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Veröffentlicht am 31.10.2017

Skurriles Ermittlerduo

Crimson Lake
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Nach unzähligen depressiven, versoffenen und geschiedenen oder verwitweten Ermittlern im kalten Skandinavien begegnet dem Leser hier ein vollkommen neues und anderes Ermittlerduo: die Australier Amanda ...

Nach unzähligen depressiven, versoffenen und geschiedenen oder verwitweten Ermittlern im kalten Skandinavien begegnet dem Leser hier ein vollkommen neues und anderes Ermittlerduo: die Australier Amanda und Ted. Amanda saß jahrelang wegen Mordes im Gefängnis, während Ted vorgeworfen wird, ein junges Mädchen entführt und brutal missbraucht zu haben. Beide lernen sich in der Kleinstadt Crimson Lake im heißen Norden Australiens kennen. Amanda arbeitet als Privatdetektivin, der frühere Polizist Ted steigt bei ihr ein.
Von Ted wissen wir von Anfang an, dass er es nicht gewesen ist und unschuldig in Untersuchungshaft saß. Seine Frau hat sich von ihm getrennt, die früheren Kollegen, die ihm die Tat durchaus zutrauen, aber nicht beweisen können, haben sich von ihm abgewendet. Sein Leben liegt in Scherben, als er sich eine Bruchbude am Rande eines von Krokodilen bevölkerten Mangrovenwaldes in Crimson Lake kauft.
Bei der vollkommen durchgeknallten Amanda weiß man als Leser nicht so recht, woran man ist, denn sie bezeichnet sich selbst als Mörderin. Hat sie tatsächlich als Teenager eine Schulkameradin brutal erstochen?
Als Ted Amanda kennenlernt, ermittelt sie gerade im Fall eines verschwundenen Bestsellerautors. Ted ist froh, von seinem wenig erfreulichen Privatleben abgelenkt zu werden und befasst sich ebenfalls mit dem seltsamen Fall. Gleichzeitig versucht er mehr über Amandas Vergangenheit herauszufinden und auch Amanda will mehr über Ted und das ihm vorgeworfene Verbrechen erfahren...
Vor dem Hintergrund der schwülen Hitze Queenslands, der nachts in den Mangrovenwäldern bellenden Krokodile und der mannshohen Riesenvögel Kasuare, von denen ich noch nie zuvor gehört hatte, entwickelt sich ein spannender Kriminalroman, dessen einziges Manko meiner Meinung nach die Auflösung eines lange zurückliegenden Mordfalls ist. Es erscheint mir äußerst unwahrscheinlich, dass die damals Beteiligten so lange geschwiegen haben sollen, zumal sie selbst ein Interesse daran gehabt haben müssen, die Schuldigen hinter Gittern zu sehen. Aber abgesehen davon hat mir die Lektüre dieses Buchs, das in einem mir unbekannten Teil der Welt spielt und das ich schon deshalb sehr interessant fand, gut gefallen.

Veröffentlicht am 27.10.2017

Hakan Nesser in Bestform

Der Fall Kallmann
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Nachdem seine Frau und seine Tochter bei einem Bootsunfall ums Leben gekommen bzw. vermisst sind, hält Leon Berger nichts mehr in Stockholm. Eine ehemalige Kommilitonin, Ludmilla, die er zufällig wiedertrifft, ...

