Profilbild von Marielle_liest

Marielle_liest

Lesejury Profi
offline

Marielle_liest ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Marielle_liest über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 21.06.2024

Die Hürden des Alltags - über das Leben mit einer psychischen Erkrankung

Welches Königreich
0

Linoleumböden, ein Whiteboard mit dem Essensplan, Gemeinschaftsküche, Schlaflosigkeit, Zigaretten, Karaoke-Maschine, Feuertreppe, Borderline-Diagnose, Herr-der-Ringe-Poster, eine Tasse Nescafé, Gemeinschaftsgefühl, ...

Linoleumböden, ein Whiteboard mit dem Essensplan, Gemeinschaftsküche, Schlaflosigkeit, Zigaretten, Karaoke-Maschine, Feuertreppe, Borderline-Diagnose, Herr-der-Ringe-Poster, eine Tasse Nescafé, Gemeinschaftsgefühl, Medikamentendispenser, Schizophrenie, Esstörungen, Sommernächte, Wohngruppentreffen, Regeln, Bezugsbetreuerinnen, Wut. Über allem schwebt der Versuch, Alltagsstrukturen zu entwickeln, mit einem so weit entfernten Ziel: sowas wie Normalität.

Sara, Lasse, Marie, Hector, Waheed und die namenlose Ich-Erzählerin leben nach längeren Psychiatrie-Aufenthalten in einer Wohngruppe in Kopenhagen. Unterstützt werden sie vom Betreuungspersonal, damit das (Über-)Leben irgendwann wichtiger wird als das Sterben.

TW: psychische Erkrankungen, Selbstverl
tzung, Sui2idversuche

🍋🍋🍋

In kurzen Kapiteln gewährt uns die Protagonistin Einblicke in die Situation im Wohnheim, in das Zusammenleben mit den Mitbewohnerinnen, in ihre Gedanken und Gefühle, in die wichtige Arbeit der Betreuerinnen, in die Gesetzeslage und in ihre Vergangenheit. Wir erfahren dabei immer nur kleine Momentaufnahmen, doch sie lassen uns vor allem nachfühlen und sie haben so viel Kraft.

Auch wenn es um unvorstellbar schlimme Momente geht, ist die Sprache ruhig und nüchtern. Für sehr emotionale und sensible Menschen wie mich, war der Stil somit eine Wohltat. Denn ich habe eine total authentisch wirkende Sichtweise erhalten, konnte nachvollziehen und mitfühlen, ohne dass ich dabei an meine Grenzen geraten bin.

Gleichzeitig empfand ich die nüchterne Sprache wie einen dämpfenden Schleier, der sich über die Kapitel legt - ganz ähnlich wie ich die Wirkung diverser Medikamente aus den Erzählungen betroffener Personen kenne.

Vielleicht hat die Autorin dieses Stilmittel bewusst gewählt, vielleicht auch nicht. Für mich wirkt der Roman in jedem Fall absolut lebensnah, echt, greifbar, realistisch und vor allem eines: unglaublich bereichernd! Dringend lesen!

Veröffentlicht am 17.06.2024

Schatten, Geister und starke Frauen

Heiligenbilder und Heuschrecken
0

Ein Dorfleben früher wie heute - wer nicht zu den anderen passt, wer sich nicht der Norm entsprechend verhält, wer nicht dem Trott der Gemeinschaft folgt, wird ausgegrenzt und geächtet. Da können Generationen ...

Ein Dorfleben früher wie heute - wer nicht zu den anderen passt, wer sich nicht der Norm entsprechend verhält, wer nicht dem Trott der Gemeinschaft folgt, wird ausgegrenzt und geächtet. Da können Generationen die vorherigen und die davor überleben, das wird sich niemals ändern.

So geht es auch einer jungen Frau und ihrer Großmutter in Südspanien. Sie haben nie dazu gehört, sie wurden schon immer gemieden, ihr Ruf eilt ihnen voraus. Doch sie werden sich rächen - mit ihren eigenen, unvergleichlichen Mitteln. Diejenigen, die Leid über die Familie gebracht haben, sollen dafür bezahlen.

