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Veröffentlicht am 09.10.2017

Sprachgewaltig und anspruchsvoll

Nachhall
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„Man sagte, es sei Recht. Doch Espen sah Unrecht. Man erklärte ihr, es sei Stärke, doch sie sah die Unfähigkeit nachzugeben. Man erzählte, es sei Liebe, doch sie sah nur Verachtung.“

Handlung:

Espen ...

„Man sagte, es sei Recht. Doch Espen sah Unrecht. Man erklärte ihr, es sei Stärke, doch sie sah die Unfähigkeit nachzugeben. Man erzählte, es sei Liebe, doch sie sah nur Verachtung.“

Handlung:

Espen Barthelemy ist auf der Reise zum Haus der Freude und muss in einer fremden Stadt halt machen um auf einen Transport zu warten, der sie zu ihrem Ziel bringen würde. Sie versucht sich im Hintergrund zu halten und anzupassen, doch macht es ihr die Gesellschaft nicht so leicht. Es fällt ihr schwer dazuzugehören, denn ihr hat nie jemand beigebracht wie die Regeln für die Zugehörigkeit lauten. In dieser Stadt macht sie viele Bekanntschaften mit Menschen, die sich nicht dafür interessieren was Espen zu sagen hat sondern ihr eher ihre eigene Meinung aufdrücken möchten. Als ihr durch ein Verfahren auch noch verboten wird die Stadt zu verlassen, bleibt die Frage ob Espen ihre Vergangenheit überwinden kann und ihre Stimme wiederfindet. Und natürlich ob es einen Ausweg aus der Situation gibt.


Meine Meinung:

Dieser Roman ist keinesfalls eine leichte Lektüre, die man einfach zwischendurch lesen könnte. Man benötigt viel Konzentration um verstehen zu können und selbst dann ist es in einigen Abschnitten zumindest mir schwer gefallen. Beile Ratut ist mit ‚Nachhall’ solch ein sprachgewaltiges Buch gelungen, wie ich es schon länger nicht erlebt habe. Man kann hier ganz viel selber herein interpretieren, was mir absolut gefällt, denn so animiert die Autorin ihre Leser auch zum Nach- und vor allem Mitdenken an. Die Botschaft von diesem Roman steckt zwischen den Zeilen, man darf nur nicht während der ersten 100 Seiten aufhören zu lesen, denn das ist mit Abstand der schwerste Abschnitt. Nachdem ich damit fertig war, fiel es mir einfacher das Ganze zu verstehen.
Espen ist eine kluge, empfindsame, labile und vor allem eine absolut liebe und sympathische Person, die nicht so recht weiß, wo ihr Platz in diesem Leben ist und die durch andere Menschen nur zu leicht beeinflusst werden kann. Zwischendurch bekommt man auch einen Blick in ihre Vergangenheit, so erlebt man einige Szenen als sie eine Siebenjährige ist, die verdeutlichen weshalb Espen so ist wie sie ist. Von Eltern nicht beachtet worden, von anderen Kindern ausgegrenzt, hat sie eine Art Liebe nur bei einem erwachsenem Mann erfahren, der sie missbraucht hat. All das Verdrängte kommt zum Vorschein und sie versucht es zu verarbeiten und zu sich selbst zu finden. Es reicht nicht mehr nur auf das zu hören was andere zu sagen haben, sie möchte auch endlich angehört werden. Doch zuerst muss Espen sich von ihren Schuldgefühlen befreien und verstehen, dass wahre Liebe nicht so ist, wie sie es bis jetzt kennengelernt hat. Es bedeutet nicht immer nur zu geben um auch im Gegenzug etwas zurück zu bekommen.

„Espen musste etwas Schlimmes gemacht haben, dass Mutter sie vergessen hat. Natürlich hat sie etwas Unentschuldbares getan, wie sonst könnte diese wunderschöne Frau ihr Kind missachten.“

Beim lesen bekommt man aus ihrer Sicht einen guten Einblick in unsere Gesellschaft, was ziemlich erschreckend ist, weil es einfach der Wahrheit entspricht. Wie immer geht es um Macht, ob in der Politik, Beziehung oder Freundschaft. Um Manipulation und außerdem um Zugehörigkeit, denn wer sich nicht an die Regeln hält, wird ausgestoßen, auch wenn man sagt man würde jeden so annehmen wie er ist.
Zwischen den normalen Kapiteln gibt es auch welche mit der Überschrift ‚Die Stimme’, die einen nachdenklich stimmen. Es ist manchmal schwer zu beurteilen von wem die Stimmen stammen, doch waren die kurzen Texte zum Teil wirklich bewegend und abwechslungsreich. Es gibt nun mal viele Stimmen, auf die man hören könnte, doch sollte man für sich selber entscheiden ob man es auch möchte.

