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WinfriedStanzick

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 16.11.2017

Ein kluges und sehr berührendes Buch. Ich bin auf das nächste Buch von Sandra Hoffmann sehr gespannt.

Paula
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Sandra Hoffmann, Paula, Hanser Berlin 2017, ISBN 978-3-446-25682-8

In ihrem letzten vor fünf Jahren erschienenen Roman „Was ihm fehlen wird, wenn er tot ist“ erzählte die Schriftstellerin Sandra Hoffmann ...

Sandra Hoffmann, Paula, Hanser Berlin 2017, ISBN 978-3-446-25682-8

In ihrem letzten vor fünf Jahren erschienenen Roman „Was ihm fehlen wird, wenn er tot ist“ erzählte die Schriftstellerin Sandra Hoffmann die sehr einfühlsame Geschichte einer Lebensbilanz und einer große Liebe. Die Geschichte eines Lebens voller Bewahrung und voller schmerzhafter Verluste. Und es war eine stille Hommage an die unzähligen unbekannten Menschen, die in den Hospizen und Heimen dieses Landes sterbende Frauen und Männer begleiten, indem sie ihnen zuhören, ihre Hand halten und es aushalten, sonst nichts mehr tun zu können. Jedes Leben ist wertvoll, und es ist wert erzählt zu werden, das war die leise Botschaft dieses zärtlichen Buches, das, wie sich nun im zweiten bisher leider von der Kritik wenig beachteten Roman „Paula“ herausstellt, ebenso biographische Bezüge besitzt wie „Paula“ selbst.

Als die Großmutter gestorben ist, sitzt die Erzählerin vor einer Kiste voller Bilder, die sich ihr nicht öffnen. Denn was kann man von einem Leben erinnern, was kann einem bleiben von einem Menschen, der sich sein ganzes Leben lang dem Schweigen verschrieben hatte?

1997 ist sie gestorben ist Paula mit 82 Jahren gestorben. Nun fast zwei Jahrzehnte danach macht sich Sandra Hoffman auf eine schmerzhafte aber schlussendlich heilsame Spurensuche. Sie ist "Gast und die Fremde zugleich" in ihrer eigenen Geschichte, die dadurch geprägt ist, dass sie ebenso wie die Großmutter immer an ihre Rollen scheiterte.

"Sie hat ihr ganzes Leben, alle ihre Geheimisse, aber auch alle ihre Nöte mit ins Grab genommen." Die Autorin, selbst aufgewachsen in einem freudlosen und vom Schweigen dominierten Elternhaus, überschattet von einem dunklen Geheimnis, will mit ihrer Spurensuche dem Leben der geliebten und gehassten Großmutter genauso eine Geschichte geben wie das eigene auf eine neue Spur zu setzen.

Sandra Hoffmann erzählt eindrucksvoll und voller Brüche von ihrer tastenden Suche nach einem Glück, das es auch im Leben der Großmutter einmal gegeben haben muss. Indem sie eine über das Schicksal der ehemaligen Reinemachefrau hinausreichende Biografie entwirft, schreibt sie auch ihr eigenes Leben neu und gibt ihm neuen Grund.

Was mich sehr berührt hat, ist eine große Liebeserklärung an den Ehemann der Autorin. Mit ihm, schreibt sie, sei "alles besser, nur weil wir uns haben, auch wenn wir gerade kilometerweit voneinander entfernt sind".
Ein kluges und sehr berührendes Buch. Ich bin auf das nächste Buch von Sandra Hoffmann sehr gespannt.







Veröffentlicht am 16.11.2017

Sein Buch jedenfalls ist eine in einen Krimi gehüllte Kritik der gesellschaftlichen Verhältnisse in seinem geliebten Heimatland.

Offshore
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Petros Markaris, Offshore. Ein Fall für Kostas Charitos, Diogenes 2017, ISBN 978-3-257-07003-3

In allen seinen bisherigen Romanen der letzten Jahre hat sich der griechische Schriftsteller Petros Markaris ...

