Profilbild von Lyca

Lyca

Lesejury Profi
offline

Lyca ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Lyca über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 09.10.2017

Die Geschichte eines Serienmörders

Still Chronik eines Mörders
0

"Aus liebenden Herzen wurden betrogene eines Tages, verletzte und wurden sie es nicht, kam irgendwann das Sterben der einen und ließ die anderen als Fragende, Verlorene, zurück. Verloren, weil in Karls ...

"Aus liebenden Herzen wurden betrogene eines Tages, verletzte und wurden sie es nicht, kam irgendwann das Sterben der einen und ließ die anderen als Fragende, Verlorene, zurück. Verloren, weil in Karls Augen eines nicht begriffen werden wollte: Der Tod war alles, nur keine Beraubung."

Die Handlung:
Karl Heidemann wird mit einem übersensiblen Gehör geboren, sodass ihm die normalsten alltägliche Geräusche Schmerzen bereiten. Als sein Vater durch Zufall entdeckt, dass er erst in der Stille aufhört zu schreien und zu weinen, bekommt Karl ein eigenes kleines Reich im Keller, in dem er mehrere Jahre freiwillig ohne Bezug zu anderen Menschen aufwächst.
Nach einem Ereignis durch das Karl den Tod als etwas Friedvolles und Erlösendes wahrnimmt ist er so fasziniert, dass es ihn nicht mehr loslässt.
Als Jugendlicher lässt er eine nicht enden wollende Spur von Leichen zurück und ist auf der Flucht bei der ihm so manches widerfährt. Selbst er selber gerät in Lebensgefahr.

"Und während die Zeit verlässlich tat, was sie einzig und allein auch konnte, nämlich vergehen, wuchs Karl in seinem Gehege heran wie ein Bewohner des städtischen Zoos, gefüttert, beobachtet, abgegrenzt. Mit nur einem Unterschied: Er war frei."

Meine Meinung:
Solch ein Meisterwerk schon zu Beginn des Jahres lesen zu können ist Balsam.
Es ist ein unglaublich gut, fast schon poetisch geschriebenes Buch in dem viele Stilmittel vorkommen, die Atmosphäre vom Anfang bis zum Ende stimmt und der zum nachdenken und diskutieren einlädt. Hier ist kein Wort zu viel oder zu wenig, die ausdrucksvolle Sprache und das Leben von Karl fesseln ans Buch und lassen einen nicht mehr los. Und auch wenn eine gewisse Distanz im Erzählstil besteht, ist es schwer vom Buch nicht eingenommen zu werden.
Auch wenn Karl sich zu einem Serienmörder entwickelt, wurde er mir nie unsympathisch. Durch ihn bekommt man eine ganz andere Sicht auf die Welt, den Tod und die Gemeinschaft. Man kann ihn und seine Handlungen verstehen, seine Gefühle und Gedanken nachempfinden.
Karl ist unglaublich klug und hat sich als Kind schon vieles selber beigebracht und doch hat er nie etwas so Normales gemacht wie mit anderen Kindern zu spielen oder ist ins Kindergarten oder die Schule gegangen. In seinem schützenden Kellerzimmer war er vor allem sicher und hat so leider viel Lebenswichtiges nicht gelernt. Sein einziger Freund ist gleichzeitig sein Nachbar und Lehrer. Es fällt Karl schwer Gefühle nachzuvollziehen, er versteht auch die Menschen nicht, so wie diese auch ihn nicht verstehen können. Und auch wenn vor allem seine Mutter immer um etwas Zuneigung von ihm gekämpft hat, so hat er ihr verweigert diese verweigert und ließ die Umarmungen eher mit Widerwillen über sich ergehen. Es fällt ihm nicht leicht Nähe zuzulassen, erst mit einer ganz besonderen Person ändert sich das alles und er kann ab dann endlich die ganzen Gefühle nachempfinden.
Mit der Zeit lernt Karl mit seinem scharfen Gehör umzugehen und diesen sogar für seine Zwecke zu benutzen um sich beispielsweise auf seiner Flucht einen Vorteil zu verschaffen oder Gespräche über mehrere Meter entfernt abzuhören.
Und auch wenn man schon von der ersten Seite an weiß wie die Geschichte endet, ist der Weg den man mit Karl beschreitet faszinierend und führt über Jahre hinweg. Es ist unglaublich wie vieles in diesem Roman angesprochen wird und wie viel Wahrheit in den Worten tatsächlich steckt.
Mit Karl Heidemann bekommen wir keinesfalls einen typischen Serienmörder, von ihm kann man vieles lernen und dadurch auch das eigene Leben mit anderen Augen betrachten. Aber natürlich sind seine Taten furchtbar und zum Teil auch unentschuldbar, das kann man nicht bestreiten.
Doch ist nicht nur er in dieser Geschichte ein gut ausgearbeiteter Protagonist, auch die Nebencharaktere glänzen jeder auf eine andere Weise. Hier stimmt einfach das Gesamtpaket, das Cover mit eingeschlossen. Und weshalb das „t“ im Titel einem Kreuz gleicht wird man auch im Buch erfahren.

