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Veröffentlicht am 10.03.2019

Das Schicksal ist ein Rätsel

Bella Ciao
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In ihrem Roman “Bella Ciao“ (Originaltitel: "Destino") zeichnet Raffaella Romagnolo das Schicksal einiger ausgewählter Familien im fiktiven Borgo di Dentro vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis 1946 nach ...

In ihrem Roman “Bella Ciao“ (Originaltitel: "Destino") zeichnet Raffaella Romagnolo das Schicksal einiger ausgewählter Familien im fiktiven Borgo di Dentro vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis 1946 nach und liefert dabei ein gut recherchiertes Porträt italienischer Geschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, das zwei Weltkriege und den Faschismus ebenso umfasst wie die Situation italienischer Einwanderer in den USA.
Im Mittelpunkt steht Giulia Masca, Mitte 60, die 1946 in Begleitung ihres Sohnes Michael zum ersten Mal in den Ort ihrer Kindheit zurückkehrt, den sie 45 Jahre zuvor fluchtartig verlassen hatte, nachdem sie kurz vor der Hochzeit den Verrat ihres Verlobten Pietro und ihrer besten Freundin Anita bemerkt hatte. Die schwangere 20jährige lernt in New York den Geschäftsmann Libero Manfredi kennen, der ihr fortan ein zuverlässiger Ehemann und Vater für ihren Sohn ist. Der Roman berichtet über ihr Leben in der neuen Welt ebenso wie über ihre harte Kindheit und Jugend mit einem Alkoholiker als Vater und einer verbitterten Mutter, die sie nicht liebt. Die Autorin benutzt die Technik des umgestellten Erzählens, um sowohl die private als auch die große Geschichte mit vielen Rückblenden, Wechseln der Erzählperspektive und Zeitsprüngen zu erzählen, wobei sie immer wieder zur Gegenwart zurückkehrt, wo sich Giulia auf die Begegnung mit ihrer Vergangenheit vorbereitet. Eine Vielzahl von Personen, die mehreren Generationen angehören, macht die Lektüre nicht einfacher. Dennoch bleibt ein sehr positiver Eindruck zurück, denn der Leser geht mit einem enormen Zuwachs an Wissen aus der Lektüre des Romans hervor - sowohl, was die Situation ausgebeuteter Arbeiter in den Fabriken und von Halbpächtern im Weinanbau und in der Landwirtschaft als auch den Faschismus unter Mussolini betrifft. Viele Orte und Personen sind echt, und die beschriebenen Ereignisse, z.B. den Überfall auf die Druckerei und das Massaker an den Partisanen hat es wirklich gegeben. Besonders beeindruckt hat mich der letzte Teil des Romans, der den verlustreichen Kampf der Partisanen in der Resistenza zeigt. Der deutsche Titel macht insofern Sinn, als “Bella Ciao“ das berühmte italienische Partisanenlied aus dem Zweiten Weltkrieg war, das als Kampflied von Revolutionären aller Art überlebt hat. Es gibt viele Tote im Roman, aber dennoch auch tröstliche Botschaften: Familie ist wichtig, denn gerade in schwierigen Zeiten muss man füreinander da sein. Die Vergangenheit gibt es nicht, denn man muss nach vorn schauen. Leben heißt gehen. Eventuell darf man allerdings zurückkehren so wie Giulia, die sich auch zukünftige Begegnungen ihres Sohnes und seiner Familie mit den Menschen in Borgo di Dentro vorstellen kann.
Der Roman ist keine einfache Lektüre, aber absolut lohnend, wenn man sich erst einmal darauf einlässt.

Veröffentlicht am 05.03.2019

Facetten der Wahrheit

Das Echo der Wahrheit
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Mit “Das Echo der Wahrheit“ legt Eugene Chirovici seinen zweiten Roman nach dem auch von mir sehr geschätzten Welterfolg “Das Buch der Spiegel“ vor.
Ein todkranker alter Mann nimmt Kontakt zu dem bekannten ...