„Schrei nicht gegen die Welt, suche nicht bei Menschen. Suche meine Stimme, suche mich. Und ich werde dir geben. Kein Mann kann dir deine Unversehrtheit wiederbringen, kein Mensch dich heilen. Wenn du aus deinem blinden Blick emportaumelst und ihn bittest, erfährst du, dass er dir nichts geben kann.“

Es ist schön und emotional Espen zu begleiten, zusehen wie sie sich entwickelt und sich trotz der vielen Tiefschläge und Enttäuschungen wieder ins Leben kämpft.

Fazit:

Ein besonderes Buch, das weit weg von der üblichen Masse steht. Anspruchs - und niveauvoll, berührend, sprachgewaltig und tiefgründig.
Werde mir noch gewiss den ersten Roman der Autorin zulegen.

Veröffentlicht am 09.10.2017

Emotionaler Roman

Zeit ihres Lebens
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Nadja Panou führt mit ihrer 13jährigen Tochter, dem 12jährigen Sohn und ihrem Lebensgefährten zwar nicht das perfekte und stressfreie Leben, das sie sich wünscht, doch ist sie zufrieden. Als sie erfährt, ...

Nadja Panou führt mit ihrer 13jährigen Tochter, dem 12jährigen Sohn und ihrem Lebensgefährten zwar nicht das perfekte und stressfreie Leben, das sie sich wünscht, doch ist sie zufrieden. Als sie erfährt, dass sie mit 35 Jahren noch einmal schwanger geworden ist und dazu auch noch mit Zwillingen, freut sich die ganze Familie darauf. Die finanziellen Sorgen werden durch Laurenz’ Beförderung geringer, sie finden eine schönere, größere Wohnung und das Leben könnte eigentlich nicht besser verlaufen. Bis eines Tages das Schlimmste passiert, das sich Eltern nur vorstellen können. Wie soll eine Mutter den Weg zurück ins Leben finden?

„Der Tod steht jetzt manchmal mit ihr im Raum und lockt. Und er sieht nicht abstoßend aus, ist nicht der düstere Mann mit der scharfen Sense. Er sieht freundlich aus.“

Meine Meinung:
Sabine Schabicki hat es geschafft mich mit ‚Zeit ihres Lebens’ dermaßen zu berühren, dass mir über Seiten hinweg die Tränen flossen. Musste mich sogar einmal dazu zwingen das Buch zur Seite zu legen, um den Tränenfluss zu stoppen. Als Leser leidet und fühlt man mit, immerhin geht es um ein Thema an das die meisten Eltern verständlicherweise gar nicht erst denken möchten, aber einige haben es sogar vielleicht schon selber erlebt. Obwohl ich keine Kinder habe und auch nicht schwanger bin, konnte ich, als wäre ich selbst betroffen, diesen Schmerz fühlen, den Nadja bei dem Verlust der Kinder verspürt. Ich kam mir hilflos vor einfach nur zu lesen, nicht helfen zu können. Es ist unglaublich, wie die Autorin es schafft, das Thema so gefühlvoll zu beschreiben, man spürt die Emotionen bis in die Fußspitzen und leidet geradezu mit der ganzen Familie.
Es ist so realistisch, glaubwürdig, detailliert und vor allem authentisch erzählt, man versteht Nadja in jeder Situation, jeder Gedanke von ihr ergibt Sinn. Nach diesem Schicksalsschlag gibt es für sie nicht vieles, das sie aus ihrem lethargischen Zustand herausholen kann. Sie durchlebt alle Phasen der Trauer und Laurenz versucht ihr Kraft zu geben, doch Nadja verschließt sich, weiß, dass er nicht in der Lage ist die gleiche Trauer wie sie zu verspüren. Und dieser weiß nicht, wie er Nadja zurück ins Leben befördern soll. Trotz der großen Liebe zwischen ihnen und dem zusammenleben gehen sie immer mehr auf Abstand, können ihre Gefühle nur schwer in Worte fassen.
Mit dem schönem, ruhigem Cover, auf dem wiederkehrende Zugvögel abgebildet sind, verbinde ich das weiterleben. Es ist in Ordnung sich dem Schmerz hinzugeben, versuchen mit der Trauer allein fertig zu werden, doch muss man sich auch bemühen wieder ins Leben zu finden. Es gibt immer jemanden oder etwas, für das es sich zu leben lohnt und es gibt immer Menschen, die versuchen die größte Hilfe für einen zu sein, man darf nicht einfach aufgeben sondern muss, wie die Zugvögel eben auch, wiederkommen. Man sollte das Positive nicht aus den Augen verlieren.

