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Veröffentlicht am 30.03.2022

Geboren um zu Flüchten

Freitag ist ein guter Tag zum Flüchten
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Wie das Unfassbare in Worte fassen, wenn wiederkehrende Albträume und die Angst vor tiefen Gewässern immer noch präsent sind? Elyas Jamalzadeh gelingt mit seinem Freund und Co-Autor Andreas Hepp in einer ...

Wie das Unfassbare in Worte fassen, wenn wiederkehrende Albträume und die Angst vor tiefen Gewässern immer noch präsent sind? Elyas Jamalzadeh gelingt mit seinem Freund und Co-Autor Andreas Hepp in einer frischen, modern-jugendlichen Sprache, die zwischen Tragik und Situationskomik changiert, in „Freitag ist ein guter Tag zum Flüchten“ genau das: Gemeinsam erzählen sie die schmerzhaften und unglaublichen Fluchtepisoden von Elyas so direkt, authentisch und unmittelbar-ungeschönt, dass sie spür- und erlebbar sowie durchaus unterhaltsam jedem Leser ins gemütliche Wohnzimmer transportiert werden, während Menschen auf dem Mittelmeer um ihr Überleben kämpfen. Dabei sticht vor allem die lakonische Selbstironie von Elyas hervor, mit der er die schlimmsten Situationen schwarzhumorig beschreibt und die Leser auch direkt anspricht und miteinbezieht – diesen könnte manchmal das Lachen zwar im Halse steckenbleiben, doch am Ende siegt der unbeschreibliche mutmachende Lebenswille und zielstrebige Tatendrang von Elyas.

Die Familie Jamalzadeh lernt bereits in ihrem Heimatland Afghanistan die todbringenden Schrecken des Taliban-Terrors kennen und muss in den Iran flüchten, nachdem ihr Haus in die Luft gesprengt und eine Tochter entführt wurde. Dort kommt Elyas zur Welt und muss sich als illegaler Geflüchteter ohne Papiere bereits in sehr jungen Jahren ohne Schulbildung durchs Leben kämpfen und den Unterhalt seiner Familie mit illegalen Mitteln bestreiten, nachdem seine Brüder schon geflohen sind. Doch dann gerät er in Abschiebehaft in einem Gefängnis, das der Hölle gleicht. Er kann zwar freikommen, doch gemeinsam mit seinen Eltern beschließt Elyas über die lebensgefährliche Mittelmeer-Route nach Griechenland und über Land nach Österreich zu fliehen – eine menschenverachtende Tortur voller 'Games' (Fluchtversuche über die Grenze), Rückschlägen und korrupten Schleppern nimmt seinen Lauf, bei denen Elyas nicht nur in eigener, sonder auch in Todesangst um seine gebrechlichen Eltern schwebt.

In Österreich angekommen, durchlebt die Familie ein turbulentes Auf und Ab in Flüchtlingsheimen, aber auch unglaubliche Hilfsbereitschaft in Goisern – dort wird Elyas seine große Liebe und eine Schulbildung finden. Doch das Glück währt nicht lange und Interpol steht vor der Tür, um die Familie sicherheitsbedingt wieder umzusiedeln: Der Terror verfolgt sie bis in die neue Heimat. Und Elyas erhält zudem noch die schreckliche Diagnose eines Hirntumors. Doch er lässt sich nicht unterkriegen und geht seinen Weg in die Hoffnung – Elyas wird heiraten und in Eferding eine Lehrstelle zum Friseur erhalten.

In einem kreativen und eigenwilligen Sprach-Spiel mit Reimen, Quizfragen, Gedichtszeilen, ungewöhnlichen Überschriften und der direkten Ansprache des Lesers ist es Andreas und Elyas gelungen, nicht nur eine individuelle und persönliche Lebens- und Fluchtgeschichte bewegend und aufschlussreich zu vermitteln, sondern ein universelles und eindringliches Narrativ über die Lebenslinien von Geflüchteten zu schreiben und was jeder Einzelne gesellschaftlich zu deren Integration leisten kann. Die Lektüre ist vom frech-facettenreichen Erzähl-Stil vorzugsweise an Jugendliche gerichtet, doch auch jeder erwachsene Leser wird nicht unberührt diese Geschichte, die auch viele Kindheits- und Jugenderinnerungen aus anderen Kulturen sehr szenisch, anekdotenhaft und dicht schildert, weglegen und weiter darüber nachdenken, wie privilegiert wir Menschen sind, die nicht geboren wurden, um zu flüchten. Eine lesenswerte und packende Romanbiografie, bei der man zwischen Lachen und Weinen stark und nachhallend mitfühlt. Und bei der ein Teil der Erlöse Geflüchteten zugute kommt!