Mit “Das Echo der Wahrheit“ legt Eugene Chirovici seinen zweiten Roman nach dem auch von mir sehr geschätzten Welterfolg “Das Buch der Spiegel“ vor.
Ein todkranker alter Mann nimmt Kontakt zu dem bekannten Psychiater Dr. James Cobb auf, der auf Therapien unter dem Einsatz von Hypnose spezialisiert ist. Der reiche Philanthrop bittet ihn, ihm dabei zu helfen, endlich herauszufinden, was etwa 40 Jahre zuvor in einem Hotel in Paris geschah, wo sich der junge Mann mit seinem Freund Abraham Hale aufgehalten hatte. Beide waren damals in die schöne Französin Simone Duchamp verliebt. Nach reichlichem Alkoholkonsum sieht Joshua am nächsten Morgen die Leiche der jungen Frau, die – noch ehe er sie verstecken kann – spurlos verschwindet. Der alte Mann hat sich sein Leben lang mit der Frage gequält, ob er die junge Frau getötet haben könnte oder in irgendeiner Weise an ihrem Tod beteiligt war. Zwei Therapiesitzungen unter Hypnose bringen keine wesentlichen Erkenntnisse, und wenig später ist der Patient tot. Der Psychiater kämpft selbst mit einer unverarbeiteten Geschichte: Er hatte eine verbotene Affaire mit seiner Patientin Julie, die später Selbstmord beging, was ihm eine Menge Ärger einbrachte. James Cobb möchte unbedingt herausfinden, was damals in Paris geschah, engagiert von seinem üppigen Honorar den Privatdetektiv Mallory und geht später selbst den Hinweisen in Frankreich nach, indem er Zeugen und Freundinnen von Simone und ihrer Schwester befragt.
Was dabei herauskommt, ist eine immer verworrener werdende Geschichte mit einer stetig wachsenden Zahl von Beteiligten und einer unerwarteten Auflösung. Nicht alle Wendungen im komplizierten Plot wirken dabei plausibel, vor allem nicht der Schluss. Thematisch erinnert der Roman in mancher Hinsicht an “Das Buch der Spiegel“. Es geht wieder um die Unzuverlässigkeit von Erinnerungen, um Wahrheit und Fiktion und die Frage, ob es nicht für jeden eine eigene Wahrheit und Realität gibt – auch ohne dass jemand bewusst lügt. Der Roman liest sich anfangs nicht schlecht, wirkt aber vor allem im letzten Drittel zunehmend konstruiert und wirr. Nur der Psychiater setzt am Ende die Erkenntnis um, dass jeder Verantwortung für sein Handeln übernehmen muss. Für mich war das Buch insgesamt etwas enttäuschend nach den hohen Erwartungen, die “Das Buch der Spiegel“ geweckt hat.

Veröffentlicht am 05.03.2019

Liebe währt nicht ewig

Die Liebe im Ernstfall
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“Die Liebe im Ernstfall“ ist Daniela Kriens zweiter Roman nach ihrem viel beachteten Debüt “Irgendwann werden wir uns alles erzählen“ und einem Band mit 10 Erzählungen aus dem Jahr 2014. In ihrem neuen ...