Fazit:
Ein bewegendes und glaubwürdiges Buch, das mich sicher auch ein zweites oder drittes Mal zu Tränen rühren würde und das mich immer noch beschäftigt. Ich bin der Meinung, dass Sabine Schabicki die richtigen Worte für den Schmerz des Verlustes gefunden hat.
Würde es jedem weiter empfehlen, denn obwohl ich sensibel bin und es emotional sehr schwer zu verkraften war, so bereue ich keineswegs das Buch gelesen zu haben. 5 verdiente Sterne.

Veröffentlicht am 09.10.2017

Mein kleines Highlight!

Die Flügel, mein Engel, zerreiß ich dir
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Cloé Beauchamp hat alles wovon sie immer geträumt hat. Sie sieht gut aus, ist intelligent, vermögend und ihr Chef hat sie als seine Nachfolgerin auserwählt. Hinzu kommt noch, dass sie einen tollen Freund ...

Cloé Beauchamp hat alles wovon sie immer geträumt hat. Sie sieht gut aus, ist intelligent, vermögend und ihr Chef hat sie als seine Nachfolgerin auserwählt. Hinzu kommt noch, dass sie einen tollen Freund hat mit dem alles geradezu perfekt ist. Für sie könnte es also kaum besser laufen. Doch eines Abends hat sie das Gefühl von einem Mann ganz in schwarz, einem Schatten, verfolgt zu werden. Und es bleibt nicht bei dieser Verfolgung, jedoch will weder ihre beste Freundin noch ihr Freund Bertrand ihr Glauben schenken. Beide sind der Meinung, dass Cloé sich alles nur einbildet. Haben die beiden recht oder gibt es den Schatten möglicherweise doch?


Meine Meinung:

Karine Giebel hat es geschafft mich von der ersten Seite an zu fesseln. Was für ein meisterhafter Thriller!
Der Schreibstil ist leicht und flüssig zu lesen, man ist als Leser sofort mitten im Geschehen und es fiel mir schwer das Buch aus der Hand zu legen. Es sagt wohl schon alles aus, wenn ich sage, dass ich am ersten Abend bis drei Uhr nachts aufblieb um zu lesen, weil es mich so gefesselt hat. Die Spannung steigt von Kapitel zu Kapitel und selbst in Abschnitten, in denen nicht allzu viel passiert, kommt man emotional auf seine Kosten. Die Autorin weiß nur zu gut wie man Emotionen rüber bringt. Das Ende von Kapitel 12 hat mich so berührt, dass mir die Tränen gekommen sind.

Die Frage, die man sich beim lesen stellt ist, ob Cloé sich alles einbildet oder der Schatten doch real ist. Einen Verdächtigen hatte ich auf jeden Fall von Anfang an, doch konnte ich mir nie sicher sein und habe weiter gerätselt.
Cloé hat das Gefühl, dass der Schatten in ihrem Haus die einfachsten Sachen verändert wie die Umstellung der Bilder oder das auffüllen des Kühlschranks. Es ist verständlich, dass weder ihre beste Freundin Carole noch Bertrand das ernst nehmen, immerhin sind es Kleinigkeiten die Cloé vielleicht selber getan hat und sich wegen ihrer Überarbeitung nicht mehr daran erinnern kann. Sie jedoch ist fest davon überzeugt, dass es den Schatten gibt und ich habe mich als Leser hilflos gefühlt einfach nur zu lesen wie sich Cloé wegen dem Verfolgungswahn von der starken Frau am Anfang zu einer hilflosen entwickelt, die alleine ist, keinen Ausweg mehr weiß und der niemand glauben möchte. Man spürt ihre Angst, ihre reine Verzweiflung, die sie in den Wahnsinn treiben. Auch in der Arbeit kann sie mit der Zeit nicht mehr ihre gewohnte Leistung abrufen. Und nicht einmal die Polizei nimmt sie ernst, sie wird als Verrückte abgestempelt.
Nur ein Mensch möchte ihr helfen und das ist der vom Dienst suspendierte Hauptkommissar Alexandre Gomez. Sie geben sich gegenseitig Kraft und ergänzen sich gut. Beide haben kein einfaches Leben hinter sich, haben mit Schuldgefühlen zu kämpfen und fühlen sich einfach nur alleine. Die Jagd nach dem Schatten gibt Gomez einen Sinn, doch kann er Cloé helfen oder kommt auch er zu dem Entschluss, dass sie verrückt ist?