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Veröffentlicht am 28.03.2022

Politisch brisante Irrwege

Die Diplomatin
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Lucy Frickes neuer Roman „Die Diplomatin“ taucht im modern-rasanten Ton tief in die diplomatischen Gefilde ein und zeigt eine authentische und tiefenscharf gezeichnete Botschafterin, die ambitioniert um ...

Lucy Frickes neuer Roman „Die Diplomatin“ taucht im modern-rasanten Ton tief in die diplomatischen Gefilde ein und zeigt eine authentische und tiefenscharf gezeichnete Botschafterin, die ambitioniert um ihre Ideale an die Diplomatie und Freiheit kämpft – am Ende auch mit ungewöhnlichen Mitteln.

Diplomatin Friederike Andermann, genannt Fred, hat 20 Jahre lang ihre berufliche Laufbahn im Auswärtigen Amt vorangetrieben, um mit Ende Vierzig endlich eine Position als Botschafterin zu erhalten. Doch in Montevideo/Uruguay ticken die Uhren noch anders und Fred ist mehr mit Event-Management als mit relevanten Aufgaben beschäftigt. Als die Tochter einer sehr einflussreichen deutschen Verlegerin in Uruguay verschwindet, nimmt Fred das Anliegen weniger ernst und hält strikt bürokratische Abläufe ein. Ein Fehler, wie sich später herausstellt und Fred wird als Konsulin nach Istanbul versetzt, wo sie ganz andere Seiten an sich entdeckt.

Dort kommt sie bei den autoritären Strukturen und politischen Machenschaften samt bilateralen Verknüpfungen an die Grenzen ihres Glaubens und setzt sich für die Freilassung einer inhaftierten Kuratorin kurdischer Abstammung samt ihres aus Deutschland angereisten Sohnes ein. Da diplomatische Absprachen nicht gehalten werden und der offene Dialog nicht stattfinden kann, beschließt Fred, die Dinge auf anderen Wegen in die Hand zu nehmen und ein sehr spannend-unterhaltsamer Polit-Krimi nimmt seinen brisanten Lauf mit vielen Verstrickungen und Wendungen. Und auch Freds private Angelegenheiten werden feinfühlig-humorvoll angesprochen: Eine männderdominierte Berufswelt, eine fehlende Familie samt einem Mann, der alle vier Jahre in ein anderes Land folgt sowie eine komplizierte Kindheit und verkappte Gefühle.

Im typisch brillant-trockenen und treffsicheren Fricke-Ton hat die Autorin einen höchst aktuellen und politischen Roman entworfen, dem sie mit ihrer präzisen und langen Recherche in der Diplomatenszene eine detaillierte, reale und dichte Atmosphäre einhaucht. Zudem sitzen die knappen Dialoge auf den Punkt und changieren zwischen Lakonie, schwarzem Humor und sehr kluger Beobachtung der verschiedenen Ebenen in der Diplomatie. Der Roman beginnt nonchalant in Montevideo und entwickelt sich in Istanbul zu einem nervenaufreibenden, bedrohlichen und soghaften Plot, der sehr realitätsnah die gesellschaftlichen Schrecken in der Türkei und aufrüttelnd die Grenzen der Diplomatie aufzeigt. Und doch verliert die Autorin in ihren verdichteten, klaren und pointierten Sätzen dabei nie ihren Hang zur Ironie und Lebensweisheit.

Ein sehr lesenswerter, hochaktueller Roman über eine Diplomatin zwischen Ernüchterung, Hilflosigkeit und Vorwärtsgehen sowie beruflichen und privaten Problemen.

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Veröffentlicht am 14.03.2022

Reich des Konsums

Die Kinder sind Könige
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Die erfolgreiche und feinsinnige Autorin Delphine de Vigan bleibt ihren gesellschaftskritischen Themen treu und behandelt diesmal die gefährliche und übertriebene Zurschaustellung von Kindern im Internet ...

Die erfolgreiche und feinsinnige Autorin Delphine de Vigan bleibt ihren gesellschaftskritischen Themen treu und behandelt diesmal die gefährliche und übertriebene Zurschaustellung von Kindern im Internet – einziges Ziel dieser Influencer-Eltern sind Geld, Klicks und Konsum, auch wenn darunter das eigene Familienleben in Mitleidenschaft gezogen wird.