Nachdem seine Frau und seine Tochter bei einem Bootsunfall ums Leben gekommen bzw. vermisst sind, hält Leon Berger nichts mehr in Stockholm. Eine ehemalige Kommilitonin, Ludmilla, die er zufällig wiedertrifft, erzählt ihm von einer freien Lehrerstelle an ihrer Schule in der Kleinstadt K. und Berger nutzt die Chance, bewirbt sich darauf und wird genommen.
Bald erfährt er, dass sein bei den Schülern äußerst beliebter Vorgänger an der Schule, Eugen Kallmann, unter ungeklärten Umständen zu Tode gekommen ist. Als Berger beim Ausräumen von Kallmanns Schreibtisch auf dessen Tagebücher stößt, ist sein Interesse geweckt und er beginnt, gemeinsam mit Ludmilla und einem weiteren Kollegen Kallmanns Leben und Tod unter die Lupe zu nehmen.
Vieles in den Tagebüchern erscheint ihnen wie Fiktion. Beispielsweise behauptet Kallmann, er könne erkennen, wenn ein Mensch ein Mörder ist, indem er ihm in die Augen blickt. Wo endet die Realität, wo beginnt die Fiktion? Sie stellen fest, dass keiner den Kollegen Kallmann wirklich gut gekannt hat, obwohl er mehr als 25 Jahre an der Schule tätig war.
Der Kriminalfall Kallmann, sofern es sich wirklich um einen solchen handelt, sowie weitere ungeklärte Verbrechen bilden das Gerüst dieses Romans, stehen jedoch nicht im Vordergrund. Liebhaber von möglichst grusligen und spektakulären Thrillern, in denen viel Blut fließt, werden an diesem Buch keine Freude haben. Die Personen und ihre Lebensumstände werden genau und äußerst humorvoll beschrieben. Obwohl das Buch fast 600 Seiten umfasst und manchmal nicht sonderlich viel passiert, sondern vielmehr die Gedanken und das Seelenleben der einzelnen Personen beleuchtet werden, hat mir das Lesen jeder einzelnen Seite Spaß gemacht. Nesser ist ein Schriftsteller, dessen Bücher von gleichbleibend hoher Qualität sind. Ich habe jedes seiner Bücher gelesen, dieses hat mir sprachlich besonders gut gefallen, was nicht zuletzt der hervorragenden Übersetzung von Paul Berf geschuldet ist. Ein großer Lesegenuss für alle Nesser-Fans!

Veröffentlicht am 19.10.2017

Zwischen den Welten

Swing Time
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Die Ich-Erzählerin, deren Namen nicht genannt wird, wächst im Norden Londons auf, als Tochter einer schwarzen Mutter aus Jamaika und eines weißen Vaters. Die Mutter ist sehr ehrgeizig. Sie will studieren ...

