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Veröffentlicht am 20.01.2022

Im Tal der Könige

Das Geheimnis des blauen Skarabäus
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Cleo (Cleopatra) Vanson wächst in Cornwall in einfachen Verhältnissen bei ihrer Tante Elsie auf, welche die Schwester von Cleos verstorbener Mutter ist. Cleos Vater ist Archäologe und hält sich die meiste ...

Cleo (Cleopatra) Vanson wächst in Cornwall in einfachen Verhältnissen bei ihrer Tante Elsie auf, welche die Schwester von Cleos verstorbener Mutter ist. Cleos Vater ist Archäologe und hält sich die meiste Zeit des Jahres zu Ausgrabungen in Ägypten auf. Seine seltenen Besuche in England und Berichte über seinen Beruf bilden die Höhepunkte im Leben seiner Tochter. Das seltene Geburtstagsgeschenk ihres Vaters, ein silberner Armreif mit einem blauen Skarabäus, ist Cleos grösster Schatz. Tante Elsie verdient sich ihren Lebensunterhalt durch Näharbeiten. Doch ihre Nichte träumt von nichts anderem, als Archäologie zu studieren und ihren Vater auf seinen Ausgrabungen zu begleiten. Aber zu Beginn des 20. Jahrhunderts war es noch kaum üblich, dass Frauen an die Universität gingen. Vor allen Dingen dann nicht, wenn sie über kein eigenes Vermögen verfügten. Tante Elsie nimmt Cleo deswegen zu ihren Kundinnen mit, damit sie den Beruf der Näherin kennenlernt. Als sie ihre Tante in das reiche Herrenhaus der Familie Tredennick begleitet, begegnet sie dort der etwas älteren, verwöhnten Miranda und deren Bruder Angwin, welcher sich ebenfalls für Archäologie interessiert. Trotz des Standesunterschieds freunden sich die beiden Mädchen an. Als Cleos Tante Elsie bei einem Unfall ums Leben kommt, drängt Miranda ihre Familie dazu, die mittellose Cleo bei sich aufzunehmen. Tatsächlich darf sie fortan im Anwesen der Tredennicks leben und wird dort als Näherin eingestellt. Mirandas unermütlichen Interventionen ist es zu verdanken, dass Cleo mit ihr zusammen eine höhere Mädchenschule besuchen und eine gute Schulbildung erhalten darf. Von ihrem Vater hat Cleo seit Jahren nichts gehört und macht sich grosse Sorgen um ihn. Durch grosses Glück und die Beharrlichkeit ihrer Freundin darf Cleo diese, deren Bruder Angwin und dessen Freund Victor auf eine Expedition nach Ägypten begleiten. Der Altertumsforscher Victor ist Cleos Vater offenbar in Ägypten begegnet und weiss, wo er zu finden sein könnte. Als das Quartett im Jahr 1921 Kairo und Luxor bereist, überschlagen sich die Ereignisse. Menschen verschwinden, ein jahrtausendealter Fluch scheint wahr zu werden, Freunde werden zu Feinden und Gegner zu Helfern. Ob Cleo ihren Vater wiederfinden kann oder dieses Abenteuer mit dem eigenen Leben bezahlen muss, wird an dieser Stelle natürlich nicht verraten.

Meine Meinung:
Dieser Roman hat mich sofort in seinen Bann gezogen. Da ich sehr gerne archäologische Abenteuerbücher lese, habe ich «Das Geheimnis des blauen Skarabäus» verschlungen. Die Hauptfiguren sind sehr lebendig und der Zeit gemäss beschrieben, gleiches gilt für die gesellschaftlichen und geschichtlichen Rahmenbedingungen. Das Buch spielt zu einer Zeit, als es viele wohlhabende Engländer nach Ägypten zog, um dort nach Kunstschätzen zu suchen. So ist es nicht verwunderlich, dass Cleo und ihre Freunde auch Howard Carter und seinem Gönner Lord Carnarvon begegnen, welche nach dem Grab des Tutenchamun suchten (und es schliesslich auch entdecken sollten). Die Arroganz vieler Engländer der ägyptischen Bevölkerung gegenüber wird ebenso treffend beschrieben wie das Bemühen einiger wirklicher Forscher, welche die entdeckten Kunstschätze bewahren und Museen zuführen möchten, anstatt sie auf Kunstmärkten für viel Geld zu verkaufen. Das vorliegende Buch ist eine Mischung aus spannendem Abenteuerroman, historischer Erzählung und Krimi, in dem auch Platz für romantische Gefühle und Nachdenkliches ist. Die Entwicklung, welche die sympathische Hauptfigur Cleo im Lauf der Jahre durchmacht, wird einfühlsam und interessant erzählt. Das Buch lebt von seinen bildgewaltigen Beschreibungen der ägyptischen Wüste und der Schätze, welche sich unter ihrem Sand verbergen. Fiktion und wahre Begebenheiten werden dabei glaubhaft miteinander verwoben, sodass sich ein stimmiges Ganzes ergibt.