Fazit:
Mein erstes Highlight in diesem Jahr, das ich absolut weiterempfehlen kann. Dieses Buch bietet so viel mehr als es verspricht. Eine vom Anfang bis zum Ende hin faszinierende und spannende Geschichte die einen in ihren Bann zieht unterlegt mit wundervollen Zitaten.

Veröffentlicht am 09.10.2017

Gelungener Roman

Die Schuld der anderen
0

Dem Journalist Marc Rappaport lässt der nun scheinbar nach 27Jahren gelöste Mord an Emilie Thevenin keine Ruhe. Er will weiterforschen, in Erfahrung bringen was es für einen Grund hätte haben können eine ...

Dem Journalist Marc Rappaport lässt der nun scheinbar nach 27Jahren gelöste Mord an Emilie Thevenin keine Ruhe. Er will weiterforschen, in Erfahrung bringen was es für einen Grund hätte haben können eine gerade mal 19jährige Prostituierte umzubringen. Er hat im Gefühl, dass dahinter viel mehr stecken könnte und beginnt nach Absprache mit Pierre, seinem Freund und Chef, für diese Geschichte genauere Nachforschungen anzustellen, worunter vor allem seine Beziehung leidet. Die Recherchen jedoch bringen reichlich Schockierendes ans Licht und damit auch einige Schwierigkeiten, womit nicht mal Marc hätte rechnen können.

