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Veröffentlicht am 10.10.2018

Der Versuch sich gemeinsam mit der Protagonistin über Wasser zu halten

Schwimmen
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„Wer springt hat zwei Möglichkeiten: schwimmen oder untergehen.“ Doch was ist, wenn das Leben dir ein Bein stellt und du unvorbereitet den Absprung wagen musst, während um dich herum alles seinem geregelten ...

„Wer springt hat zwei Möglichkeiten: schwimmen oder untergehen.“ Doch was ist, wenn das Leben dir ein Bein stellt und du unvorbereitet den Absprung wagen musst, während um dich herum alles seinem geregelten Lauf folgt ohne zu bemerken, dass du untergehst? In ihrem Debütroman „Schwimmen“ schreibt Sina Pousset darüber, wie das Leben spielt und wie jeder auf seine eigene Weise lernen muss, sich über Wasser zu halten, um nicht unterzugehen.

An einem stürmischen Abend verliert die Verlagsmitarbeiterin Milla ihren besten Freund Jan, den sie schon seit Kindertagen kennt. Doch nicht nur für sie soll die Verarbeitung dieses Verlustes schwer werden, denn auch seine Partnerin Kristina war auf diesem Ausflug dabei. Zuvor hatte sich etwas zwischen den Hauptfiguren ereignet womit keiner der drei gerechnet hatte.
Nach Jahren ist der Verlust für die Protagonistin Milla immer noch nicht überwunden, aber sie ist nicht alleine: an ihrer Seite befindet sich die kleine Emma, Jans Tochter. Als sie eines Tages in ihrem Büro im Verlag sitzt und nach langer Zeit zögernd das tief unter den Manuskripten vergrabene Tagebuch von Jan in die Hand nimmt, lässt Milla alles stehen und liegen und macht sich auf den Weg, um etwas an diesem Zustand der Gelähmtheit zu ändern. 


Und so finde ich mich gemeinsam mit der Protagonistin Milla in einer Schwere wieder. Obwohl wir merken, dass sich das Leben um uns herum weiterhin abspielt und die Menschen beim Bäcker ein und ausgehen, von einem Ort zum anderen hetzen müssen und irgendwo ein Kind sich vielleicht das Knie beim Toben mit seinen Freunden aufgeschlagen hat und nun weint, so befinden wir uns zwar mittendrin in diesem Treiben, doch irgendwie sind wir auch außerhalb.


Hier macht sich der besondere Schreibstil der jungen Autorin bemerkbar, die es schafft, die Schnelllebigkeit unserer modernen und hochentwickelten Gesellschaft auf dem Papier festzuhalten. Die schnelle Abfolge und Aneinanderreihung von unterschiedlichen Bildern wirkte zu Beginn etwas stören/gewöhnungsbedürftig auf mich, doch schon bald muss ich feststellen, dass es das Bild unserer heutigen Zeit ist: fast alles ist darauf ausgerichtet schneller, besser und weiter zu sein. Nichts darf stehenbleiben, selbst nicht, wenn man dringend einmal "Aussteigen" möchte, um kurz durchzuatmen. Alles muss funktionieren und jeder einzelne von uns ist nur ein kleines Rädchen vom großen Ganzen, das dazu beiträgt, dass es nicht zum Stehen kommt.
 Doch zeigt Sina Pousset uns nicht nur die Schnelllebigkeit. Sie nimmt den Leser mit auf eine Reise in die Vergangenheit, schiebt das chaotische Treiben der Außenwelt in den Hintergrund und lenkt die Aufmerksamkeit des Lesers bewusst auf die ganz gewöhnlichen Alltagsgegenstände, sei es nun eine ganz gewöhnliche Teetasse oder ein Haus. Doch der Unterschied zu diesen Gegenständen liegt darin, dass sie für die Protagonisten und in ihrer Geschichte eine ganz wichtige Rolle spielen. Und die Autorin lässt uns Leser mit großer Feinfühligkeit, aber auch Melancholie ein Teil dieser Geschichte werden.