Fazit:
«Das Geheimnis des blauen Skarabäus» ist ein spannender Roman für Liebhaber von Filmen wie «Die Mumie» oder Agatha Christies «Tod auf dem Nil». Mich hat er sehr gut unterhalten und ich empfehle ihn daher sehr gerne weiter.

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Veröffentlicht am 20.01.2022

Ein Leben für die Kinder

Die Dorflehrerin
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In einer Zeit, als es in Deutschland noch den sogenannte Lehrerinnen-Zölibat gab, tritt die junge Antonie Weber ihre erste Stelle an. Als Waise aufgewachsen und nur durch einen glücklichen Zufall bei dem ...

In einer Zeit, als es in Deutschland noch den sogenannte Lehrerinnen-Zölibat gab, tritt die junge Antonie Weber ihre erste Stelle an. Als Waise aufgewachsen und nur durch einen glücklichen Zufall bei dem «Orden der Englischen Fräulein» in München zur Lehrerin ausgebildet, wird sie im Jahr 1911 von dort ausgeschickt nach Tannau. Dabei handelt es sich um ein hochgelegenes, ärmliches, bayerisches Bergdorf, in welchem die dörflichen Strukturen, Hierarchien und Rollenbilder starr zementiert und die Uhren offenbar stehengeblieben sind. Eine junge Frau als Lehrerin ist dort nicht erwünscht, und so schlägt Antonie von Anfang an ganz offen zur Schau getragene Ablehnung oder sogar Hass und auch Sabotage entgegen. Einzig der alte Dorfpfarrer und seine geistig etwas zurückgebliebene Hilfe Magda begegnen Antonie freundlich und unterstützen sie nach ihren Möglichkeiten. Doch auch die fast 50 Kinder aller Altersstufen, welche zusammen in einem Raum unterrichtet werden müssen, schliessen ihre neue Lehrerin und ihre freundliche Art zu unterrichten rasch in ihr Herz. Über sie gelingt es der jungen Frau, auch einen Grossteil der Eltern mit der Zeit für sich einzunehmen. Dabei muss Antonie beim Unterrichten ständig improvisieren, fehlt es doch an allen Ecken und Enden an Unterrichtsmaterial, einem intakten Klassenzimmer oder Brennholz für den Winter. Dieses wird ihr alles bewusst durch den Bürgermeister vorenthalten, um sie so rasch wie möglich wieder loszuwerden. Doch Antonie gibt nicht auf. Als der Prinzregent wenig später Tannau zu einem Jagdausflug besucht, ist er beeindruckt von dem, was Antonie bisher geleistet hat und gewährt daraufhin die finanziellen Mittel für Renovierungsarbeiten und neue Schulbücher. Damit scheint sich endgültig alles zum Guten zu wenden, doch die Missgunst einiger alter Dorfbewohner ist ungebrochen. Als Antonie von diesen bezichtigt wird, beim «Poussieren» mit dem Revierförster Sebastian gesehen worden zu sein, scheint alles verloren...