Beide Protagonisten wirken absolut realistisch und authentisch, man kann sich sehr gut in sie hineinversetzen.
Cloé macht zwar einen unsympathischen Eindruck, dadurch dass sie gerne mal auf andere herunterguckt und oft arrogant wirkt, doch habe ich sie gemocht. Sie ist keineswegs einfach und besitzt neben den schon genannten noch andere negative Eigenschaften. Mich hat sie insgesamt eher fasziniert und ich denke nicht, dass jemand wegen ihrer Art in der Lage wäre das Buch aus der Hand zu legen.
Die Frau weiß was sie will und was sie tun muss um es zu bekommen. Auch ihr Wille und Überzeugung sind bemerkenswert. Mit der Zeit lernt man aber die ‚echte’ Cloé kennen, eine die keine Maske trägt um stark rüber zu kommen. Man wird auch erfahren, was sie zu dem Menschen gemacht hat, der sie heute ist. Und vor allem wird man lesen können wie eine Kämpfernatur wie sie, Stück für Stück aufgibt.
Alexandre Gomez ist der zweite Protagonist, aus dessen Sicht geschrieben wird. Er wirkt ganz anders als die üblichen Polizisten in Büchern. Am Anfang wusste ich nicht, was ich von ihm wegen seiner einschüchternden Art halten soll, doch auch ihn habe ich ins Herz geschlossen. Bei ihm trifft der Spruch „harte Schale, weicher Kern“ haargenau. Er ist ganz speziell. Die Menschen haben Angst vor ihm, können ihm nicht einmal lange in die Augen schauen. Aber auch er hat kein einfaches Leben, habe mit ihm getrauert und mitgefühlt. Unglaublich, wie ihm so viel Schlimmes in kurzer Zeit passieren konnte.

Und mal ehrlich, ist dieses Cover nicht absolut schön? Also mich hat es direkt angesprochen. Nicht zu aufdringlich und doch so gemacht, dass es auffällt. Passt perfekt.

Fazit:

Bin absolut begeistert :) Ein MUSS für Thriller-Leser! Es hat alles, was ein Buch braucht und man kann hier nun wirklich nicht viel falsch machen :) Am Ende warten dann doch einige Überraschungen auf den Leser!

Veröffentlicht am 09.10.2017

Schöne Idee, schwache Umsetzung

Das Glück der Worte
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„Eine Fülle an Büchern. Teurer und wertvoller als Goldbarren. Weil die Bücher – viel mehr als Gold – im Leben nutzen. Dabei, ein besseres Leben zu führen. Wirklich zu leben.“



Die Handlung:

Für Brianda ...

„Eine Fülle an Büchern. Teurer und wertvoller als Goldbarren. Weil die Bücher – viel mehr als Gold – im Leben nutzen. Dabei, ein besseres Leben zu führen. Wirklich zu leben.“



Die Handlung:

Für Brianda sind Bücher ein Wegweiser, sie enttäuschen nicht, lassen sie nie im Stich und haben immer einen Rat parat. Als sie also ihren Job als Lektorin verliert, lässt sie ein Buch entscheiden wohin die Reise sie führen soll. Sie nimmt das Wichtigste mit, steigt in ihr Auto und fährt los. Auf der Suche nach einer Tankstelle unterwegs stößt sie auf dem Pilgerweg jedoch auf das kleine, zauberhafte Dörfchen Nuba. In Don Lorenzo’s Buchhandlung findet sie Zuflucht sowie einen guten Freund. Es scheint, als würde Briandas Leben endlich zu einem Kunstwerk werden.

Meine Meinung:

Es fällt mir nicht leicht dieses Buch zu bewerten, weil es nun mal sehr speziell ist. Und wenn es nur nach der Haupthandlung gehen würde, würde der Roman von mir leider noch weniger Punkte bekommen.

