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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 11.03.2018

Schmerzhaft ehrliche Einblicke

Was nie geschehen ist
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„Es gibt keine objektive Realität. Jedes Erzählen ist auch Fiktion.“ (S. 108)

In „Was nie geschehen ist“ erzählt Nadja Spiegelman ihre eigene Lebensgeschichte und, damit eng verwoben, die ihrer Mutter, ...

„Es gibt keine objektive Realität. Jedes Erzählen ist auch Fiktion.“ (S. 108)

In „Was nie geschehen ist“ erzählt Nadja Spiegelman ihre eigene Lebensgeschichte und, damit eng verwoben, die ihrer Mutter, ihrer Groß- und ihrer Urgroßmutter. Dabei stellt sich heraus, dass Erinnerungen nichts objektives sind und jeder der Menschen, die eine Geschichte erzählen, sie ein kleines bisschen anders erzählen.

„Ich versuchte mir vor Augen zu führen, dass jeder von uns ein Recht auf seine eigene Version der Vergangenheit hatte.“ (S. 39)

Selten hatte ich nach der Lektüre eines Buches mehr das Gefühl, dass der Titel perfekt passt: Verknüpft mit den Lebensgeschichten, die wir als Leser in „Was nie geschehen ist“ kennenlernen, wird nämlich sehr deutlich, dass die eine Lebensgeschichte nicht existiert. Wesentliche Erlebnisse im Leben aller vorkommenden Frauen weisen in der Erinnerung gravierende Unterschiede auf und das scheint für alle Beteiligten immer wieder ziemlich schmerzhaft zu sein – nachvollziehbarer Weise.
Einzusehen, dass sich etwas, das mich furchtbar verletzt hat, für jemand anderen völlig anders darstellt, ist ziemlich ernüchternd und sorgt dafür, dass ich nicht gewinnen kann: Der andere wird sich nicht schuldig fühlen, wird die Fehler, die er meiner Ansicht nach gemacht hat, nicht einsehen, weil er einfach eine andere Version der Situation hat.
Das ist vielleicht keine überraschende Erkenntnis, aber wohl das erste Mal, dass ein Buch mir das auf diese Weise vor Augen geführt hat, und auf jeden Fall das erste Mal, dass ich mich dabei den Protagonisten so nah gefühlt habe – obwohl ich vorher gesagt hätte, dass meine familiären Beziehungen keines der Probleme hat, die hier geschildert werden.

Bei einer (AutBiografie über die Glaubwürdigkeit der Protagonisten zu reden, ist immer ein bisschen schwierig. Was aber auf jeden Fall die Erwähnung wert ist: Wie nachvollziehbar und ehrlich das Bild ist, das Spiegelman von den Frauen zeichnet, die ihr so häufig so wehgetan haben. Es wäre ein leichtes gewesen, die Geschichten so zu erzählen, dass die Autorin selbst am Ende gut dasteht. Stattdessen beleuchtet sie die Geschichte aus mehreren Blickwinkeln und scheut sich nicht, Widersprüche stehen zu lassen.

Für mich lag der Fokus bei diesem Buch darauf, dass Vergangenheit, Geschichte und Erinnerung niemals objektiv ist. Darüber darf man nicht vergessen, dass auch die Geschehnisse selbst spannend und teils erschütternd sind, sodass es niemals langweilig wird. Und auch wenn mir am Ende das letzte Fünkchen zur Begeisterung fehlte, so finde ich „Was nie geschehen ist“ dennoch ziemlich lesenswert.

Veröffentlicht am 03.03.2018

Unheimlich kompliziert

Schöne Seelen und Komplizen
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„Ich blättere darin herum, ich bleibe an einzelnen Wörtern hängen, ich muss das nicht verstehen.“ (S. 244)

Eine Schulklasse um die Zeit der Wende führt uns in diesem Roman vor Augen, wie sehr die Änderungen ...

„Ich blättere darin herum, ich bleibe an einzelnen Wörtern hängen, ich muss das nicht verstehen.“ (S. 244)

Eine Schulklasse um die Zeit der Wende führt uns in diesem Roman vor Augen, wie sehr die Änderungen des politischen Systems jeden einzelnen persönlich beeinflusste. Dabei begleiten wir die einzelnen Schüler zunächst in der Zeit der politischen Umbrüche, um sie dann im zweiten Teil in unserer Zeit wieder zu treffen. Besonders dort wird deutlich, wie sehr der ein oder andere mit den Umständen zu knapsen hatte.