🦗🦗🦗

Schon ganz früh ist zu spüren, dass die Enkelin und die Großmutter über höhere Mächte verfügen. Doch, was sich zuerst nach einem Schauerroman anfühlt, nimmt für mich nach ein paar Kapiteln einen ganz besondere Entwicklung. Denn dass der Tod im Haus der beiden Frauen sein Unwesen treibt, wird von gruselig zu spannend zu magisch (im positivsten Sinne).

Es ist gar nicht schlimm, dass Geister, Schatten und übernatürliche Kräfte beteiligt sind am Alltag dieses Hauses. Im Gegenteil, ich fiebere mit, habe Spaß an den Ritualen, bin gespannt, wann die Heiligen sich als nächstes blicken lassen. Und ich wünsche mir, dass das Haus immer mächtiger wird, dass es die bösen Menschen im Dorf in die Mangel nimmt, die der Familie unrecht getan haben.

Es ist eine Geschichte über neu erstarkte Frauen, die sich rächen für ihr eigenes Schicksal und für die Frauen, die einst in diesem Dorf und in diesem Haus unterdrückt, verdammt und verstoßen, gequält und misshndelt wurden. Es ist eine Geschichte über Feminismus, über Machtmissbruch, über Misogynie, über Gerechtigkeit und Genugtuung und über die Hilfe von „oben“, die man sich im echten Leben so oft wünschen würde.

Die Sprache ist nah, authentisch und voller Emotionen – und auch grandios ins Deutsche übersetzt. Der wechselnde Blickwinkel zwischen Enkelin und Großmutter hat sehr gut zur Handlung gepasst und war für mich das i-Tüpfelchen.

Ich hatte eine wahre Freude am Lesen und ich habe die Paukenschläge geliebt, die das Dorf immer wieder zum Beben brachten.

Veröffentlicht am 10.06.2024

Vom Erwachsenwerden und von schmerzhaften Erlebnissen

MAAME
0

Maddie leistet Care-Arbeit und verpasst dabei ihre frühen 20er-Jahre mitsamt all den Lebensabschnitten, die uns ins Erwachsenwerden begleiten. Da ist der Spitzname „Maame“ Programm, den sie von ihrer aus ...

Maddie leistet Care-Arbeit und verpasst dabei ihre frühen 20er-Jahre mitsamt all den Lebensabschnitten, die uns ins Erwachsenwerden begleiten. Da ist der Spitzname „Maame“ Programm, den sie von ihrer aus Ghana stammenden Familie bekommt. Denn „Maame“ heißt sowas wie Frau, Mutter, „Person, die sich um jeden kümmert“ oder einfach „verantwortlich für alle(s)“.

Wie und ob Maddie der Sprung in die Welt einer selbstständigen und starken jungen Frau gelingt, erfahren wir in diesem Roman.

🧡💙🩷

Was bin ich durch die Seiten gerauscht! Wenn ich ein Buch mit fast 500 Seiten mit wenigen Unterbrechungen durchlese, dann muss einfach sensationell geschrieben sein. Sowohl Jessica George als auch der Übersetzerin gelingt es mit einem so lebendigen und authentischen Schreibstil, dass ich Maddies Geschichte nicht nur (super gerne) lese, sondern miterlebe.

Besonders geliebt habe ich daran, dass Maddie so ein normales Mädchen ist mit so normalen Erlebnissen und Learnings, wie es so vielen Mädchen in den frühen 20ern geht. Zumindest ich konnte mich ganz wunderbar mit ihr identifizieren, auch wenn Maddies Entwicklung - bedingt durch ihre (teilweise selbst auferlegten) Verpflichtungen zuhause - erst recht spät beginnen konnte.

An vielen Stellen habe ich mir gewünscht, es hätte dieses Buch schon knapp 15 Jahre früher gegeben. Denn ich finde es sehr bereichernd und so wichtig, was Maddie uns über das Selbstwertgefühl, über eine gleichberechtigte, würdevolle S
xualität, über Mikroaggrssionen, Alltagsrssismus und Feminismus mitgibt.