Die Ich-Erzählerin, deren Namen nicht genannt wird, wächst im Norden Londons auf, als Tochter einer schwarzen Mutter aus Jamaika und eines weißen Vaters. Die Mutter ist sehr ehrgeizig. Sie will studieren und Karriere machen, Mann und Kind sind dabei eher hinderlich. So wird die Tochter auch hauptsächlich vom Vater betreut, bekocht und erzogen.
Als kleines Mädchen lernt sie beim Ballettunterricht Tracey kennen, deren Vater schwarz und die Mutter weiß ist („richtig herum“, wie Tracey es nennt). Die beiden werden beste Freundinnen, wenngleich von Anfang an viel Konkurrenzdenken vorhanden ist. Bald stellt sich heraus, dass Tracey die begabtere Tänzerin von beiden ist, die sogar später an einer Tanzschule angenommen wird.
Die Beschreibung der Schulzeit ist ziemlich langatmig und enthält einige für meine Begriffe ziemlich abstoßende Szenen, so dass ich drauf und dran war, das Buch wegzulegen. (Stichwort „Scheidengrapschen“, meiner Meinung nach etwas unglücklich übersetzt, denn welches 9jährige Mädchen spricht denn von seiner „Scheide“?)
Mit Anfang 20 lernt die Protagonistin die Sängerin Aimée kennen, für die sie fortan für viele Jahre als persönliche Assistentin arbeitet. Ihr eigenes Leben gibt sie völlig auf, es sind nur noch Aimée und deren Bedürfnisse, die zählen. Tracey, die mittlerweile als Tänzerin in Nebenrollen auf der Bühne steht, sieht sie auch nur noch durch Zufall.
Aimée jettet durch die Welt, beginnt ein Hilfsprojekt für Mädchen in Afrika, und ihre Assistentin ist immer an ihrer Seite bzw. bereitet Aimées großen Auftritt vor. Die Ehe der Eltern ist längst geschieden, die Mutter ist politisch tätig, für persönliche Beziehungen bleibt keine Zeit.
Die Beschreibung der Verhältnisse in dem afrikanischen Dorf, in dem Aimée ihr Hilfsprojekt ansiedelt, gehört zu den Highlights des Buchs. Idealismus und Naivität treffen auf die Realität und das vollkommen andere Leben in einem armen afrikanischen Land, in dem außerdem Korruption und politische Vetternwirtschaft herrschen. Ein perfekter Nährboden für religiöse Fanatiker.
Bei ihren Aufenthalten im Dorf wohnt die Protagonistin bei der lebenslustigen Hawa, die mit Mitte 20 allerdings schon als alte Jungfer gilt, was Hawa mehr ausmacht, als zunächst ersichtlich ist.
Die Verhältnisse im Dorf werden zunehmend schwierig. Aimée hat ein Auge auf einen attraktiven jungen Mann geworfen und will ihn zu sich in die USA holen. Ihm gefällt ihre Aufmerksamkeit, doch er wünscht sich eine jüngere Frau und Kinder. Aimées Assistentin wiederum bekommt eine Liebeserklärung eines Mannes, für den sie nichts empfindet. Sie weist ihn ab, mit weitreichenden Folgen, wie sich herausstellt...
„Swing Time“ ist ein sehr vielschichtiges Buch, das hauptsächlich von starken Frauen handelt, die Männer spielen eine eher untergeordnete Rolle. Die starke Mutter, Aimée, sogar Tracey mit all ihren Problemen, sie alle prägen die Protagonistin, die am Ende des Buches vor einem Scherbenhaufen steht, jedoch endlich die Chance hat, ihr Leben nach ihren eigenen Bedürfnissen auszurichten.

Veröffentlicht am 03.10.2017

Gefahren der anderen Art

Der gefährlichste Ort der Welt
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Der gefährlichste Ort der Welt liegt nicht, wie man vielleicht annehmen sollte, in Kolumbien, Nigeria oder Syrien und die Gefahren, die dort lauern, sind weder Drogenkriege noch Heckenschützen oder Bomben. ...

Der gefährlichste Ort der Welt liegt nicht, wie man vielleicht annehmen sollte, in Kolumbien, Nigeria oder Syrien und die Gefahren, die dort lauern, sind weder Drogenkriege noch Heckenschützen oder Bomben. Der gefährlichste Ort der Welt liegt in der beschaulichen Bay Area nahe San Francisco, genauer gesagt, in Mill Valley, einem kleinen Ort am Fuße des Mount Tamalpais, an dem Ärzte, Börsenmakler und andere erfolgreiche Geschäftsleute mit ihren Familien leben. Und die Gefahren sind ganz anderer Art.
Zunächst einmal ist es in Mill Valley gefährlich, anders zu sein als die anderen. Dies erfährt der Achtklässler Tristan Bloch am eigenen Leib. Tristan ist nicht dumm, er ist einfach anders als die coolen Kids in seiner Klasse, die ihm das Leben zur Hölle machen, nachdem er einer Mitschülerin einen Liebesbrief schreibt. Calista, das Mädchen seiner Träume, beteiligt sich zwar nicht direkt an dem Mobbing, doch sie liefert ihn dem Spott der anderen aus und kommt ihm nicht zu Hilfe, was fatale Auswirkungen auf ihr weiteres Leben haben wird.
In jedem Kapitel des Buchs lernen wir die einzelnen Mitschüler und Peiniger Tristans kennen und erfahren, in welchem Umfeld sie aufwachsen. Die meisten kennen keine finanziellen Probleme, doch sie werden emotional vernachlässigt. Calistas Freundin Abigail beispielsweise bekommt ihre Eltern kaum zu Gesicht, denn sie leben berufsbedingt „nach New Yorker Zeit“. Dann gibt es noch die Eltern, die viel zu hohe Ansprüche an ihre Kinder haben und nicht erkennen, dass ihr Kind einfach nicht das Genie ist, das sie gerne hätten.
Wilde Partys, die aus dem Ruder laufen, und Drogen sind an der Tagesordnung und die rich kids, die eigentlich alle Chancen hatten, etwas aus ihrem Leben zu machen, geraten immer tiefer in den Sog der Selbstzerstörung.
Was zunächst wie ein Teenie-Roman beginnt, entwickelt sich schnell zu einem Psychodrama, das einen nicht mehr loslässt. Ein Buch, das ich kaum aus der Hand legen konnte.