Ich will nicht sagen, dass mir dieses Buch nicht gefallen hat, dafür habe ich zu wenig davon verstanden. Und dabei fing es so gut an: Eine Schulklasse um die Zeit der Wende, ganz unterschiedliche Figuren, die ganz unterschiedliche Einstellungen zum System haben, und plötzlich wird alles anders. Die politischen Auswirkungen sind uns allen hinlänglich bekannt, doch einen Blick auf die persönlichen Auswirkungen zu erhaschen, das fand ich ziemlich reizvoll.

Leider fiel es mir so schwer, dem Buch zu folgen, dass es für mich keinen Lesegenuss bot. Die Schulklasse scheint nahezu vollständig aus Philosophen zu bestehen, den Eindruck erwecken jedenfalls die vielen tiefsinnigen Gedanken, doch abgesehen davon?
Jedes Kapitel ist aus der Sicht eines anderen (ehemaligen) Schülers geschrieben, die sich keine Mühe geben, ihre Handlungen und Gedanken mit Hintergrund zu unterfüttern. Schon klar, für die Personen ergibt das auch keinen Sinn, und mich nerven übertriebene Nebensätze im Sinne von „Der Hans, der ja letzten Monat seine Frau verloren hat…“, die nur der Erklärung für den Leser dienen, im Normalfall auch. Aber dass ich mir Zeitsprünge selbst überlegen muss, ebenso den Fall der Mauer (sie können problemlos in den Westen fahren, also wird das jetzt wohl schon passiert sein), warum irgendjemand eine Alibibeziehung braucht (lesbisch? Wer weiß das schon…), das wird auf fast dreißig Seiten dann doch anstrengend.
Hinzu kommt die Fülle an Figuren, zu denen ich durch den Aufbau einfach keine Bindung aufbauen konnte, und der Sätze wir „Ellen rief mich an“ kompliziert macht. Wer war Ellen noch gleich?

„Vielleicht ist alles ganz einfach, wenn etwas tatsächlich passiert. Vielleicht ist das Schreckliche immer nur die Vorstellung.“ (S. 35)
„[…] die Geschichte der Menschheit ist die Geschichte wandernder Grenzzäune, jedes Mal mit viel Natur dazwischen.“ (S. 85)
„Das Scheißsystem macht sich vom Acker, aber das Schlechte lässt es da, findest du das nicht ungerecht?“ (S. 108)

All das sorgte leider dafür, dass ich keinen Spaß daran hatte, dieses Buch zu lesen. Es lief nebenher mit, wenn ich mich zwischendurch mal überwinden konnte, weiter zu lesen, und machte mir ansonsten eher ein schlechtes Gewissen. Ich hoffe jedoch sehr, dass es Menschen gibt, die meine Kritikpunkte eher reizvoll finden und diesem Roman die Aufmerksamkeit zuteilwerden lassen, die ich ihm durchaus gönne.

Veröffentlicht am 26.02.2018

Herzzerreißend offen, schmerzhaft liebevoll

Sag den Wölfen, ich bin zu Hause
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„Mir ging durch den Kopf, wie das alles gleichzeitig falsch und schrecklich und schön war.“ (S. 279)

Wie oft kann einem ein Buch das Herz brechen? In „Sag den Wölfen, ich bin zuhause“ begleiten wir die ...

„Mir ging durch den Kopf, wie das alles gleichzeitig falsch und schrecklich und schön war.“ (S. 279)

Wie oft kann einem ein Buch das Herz brechen? In „Sag den Wölfen, ich bin zuhause“ begleiten wir die junge June auf dem Weg, den Verlust ihres Onkels zu verarbeiten. Aus völlig unerwarteter Richtung wird ihr dabei Hilfe zuteil, die sie mit einigen bitteren Wahrheiten konfrontiert – und mit der Erkenntnis, dass auch in schlimmen Ereignissen etwas Gutes stecken kann, dass man manchmal etwas verlieren muss, um etwas anderes zu gewinnen.
Zwischen den Seiten dieses Buchs steckt so viel, dass ich das Gefühl habe, dem Text mit meiner Rezension niemals gerecht werden zu können – vor allem nicht ohne zu viel zu verraten.