Zwei weitere Themen, die unfassbar spannend sind und in MAAME einen sehr hohen Stellenwert bekommen, sind Trauer - und damit verbunden der Umgang mit einem schrecklichen Verlust - und Freundschaft. Und nach dem Lesen war ich wirklich richtig traurig, dass es in meinem Leben keine Shu und Nia gab und gibt. 💔 Wie wundervoll kann Freundschaft bitte sein? 🥹

Eine riesige Leseempfehlung!

Veröffentlicht am 18.05.2024

Was das Auge des Wals erzählt

Zur See
0

Da sind die fünf Sanders - Hanne und Jens mit ihren drei erwachsenen Kindern Ryckmer, Eske und Henrik. Sie leben ein Inselleben vor der Nordseeküste und wir dürfen sie ein Jahr lang dabei begleiten. Und ...

Da sind die fünf Sanders - Hanne und Jens mit ihren drei erwachsenen Kindern Ryckmer, Eske und Henrik. Sie leben ein Inselleben vor der Nordseeküste und wir dürfen sie ein Jahr lang dabei begleiten. Und dann ist da noch der Inselpastor, der die Balance finden muss zwischen seiner Ehe und der Arbeit in der Kirche.

🐋

Dörte Hansen lässt uns in „Zur See“ tief blicken in die Seelen der Sanders und des Inselpastors. Die Charaktere könnten verschiedener nicht sein, und ganz bestimmt findet man sich selbst in einem der Inselbewohnerinnen wieder.

Mit großer Sorgfalt und ganz viel Feingefühl gelingt es der Autorin, die Gefühle jedes Einzelnen authentisch und nachvollziehbar aufs Papier zu bringen. Selbst wenn ich eine Figur zuerst auch noch so verschroben fand, entwickelte ich im Laufe der Kapitel Verständnis und Empathie.

Eine Museumsführerin, ein Vogelwart, ein Fährkapitän, eine Altenpflegerin, ein Strandgutkünstler und ein Pastor - verschiedener geht es kaum und dennoch teilen sie ähnliche Wünsche und Sorgen.

Es ist das starke Heimatgefühl, das alle sechs eint. Die Verbundenheit mit der Insel und das Bröckeln des Fundaments. Durch den Klimawandel, durch den Tourismus, durch das harte Inselleben, durch familiäre Katastrophen, durch den Verlust von Tradition und Sprache, durch Missverständnisse und Suchtprobleme, durch eine Kindheit ohne Halt und Wärme - durch all dies gerät die Inselwelt ins Wanken.

Ein wahres Highlight war für mich das Kapitel des Wals, das so wunderbar zeigte, dass das wichtige Erbe und das Seemannswissen der Inselbewohner
innen schon längst nicht mehr so präsent sind, wie sie es erwartet hätten und nach außen hin verkörpern möchten. Außerdem steht der Wal in meinen Augen für ein Omen, für einen Wink des Schicksals und für eine Wendung - was mir unglaublich gut gefallen hat.

Eine riesige Empfehlung für einen Roman, der in einer unfassbar atmosphärischen Sprache ein Meisterwerk aus Bildern schafft mit der perfekt gewichteten Brise Melancholie.

Veröffentlicht am 15.05.2024

Zwischen rauer Wildnis und dem Wunsch nach einem Ausweg

Die Tage des Wals
0

Manod ist 18 Jahre alt und lebt kurz vor dem Zweiten Weltkrieg gemeinsam mit ihrer jüngeren Schwester und ihrem Vater auf einer Insel vor der walisischen Küste. Das Leben dort ist hart und ganz der Witterung ...