Die spanische Autorin Sonia Laredo weiß mit Worten umzugehen und man spürt geradezu ihre Liebe zu den Büchern, die die Protagonistin Brianda, aus deren Sicht erzählt wird, teilt. Hier werden einige Bücher zitiert und Autorennamen genannt, die mir noch nie untergekommen sind und so lernt man auch noch etwas dazu. Obwohl es manchmal etwas überladen wirken kann, sind vor allem die Zitate gut in die Geschichte eingebaut worden, was mich positiv überrascht hat. Für jede Situation gibt es das perfekte Buch auf das Brianda zurückgreifen kann und seitdem sie Don Lorenzo mit dessen Buchhandlung unterstützt, bei ihm wohnt und auch eine Aussicht darauf hat diese selber mal übernehmen zu dürfen ist sie fast schon zu einem vollwertigen Mitglied der Gemeinde geworden. Sie merkt wenn jemand ein Problem hat und ob es sich nun um Eifersucht auf die eigene Schwester, geringes Selbstwertgefühl oder gar um Jemanden handelt, der mehr in der Zukunft lebt anstelle im Jetzt, bewahrt Brianda Ruhe, hat immer ein offenes Ohr und ein Buch zur Hand, das sie den Menschen als Unterstützung empfiehlt. Sie wirkt nie forsch, ist voller Weisheit, auch zu Themen wie Freundschaft, sodass man als Leser einiges für sich selber mitnehmen und daraus selber Kraft schöpfen kann. Genau diese Nebenhandlungen haben mich verzaubert. Menschen, die mit Problemen kämpfen, die jeder von uns kennt, Brianda’s Gedanken dazu und das alles mit wundervollen Zitaten unterlegt.

„Im Locus Docendi verschrieben wir Bücher wie ein Arzt, der ein Rezept für ein Medikament ausstellt, das eine Krankheit heilen soll. Medizin für die menschliche Seele. Das war unser Fachgebiet. Und das Beste daran war, dass es keine schädlichen Nebenwirkungen gab.“

Zu Brianda selber konnte ich aber leider keinen wirklichen Bezug aufbauen, ihre Handlungen und Reaktionen waren für mich oft nicht nachvollziehbar, ich konnte mir nie ein klares Bild von ihr machen, weil sie manchmal wie eine starke Frau wirkte und wenig später wiederum wie ein Häufchen Elend, mal überlegt handelt und dann wieder nicht. Für mich hat sie nie so reagiert, wie man es erwarten würde, es kam oft eher die entgegensetzte Reaktion zustande. Auch wenn sie ein sympathischer Mensch ist, so ist sie niemand mit dem ich mich identifizieren könnte. Habe mich öfter eher gefragt, ob es ihr Ernst sei. Don Lorenzo hingegen überzeugt auf ganzer Linie. Er ist wie ein Fels in der Brandung, jemand über den man sich in der Familie freuen würde. Brianda kann sich glücklich schätzen ihn als Freund zu haben.

Das Buch ist eher ruhig geschrieben, Spannung kommt erst auf den letzten Seiten auf und diese fliegen nur so vorüber.



Das Cover hat es mir sehr angetan, farblich passt es derzeitig ja auch wunderbar zu dem Herbst. Es wirkt nicht überladen und doch sehr anziehend. In der Buchhandlung hätte ich nur schwer daran vorbei gehen können.

Fazit:

Leider gibt es von mir nur drei Sterne, weil es zwar toll geschrieben wurde und die Idee schön ist, aber an der Umsetzung gescheitert ist. Hätte auf einige Szenen, die mir absolut unlogisch erschienen sind, getrost verzichten können. Dafür überzeugt das Buch mit schönen Zitaten und Sätzen, Weisheiten, interessanten Nebencharakteren, dem Cover und dem nachvollziehbaren Ende. Es hätte zwar umwerfend werden können, so ist es aber auch ein überaus lesenswerter Debütroman geworden von dem man einiges lernen kann.

Veröffentlicht am 08.10.2017

Leider sehr langatmig

Ungeschehen
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Emily versucht einfach nur ihre Vergangenheit zu vergessen. Sie verlässt die Stadt, ihr Haus und ihre Familie um in London unter ihrem bürgerlichen Namen ein neues Leben anzufangen. Niemand weiß wohin ...

Emily versucht einfach nur ihre Vergangenheit zu vergessen. Sie verlässt die Stadt, ihr Haus und ihre Familie um in London unter ihrem bürgerlichen Namen ein neues Leben anzufangen. Niemand weiß wohin sie weggelaufen ist und sie möchte keinesfalls gefunden werden. Schnell lernt Emily neue Menschen kennen, kommt anfangs sogar sehr gut zurecht und doch drehen sich schon bald ihre Gedanken immer öfter um ihr altes Leben, sodass sie radikalere Wege einschlägt um das Ganze verdrängen zu können. Doch welches Ereignis war ausschlaggebend für den Entschluss neu anzufangen?