Meine Meinung:
Der Pflicht-Zölibat für Lehrerinnen wurde in Deutschland erst in den 50er Jahren aufgehoben. Gerade für junge Frauen, die sich neben ihrer beruflichen Tätigkeit auch nach einer Partnerschaft und der eigenen Familie sehnten, war dies eine grosse und für einige nicht tragbare Bürde. Im Roman begegnen wir daher unter anderem einer Freundin von Antonie, die ebenfalls Lehrerin ist, sich aber dann verliebt und den Beruf mit der Heirat aufgeben muss. Auch Antonie selbst kommt ebenfalls in grosse innere Nöte, da sie durchaus Gefühle für Sebastian hat, welche dieser auch erwidert. Die endgültige Entscheidung für «Beruf» oder «Liebe» kann sie lange nicht treffen.
Bettina Seidl erschafft mit ihren lebhaften und anschaulichen Beschreibungen der dörflichen Strukturen, ihrer Bewohner und vor allem der Naturgewalten und -schönheiten eine faszinierende Atmosphäre, durch welche man sich als Leserin ganz nah in das Geschehen mithineingenommen fühlt. Ein Jahr lang begleiten wir Antonie auf ihrem Weg in Tannau und tauchen ein in den Kreislauf der Natur, nehmen teil an den Freuden und Leiden der Dorfbewohner, sehen Menschen sterben und erleben, wie neue geboren werden. Im Vordergrund steht aber immer das Wohlergehen der Kinder, welche Antonie anvertraut sind. Es ist berührend zu lesen, wie die junge Lehrerin sich zu jedem Kind ihre Gedanken macht und weniger nach den Defiziten, als vielmehr nach den Talenten und Begabungen jedes einzelnen Kindes sucht, um diese zu fördern und vor den oftmals strengen Eltern hervorzuheben. Antonie geht ihren Weg unbeirrt und lässt sich nicht entmutigen, sie ist stark für ihre Schüler. Gleichwohl sieht es in ihrem Innern oft dunkel und leer aus. Die Trauer darüber, dass sie selbst nie Eltern hatte und sich zeitlebens ungeliebt fühlt, beschreibt Bettina Seidl deutlich und einfühlsam. So ist es überhaupt eine Stärke und eine wichtige Botschaft dieses Romans, dass er beschreibt, wie sich auch im vermeintlich Schwachen und «Unnormalen» Schönheit und Stärke befinden, die anderen zugutekommen können, wenn man sie sich nur entfalten lässt.
«Die Dorflehrerin» liefert daneben auch ein anschauliches Bild über die gesellschaftlichen und sozialen Entwicklungen in dörflichen und städtischen Gemeinschaften zu Beginn des 20. Jahrhunderts, wobei letztere den anderen meist voraus waren. Die Aufbrüche in eine grössere Selbständigkeit und ein neues Selbstbewusstsein für Frauen, neue technische Errungenschaften oder ein Umdenken in der Pädagogik seien hier stellvertretend für viele andere erwähnt.
Insgesamt hat Bettina Seidl einen in sich stimmigen und sehr gut lesbaren Roman geschrieben. Vereinzelt gleiten die beschriebenen Szenen ein wenig ins klischeehaft Triviale ab, sodass man sich stellenweise tatsächlich in einer Ludwig Ganghofer Verfilmung wähnt. Dies tut aber dem positiven Gesamteindruck keinen Abbruch.

Fazit:
«Die Dorflehrerin» beschreibt einfühlsam und spannend den Weg einer sympathischen, jungen Lehrerin, die sich in einer ihr fremden Welt gegen viele Widerstände für die ihr anvertrauten Kinder einsetzt und dabei zu einer starken Persönlichkeit heranreift. Ich empfehle diesen Roman gerne weiter.

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Veröffentlicht am 08.01.2022

Als es noch "echte" Tiere gab

Rendezvous mit Tieren
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Inhalt:
Andrea Camilleri war Schriftsteller, Regisseur und Drehbuchautor und ist einem breiten Publikum vor allem durch seine Kriminalromane bekannt. In «Rendezvous mit Tieren» lässt der Autor die Leserschaft ...