Petros Markaris, Offshore. Ein Fall für Kostas Charitos, Diogenes 2017, ISBN 978-3-257-07003-3

In allen seinen bisherigen Romanen der letzten Jahre hat sich der griechische Schriftsteller Petros Markaris mit seinem Kommissar Kostas Charitos, seiner Familie und seinen Kollegen und Bekannten als ein kritischer und Chronist der griechischen Verhältnisse gezeigt. Insbesondere seine Trilogie zur Finanzkrise mit den Bänden „Faule Kredite“, „Zahltag“ und „Abrechnung“ hat seinen Landsleuten schonungslos den Spiegel vorgehalten, aber auch den Lesern in Deutschland etwa eine ganz andere Sicht der tatsächlichen Lebensverhältnisse in Griechenland unter der Krise und der Knute der EU vermittelt.

Markaris nutzt mit Kriminalromamen ein literarisches Genre, um die gesellschaftlichen und politischen Zustände und Veränderungen der griechischen Gesellschaft im Zuge der Globalisierung zu analysieren und zu beschreiben. Er unterhält nicht nur, sondern macht nachdenklich.

In seinem neuen hier vorliegenden Buch „Offshore“ hat er eine neue Regierung erfunden, unter der es in Griechenland wieder aufwärts geht, auch weil diese Regierung ideale Bedingungen geschaffen hat für ausländische Investitionen. Die Menschen können sich wieder etwas leisten und so geht auch Charitos wieder öfter essen und hat sein altes Auto auch wieder angemeldet. Seine Frau Adriani hingegen ist weiter skeptisch und traut der Lage nicht. Niemand denkt wirklich darüber nach, wo das so leicht verfügbare Geld eigentlich herkommt.

Dass der Mord an einem Reeder und dann auch ich an einem Regierungsbeamten, mit denen er im neuen Fall befasst ist, mit dieser neuen Entwicklung im Zusammenhang stehen könnten, das wird Charitos und dem gebannten Leser erst im Laufe der Zeit klar. Dass sein alter Widerpart auf der Seite der Journalisten, Sotiropoulos, im Laufe der Handlung brutal erschossen wird, macht nicht nur den Kommissar, sondern auch den Leser betroffen, der sich über viele Romane an diesen knorrigen und aufrechten Journalisten gewöhnt hatte. Sein Tod will mit wie ein Abgesang auf den kritischen Journalismus in Griechenland scheinen.

Es ist eine erfundene Situation, zugegeben, aber es könnte sein, dass diese Vision von Markaris bald schon zur harten Wahrheit in den Ländern Südeuropas werden könnte.

Sein Buch jedenfalls ist eine in einen Krimi gehüllte Kritik der gesellschaftlichen Verhältnisse in seinem geliebten Heimatland.


Veröffentlicht am 16.11.2017

an Seghers zählt mit seinen durchrecherchierten und literarisch anspruchsvollen Politikthrillern zu den besten deutschsprachigen Autoren.

Menschenfischer
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Jan Seghers, Menschenfischer, Kindler Verlag 2017, ISBN 978-3-463-40670-1

In seinem neuen sechsten Fall lässt Jan Seghers alias Matthias Altenburg seinen sympathischen Frankfurter Kommissar Robert Marthaler ...

Jan Seghers, Menschenfischer, Kindler Verlag 2017, ISBN 978-3-463-40670-1

In seinem neuen sechsten Fall lässt Jan Seghers alias Matthias Altenburg seinen sympathischen Frankfurter Kommissar Robert Marthaler einem alten, einem sogenannten „kalten Fall“ nachspüren.
Ein Mord an einem Jungen im Jahr 1998 erschütterte damals das ganze Rhein-Main-Gebiet. Der Mord an Tobias Brüning (Seghers hat sich hier wie so oft einen tatsächlichen Fall als Beispiel genommen wie er im Nachwort schreibt), dem die Kehle durchgeschnitten, Fleisch aus dem Oberschenkel genommen und die Hoden abgetrennt wurden, löste damals eine der größten Ermittlungsaktionen der Nachkriegsgeschichte aus. Doch der Täter wurde nie gefasst.