Mutter Mélanie Claux war früher fasziniert von Reality-TV-Shows und Fan von Loana, die durch diese Programme und besonders durch Loft Story berühmt wurde. Doch der eigene Erfolg in diesem Genre war Mélanie nicht vergönnt und so muss ihre eigene Tochter Kimmy herhalten, die zusammen mit ihrem Bruder mittlerweile zum Star des Instagram- und Youtube-Kanals Happy Récré mit unzähligen Werbeverträgen geworden ist. Alles was die Kinderkönige in ihrem eigentlich privaten Reich machen, wird online inszeniert, verkauft und zur Schau gestellt – eine Privatsphäre ist nicht mehr vorhanden, denn Millionen von Fans wollen mit ihrer Sucht nach Bildern bedient werden. Kimmy wird zunehmend abweisender und genervter von diesen vielen Inszenierungen – und dann wird sie bei einem Versteckspiel entführt, was zur Haupthandlung dieses brisant-spannenden Romans wird.

In abwechselnden Passagen verknüpft Vigan brillant und gekonnt protokollartig die nüchtern-akribische Ermittlungsarbeit der engagierten Kriminal-Polizistin Clara mit der psychologisch-soziologischen Innenschau in die Familie, bei der die Leere des eigenen Lebens durch die suchtartige Faszination der ständigen Online-Exposition der Kinder kompensiert wird. Wie mit einem Schlag ins Gesicht, aber ohne belehrend oder wertend zu sein, erschafft die Autorin ein gesellschaftskritisches Zeitbild unseres Konsumverhaltens und über den Umgang mit Influencer-Kinderkönigen im Netz. Sensibel, intensiv und präzise sprengt sie literarische Genres, um fast dokumentarisch-wissenschaftlich den Finger in die Wunde eines hochaktuellen Themas zu legen.

Wie wirkt sich der Drang nach dem eigenen Leben in der Virtualität samt Dopamin-Sucht mit jedem Klick und Like auf unser Leben und das unserer Kinder aus? Warum brauchen wir den Blick und Kommentar des anderen im Netz, während unser wirkliches Leben in der Langeweile versinkt? Ein direkter, kraftvoller und flüssig-tiefgründig geschriebener Roman mit scharfen Beobachtungen über die Konsequenzen und Folgen dieser zur Schau gestellten Kinder und deren gestohlenen Leben, der zum weiteren Nachdenken anregt und auch medienrechtliche Themen versiert recherchiert integriert. Außergewöhnlich auch das Ende, in dem die Autorin ins Jahr 2031 und auf die erwachsenen Kinderstars blickt und ein bewegendes Fazit zieht.

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Veröffentlicht am 13.03.2022

Schichten eines Lebens

Geschichte einer großen Liebe
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Auch in ihrem neuen Roman „Geschichte einer großen Liebe“ bleibt die italienische Schriftstellerin Susanna Tamaro ihrem unverwechselbaren Stil treu, in dem sie existenzielle Lebensfragen feinsinnig, melancholisch ...

Auch in ihrem neuen Roman „Geschichte einer großen Liebe“ bleibt die italienische Schriftstellerin Susanna Tamaro ihrem unverwechselbaren Stil treu, in dem sie existenzielle Lebensfragen feinsinnig, melancholisch und philosophisch betrachtet.

Ich-Erzähler Andrea ist ein zielstrebiger Kapitän auf einer Fähre und hinterfragt gerne tiefsinnig die Dinge in seinem Leben – als er auf die suchende, stürmisch-rebellische Edith trifft, ist es der Anfang einer lebenslangen Verbundenheit und Liebe, die auch mit längeren Trennungen und der Gegensätzlichkeit des Paares zurecht kommt. Klug konstruiert schwenkt die Geschichte zart zwischen der Gegenwart und den vielen Rückblenden im Leben und in den Schicksalen von Andrea und Edith. Dabei steht vor allem Andreas Sichtweise erzählerisch im Vordergrund: Alleine im stillen, einsamen Haus auf einer Mittelmeer-Insel, resümiert Andrea über die gemeinsame Zeit, reflektiert ergreifend über das menschliche Da-Sein und spricht seine Edith direkt an, obwohl sie nicht mehr da ist. Dabei verwebt die Autorin subtil und atmosphärisch die Schauspiele der Natur und das Pflegen des Bienenstocks in die Emotionen und Schichten eines Lebens und baut mit der Frage, was mit Edith passiert ist, einen gekonnten Spannungsbogen.