“Die Liebe im Ernstfall“ ist Daniela Kriens zweiter Roman nach ihrem viel beachteten Debüt “Irgendwann werden wir uns alles erzählen“ und einem Band mit 10 Erzählungen aus dem Jahr 2014. In ihrem neuen Roman erzählen fünf Frauen aus wechselnder Perspektive aus ihrem Leben. Es sind Paula, die Buchhändlerin, Judith, die Ärztin, die Schriftstellerin Brida, die Musiklehrerin Malika und ihre Schwester Jorinde, die Schauspielerin. Die fünf Abschnitte werden nicht unverbunden aneinander gereiht, sondern es gibt vielfältige Verknüpfungen. Sie sind ein Leben lang Freundinnen wie Paula und Judith oder Rivalinnen um die Liebe eines Mannes wie Malika und Brida oder konkurrieren um die Liebe der Eltern. Es ist ein realistisches Bild der Beziehungen zwischen Mann und Frau, zwischen Eltern und Kindern und von Geschwistern unter einander. Wie im wirklichen Leben gibt es kein Happy End. Liebesbeziehungen dauern unterschiedlich lang. Sie werden beendet, wenn sich einer der Partner neu orientiert oder gar nur mit Hilfe des Internets flüchtige Kontakte sucht, die zu nichts verpflichten. Wenn eine Beziehung hält wie die Ehe von Malikas und Jorindes Eltern Vicky und Helmut, dann nicht, weil sie besonders glücklich ist, sondern weil einer der Partner resigniert und wegschaut. Die Autorin zeichnet kein übertrieben pessimistisches Bild, sie beschreibt einfach nur, wie es ist, ohne Sentimentalität.
Sprachlich ist der Roman sehr gelungen. Er ist anders als ihr erster. Wiedervereinigung und Westorientierung der Bewohner der neuen Bundesländer kommen zur Sprache, spielen aber nicht dieselbe tragende Rolle. Alles in allem ein empfehlenswertes Buch.

Veröffentlicht am 26.02.2019

Schwierige Mutterrolle

Frau im Dunkeln
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Elena Ferrantes Roman „Frau im Dunkeln“ erscheint 13 Jahre nach der Erstveröffentlichung zum ersten Mal in deutscher Sprache.
Leda, Ende 40, geschieden, arbeitet als Professorin in Florenz. In der Erzählgegenwart ...

Elena Ferrantes Roman „Frau im Dunkeln“ erscheint 13 Jahre nach der Erstveröffentlichung zum ersten Mal in deutscher Sprache.
Leda, Ende 40, geschieden, arbeitet als Professorin in Florenz. In der Erzählgegenwart des Romans macht sie Urlaub am Meer, irgendwo im Raum Neapel. Leda ist eine unzufriedene, sehr unglückliche Frau, bei der es privat und beruflich nicht mehr rund läuft. Am Strand beobachtet sie die junge Mutter Nina mit ihrer kleinen Tochter Elena, die ein sehr inniges Verhältnis zueinander haben und stundenlang miteinander und mit der geliebten Puppe Nani spielen. Der Anblick der glücklichen jungen Familie macht Leda neidisch und wütend und bringt sie dazu, Entscheidungen, die sie an kritischen Punkten in ihrem Leben getroffen hat, zu überdenken und neu zu bewerten.
Leda war in den Jahren nach der Geburt ihrer beiden Töchter so erschöpft und überfordert, dass sie gehen musste, um zu überleben. Sie verließ Bianca und Marta, als sie 6 und 4 Jahre alt waren und kehrte erst drei Jahre später zurück. Das Verhältnis zu ihren Töchtern war nie einfach. Sie waren Rivalinnen um die Liebe der Mutter, sorgten mit ihren wachsenden Ansprüchen für Unfrieden und verdrängten als Heranwachsende die Mutter von ihrem angestammten Platz der schönen Frau, die die Blicke auf sich zieht. Da die Töchter bei ihrem Vater in Kanada leben, hat die räumliche Distanz für eine noch größere Entfremdung gesorgt. Das alles geht Leda immer wieder durch den Kopf, als sie eine gegen die junge Familie gerichtete unüberlegte Tat begeht und großen Kummer verursacht. In der scheinbaren Harmonie zeigen sich plötzlich Risse, und die junge Nina fühlt sich zunehmend zu ihr hingezogen. Sie scheint sich in einer ähnlichen Situation zu befinden wie Leda vor Jahren.
Elena Ferrantes Roman entfaltet auch in der Übersetzung eine intensive Wirkung und liest sich sehr gut. Die Autorin zeigt am Beispiel ihrer Protagonistin Leda, wie schwer, wenn nicht sogar unmöglich es ist, die Mutterrolle mit dem Wunsch nach Selbstverwirklichung zu vereinbaren. Leda muss sich von Außenstehenden beleidigen und als Rabenmutter beschimpfen lassen. Glück haben ihr die von ihr vor Jahren getroffenen Entscheidungen jedenfalls nicht gebracht, wie sie selbst am besten weiß. Die Autorin stellt überzeugend dar, dass Mutterliebe nichts Naturgegebenes, Unveränderliches ist. In ihrer Überforderung begegnete Leda ihren Töchtern teilweise mit Ablehnung und Hass und ließ sich fast zu Handgreiflichkeiten hinreißen. Man kann diese Geschichte als Leser sehr gut nachvollziehen. Mir hat die Innenansicht einer unglücklichen Mutter sehr gut gefallen.