Marthalers alter Kollege Rudi Ferres hatte sich damals in beispielloser Aktivität mit den Ermittlungen befasst und nie aufgegeben, auch nachdem er sich in den Ruhestand nach Frankreich verabschiedete. Als nun Marthaler 2013 einen Anruf von jenem Rudi Ferres bekommt, der Fall sie wieder heiß. Angeblich seien neue Spuren aufgetaucht. Er solle sofort nach Frankreich kommen. Marthaler beißt an, obwohl ein Terroranschlag in Frankfurt alle in Atem hält und bekommt von seiner Chefin Charlotte von Wangenheim die Erlaubnis einige Tage Urlaub zu nehmen.

Marthaler nimmt die Akten an sich und kehrt angefixt von dem Fall nach Deutschland zurück, wo sich in der Nähe der Loreley bald eine neue Spur auftut. Dort sind zwei Roma-Jungen spurlos verschwunden. Eine schillernde Kommissarin namens Kizzy Winterstein ist dort mit den Ermittlungen beauftragt. Sie hat sowohl Romni als auch jüdische Wurzeln, weil beide Eltern als Babys das KZ überlebten. Eine literarische Figur, wie sie nur Jan Seghers erfinden kann.
Schon bald kommen Marthaler und Kizzy im Rahmen der Ermittlungen, die immer mehr Ähnlichkeiten zu dem Fall Brüning aufweisen, einander nicht nur dienstlich näher und es steht zu erwarten, dass Seghers mit Kizzy seinem tragischen Helden eine neue Gefährtin zugewiesen hat, die ihn seine unglückliche Beziehung zu Tereza aus den letzten Bänden vergessen lässt.

Das Buch ist extrem spannend aufgebaut, wartet bis zum Ende immer wieder mit überraschenden Wendungen auf. Jan Seghers zählt mit seinen durchrecherchierten und literarisch anspruchsvollen Politikthrillern zu den besten deutschsprachigen Autoren.

Weil er extrem hart und akribisch an seinen jeweiligen Büchern arbeitet, wird man nun leider wieder etwa drei Jahre auf den nächsten Band (dann wahrscheinlich wieder mit Kizzy Winterstein) warten müssen. Einen treuen Fan stört das nicht.

Veröffentlicht am 16.11.2017

Unsere Außenpolitik scheint relativ hilflos angesichts dieser Diagnose. Ein hochexplosiver Zustand, der uns auch ohne Flüchtlinge noch Jahrzehnte in Atem halten wird.

Tödlich Naher Osten
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Ulrich Kienzle, Tödlich Naher Osten. Eine Orientierung für das orientalische Chaos, sagas. Edition 2017, ISBN 978-3-9446601-2-7

Jeder aufgeklärte Zeitgenosse weiß es eigentlich seit Jahrzehnten. Der Nahe ...

Ulrich Kienzle, Tödlich Naher Osten. Eine Orientierung für das orientalische Chaos, sagas. Edition 2017, ISBN 978-3-9446601-2-7

Jeder aufgeklärte Zeitgenosse weiß es eigentlich seit Jahrzehnten. Der Nahe Osten ist ein Pulverfass, das irgendwann die Welt in Brand setzen wird. Journalisten wie Ulrich Kienzle und ganz unterschiedliche Wissenschaftlicher wie etwa Dan Diner („Versiegelte Zeit“) haben in Artikeln und Büchern seit langer Zeit immer wieder darauf hingewiesen. Unzählige Friedensinitiativen zwischen Israel und den Palästinensern sind fehlgeschlagen, die schwierige Situation hat sich immer weiter zugespitzt.