Veröffentlicht am 02.10.2017

Wenn der Körper streikt

Manchmal musst du einfach leben
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Maribeth ist 44, Mutter von 4-jährigen Zwillingen, berufstätig und mit einem Mann verheiratet, der sie kaum entlastet. Als sie einen Herzinfarkt erleidet, macht sie daher zunächst einmal weiter wie bisher, ...

Maribeth ist 44, Mutter von 4-jährigen Zwillingen, berufstätig und mit einem Mann verheiratet, der sie kaum entlastet. Als sie einen Herzinfarkt erleidet, macht sie daher zunächst einmal weiter wie bisher, in der Hoffnung, es könnte sich um vorübergehende Symptome handeln. Schließlich ist sie unersetzlich. Denn wer soll die Kinder aus dem Kindergarten abholen, sich ums Abendessen kümmern und die tausend anderen Dinge erledigen, die ihren Alltag ausmachen, wenn nicht sie? Doch es hilft alles nichts, sie muss am offenen Herzen operiert werden.
Nach der Rückkehr aus dem Krankenhaus wünscht sie sich nichts mehr, als sich erholen zu können, doch alle in ihrer Umgebung sind der Meinung, sie sollte sich zwar noch schonen, aber im Grunde doch dort weitermachen, wo sie aufgehört hat, niemand erkennt, wie schlecht es ihr wirklich geht. So kocht sie, bringt die Kinder ins Bett und holt bei strömendem Regen Medikamente aus der Apotheke, weil ihre Mutter, die eigentlich gekommen ist, um ihr zu helfen, Angst hat, sich zu erkälten...
Nur die Krankenschwester Luca versteht ihre Lage und rät ihr, mehr an sich selbst zu denken. Und so fasst Maribeth einen radikalen Entschluss: sie packt eine Tasche und verlässt ihr altes Leben. Sie zieht nach Pittsburgh, wo sie unter ihrem Mädchennamen ein kleines Apartment mietet, nur in bar zahlt, damit sie nicht gefunden werden kann und sich ganz darauf konzentriert, wieder gesund zu werden. Sie lernt neue Leute kennen, bleibt aber auf Distanz. Sie denkt über ihr bisheriges Leben nach, über Dinge und Menschen, die ihr wichtig sind, und wagt es, Nachforschungen über ihre leibliche Mutter anzustellen.
Normalerweise werden Mütter, die ihre Kinder einfach verlassen, von der Gesellschaft verurteilt und als Rabenmütter bezeichnet. Für jemanden, der die Hintergründe nicht kennt, ist Maribeth mit Sicherheit der Inbegriff einer Rabenmutter. Doch da man als Leser alles aus Maribeths Blickwinkel erlebt, wird klar, dass sie aus Selbsterhaltung so handelt. Sie braucht diese Auszeit, um nicht unterzugehen.
Es ist zwar schwer vorstellbar, wie jemand von heute auf morgen einfach seine Familie verlassen kann, aber ich habe viel Empathie mit Maribeth empfunden und das Buch an einem Tag verschlungen.