Die Zartheit der Worte ließ mich immer wieder schlucken und hin und wieder musste ich kurz durchatmen und mir bewusstmachen, dass es ein Buch ist, nur ein Buch und nicht das echte Leben, nicht mein Leben.
Als ich ein Drittel des Romans gelesen hatte, war ich mir immer noch nicht sicher, ob ich ihn am Ende lieben oder hassen würde. Worte wie
„Alles, was sie sagte, blieb vage, als würden die Einzelheiten sie niederstechen, wenn sie zu scharf gezeichnet waren.“ (S. 37)
waren so wundervoll, konnten die Stimmung so gut transportieren, doch die unfassbare Grausamkeit des Lebens, die sich hier wieder und wieder manifestierte, machte mich fertig.

Ganz besonders lag das an den Figuren.
„Danni sagte immer, Finn hätte jemand Besseren verdient.“ (S. 211)
Diesem Urteil konnte ich mich durchaus anschließen, allerdings in etwas anderer Ausprägung als Finns Schwester Danni sich das dachte: Finn hätte eine bessere Schwester verdient. Und das war es, was mir beinahe körperliches Unbehagen bereitete: Ich konnte einige Figuren, besonders eben Danni, einfach nicht verstehen. Vielleicht ist das zu kurz gedacht, vielleicht komme ich irgendwann selbst in Situationen, in denen ich es nachvollziehen kann, oder ich bin selbst auch so und merke es nur nicht – aber wenn man jemanden liebt, dann will man denjenigen glücklich sehen. Daran glaube ich sehr fest.

„Ich klammerte mich an die Vorstellung, dass alles, was sie getan hatte, aus Liebe geschehen war. Denn das konnte ich nachvollziehen. Ich konnte es verzeihen. Es ermöglichte mir daran zu glauben, dass ich vielleicht eines Tages fähig sein würde, auch mir selbst zu verzeihen.“ (S. 373)

Am Ende kam ich zu dem Urteil, dass ich das Buch liebe. Es hat mich dazu gebracht, Rotz und Wasser zu heulen, und ich bleibe dabei, dass ich das Verhalten mancher Figuren nicht kapiere und auch gar nicht kapieren will. Doch die Aussage, dass auch aus Schlechtem Gutes entstehen kann, dass manchmal schlimme Dinge passieren müssen, damit gute geschehen können, die ist stark. Und so bleibt am Ende eigentlich nur eines zu sagen:
„Nichts davon ist gerecht. Rein gar nichts.“ (S. 221)

Veröffentlicht am 26.02.2018

Adele

Adele: ihre Songs, ihr Leben
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Ich weiß nicht, was ich mir mehr wünschen sollte: Dass Biografien mehr mein Ding wären oder dass sie besser geschrieben wären. Ich bin mir einfach nicht sicher, woran es liegt.

In „Adele: Ihre Songs, ...

Ich weiß nicht, was ich mir mehr wünschen sollte: Dass Biografien mehr mein Ding wären oder dass sie besser geschrieben wären. Ich bin mir einfach nicht sicher, woran es liegt.

In „Adele: Ihre Songs, ihr Leben“ zeichnet Autor Sean Smith sehr ausführlich das Leben der Sängerin Adele nach und lässt dabei auch Hintergründe zu den wichtigen Figuren an ihrer Seite nicht außen vor. So entsteht ein ziemlich umfassendes Bild, das nicht nur gutes Licht auf die Sängerin wirft.

Fangen wir mit den Dingen an, die mir an diesem Buch gefallen haben. Es werden echt viele interessante Informationen bereitgestellt, die mir beinahe alle neu waren – allerdings habe ich mich auch bislang nicht wirklich ausführlich mit Adeles Leben beschäftigt, sodass ich nicht beurteilen kann, inwiefern man das als informierter Fan vielleicht ohnehin schon weiß.
Schön fand ich auch, dass Smith den Soundtrack im Kopf praktisch direkt mitliefert. Ob das nun Songs von Adele sind, auf die er sich bezieht und die ich den Rest des Tages dann im Kopf mit mir herumtrug, oder Lieder von Adeles Vorbildern wie Etta James und anderen, mit Musik bekommt man mich eigentlich immer.

