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WinfriedStanzick

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 15.01.2018

Ein sehr gelungener Roman.

Trümmerkind
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Mechthild Borrmann, Trümmerkind, Droemer 2017, ISBN 978-3-426-30492-1

Mit dem Deutschen Krimipreis ist sie ausgezeichnet worden, die Autorin des hier vorliegenden Romans „Trümmerkind“. Der ist zwar nicht ...

Mechthild Borrmann, Trümmerkind, Droemer 2017, ISBN 978-3-426-30492-1

Mit dem Deutschen Krimipreis ist sie ausgezeichnet worden, die Autorin des hier vorliegenden Romans „Trümmerkind“. Der ist zwar nicht als ausgesprochener Kriminalroman konzipiert, aber deswegen nicht weniger spannend.

Sie nimmt die zwischen dem 20.1. und 12 Februar 1947 in Hamburg aufgefundenen Leichen, die damals einem nie entdeckten „Trümmermörder“ zugeordnet wurden, und konstruiert daraus eine Geschichte, die sie bis zur Mitte des Buches in drei zunächst völlig voneinander unabhängigen Strängen, die sie dann, für den Leser bis zuletzt die Spannung aufrechterhaltend langsam zusammenführt.

Der eine Strang spielt im Jahr 1947 und erzählt vom schwierigen Leben von Agnes Dietz, deren Mann in Russland vermisst ist, ihrem 14 -jährigen Sohn und dessen kleiner Schwester Wiebke. Im Januar 1947, die Familie ist nach der Bombardierung Hamburgs 1943 nach Pinneberg zum Onkel gezogen und nun wieder zurückgekehrt - entdecken die beiden Kinder auf ihrem Weg durch die Trümmerfelder, die erst langsam einem Weideraufbau weichen mitten in einer Zeit großer Not und Hungers, einen kleinen stummen Junge, den sie mit nach Hause nehmen. Dass Hanno auch eine nackte Leiche gesehen hat, wird er Jahrzehnte verschweigen.

Agnes Dietz nennt den Jungen Joost, und macht ihn zu einem Mitglied der Familie. Als sehr überraschend Im Dezember 1947 ihr Mann Gustav aus der Gefangenschaft zurückkehrt, fällt es ihm erst schwer, seiner Frau zu glauben, dass der Junge nein Findelkind ist und ihn als Familienmitglied zu akzeptieren. Sohn und Vater finden Arbeit bei Blohm und Voss und Mutter eröffnet eine eigene Schneiderei.

In einem zweiten Strang, der in der Uckermark 1945 spielt, wird die Geschichte und die Flucht der Familie Anquist erzählt, und die literarischen Grundlagen eines Geheimnisses werden gelegt, das sich für den Leser erst am Ende auflösen wird.

Dazu ist allerdings ein dritter Strang die Voraussetzung, der in Gegenwartsebene des Romans im Köln des Jahres 1992 spielt. Dort lebt die etwa 40 Jahre alte Lehrerin Anna Meerbaum getrennt von ihrem ehemaligen Mann Thomas. Als der von einem Klienten erzählt, der auf Rückgabe seines Eigentums in der ehemaligen DDR klagt, schlägt er ihr vor, dass sie sich auch um den Gutshof ihres Großvaters in der Uckermark kümmern soll.

Anna ist war nicht geldgierig, aber Thomas Idee legt die Lunte an eine Schnur, die zu ungewöhnlichen Eruptionen in ihrem Leben führen wird. Nachdem sie einmal dort hingefahren ist, findet sie Spuren ihrer eigenen Geschichte und die ihrer Mutter, mit der sie schon lange im Streit lebt. Und sie lernt Joost Dietz kennen, einen Architekten, der mit Restaurierungen von großen Gebäuden befasst ist ….

Spannend geschrieben wie ein Krimi geht es in diesem Buch um deutsche Vergangenheit und um die schmerzliche Suche einer Frau nach der Wahrheit, eine Frau, die erkennen muss, dass ein Verbrechen auf schicksalhafte Weise mit der Geschichte ihrer Familie verbunden ist.

Ein sehr gelungener Roman.








Veröffentlicht am 15.01.2018

Lukas Hartmanns Romane sind literarische Meisterstücke vom Feinsten.

Ein passender Mieter
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Lukas Hartmann, Ein passender Mieter, Diogenes 2017, ISBN 978-3-257-24401-4

Liest man die Beschreibung dieses neuen Roman des Schweizers Lukas Hartmann, erwartet man vielleicht einen Krimi. Doch dazu ...