Inhalt:
Andrea Camilleri war Schriftsteller, Regisseur und Drehbuchautor und ist einem breiten Publikum vor allem durch seine Kriminalromane bekannt. In «Rendezvous mit Tieren» lässt der Autor die Leserschaft in zwölf kleinen Geschichten an seinen Erlebnissen mit Tieren teilhaben. Die Anekdoten beginnen in Camilleris Kindheit, als er einem schlauen Hasen begegnet, und enden mit dem geliebten Kater namens Baron, der sein Herz ganz besonders der Tochter des Verfassers geschenkt hat. Schauplatz der meisten Ereignisse ist das Landhaus der Familie in der Toskana. Alle Tiere, welche das Leben der Familie Camilleri bereichern, sind ihnen zugelaufen oder wurden von ihnen vor einem traurigen Schicksal gerettet. Jedes hat seine ganz spezielle Art, und nicht selten ergeben sich aus den tierischen Begegnungen auch ganz neue und erheiternde mit den menschlichen Nachbarn. Es sind die einfühlsam und humorvoll geschilderten Eigenschaften der jeweiligen Tiere, welche dieses Büchlein zu einer herzerwärmenden Lektüre machen. Da gibt es die Schlange, die jeden Tag pünktlich «zur Arbeit» geht und wieder zurückkehrt, Papagei und Distelfink, die nach anfänglicher Ablehnung schliesslich eine tiefe Freundschaft verbindet oder etliche betrunkene Schweine, welche einem Familienfest im Freien eine ganz besonders ausgelassene Wendung bescheren.
Meine Meinung:
Andrea Camilleri sieht dieses Buch als sein Vermächtnis an seine Urenkel, damit sie sich die Liebe und Achtung vor den Tieren und der Natur immer bewahren mögen. Das mag mit ein Grund dafür sein, dass manche Erlebnisse zu fantastisch und weniger glaubhaft, dafür aber schon fast wie kleine Tierfabeln klingen. So mischen sich in den Geschichten Realität und Märchenhaftes, man könnte sie wirklich gut Kindern vorlesen und ihnen die Illustrationen im Buch zeigen. Die Botschaft verbirgt sich zwischen den Zeilen: Mensch und Tier können miteinander kommunizieren und gute Gefährten sein, wenn jeder dem anderen mit Achtung begegnet und seine jeweilige Freiheit respektiert. Dazu gehört auch, den natürlichen Lebensraum der Tiere und ihre Integrität zu wahren. Viele Kinder kennen keine «echten» Tiere mehr, deswegen möchte der Urgrossvater von einer Zeit erzählen, als Tiere «noch nicht künstlich» waren und man ihnen überall begegnen konnte.
Das Buch wurde mit vielen Zeichnungen von Paolo Cenavari illustriert, welcher seit Kindertagen mit der Familie Camilleri verbunden ist.
Aus dem Italienischen übersetzt hat es Annette Kopetzki.

Fazit:
«Rendezvous mit Tieren» ist ein warmherziges kleines Buch, welches einen gut unterhält und eine schöne Lesestunde bereitet. Es eignet sich auch gut als Geschenk und ebenso dazu, es selber immer mal wieder in die Hand zu nehmen und dann über die lustigen Geschichten zu schmunzeln.

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Veröffentlicht am 04.01.2022

Jeder Mensch gehört sich selbst

Die Enkelin
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In seinem neuesten Roman erzählt Bernhard Schlink das Schicksal von drei Frauen einer Familie. Verbunden werden Grossmutter, Mutter und Tochter dabei durch Kaspar, den Ehemann der Grossmutter, welcher ...