Meine Meinung:
Ein Roman, der uns einen Blick auf die französische Gesellschaft gewehrt. Eine Autorin, deren gute Recherchen einfach nur überzeugen und Charaktere, die authentischer und interessanter nicht sein könnten. Zusammen ergibt es ein tolles, informatives Buch, das mich am Ende sprachlos zurück gelassen hat.
Gila Lustiger hat einen Schreibstil bei dem es trotz der vielen Informationen nicht langweilig wird, außerdem erklärt sie selbst die komplexeren Passagen wunderbar, sodass keine Verständnisprobleme aufkommen. Besonders positiv ist mir auch die Schilderung der Umgebung, der Orte aufgefallen sowie die Gabe der Autorin dem Leser die Atmosphäre näher zu bringen.
Obwohl der Mord an Emilie Thevenin im Vordergrund steht wird im Zusammenhang ebenso viel von der Politik und der Wirtschaft Frankreichs erzählt und auch kritisiert. Dieser Roman ist tatsächlich nicht nur ein Krimi, sondern gleichermaßen ein Polit- und Wirtschaftsthriller. Es werden gewiss auch einige Unterschiede zu Deutschland bewusst. Mich hat vor allem die Sicht auf Affären und generell Beziehungen, Sexualität verblüfft.
In ‚Die Schuld der anderen’ werden so unglaublich viele Themen und Bereiche angesprochen, dass es für manche vielleicht überladen wirken könnte, doch Gila Lustiger weiß gekonnt die eigentliche Geschichte nicht aus den Augen zu lassen und hat ein besonderes Talent dafür alles logisch miteinander zu verknüpfen und stetig Spannung aufzubauen. Keine Seite ist zu viel. Es bereitet Vergnügen mehr zu erfahren, ob es nun um das Leben der Reichen geht, Prostitution, Bandenkriege, Korruption, Ungerechtigkeit gegenüber Arbeitern, Jugendkriminalität oder das Leben im Altenheim, man bekommt einen glaubhaften Blick auf die Zustände und ich kann wahrlich behaupten, dass ich einiges dazu gelernt habe.
Der Fall rund um Emilies Tod ist nicht einfach und so lernen wir mit Marc, wegen des häufigen Reisens, viel über Frankreich kennen und auch Personen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Und jeder von ihnen bringt Marc mit neuen Hinweisen ein Stück näher an sein Ziel.
Mit Marc Rappaport bekommt man einen vielschichtigen Charakter aus dem ich nur schwer schlau wurde. Jedes Mal wenn ich der Meinung war ich hätte ihn endlich durchschaut, machte er mir ein Strich durch die Rechnung und lehrte mich eines Besseren. Er ist kein einfacher Protagonist, das bekommt auch seine Freundin Deborah des Öfteren zu spüren, und doch ist er interessant und sympathisch. Außerdem mag ich seine Art zu denken, es gab immer wieder Sätze, die für mich herausgestochen sind. Er lebt für seine Arbeit als Journalist, auch wenn seine Familie der Meinung ist er hätte viel mehr erreichen und sogar das Unternehmen seines verstorbenen Großvaters übernehmen können. Doch ist er wirklich gut in dem was er tut und weiß wie er sich in seinem Beruf den Menschen gegenüber verhalten muss um an die wichtigen Informationen für seine Schlagzeilen zu kommen. Er gibt nicht auf und setzt alles daran die Machenschaften in diesem Fall aufzudecken.
In diesem Roman gibt es viele Rückblenden mit dessen Hilfe man mehr über Marc, seine Sicht auf die Dinge und seine Familie erfährt. Besonders im Fokus steht dabei seine Beziehung zum verstorbenen Großvater und auch dass er Jude ist spielt eine gewisse Rolle, wobei vor allem das Thema Religion meiner Meinung nach etwas vertieft hätte werden können. Aber auch so kann man sich ohne Probleme aus der Sicht von Marc ein Bild von dem Ganzen machen. Ein Roman der unterhält und einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen hat.

Fazit:
Ein rundum gut ausgearbeiteter, informativer und überzeugender Roman, der uns einen Blick auf Frankreich gewährt. Mit Charakteren aus allen Schichten, schönen Schilderungen und Sätzen voller Aussagekraft lässt ‚Die Schuld der anderen’ keine Langeweile zu. Kann ich nur weiterempfehlen!

Veröffentlicht am 09.10.2017

Familie, ein Puzzle aus Menschen

Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek
0

Der 12jährige Bobby Nusku lebt nach dem Verschwinden seiner Mutter alleine mit seinem gewalttätigen Vater, der öfter betrunken als nüchtern ist, und dessen neuer Freundin und wird von ihnen größtenteils ...

Der 12jährige Bobby Nusku lebt nach dem Verschwinden seiner Mutter alleine mit seinem gewalttätigen Vater, der öfter betrunken als nüchtern ist, und dessen neuer Freundin und wird von ihnen größtenteils ignoriert. Beim Warten auf die Rückkehr seiner Mutter vertreibt er sich die Zeit damit alles Mögliche zu archivieren, ob es nun Haare von ihr sind oder Stofffezen ihrer Kleider, selbst eine Liste über die Besucher im Haus führt er, damit sie nicht das Gefühl hat etwas verpasst zu haben wenn sie wiederkommt. Bobby ist alleine, isoliert und wird sogar von älteren Mitschülern gehänselt bis er Sunny trifft, der zum Cyborg werden möchte um Bobby beschützen zu können. Doch als Sunny plötzlich verschwindet ist sein einziger Halt Val und ihre Tochter Rosa, die er erst vor kurzem kennen gelernt hat. Es kommt zur Eskalation nachdem Bobby’s Vater die Beziehung missversteht, ausrastet und Gerüchte verstreut. Die einzige Möglichkeit der drei zusammen zu bleiben ist die Flucht mit dem Bücherbus den Val eigentlich nur putzen sollte. Joe, den sie unterwegs kennen lernen ist das fehlende Puzzlestück.