Nun ist seit Beginn des Syrienkrieges und dem immer erbitterteren Bruderkrieg zwischen Sunniten (Saudi-Arabien) und Schiiten (Iran) mit seinen zahlreichen Stellvertreterkriegen (z.B. Jemen) die Situation nicht nur dort noch explosiver geworden. Nicht nur durch die unzähligen Flüchtlinge, die sich von dort auf den Weg nach Europa machen, sind wir in Westeuropa und spezielle in Deutschland ganz nah dran an dem „tödlich Nahen Osten“.

Ulrich Kienzles neues Buch versucht auf eine ganz besondere Weise so etwas wie „Orientierung für das orientalische Chaos“ zu schaffen für den deutschen Leser, der Kienzle aus seiner jahrelangen Fernsehsendungen noch kennt und schätzt.

Aus jedem Land des Nahen Ostens, das er aktuell beschreibt, stellt er in kurzen Gesprächen einen Menschen vor, der zur Zeit in Deutschland lebt, weil er dort bedroht war oder aus anderen Gründen fliehen musste. So gibt er seinen aufschlussreichen Geschichten authentische Gesichter und bricht die große Politik auf eine private Ebene herunter. Doch er blickt auch zurück in die Geschichte, berichtet von seiner Zeit als Nahost Korrespondent – und von seinen aktuellen Reisen.

Anhand der elf persönlichen Geschichten erklärt anhand von elf Ländern und Regionen des Nahen Ostens die wesentlichen Zusammenhänge der Konflikte zwischen Religion und Terror, Ost und West, Staaten und Ethnien.

Das Buch ist aufschlussreich, vermag aber so wie andere auch keine wirkliche Hoffnung vermitteln, dass sich an diesem Chaos im Orient in absehbarer zweit irgendetwas ändert, einfach deshalb, weil es keine gibt.

Unsere Außenpolitik scheint relativ hilflos angesichts dieser Diagnose. Ein hochexplosiver Zustand, der uns auch ohne Flüchtlinge noch Jahrzehnte in Atem halten wird.


Veröffentlicht am 16.11.2017

Ein wunderschönes poetisches Bilderbuch.

Wenn die Nacht erwacht
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Louise Greig, Ashling Lindsay, Wenn die Nacht erwacht, Gerstenberg 2017, ISBN 978-3-8369-5958-2

Der Übergang vom Tag zur Nacht hat schon immer Menschen zum staunenden Nachdenken und zu poetischen Beschreibungen ...

Louise Greig, Ashling Lindsay, Wenn die Nacht erwacht, Gerstenberg 2017, ISBN 978-3-8369-5958-2

Der Übergang vom Tag zur Nacht hat schon immer Menschen zum staunenden Nachdenken und zu poetischen Beschreibungen geführt. Das vorliegende zuerst 2016 in London erschienene Bilderbuch von Louise Greig und Ashling Lindsay versucht dieses Staunen und diese geheimnisvollen Stimmung, „wenn die Nacht erwacht, für kleine Kinder ab etwa 3 Jahren in Wort und Bild lebendig zu machen.

In sparsamen und dennoch sehr dichten Worten erzählt das Bilderbuch, wie der kleine Max dieses Geschehen in der Wohnung seiner Eltern, draußen vor dem Fenster und in seinem Zimmer beobachtet.
Wohin geht der Tag, wenn er müde ist? Und woher kommt die Nacht? Max hat eine Nachtkiste in seinem Zimmer, und wenn die Nacht abends munter wie ein Schelm aus der Kiste heraussaust, begrüßt sie Max freundlich. Und mit diesem Zutrauen kann er ruhig schlafen in seinem warmen Bett.
Und am Morgen ist es umgekehrt. Die Nacht schlüpft in die von Max geöffnete Kiste und der Tag saust heraus:
„Der Tag atmet in die Blätter,
Stille fliegt aus den Bäumen,
Gelb steigt aus den Dächern
Und ein neuen Lied beginnt.“

Ein wunderschönes poetisches Bilderbuch.