In kurzen Kapiteln mit prägnant-passenden Überschriften blickt Tamaro kaleidoskopartig nicht nur in die Geschichte einer großen Liebe, sondern in wesentliche Aspekte eines menschlichen Lebens im ständigen Wandel samt familiären Verstrickungen, das vor allem gegen Ende des Buches tieftraurig und doch hoffnungsvoll auch schmerzvolle Themen wie Tod, Verlust, Trauer und Versöhnung aufgreift. Vom Suchen und Finden, Loslassen und Wiedertreffen, Freiheit und Verbundenheit, Geburt und Tod – zärtlich und intensiv zeigt Tamaro die Facetten einer Liebe und eines Lebens in steter Veränderung. Im Wind und Licht auf der Insel findet Andrea aus seiner Hoffnungslosigkeit und Verwirrung heraus, indem er seine Geschichte neu zusammensetzt.

Ein sehr emotionaler, flüssig-geschriebener Roman voller klug-pointierten Reflexionen und schönen Metaphern, die ohne Kitsch auskommen und die faszinierende Welt der Natur auf den Menschen und seine Bindungen spiegelt. In beunruhigenden Zeiten wie diesen ist eine Kur mit Tamaro-Literatur ein kleiner Trost.

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Veröffentlicht am 02.03.2022

Dunkle Seite der Sehnsucht

Blinder Spiegel
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Nach dem Erfolg von „Das perfekte Grau“ ist nun der neue Roman von Salih Jamal im Septime-Verlag erschienen – in „Blinder Spiegel“ schildert Jamal auf nur knapp 150 Seiten eine drastische, tragische und ...

Nach dem Erfolg von „Das perfekte Grau“ ist nun der neue Roman von Salih Jamal im Septime-Verlag erschienen – in „Blinder Spiegel“ schildert Jamal auf nur knapp 150 Seiten eine drastische, tragische und leidenschaftliche Liebesaffäre zwischen Lui und Elle in Paris in fünf präzisen Akten. Samt passendem Soundtrack voller berührender französischer Chansons und traurigen Balladen, die zum Abtauchen in die Stadt der Liebe einladen.

Atmosphärisch, melancholisch und voller Pariser Flair taucht der Leser ein in Luis Welt – er wechselt wie ein Nomade schnell die Städte, ist ein Rastloser und verliert in Paris wie auch im Leben trotz seines Berufs als Fluglotsen oft die Orientierung. Düster und leidenschaftlich ist seine Stimmung, alles schwankt zwischen Freiheit und Sehnsucht, als er auf die schöne Elle trifft – gekleidet in gelbem Mantel und roten Stiefeln mitten in einem eher grau gezeichneten Weltbild. Und während der Leser poetisch und hart der sexuellen Leidenschaft von Elle und Lui folgt, mit ihnen auf den Père Lachaise, in Museen und in Elles vereinsamte Luxuswohnung wandert, schwebt über allem die dunkle Vorahnung, dass die Amour fou nicht gut ausgehen kann. Denn Lui schreibt voller Hoffnungslosigkeit in einer grauen Gefängniszelle seine schmerzvolle Geschichte auf und zögert voller Schmerz mit dem fünften Akt.

Klar, schonungslos und kraftvoll konstruiert Salih Jamal seine Tragödie in fünf kurze Kapitel, in denen er wie gewohnt versiert und verspielt wunderschöne Sätze zum Mehrfachlesen schafft, obwohl der Inhalt teils schwer verdaulich ist. Elle und Lui haben beide traumatische Kindheiten hinter sich, sind seelisch verletzt und suchen voller Begierde aneinander Halt und trotz der Einsamkeit die Freiheit. Ihre schicksalshafte Begegnung und Rastlosigkeit spiegelt Jamal brillant im Geschriebenen wider – bei dem der Leser trotz der Rasantheit und Dringlichkeit das Tempo in Adagio drosseln sollte, um die Lyrik sich vollständig entfalten zu lassen.

Ein berührender, gelungen komponierter Roman voller Gegensätze und einem leicht verstörenden Ende – die fesselnde Tragödie wird von Jamal in all ihrer morbid-melancholischen Schönheit und Traurigkeit stringent, intensiv und zuspitzend zu Ende erzählt. „Blinder Spiegel“ erinnert in seiner Melodie an eine traurig-schöne Ballade über die dunkle Seite der Sehnsucht und regt an, weiter über bestimmte Themen wie beispielsweise der Willensfreiheit zu reflektieren.

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