Meine Meinung:

Ein Roman, bei dem ich nicht gedacht hätte, dass er mich so packen könnte. Vor allem der bildhafte Schreibstil trägt bei dieser außergewöhnlichen Geschichte viel zum Lesevergnügen bei. Er lässt keine Langeweile aufkommen, ist so einfach, modern und doch sehr direkt mit einigen ganz tollen Zitaten. David Whitehouse schafft es die Emotionen und auch die Protagonisten dem Leser so nahe zu bringen, dass man gar nicht anders kann als diese ins Herz zu schließen, mitzufiebern und zu hoffen.

Und doch könnte ich mir vorstellen, dass gerade die ersten 130 Seiten etwas abschreckend sein könnten, weil öfter mal Gewalt sowie Blut vorkommen und hierbei beziehe ich mich nicht nur auf Bobby’s Vater. Es gibt ein paar tragische Szenen, wie zum Beispiel die, in der Sunny zu einem Cyborg werden möchte und sich dafür von Bobby Knochen brechen lässt damit er Metalstücke eingebaut bekommt. Aber das war es auch, das mich einfach verblüfft hat, denn ist es nicht einfach nur unglaublich wie weit die Fantasie mancher Kinder gehen und wie tief doch eine Freundschaft sein kann? Auf jeden Fall muss man vor allem in diesem Abschnitt auf solche und andere Passagen gefasst sein, das Buch besitzt eben einige deprimierende Züge.

Das Besondere an ‚Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek’ ist, dass der Roman mit dem Ende beginnt. Das bedeutet, man bekommt schon direkt am Anfang einen Auszug davon präsentiert, wie der Roman endet und so ist es umso spannender zu erfahren wie genau es zu der aufgeführten Situation, in der Val, Bobby und Rosa in ihrem Bücherbus von Polizisten umgeben sind, kommen konnte.

Die vier Charaktere Bobby, Valerie, Rosa und Joe sind eindeutig das Herz des Romans, wobei auch der Hund Bert eine schöne Rolle spielt. Jeder von ihnen hat sein eigenes Päckchen zu tragen und es hat mich glücklich gemacht zu sehen wie perfekt sie doch eigentlich alle zueinander passen, sich ausbalancieren, füreinander da sind und auf sich acht geben. Was man von diesem Buch lernt ist vorbehaltlos, dass es bei einer Familie nicht darauf ankommt blutverwandt zu sein.

„Familie ist dort, wo man sie findet. Eine Familie muss nicht aus einem Vater, einer Mutter, einem Sohn und einer Tochter bestehen. Familie ist dort, wo es genug Liebe gibt. Und für diese vier war es eben jene ungleiche, außergewöhnliche Gruppe von Menschen…“

