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Veröffentlicht am 23.09.2019

Ein Stolperstein in Norwegen erzählt uns eine Geschichte

Vergesst unsere Namen nicht
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Simon Stranger erzählt uns eine wahre Familiengeschichte: Die Geschichte der Familie seiner Frau Rikke, ihrer Eltern Grete und Steinar und den Großeltern Hirsch und Marie Komissar. Die Großeltern, Juden ...

Simon Stranger erzählt uns eine wahre Familiengeschichte: Die Geschichte der Familie seiner Frau Rikke, ihrer Eltern Grete und Steinar und den Großeltern Hirsch und Marie Komissar. Die Großeltern, Juden aus Russland, haben sich in Norwegen angesiedelt und bis zum Einmarsch der Deutschen in Norwegen ein bürgerliches Leben geführt.

Der Autor führt uns mit diesem Buch in Kapitel finsterster Zeitgeschichte der Nationalsozialisten in Norwegen und zeigt auch die Verquickung der einheimischen Bevölkerung mit dem National­sozia­lis­mus. Hierfür steht die Figur des Henry Oliver Rinnan, der mit seinen „Bandenmitgliedern“ die hässliche Fratze des Kollaborateurs widerspiegelt.

Simon Stranger nimmt einen Spaziergang in der Stadt Trondheim zum Anlass über die Geschichte hinter dem Stolperstein, den sein 10jähriger Sohn putzt und liest, zu recherchieren und erzählen. Und so wird er zum Zeugen einer Zeit, die auch in Norwegen unmenschliche Züge angenommen hat.

Hier wohnte Hirsch Komissar Jg. 1887. Verhaftet 12.1.1942 Falstad. Ermordet 7.10.1042

Strangers Schwiegermutter Grete mit ihrem Mann Steinar steht mit vor dem Haus mit dem Stolperstein. Hirsch Komissar war ihr Großvater und wohnte im zweiten Stock und ist ein Opfer dieser Zeit, „weil er Jude war“.

„In der jüdischen Tradition heißt es, dass ein Mensch zwei Mal stirbt. Das erste Mal, wenn das Herz aufhört zu schlagen und das zweite Mal, wenn der Name des Toten zum letzten Mal gesagt, gelesen oder gedacht wird, ...“ 1) „Vergesst unsere Namen nicht“ ist daher ein Aufruf, immer der Toten zu gedenken. Dies ist das Anliegen der Stolpersteine, dem Projekt des Künstlers Gunter Demnig, der in Deutschland seit 1992 über 70.000 Stolpersteine 2) verlegt hat. Die im Boden verlegten kleinen Ge­denk­tafeln sollen an das Schicksal der Menschen erinnern, die in der Zeit des National­sozia­lis­mus (NS-Zeit) verfolgt, ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden 3).

„Vergesst unsere Namen nicht“, das Buch von Simon Stranger, übernimmt das Thema Holocaust in Norwegen und ergänzt die Geschichts­schreibung aus einer anderen Perspektive. Und damit kommen wir zu dieser Besonderheit dieses Buches: Es erzählt die Geschichte eines Holocaust-Opfers aus der Perspektive des "Stolpersteins": Der Vater des Ururenkels dieses Hirsch Komissar, dem ein Stolperstein in Trondheim gewidmet ist, versucht sich an die Biographie heran zu tasten. Wie er das macht ist auch bemerkenswert: Er geht durchs Alphabet und nimmt seine Assoziationen, um sich der Geschichte zu nähern. Und vieles verknüpft er mit seiner Phantasie, da er offensichtlich nicht sehr viele Quellen für Hirsch Komissar hat, wie er in der Schlussbemerkung schreibt: „Viele Ereignisse aus der Familiengeschichte der Komissars sind fiktionalisiert.“ 4)

Was allerdings gut belegt ist, ist das Leben des Kollaborateurs Rinnan, um den sich auch viele Mythen ranken, der aber in Deutschland bisher ziemlich unbekannt ist. Wir lernen diesen Rinnan als 10jährigen kennen und erleben seine Entwicklung bis zum Hauptakteur der Folter und Ermordung im „Bandenkloster“, dem Hauptquartier dieser Gruppe um Rinnan mit allerbesten Verbindungen zu den Nationalsozialisten in Norwegen und Deutschland. „Die deutsche Sicherheitspolizei will ihn anstellen.“ - „wie ein Agent.“ 5)

Ein Höhepunkt dieser Familiengeschichte ist die Verquickung des Ortes der Folter mit der Kindheit der Großmutter genau in diesem Haus: B wie Bandenkloster, das berüchtigte Haus, das auf einer Hügelkuppe direkt außerhalb der Innenstadt von Trondheim liegt. 6)