Weitaus mehr hat mir jedoch, wie ich leider feststellen musste, an dieser Biografie nicht gefallen. Die sicherlich sorgfältig recherchierten umfassenden Informationen wurden in einen Text gebastelt, dem für mein Empfinden weitgehend jegliche Ästhetik fehlt. Und so leid es mir tut, das gehört einfach dazu, wenn ich in meiner Freizeit, zu meinem Vergnügen ein Buch lese. Wenn es nur um die Informationsaufnahme ginge, könnte ich auch eine Liste mit Stichpunkten lesen.
Und dann ist da auch noch dieses letzte Kapitel, das ein ausführliches Horoskop enthält. Tja nun, wie sag ich das nun vorsichtig? Was hat ein Horoskop in einer Biografie zu suchen? Es interessiert mich, was im Leben der Person, um die es geht, passiert ist. Es interessiert mich, was sie geleistet hat, welche Erlebnisse ihre Arbeit beeinflusst haben, aber ich kann mir kein Szenario vorstellen, in dem ich mich dafür interessieren könnte, welche Sternenkonstellationen dabei eine Rolle gespielt haben.

Insgesamt kann ich diese Biografie leider bei bestem Willen nicht empfehlen. Es fehlt ihr an sprachlichem Reiz und, spätestens nach dem Horoskop, auch an Seriosität.
Allerdings möchte ich nicht ausschließen, dass Biografien einfach nicht mein Ding sind und mein schlechtes Urteil daher rührt.

Veröffentlicht am 26.02.2018

Familienbande

Der große Bruder
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„Olivia kam gern genau pünktlich, niemals zu früh, um die Unordnung am Anfang nicht mit höflichen Floskeln füllen zu müssen.“ (S. 9)

Nach langen Jahren, in denen der Kontakt eher spärlich war, führt das ...

„Olivia kam gern genau pünktlich, niemals zu früh, um die Unordnung am Anfang nicht mit höflichen Floskeln füllen zu müssen.“ (S. 9)

Nach langen Jahren, in denen der Kontakt eher spärlich war, führt das Schicksal Olivia und ihren Bruder nach einer Operation wieder zusammen. Langsam und gemeinsam mit dem Leser stellt Olivia fest, dass die ungeplanten Konfrontationen ihr eigenes bröckelndes Familienleben offenlegen.

Bis heute bin ich mir nicht sicher, was ich von der Länge/Kürze dieses Romans halten soll. Auf der einen Seite ist es durchaus reizvoll, sich seinen Teil selbst zu denken: Erzählt wird im Prinzip nur das, was in wenigen Tagen passiert, wir erleben bloß die Veränderungen, die angestoßen werden. Das Ende ist daher nicht abgeschlossen, aber das ist das Leben schließlich auch nicht.
Auf der anderen Seite könnte man unter Umständen geneigt sein, der Autorin Bequemlichkeit vorzuwerfen. Im Prinzip steckt da eine spannende Idee drin, die wurde auch ausgearbeitet, aber das ganze bleibt doch recht minimalistisch.

Getragen wird das ganze durch die Charakterentwicklungen und die Entwicklungen der Verhältnisse zwischen den einzelnen Figuren, und auch hier findet sich wieder: Die einzelnen Entwicklungspunkte vollziehen sich im Verborgenen, wir bekommen nur sehr minimalistisch die Auswirkungen mit und müssen uns vieles selbst denken.
Zu Beginn hatte ich ein paar Sympathieprobleme, besonders mit Olivia und ihrem Mann, doch das legte sich naturgemäß mit der Charakterentwicklung. Da sollte man also durchaus noch eine Chance geben.

„„Alles nur Angst“, sagte Frau Derksen. „Die ist einfach da. Kann man nichts gegen machen.““ (S. 25)

Insgesamt hat mir „Der große Bruder“ gut gefallen, es sollte einem nur vorher schon bewusst sein, dass eine gewisse „Eigenleistung“ notwendig ist. Wem das zu viel ist, der sollte von diesem Roman die Finger lassen.