hinterlassen und vorhandene Probleme verstärkt. ...

💙 Inhalt: Die Blue Sisters, das sind Avery, Bonnie, Lucky – und eigentlich auch Nicky, die jedoch vor einem Jahr verstorben ist. Der Verlust hat bei allen Spuren hinterlassen und vorhandene Probleme verstärkt. Als das Elternhaus in New York verkauft werden soll, treffen die Schwestern, die mittlerweile in L.A., London und Paris leben, wieder aufeinander. Zum ersten Mal seit einem Jahr stehen sie sich gegenüber, und alte Wunden brechen auf.

🔎 Der Einstieg: Zugegeben, der Anfang fiel mir schwer. Die Schwestern sind alle extrem: superschön, supersportlich, supererfolgreich. Trotzdem, je mehr ich las, desto mehr wuchsen mir die Schwestern mit ihren ganz eigenen Stärken und Schwächen ans Herz. Die vielschichtigen Charaktere machen es einem leicht, mitzufiebern und sich einzufühlen.

✨ Was mir gefiel: Coco Mellors hat ein Talent für facettenreiche Figuren und glaubhafte, intensive Dialoge, vor allem, wenn es um Konflikte geht. Die Schauplätze fühlen sich sehr real an. Die Familien- und Beziehungsdynamiken sind authentisch und die Erzählweise süffig. Suchtprobleme werden ungeschönt und realistisch dargestellt.

⚠️ Problematisch: Dass Avery mit ihrer ehemaligen Psychotherapeutin verheiratet ist, war für mich eine Red Flag. Das hat mich beim Lesen echt gestört, da dies unter anderem aufgrund des Machtgefälles problematisch und ethisch äußerst bedenklich ist. Zwar sind solche Beziehungen an sich nicht realitätsfern, das Thema wurde jedoch nur unzureichend thematisiert und dargestellt und fast schon bagatellisiert.

📉 Schwäche: Der Epilog. Die letzten ca. 40 Seiten fühlten sich gehetzt an, als müsste alles auf Biegen und Brechen noch abgeschlossen werden. Das Ende wirkte überinszeniert und zu glatt. Ohne Epilog hätte für mich nichts gefehlt und die Geschichte wäre für mich runder gewesen.

💙 Fazit: Trotz einiger Kritikpunkte ist „Blue Sisters“ eine empfehlenswerte Lektüre über Verlust und Familiendynamiken. Ein Buch, das mich mitnehmen konnte, auch wenn ich nicht zu 100% mit allem einverstanden bin.