In seinem neuesten Roman erzählt Bernhard Schlink das Schicksal von drei Frauen einer Familie. Verbunden werden Grossmutter, Mutter und Tochter dabei durch Kaspar, den Ehemann der Grossmutter, welcher sich in diesem Buch auf die Suche nach den Lebensspuren jeder einzelnen Frau begibt und dabei in das Leben in der ehemaligen DDR und das gegenwärtige bei den völkischen Siedlern eintaucht.
Als der 70jährige Buchhändler Kaspar eines Abends aus seinem Geschäft nach Hause kommt, findet er seine alkoholkranke und depressive Frau Birgit tot in der Badewanne vor. Ob es Selbstmord oder ein Unfall war, lässt sich nicht klären. Nachdem Kaspar die ersten Phasen von Schock, Trauer und Wut überwunden hat, beginnt er damit, in Birgits kleinem Zimmer aufzuräumen, in welches sie sich zuvor immer mehr zurückgezogen hatte, um an einem Roman zu schreiben. Als er auf das unvollendete Manuskript stösst, muss Kaspar bei der Lektüre feststellen, dass seine Frau viele Geheimnisse vor ihm hatte, von denen er nie etwas geahnt hätte. Kaspar aus der BRD und Birgit aus der DDR hatten sich in Ostberlin kennengelernt und von einer gemeinsamen Zukunft geträumt. Dafür wäre der junge Student auch zu ihr in die DDR gezogen. Doch Birgit wollte dem Druck der Diktatur entkommen und mit Kaspar im Westen leben und lässt sich von ihm zur Flucht verhelfen. Dass sie zuvor ein Kind von einem verheirateten Parteifunktionär auf die Welt gebracht und ihrer Freundin Paula übergeben hatte, davon ahnte Kaspar nichts und sollte es auch nie erfahren. Bis zu dem Moment, an dem er es in Birgits Aufzeichnungen las. Aus ihnen sprechen tiefe Schuldgefühle dem zurückgelassenen Neugeborenen gegenüber und die Sehnsucht nach einem Kennenlernen des mittlerweile längst erwachsenen Mädchens. Kaspar begibt sich an Birgits Stelle auf die Suche nach Svenja und findet sie schliesslich im Mecklenburgischen, wo sie zusammen mit ihrem Mann Björn und ihrer 14jährigen Tochter Sigrun in einer völkisch nationalen Siedlung lebt. Im Verlauf des Romans setzt Kaspar alles daran, seiner Enkelin eine Welt abseits von Rassismus und Holocaustleugnung zu zeigen. In den Ferien, in welchen sie ihn besuchen darf, öffnet er ihr das Herz und die Sinne für die Musik und die Schönheit der Sprache, ermöglicht ihr das Klavierspiel und zeigt ihr Menschen und Welten, die sie eigentlich nicht kennen soll. Doch die Prägung und Erziehung, die Sigrun genossen hat, lässt sich so einfach nicht abschütteln...
Bernhard Schlink behandelt in seinen Romanen gerne Phasen der deutschen Geschichte und beleuchtet die politischen Umstände, welche Menschen prägen und zu dem machen, was sie sind. Das ist auch in «Die Enkelin» so. Der Autor ist ein ruhiger und sensibler Erzähler, dessen Figuren einen noch lange nach der Lektüre beschäftigen. Die Themen, die in diesem Buch behandelt werden, sind wichtig und aktuell und laden ein, sich eingehender mit der deutsch-deutschen Geschichte zu befassen und darüber, ruhig auch kontrovers, zu diskutieren. Dabei geht es um wichtige Fragen wie diese: Wohin führen die Unfähigkeit, für sich selbst einzustehen und der Drang, es allen rechtmachen zu wollen? Wie bewahrt man sich seine Menschlichkeit in unmenschlichen Systemen? Sei es innerhalb der eigenen Familie oder innerhalb eines politischen Gefüges. Wem ist damit gedient, wenn angesichts einer erkannten Wahrheit notwendige Auseinandersetzungen und Diskussionen vermieden werden, weil man fürchtet, dadurch einen anderen möglicherweise zu verlieren?
Mit «Die Enkelin» ist Schlink einmal mehr ein wichtiger, berührender und sehr tiefgründiger Roman gelungen, den ich sehr gerne weiterempfehle.

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Veröffentlicht am 20.12.2021

Helen Keller und ihre Lehrerin

Öffne mir das Tor zur Welt
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Die bereits 1959 zum ersten Mal erschienene Biographie über die taubblinde Helen Keller und ihre ebenfalls sehbehinderte Lehrerin Anne Sullivan liegt auf Deutsch in der neunten Auflage im Verlag Freies ...