Meine Meinung:

Ich würde diesen Roman nicht unbedingt in die Thriller oder Krimi Kategorie einordnen, da er am ehesten einem Familiendrama nahe kommt.

Es ist ein gut geschriebenes Debüt, das vor allem durch die Rückblenden lebt, die aus verschiedenen Perspektiven erzählt sind und die hinzu von verschiedenen Ereignissen handeln. So bekommt man einen guten Einblick in die tiefen Abgründe von Emilys Familienmitgliedern, darunter die ganzen Probleme zwischen ihren Eltern, das Leben ihrer kaputten Zwillingsschwester Caroline und man erfährt auch einiges über die Vergangenheit von Angel, ihrer neuen Freundin in London. Keiner von den Protagonisten –mal von Ben abgesehen- scheint auch nur annähernd perfekt zu sein, jeder hat sein Päckchen zu tragen. Und auch wenn die Rückblenden größtenteils interessant sind um mehr zu erfahren, da Emily es vermeidet an die Vergangenheit zu denken, sind sie zum Teil auch sehr verwirrend, weil sie ganz plötzlich kommen und manchmal ist es auch nicht direkt ersichtlich aus welcher Sicht und zu welcher Zeit es sich abspielt. Außerdem wirken einige Abschnitte, die die aufkommende Spannung zunichte machen, viel zu langatmig und im Nachhinein auch teilweise sinnlos.

Man versucht als Leser alle Teilstücke, die man bekommt zusammenzusetzen um herauszufinden was der Grund für Emily’s Verschwinden sein könnte. Die Autorin Tina Seskis legt gekonnt falsche Fährten aus und weiß genau wie man den Leser ans Buch fesselt. Man stellt sich die Frage was Emily zu dem Entschluss sich ein neues Leben aufzubauen bewogen hat, was sie Schreckliches erlebt hat und ob vielleicht sogar ihr Mann Ben und Charlie in Gefahr sind, sodass es ihre einzige Möglichkeit war wegzulaufen. Nur dadurch, dass man unbedingt wissen möchte was vorgefallen ist, wird Spannung erzeugt, denn erst gegen Ende wird die Auflösung preisgegeben.

Schon am Anfang werden wir mitten in die Geschichte geworfen und dürfen miterleben wie sich Emily ihren Ehering auf der Bahnhofstoilette liegen lässt und mit dem nächsten Zug nach London fährt. Es klingt faszinierend wie eine Frau einen Neuanfang wagen möchte und obwohl sie zu Beginn sehr gefasst wirkt, wird mit der Zeit deutlich wie sehr ein gewisses Ereignis sie in der Vergangenheit getroffen hat. Es ist schwer ihre Emotionen und Handlungen nachvollziehen zu können, wenn man nicht weiß womit sie zusammenhängen und genauso schwer ist es eine Verbindung zu ihr herzustellen. Obwohl sie eine Anwältin war, kann man in ihrem Verhalten davon nichts wiedererkennen. Sie ist unsicher, lässt sich schnell zu etwas verleiten und trifft folgenschwere Entscheidungen über die man nur mit dem Kopf schütteln kann. Wie kann eine Frau, die scheinbar ein tolles Leben geführt hat alles zurücklassen? Die Auflösung ist bewegend und doch hätte ich mir ein ausführlicheres Ende gewünscht, weil es auf den letzen Seiten viel zu schnell abgehandelt wurde und mich leider auch nicht ganz überzeugen konnte. Da hätte man von mir aus gerne ein paar Einkürzungen im Mittelteil machen können aber doch nicht dann wenn es darum geht endlich ein paar Antworten zu bekommen. Auch wenn es eine überraschende Wendung gab mit der ich nie gerechnet hätte, blieb ich etwas unzufrieden zurück.

Fazit:

Ein gut geschriebenes Debüt mit neuer Idee und interessanten Wendungen, das mir zeitweise jedoch zu langatmig war und bei dem ich mir mehr Spannung gewünscht hätte. Wer Familiendramen mag ist hier auf jeden Fall genau richtig. Ich vergebe 3 Sterne, denn auch wenn mich der Roman gut unterhalten hat kann ich die negativen Aspekte nicht ignorieren.