Veröffentlicht am 23.02.2019

Apu und Tino unterwegs in die Vergangenheit

Albertos verlorener Geburtstag
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Als der 7jährige Albertino genannt Tino erfährt, dass sein Großvater, den er Apu nennt, weil er das Wort “abuelo“ (Großvater) nicht aussprechen kann, seinen Geburtstag noch nie gefeiert hat, weil er sein ...

Als der 7jährige Albertino genannt Tino erfährt, dass sein Großvater, den er Apu nennt, weil er das Wort “abuelo“ (Großvater) nicht aussprechen kann, seinen Geburtstag noch nie gefeiert hat, weil er sein Geburtsdatum nicht kennt, schlägt er vor, dass sie beide danach suchen. Der Großvater hat als Kind sein Gedächtnis durch ein furchtbares Ereignis im Spanischen Bürgerkrieg verloren und kennt nur seinen Namen Alberto Romero, weil er einen Zettel in der Tasche hatte, als im Waisenhaus abgegeben wurde. Seine Erinnerungen an die frühe Kindheit vor diesem Tag sind verloren. Der Moment für eine solche Reise in die Vergangenheit scheint günstig, da Tinos Vater nach einem schweren Unfall im Krankenhaus liegt und der Junge sehr unter dem Zustand des Vaters leidet.
Alberto und sein Enkel beginnen ihre Suche an dem Ort, wo der Großvater im Waisenheim viele schwere Jahre verbracht hatte, bis er sich durch Flucht der Indoktrination und dem harten Regime der Priester entzog. Sie begegnen Menschen aus Albertos Vergangenheit und folgen den spärlichen Hinweisen, die sie bekommen. Mit den menschlichen Begegnungen kommen auch immer wieder Erinnerungsfetzen zurück und der Großvater kann hoffen, dass er Informationen über seine Familie und die Umstände seiner Aufnahme in das Waisenhaus bekommt.
Die Autorin nutzt die Reise in die Vergangenheit zu erzähltechnisch geschickten Perspektivwechseln, indem sie abwechselnd in der Erzählgegenwart durch einen allwissenden Erzähler und aus der Sicht von Menschen, die in Albertos Kindheit eine Rolle gespielt haben, nicht nur über Albertos Schicksal, sondern auch über den zeitgeschichtlichen Hintergrund berichten lässt, und zwar in umgekehrter Chronologie vom März 1937 rückwärts bis April 1931. Auf diese Weise wird der Spanische Bürgerkrieg in all seiner Grausamkeit lebendig, so dass der Leser Albertos Geschichte einordnen kann.
Am Ende begreift der alte Mann, dass er wesentlich mehr verloren hatte als ein paar Erinnerungen. Durch die liebevolle Initiative seines Enkels hat er ein Stück seiner Identität zurückbekommen und erfahren, was Familie und Freunde im Leben bedeuten. Die Geschichte ist sehr einfühlsam erzählt und entfaltet beim Leser eine starke Wirkung. Ein schönes, empfehlenswertes Buch.