Die Liebe kommt hier jedenfalls nicht zu kurz und es ist unbeschreiblich wie sehr sich jeder infolgedessen von ihnen weiterentwickelt. Und auch die Hoffnung ist immerzu präsent, ganz besonders bei Bobby dessen Sehnsucht nach seiner Mutter so groß ist, dass sie nicht mal in Worte zu fassen ist. Manchmal kam er mir ehrlich gesagt viel jünger vor, vielleicht sogar etwas zurückgeblieben, weil seine Aktionen so seltsam und unbedacht waren und gar nicht zu einem zwölfjährigen gepasst haben. Das liegt aber vor allem an seiner Lebenssituation, immer wieder schrecklich wie Eltern -oder in diesem Fall der Vater- in der Lage sind ihre Kinder so schlecht zu behandeln. Doch macht Bobby eine ganz tolle Entwicklung durch und das liegt größtenteils an Val. Diese Frau ist kurz gesagt der Wahnsinn, total fürsorglich und liebevoll zu ihrer behinderten (ich denke mal autistischen) Tochter Rosa und Bobby, den sie ganz schnell in ihr Herz schließt. Und auch wenn sie sich der Konsequenzen bewusst ist schreckt sie nicht davor zurück auf diese Abenteuerreise mit dem gestohlenem Bücherbus zu gehen. Ich bewundere sie und liebe ihre ruhige und weise Art. Der Exsoldat Joe war für mich eine zeitlang ein Rätsel, aber auch ihn lernt man Stück für Stück kennen und lieben. Keiner von ihnen hat eine einfache Vergangenheit, sie haben sich regelrecht durchgeschlagen, genießen nun die Freiheit miteinander und lernen darüber hinauszuwachsen. Die Angst von der Polizei gefasst zu werden ist jedoch immer vorhanden.

Selbst Bücher kommen in diesem Roman nicht zu kurz, sie werden gelesen, zitiert, die Protagonisten ziehen Vergleiche zu ihrem eigenem Leben und lassen sich von ihnen inspirieren. Natürlich stehen sie nicht im Vordergrund, sind jedoch perfekt in diese Geschichte eingebaut und bereiten Spaß.

Würde noch gerne anmerken, dass ich über die Kapitelnamen sehr verwundert war und was die anbelangt gibt es gegen Ende tatsächlich auch noch eine kleine, fabelhafte, selbsterklärende Überraschung über die ich einfach nur lächeln musste :)

Fazit:

Ein außergewöhnlicher, bewegender Roman über Familie, Liebe und Freundschaft, der mich von der ersten bis zur letzten Seite unterhalten hat. Diese Reise werde ich garantiert so schnell nicht mehr vergessen. Klare Leseempfehlung!

Veröffentlicht am 09.10.2017

Zu viel Nebensächliches

Kolibri
0

Anna Fekete’s erster Tag als Kriminalkommissarin ist alles andere als leicht. Als wäre es nicht genug, dass sie einen ausländerfeindlichen Alkoholiker als Partner bekommt, ist ihr erster Fall eine junge ...

Anna Fekete’s erster Tag als Kriminalkommissarin ist alles andere als leicht. Als wäre es nicht genug, dass sie einen ausländerfeindlichen Alkoholiker als Partner bekommt, ist ihr erster Fall eine junge Joggerin, die auf grausame Weise erschossen wurde und bei der man, vom Amulett abgesehen, keine Indizien auf den Täter findet. Als man später einen zweiten Jogger tot auffindet, drängt die Zeit den Täter zu fassen. Parallel dazu kümmert sich Anna um den Fall eines kurdischen Mädchens, das bei der Polizei um Hilfe gebeten hat um im Nachhinein alles abzustreiten. Anna lässt sich jedoch nicht abwimmeln und beobachtet die Familie, weil sie annimmt es könnte zu einem Ehrenverbrechen kommen.

Meine Meinung:

Zuallererst muss ich sagen, dass ich dieses Buch nicht in die Kategorie Thriller einordnen würde, es ist eher ein Krimi.

Es lässt sich gut lesen, auch wenn ab und zu mal ungarische Wörter und Sätze vorkommen, dessen Sinn man nur erahnen kann, weil nirgendwo die Übersetzung steht.