Manod ist 18 Jahre alt und lebt kurz vor dem Zweiten Weltkrieg gemeinsam mit ihrer jüngeren Schwester und ihrem Vater auf einer Insel vor der walisischen Küste. Das Leben dort ist hart und ganz der Witterung und den Naturgewalten ausgesetzt. Anpassung ist nötig und nur für das Einfachste bleibt Raum und Zeit. Doch Manod ist eine besondere junge Frau, die sich von den anderen Inselbewohner:innen deutlich unterscheidet. Durch ihre Neugier und ihr Interesse, das sich weit über die Grenzen der Insel erstreckt, durch ihre überdurchschnittlich gute Bildung und ihr Wissen, das sie sich sowohl in der Wildnis als auch in der Schule auf dem britischen Festland angeeignet hat, sticht sie heraus. Als die beiden Forschenden Joan und Edward vom Festland zur Insel kommen, um das dortige Leben zu dokumentieren, bemerken auch diese die besondere junge Frau und machen sie zu ihrer Assistentin. Und plötzlich eröffnen sich ganz neue Möglichkeiten für Manod und vielleicht sind ihre Träume und Wünsche doch gar nicht so fern, wie sie ihr bisher schienen.

🐋🦭🦞

Ein Wal strandet gleich zu Beginn des Buchs am Strand der Insel, die Manods Heimat ist. Und dieser Wal begleitet uns während des kompletten Buchs durch seine unauffällige Anwesenheit. Ebbe und Flut lassen ihn auftauchen und wieder verschwinden, das Meer umspült ihn, bedeckt ihn und legt ihn wieder frei. Er verwest, wird zur Nahrungsquelle für andere Tiere und die Natur nimmt ihn wieder auf, macht ihn zum Teil eines Kreislaufes, eines Ökosystems. Doch auch die Menschen nutzen seinen Kadaver, allerdings vorwiegend die Menschen vom Festland. Bis er sich zum Schluss nun doch noch in ein bleibendes Denkmal für die Inselbewohner:innen verwandelt.

Der Wal durchläuft nach seinem Tod eine Entwicklung – einen Prozess, der sich eigentlich vollkommen im Hintergrund abspielt. Und trotzdem ist diese Entwicklung präsent, ebenso wie Manod eine Entwicklung durchläuft und am Ende auch die Insel und die ganze Welt. Denn gerade kurz vor dem Zweiten Weltkrieg ist alles im Wandel, auch wenn es für die Handlung des Buches nur beiläufig auf der walisischen Insel zu spüren ist. Denn hier steht Manods Entwicklung im Vordergrund, die sich in meinen Augen von einem klugen Mädchen zu einer selbstbewussten und scharfsinnigen jungen Frau verwandelt.

Die Autorin erschafft mit Manod eine sehr sympatische Protagonistin, die so lebendig und wild ist, dass mir das Herz aufgeht. Durch die Verwendung einer wunderschönen poetischen Sprache strahlt Manods einzigartiges Wesen in die Welt hinaus. Sie ist so vielseitig und wissensdurstig, sie ist eine liebenswürdige und fürsorgliche große Schwester und sie ist naturverbunden und geerdet. Und natürlich macht sie Fehler, so wie wir alle, doch sie lernt daraus, zieht die richtigen Schlüsse und steckt neue Ziele. Ich finde Manod wirklich grandios.

Die Handlung von "Die Tage das Wals" ist sehr leise. Es passiert nicht besonders viel und so lebt der Roman vor allem durch seine bildgewaltige und poetische Atmosphäre und durch Naturbeschreibungen, die mich die raue Küste fühlen lassen. So ist diese Geschichte vor allem etwas zum Abtauchen, Genießen und Entschleunigen. Gespickt ist das Buch außerdem mit ungewöhnlichen Inseltraditionen, mit Bräuchen und Liedern und vor allem mit vielen Geheimnissen. Schließlich bleiben einige Lücken zurück, die wir als Leser:innen mit unseren eigenen Gedanken schließen dürfen.

Ich habe das Buch sehr gemocht und es kam für mich zur richtigen Zeit. Aktuell entdecke ich meine Liebe für den poetischen Sprachstil und der ist in diesem Buch wirklich hervorragend gelungen. Ein ruhiger Romane mit viel Platz für dich selbst, mit versteckten Informationen, die du zwischen den Zeilen findest und mit einer fantastischen und bewundernswerten Hauptdarstellerin. Eine Leseempfehlung von mir!