Lukas Hartmann, Ein passender Mieter, Diogenes 2017, ISBN 978-3-257-24401-4

Liest man die Beschreibung dieses neuen Roman des Schweizers Lukas Hartmann, erwartet man vielleicht einen Krimi. Doch dazu ist die Handlung zu offensichtlich. Es geht Hartmann vielmehr darum, das psychologisch raffinierte Porträt einer Familie und jener Kräfte, die sie zusammenhalten und auseinandertreiben.

Da ist der Geschichtsprofessor Gerhard Sandmaier, der außer seinen Büchern wenig wahrnimmt und seine Frau Margret, die von ihrem Teilzeitjob in einer Buchhandlung und den Deutschstunden, die sie für Flüchtlingskinder gibt, nicht recht ausgefüllt ist. Sie haben einen Sohn. Zunächst hat er sich in der Medizin versucht, dieses Studium dann abgebrochen und sich für die Theologie entschieden, eher eine Kopf- als eine Herzentscheidung. Seine Eltern reagieren darauf mit Unverständnis.
Als er dann auch noch aus einen vor Jahren extra für ihn gebauten Anbau auszieht und seine neue Heimat in einer WG findet, steht seine Wohnung leer.

Insbesondere Margret forciert deren Vermietung, während Gerhard Sandmaier eher skeptisch ist. Man brauche doch das Geld gar nicht meint er. Penibel und mit großer Akribie suchen sie einen passender Mieter. Aus einer großen Zahl von Interessenten entscheiden sie sich unter der strengen Federführung von Margret für den Fahrradmechaniker Beat, ein Mann der ihren Sohn in vielen ähnlich ist.

Der junge Mann lebt zurückgezogen, ist höflich aber sonst sehr distanziert und verweigert sich der Fürsorge von Margret. Als bald nach seinem Einzug sich die Schlagzeilen häufen über einen Messerstecher, der in der Stadt sein Unwesen treibt, da wächst langsam in Margret ein schlimmer Verdacht.

Geschickt wechselt Lukas Hartmann die Perspektiven, schreibt aus den verschiedenen Blickwinkel seiner Personen und schildert insbesondere nach dem Schock, als Beat tatsächlich verhaftet wird, wie die schon immer brüchige Familie zusammenbricht und Margret völlig aus der Sour gerät.
Dass das nicht nur mit dem passenden Mieter zusammenhängt, hat Hartmann von Beginn des Buches an immer wieder angedeutet und beschreibt es gegen Ende zu meisterhaft.

Lukas Hartmanns Romane sind literarische Meisterstücke vom Feinsten.







Veröffentlicht am 12.01.2018

Ein Buch, das einen zutiefst demokratischen Impetus hat, weil es Menschen beteiligen will an komplexen Fragestellungen, vor denen viele schon lange kapituliert haben

Reframe it!
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Andre und Gieri Hinnen, Reframe it. 42 Werkzeuge und ein Modell, Murmann 2017, ISBN 978-3-86774-573-4

„Die Komplexität unserer Umwelt steigt ins Unermessliche – wenn nicht gar ins Unerträgliche. Und der ...

Andre und Gieri Hinnen, Reframe it. 42 Werkzeuge und ein Modell, Murmann 2017, ISBN 978-3-86774-573-4

„Die Komplexität unserer Umwelt steigt ins Unermessliche – wenn nicht gar ins Unerträgliche. Und der unaufhörliche Informations-Tsunami weckt in vielen von uns den Wunsch nach Überschaubarkeit und beschleunigte Informationsaufnahme.“ (aus dem Vorwort)

Weil Komplexität uns überfordert, greifen wir in der Regel zum Mittel der Vereinfachung. Doch, so warnen die beiden Brüder Hinnen in ihrem hier vorliegenden Buch, die Vereinfachung bietet keine wirkliche Lösung des Komplexitätsproblems, ist sogar gefährlich. Vereinfachungen führen zu falschen Rückschlüssen, der Illusion von Sicherheit und Realitätsferne. Überall kann man diese Vereinfachungsversuche beobachten. Twittern etwa, die Reduktion eines Inhalt auf 140 Zeichen, die Formulierung von anspruchsvollen Unternehmensstrategien auf eingängige Ein-Satz-Visionen oder Wahlprogramme mit einfachen Hetzparolen.

Überall merken wir die Folgen: Forschungsergebnisse werden ignoriert, Unternehmensstrategien landen im Sand, in der Politik häufen sich die Fehlentscheidungen und überall: Fake News.

Die Brüder Andri und Gieri Hinnen präsentieren in ihrem vorliegenden Buch „Reframe it!“ eine andere Methode, um komplexe Sachverhalte verständlicher zu machen. Sie werden nicht vereinfacht, sondern sozusagen umgestaltet und neu „gerahmt“.

Diese neue Darstellungsform eröffnet die Möglichkeit, einen bestimmten Sachverhalt aus einer anderen Perspektive zu betrachten, ihn müheloser zu verstehen und zu verinnerlichen. Und es dann auch an andere zu kommunizieren, die es so besser verstehen können.