Die bereits 1959 zum ersten Mal erschienene Biographie über die taubblinde Helen Keller und ihre ebenfalls sehbehinderte Lehrerin Anne Sullivan liegt auf Deutsch in der neunten Auflage im Verlag Freies Geistesleben vor. Als solche ist sie 2021 herausgekommen. Das Buch beginnt zunächst mit der Geschichte der jungen Anne Sullivan. Aus ärmlichsten Verhältnissen stammend fand sie als Kind Aufnahme in einem Institut in Boston, welches sich um sehbehinderte Kinder kümmerte. Dort wurde Anne zum ersten Mal in ihrem Leben gefördert, konnte eine Schulbildung und so etwas wie ein Zuhause bekommen. Nach ihrem Schulabschluss weiss sie nicht, was aus ihr werden soll, bis sie durch Zufall von einem Elternpaar hört, welches eine Privatlehrerin für ihre sechsjährige Tochter Helen sucht. Helen erkrankte mit anderthalb Jahren schwer an Hirnhautentzündung oder Scharlach und war seitdem blind und taub. Als Anne auf sie trifft, begegnet sie einem zwar äusserlich behüteten und geliebten, aber innerlich verlorenen und despotischen kleinen Mädchen, das seine gesamte Umgebung tyrannisiert. Mit viel Geduld und Hingabe gelingt es der jungen Frau schliesslich, das Vertrauen des Kindes zu gewinnen. Sie bringt ihr auf spielerische Weise das Fingeralphabet bei, indem sie Buchstaben in ihre Hand malt, und merkt schon bald, wie wissenshungrig und lernbegierig die kleine Helen ist. Schon bald kann das Kind Worte und Dinge miteinander verbinden und lernt sogar, Buchstaben auf Papier und später sogar mit der Schreibmaschine zu schreiben. Da es Ende des 19. / Anfang des 20. Jahrhunderts noch keine einheitliche Schrift für Blinde gab, lernte Helen schliesslich mehrere Schriften, um mit ihrer Umwelt kommunizieren zu können. Sie besucht die Blindenschule in Boston, lernt mehrere Fremdsprachen und studiert sogar. Das alles war nur möglich durch den unermüdlichen und selbstlosen Einsatz von Anne Sullivan, welche ihre Schülerin nie mehr verliess. Nach deren Tod nehmen noch zwei weitere Personen ihren Platz an Helens Seite ein, bis diese selbst 1969 stirbt.

Meine Meinung:
«Öffne mir das Tor zur Welt» berichtet von der engen Beziehung zweier Menschen, die ohne einander nicht zurechtkommen wollen und darum ein Leben lang liebevoll miteinander verbunden waren. Es ist Anne Sullivans grosses Verdienst, dass sie durch ihren Einsatz einem anderen Menschen Lebenssinn und Lebensfreude schenken konnte. Es ist berührend zu lesen, wie die Lehrerin immer wieder nach Wegen sucht, das ihr anvertraute Mädchen in ihrer Welt zu erreichen. So gelingt es ihr zum Beispiel über den täglichen Aufenthalt in der freien Natur und durch den Kontakt mit Pflanzen und Tieren, zu Helen vorzudringen und dem, was diese erfühlt, Namen zu geben, welche diese sich merken kann. Das Fingeralphabet spielt dabei zunächst die entscheidende Rolle. Später möchte Helen sprechen können und lernt dies durch das Abtasten von Lippen und Kehlkopf ihrer Gesprächspartner. Sie hat schliesslich den Bachelor of arts erworben, führte Briefkorrespondenzen mit bedeutenden Zeitgenossen, war schriftstellerisch tätig und engagierte sich auch politisch und für die Anliegen blinder Menschen. Das Buch berichtet auch von äusseren Schwierigkeiten, von Misstrauen und Anfeindungen, denen Anne Sullivan und ihr Schützling ausgesetzt sind. Die tiefe Zuneigung und Freundschaft der beiden Frauen lässt sie diese jedoch überstehen und immer wieder neu gestärkt daraus hervorgehen. Diese enge Verbindung ist vor allem in den ersten gemeinsamen Jahren gewachsen, weswegen in der vorliegenden Biographie die Kindheit von Helen einen grossen Platz einnimmt. Dabei wird fast immer aus der Sicht Sullivans erzählt. Einige alte Fotoaufnahmen von Helen und Anne ergänzen dieses lesenswerte Buch.
Fazit:
Die vorliegende Biographie ist ein anrührendes und sehr lesenswertes Zeugnis dafür, wie echtes Interesse, Zuneigung und Phantasie es einer lehrenden und erziehenden Person ermöglichen können, das Potential und die Begabung eines Kindes zu entdecken und diese zu fördern, egal wie widrig die äusseren Umstände auch erscheinen mögen. So ist «Öffne mir das Tor zur Welt» ein Buch, welches gleichermassen Hoffnung und Freude schenkt und junge Menschen dazu inspirieren kann, sich für die eigenen Träume und das Wohl anderer einzusetzen.

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