Mit Anna Fekete bekommen wir eine Protagonistin, die ursprünglich aus Ukraine stammt aber ohne Akzent einwandfrei finnisch spricht und vor ihrem neuen Job Streifenpolizistin war. Und auch wenn es vor allem aus ihrer Sicht erzählt wird konnte ich keinen wirklichen Zugang zu ihr finden. Sie wirkt keinesfalls unsympathisch aber es gibt einige Handlungen die ich von einer Polizistin nicht erwarten würde. Es dreht sich sehr viel um ihr Leben, die Probleme mit denen sie zu kämpfen hat, ihrem alkoholsüchtigen Bruder, den wechselnden Partnern, dem Schlafentzug und die Lust nach den Zigaretten und ab und zu mal einem Bierchen, wobei sie auch da etwas übertreiben kann. Mich hat es vor allem gestört, dass immer wieder ihre Lust nach einer Zigarette erwähnt werden musste und dass sie doch eigentlich mit dem rauchen aufhören möchte und wieder joggen gehen muss, es aber nie tut und dann doch lieber eine oder mehrere raucht. Es hat gar nicht mehr aufgehört. Ihr Partner Esko Niemi dagegen ist ein absoluter Kotzbrocken, der meiner Meinung nach fast schon übertrieben unsympathisch dargestellt wurde. Da fällt es mir schwer zu verstehen, weshalb jeder sein Verhalten toleriert, guter Ermittler hin oder her. Zusätzlich gibt es zwei weitere Kommissare, aus deren Sicht man mehr über ihr Leben, das auch nicht so rund läuft, erfährt.

Dadurch, dass eben so viel Privates erzählt wird und auch die Geschehnisse um Bihar eine große Rolle spielen, von denen man sogar erwartet, dass sie mit den Mordfällen etwas zutun haben, gerät der eigentliche Fall des Öfteren in den Hintergrund. Richtige Spannung kommt erst gegen Ende auf und das Buch selber besteht meiner Ansicht nach aus einigen Stellen die man ruhig hätte auslassen können, denn ich bin auf das Buch gerade wegen des Falles und nicht des Füllmaterials aufmerksam geworden. Von einer Migrationsgeschichte stand immerhin nirgendwo etwas, doch zieht sich der Erzählstrang, der in Form einer Mail von Bihar geschrieben wurde, über das ganze Buch hinweg. Man erfährt vieles über ihre Familie, die Einwanderung, ihre Kultur und das Schicksal, das ihre Eltern für sie auferlegt haben. Gerade weil sich Bihars Geschichte der von Anna ähnelt, fühlt sich diese Bihar gegenüber verpflichtet zu helfen, auch wenn keine Anzeichen für Gewalt oder ähnliches vorliegen. Und auch wenn es zuerst sehr interessant klang, wurde es mit der Zeit langatmig und hat die Spannung leider sehr rausgenommen.

Der Ausgang der Mordfälle hat mich dagegen sehr überrascht, wäre darauf nämlich nie gekommen. Man hat als Leser Raum mitzurätseln und die Frage ob es nur zufällige oder gar auserwählte Opfer sind lässt einen nicht ruhen. Auch die Verdächtigen haben im Grunde alle einen Grund für die Morde, doch haben sie diese auch begangen?

Fazit:

Auch wenn hier ganz schön viele interessante Themen behandelt wurden, mangelt es an Spannung. Nichtsdestotrotz ist es ein gut geschriebenes Debüt, weswegen ich ein weiteres Buch der Autorin nicht ausschließen würde. Denn das Potenzial für folgende Bänder ist auf jeden Fall vorhanden.

Veröffentlicht am 09.10.2017

Bringt einen zum Nachdenken

Die Quintessenz von Staub
0

Marie führt ein zufriedenes Leben, doch ist ihr Bruder Richard der Ansicht, dass sie viel zu lange alleine war. Somit verkuppelt er sie bei einem Abendessen mit Pius, einem attraktiven und charismatischen ...

Marie führt ein zufriedenes Leben, doch ist ihr Bruder Richard der Ansicht, dass sie viel zu lange alleine war. Somit verkuppelt er sie bei einem Abendessen mit Pius, einem attraktiven und charismatischen Wissenschaftler. Marie ist sofort hin und weg und nach nur wenigen Verabredungen sind die beiden unzertrennlich und Pius nimmt in ihrem Leben die Rolle des wichtigsten Menschen ein. Es folgt das Zusammenziehen und die Hochzeit. Erst nach dem Schlaganfall, als sie in ihrem eigenen Körper gefangen ist, wird ihr bewusst was für einen Fehler sie begangen hat indem sie sich auf Pius einließ. Doch gibt es für sie überhaupt noch einen Ausweg?