Die Historie des Hauses eröffnet eine weitere jüdische Biografie, die des Professor Ralph Tambs, dem wir mehrfach auf seiner qualvollen Reise begegnen: H wie Herbarium: 7) Es ist der 10. März 1942 und Hirsch Komissar begegnet dem Professor, den er schon zu Studentenzeiten kannte. Ihm gehörte das Haus, das zum Bandenkloster wurde. Und die Familiengeschichte nimmt eine weitere tragische Wendung, die mit den Zweig der Söhne Hirsch Komissars, Gerson und Jakob, verknüpft ist. Gerson, verheiratet mit Ellen, wird nach dem Krieg in diesem Haus leben und ihre Tochter Jannike bekommen.

Ein wichtiges Buch in dieser heutigen Zeit!

Der Autor beschreibt seine Intension, die auch dem Buch den Titel gegeben hat: Er will der Biographie "Leben einhauchen"damit der Name nicht vergessen wird. Der Stolperstein hat diese Funktion bereits übernommen, doch für seine Kinder möchte er mehr: Hirsch Komissar soll als Ururgroßvater in seiner Geschichte lebendig werden.

„Die Welt dreht sich weiter, und ich schließe die Augen, denke daran, was aus jenem Vormittag an deinem Stolperstein alles geworden ist, und dann an all die Geschichten, die sich unter den Steinen aller anderen noch verbergen. Wir werden weiter ihre Namen sagen. Lieber Hirsch, wir werden weiter deinen Namen sagen.“ 8)

Mit diesem Zitat schließt der Autor sein Buch und wir haben eine neue Seite des Holocaust erlebt.

Mein Kommentar

Ich habe mich für dieses Buch beworben, weil ich viele Geschichten dieser Art kenne, mir der Blick aus Norwegen fehlte. Die Idee, mit dem Alphabet durch die Geschichte zu gehen, fand ich äußerst spannend, hat mich dann aber auch irritiert, weil Hirsch, dem ja dieses Buch gewidmet ist, viel zu kurz kommt.

Ob es an der Übersetzung liegt, kann ich nicht beantworten: Der rote Faden konnte auch mit dem Alphabet nicht durchgezogen werden. Viel zu wirr kommen die Assoziationen zu den einzelnen Punkten und nicht immer wird klar, in welchem Zusammenhang sie stehen. Außerdem sind die 70.000 Stolpersteine seit 1992 in Deutschland verlegt. Wollte der Autor seine norwegische Geschichte korrekt wiedergeben, müsste er sich auf auf knapp 600 Stolpersteine seit 2011 beziehen, wobei 66 in Trondheim verlegt sind. (Stand 20.09.2019 laut Wikipedia) Die „Namen der Opfer werden“ nicht „in den Weg geritzt“ 9), sondern in die Stolpersteine, die dann im Gehweg im Pflaster verlegt werden.

Diese Einwände sollen keinesfalls die Wichtigkeit des Buches schmälern. Gerade in heutiger Zeit ist es wichtiger denn je, zu zeigen, was der Hass aus den Menschen machen kann. Und es ist wichtig daran zu erinnern, dass wir aus der Geschichte lernen sollten.

Da ich das Buch als Lesemanuskript erhalten habe, kann ich über das haptische Gefühl, ein gut gestaltetes Buch in Händen zu halten, nichts aussagen. Was mir aber sehr zusagt, ist das Cover mit seinem Bild, das an Vergangenes erinnert: Die Trümmerfrauen, die nach dem Krieg die Steine klopften, um neue Ziegel zum Bauen zu haben. Die zwei Mädchen symbolisieren in diesem Umfeld die Zukunft. Und in dieser Hoffnung wünsche ich dem Buch viele Leser:innen und ein weit verbreitetes Gedächtnis!

Ich würde gerne in einer neuen Auflage einen Stammbaum der Komissars lesen.

Fußnoten müssen hier händisch eingefügt werden:

1) Aus dem Klappentext des Buches.
2) Quelle: Erinnerung an NS-Opfer: Künstler Gunter Demnig verlegt 70.000. „Stolperstein“. FAZ online aktualisiert am 22.10.2018 . faz.net/aktuell/rhein-main/frankfurt/kuenstler-gunter-demnig-verlegt-70-000-stolperstein-15851064.html - Abruf: 20.09.2019
3) Wikipedia: de.wikipedia.org/wiki/Stolpersteine - Abruf: 22.09.2019
4) Zitat aus Buch Seite 349.
5) Zitat aus Buch Seite 165.
6) Buch Seite 20.
7) Buch Seite 116.
8) Zitat aus Buch Seite 348.
9) Buch Seite 7.