An insgesamt 42 Beispielen mit Tools, farbigen Illustrationen und entsprechenden teilwiese irrwitzigen Fallbeispielen wird nachvollziehbar verdeutlich und illustriert, wie Reframing funktioniert.

Ein hilfreiches Buch für alle Berater, Manager, Unternehmer, Wissenschaftler und andere Storyteller. Ein Buch, das einen zutiefst demokratischen Impetus hat, weil es Menschen beteiligen will an komplexen Fragestellungen, vor denen viele schon lange kapituliert haben. Es könnte auch Politikern helfen, der Versuchung zur schnellen Vereinfachung zu widerstehen und so den Populisten das Wasser abgraben.




Veröffentlicht am 12.01.2018

Erinnerungen sind nicht nur eine Anhäufung von Wissen und Einzelheiten unserer Autobiographie, sondern der Stoff, aus dem unsere Identität geschnitzt ist. Anders gesagt: Wir Menschen sind unser Gedächtnis - und unser Gedächtnis sind wir.

Wir sind Gedächtnis
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Martin Korte, Wir sind Gedächtnis. Wie unsere Erinnerungen bestimmen, wer wir sind, DVA 2017, ISBN 978-3-421-04435-8


Martin Korte ist Professor der Biologie an der TU Braunschweig beschreibt in dem vorliegenden ...

Martin Korte, Wir sind Gedächtnis. Wie unsere Erinnerungen bestimmen, wer wir sind, DVA 2017, ISBN 978-3-421-04435-8


Martin Korte ist Professor der Biologie an der TU Braunschweig beschreibt in dem vorliegenden Buch legt „Wir sind Gedächtnis – Wie unsere Erinnerungen bestimmen, wer wir sind“ neueste Erkenntnisse zu den Abläufen und Prozessen des Denkens und Erinnerns und stellt die These auf, das es unsere Erinnerungen sind, die bestimmen, wer wir sind.

Martin Korte nimmt den Leser, der sich auf eine anspruchsvolle Lektüre einstellen sollte, mit auf eine Reise durch die Welt in unserem Kopf. Sie beginnt bei unserem autobiographischen Gedächtnis und zeigt, dass Erinnerungen bei jedem Abruf neu konstruiert werden. Über die unbewussten Seiten des Gedächtnisses, zu denen Routinen und Intuitionen gehören, führt sie zu den Arbeitsweisen der Neuronen bis hin zu den Rollen, die der Schlaf und das Vergessen für unsere Gedächtnisprozesse spielen.

Martin Kortes These ist: Erinnerungen sind nicht nur eine Anhäufung von Wissen und Einzelheiten unserer Autobiographie, sondern der Stoff, aus dem unsere Identität geschnitzt ist. Anders gesagt: Wir Menschen sind unser Gedächtnis - und unser Gedächtnis sind wir.

Veröffentlicht am 09.01.2018

Ein tiefgründiges Buch von großer Erzählkraft.

Ein Berg in Tibet
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Colin Thubron, Ein Berg in Tibet. Zu Fuss durch den Himalaya zum Heiligen Berg Kailash, Dumont Reiseverlag 2017, ISBN 978-3-7701-8288-5

Colin Thubron ist ein preisgekrönter britischer Reiseschriftsteller. ...

Colin Thubron, Ein Berg in Tibet. Zu Fuss durch den Himalaya zum Heiligen Berg Kailash, Dumont Reiseverlag 2017, ISBN 978-3-7701-8288-5

Colin Thubron ist ein preisgekrönter britischer Reiseschriftsteller. Seine literarischen Reisereportagen machten ihn schon früh über die Landesgrenzen auch international bekannt. Zuerst erschien das vorliegende Buch im Jahr 2011 und wird nun 2017 in einer zweiten überarbeiteten deutschen Auflage veröffentlicht. 1939 geboren, war Thurbon schon damals ein alter, weiser und welterfahrener Mann, welterfahren.

Nachdem seine Mutter gestorben ist, macht er sich auf den Weg nach Tibet. Es wird eine mühe volle Fußreise von Nepal über die tibetischen Pässe zu den magischen Seen unter dem heiligen Kailash, dem heiligsten Berg der Tibeter, der bis heute unbestiegen ist. Dort mischt er sich unter die Pilger und nimmt an der rituellen Umrundung des Berges teil. Er spricht mit den Bergführern, mit Bewohnern abgelegener Dörfer, mit Mönchen in verfallenden Klöstern und bringt uns so die Seele der Tibeter näher. Die Umrundung der Seen lässt ihn sein eigenes Leben neu betrachten.

Ein tiefgründiges Buch von großer Erzählkraft.