Meine Meinung:

Ehrlich gesagt wusste ich vor dem Lesen nicht so ganz auf welches Thema ich mich hier einlassen würde. Hatte sogar eine romantische Liebesgeschichte erwartet, aber dies bekommt man hier nicht unbedingt. Hier geht es um so viel mehr, um ein Thema über das viele nur ungern reden oder grübeln. Denn wie weit darf Forschung gehen? Wo genau sollte man einen Schlussstrich ziehen und sich nicht in die Natur einmischen?

Nora Lachmann ist mit diesem Roman ein tiefgründiges, bewegendes und spannendes Buch gelungen, das man ganz locker in einem Rutsch lesen kann, weil es von der ersten Seite an fesselt. Der Schreibstil ist wunderbar, es ist alles verständlich erklärt, gut beschrieben und als Gesamtwerk überzeugt es auf ganzer Linie, sodass ich auch kein einziges Wort angezweifelt habe.

Mit Marie, aus deren Sicht geschildert wird, bekommen wir eine leicht naive Protagonistin, die von ihrer Liebe zu Pius geblendet wird und das Offensichtliche übersieht. Und auch wenn ich sie manchmal am liebsten geschüttelt und ihr gesagt hätte, dass sie einen Fehler begeht, konnte ich verstehen weshalb sie auf ihn so dermaßen gehörig reagiert. Er war der erste Mann, der deutliches Interesse an ihr zeigte, der ihr jeden Wunsch von den Augen lesen konnte und sie verwöhnt hat. Während er Marie schamlos, auf eine überaus charismatische Art, manipuliert und an sich gebunden hat, hat sie in allem nur seine Liebe zu ihr gesehen.

Als sie am Hochzeitstag einen Schlaganfall erleidet und als Folge mit dem Locked-In-Syndrom zu kämpfen hat, wird das Ausmaß von Pius Grausamkeit immens, denn für ihn ist sie sein persönliches Forschungsobjekt. Getrieben von Ehrgeiz, Wissensdurst, Macht und Ruhm tut er alles um in der Wissenschaft voranzukommen und für seine Erfolge anerkannt zu werden, Marie’s Wünsche völlig außer acht lassend. Und als Leser kann man nichts anderes tun als hoffen, dass Marie Fortschritte in der Genesung macht, es schafft, sich jemandem anzuvertrauen und dem Ganzen entfliehen kann.

Aus ihrer Sicht erzählt ist es einfach nur rührend ihre Gedanken und Gefühle zu verfolgen und beklemmend zu erfahren wie es sein muss alles mitzubekommen aber weder in der Lage zu sein sich zu bewegen noch zu kommunizieren. Unfassbar, wie die Autorin es geschafft hat das Ganze so glaubwürdig rüberzubringen. Man fühlt, leidet und hofft mit Marie mit. Zwischendurch wird der Text von einigen Träumen und Rückblenden unterbrochen, die Marie schon längst verdrängt hat und die verdeutlichen, weshalb ihr Leben so ist wie es ist und nebenbei auch ein schwieriges Thema aufgreifen.

Die Charaktere neben Marie und Pius sind genauso fabelhaft ausgearbeitet und als Leser bekommt man das Gefühl sie alle gut einordnen zu können, zu wissen wer Freund und wer Feind ist, doch musste ich mich geschlagen geben und am Ende erkennen, dass nicht alle so sind wie sie scheinen.

Das Buch schafft es ein überzeugendes Bild unserer Gesellschaft wiederzugeben, das im ersten Moment erschüttert, mich nachdenklich gestimmt hat und dem ich dennoch nichts zu widersetzten habe. Hier werden Themen angesprochen, die vielleicht keine einfache Kost sind jedoch durchaus wichtig und bedeutend.

Fazit:

Empfehlens- und lesenswerter Debütroman, der verdiente 5 Sterne von mir bekommt. Von der ersten bis zur letzten Seite konnte mich das Buch überzeugen.