Es ist eine Geschichte über das Leben. Über Sehnsucht, Verlust und Enttäuschungen, aber auch eine Geschichte, die zeigt, dass man bei dem Versuch schwimmen zu lernen nicht alleine ist. Es gibt immer die Familie und die Freunde, die einem bei dem Versuch sich über Wasser zu halten zur Seite stehen und somit ein Hoffnungsschimmer sind, wenn es scheint, als würde jeder andere die hilfesuchende Hand übersehen.


Veröffentlicht am 10.10.2018

Kneipen, graue Mauern, Zigarettenrauch, Tanzbars

Moabit
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Berlin in seinen verruchten 20er-Jahren. Ein Gefängnis. Drei Personen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, drei Handlungsstränge, aber ein Konflikt, der als Auslöser die drei Personen näher zueinander ...

Berlin in seinen verruchten 20er-Jahren. Ein Gefängnis. Drei Personen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, drei Handlungsstränge, aber ein Konflikt, der als Auslöser die drei Personen näher zueinander bringt, sie überschneiden lässt und die Handlung zu einem Ende treibt, das nichts Gutes vorausahnen lässt.


Adolf Winkler, unter seinen Leuten auch als der „Schränker“ bekannt, steht kurz vor seiner Entlassung aus dem Gefängnis. Doch wird dieser noch während seines Aufenthaltes von einem anderen Inhaftierten attackiert, der es ganz offensichtlich auf seinen Tod abgesehen hat. Gerade noch rechtzeitig schafft es der Oberaufseher Ritter dazwischen zu gehen und Winkler von diesem Überfall zu befreien. Was hat es mit dem Angriff auf sich? Hat der „Schränker“ sich über die Zeit einfach viele Feinde gemacht? Doch soll es auf diese Fragen so schnell keine Antwort geben, denn der Angreifer verliert das Bewusstsein und ist nicht mehr ansprechbar. Es scheint aussichtslos, bis sich ein Zufall ergibt, der Licht ins Dunkle bringen könnte.
Mehr wollen wir euch an dieser Stelle auch gar nicht darüber verraten.

Denn wer in der Buchhandlung stöbert und aufgrund des ins Auge springenden Buchumschlags „Moabit“ in den Händen hält , der wird bald merken, dass das Buch nicht viel über die Geschichte preisgeben möchte; denn es gibt weder einen Klappentext, noch verrät der erste Blick ins Buch näheres. Da ist nur der auffällige und aufdringliche Schriftzug „MOABIT“ und das ernste Gesicht einer jungen Frau, die einen direkt anblickt und ahnen lässt, dass sie womöglich etwas mit der Geschichte zu tun haben könnte.

„Moabit“ ist mit 85 Seiten (die Illustrationen mit inbegriffen) ein Kurzkrimi aus der Feder von Volker Kutscher. Für uns, die sich hauptsächlich in Lehrbüchern oder Klassikern vertiefen, also ein neues Erlebnis, das uns dennoch nicht enttäuscht hat.

Besonders erwähnenswert an diesem Buch ist die außergewöhnliche Aufmachung durch die aufwändigen Illustrationen von Kat Menschik, die mit viel Liebe für’s Detail einzelne Momente aus der Geschichte festhält und so das Gefühl schafft, als würde man durch eine Zeitung oder Werbeanzeigen aus dieser Zeit blättern – immer in der positiven Erwartung was Kat Menschik sich wohl für die folgende Seite einfallen lassen hat.

Wir sind immer auf der Suche nach Büchern, die gemeinsam gelesen werden können, ohne dass sie langwierig werden und man nach einer Pause den Faden verliert.
Volker Kutscher und Kat Menschik haben mit „Moabit“ eine tolle Zusammenarbeit geleistet und uns ein einzigartiges Lesevergnügen beschert.

Allen, die mal etwas neues ausprobieren möchten, ein kurzes Lesevergnügen suchen, aber sich keinen ausgefeilten Krimi erwarten oder sich langsam an dieses Genre herantrauen möchten, können wir „Moabit“ nur empfehlen.