Osakas dunkle Seite
Unter der Mitternachtssonne„Unter der Mitternachtssonne“ von Keigo Higashino ist eine un- bzw. außergewöhnliche Lektüre. Der 1958 in Osaka geborene Autor gilt als einer der renommiertesten japanischen Krimiautoren. Bisher sind in ...
„Unter der Mitternachtssonne“ von Keigo Higashino ist eine un- bzw. außergewöhnliche Lektüre. Der 1958 in Osaka geborene Autor gilt als einer der renommiertesten japanischen Krimiautoren. Bisher sind in Deutschland vier Kriminalromane von ihm erschienen.
Dieses Buch wurde bereits 1999 in Japan veröffentlicht und liegt nun auch in deutscher Sprache vor.
1973 wird in Osaka ein Pfandleiher ermordet. Zufällig ist Kommissar Sagasaki in der Nähe und schnell am Tatort. Er ist ein genauer Beobachter und besitzt langjährige Berufserfahrung sowie Kombinationsvermögen. Doch die Spuren verlaufen ins Leere und ein wirklich verdächtiger Täter ist nicht vorhanden.
Sagasaki hat den ungelösten Fall nie aus den Augen verloren und kommt dem Geheimnis des Mörders erst nach vielen Jahren immer näher.
Higashino weiß viel Interessantes über die Menschen im Umfeld der Tat zu erzählen. Der Leser gewinnt tiefe Einblicke in die japanische Gesellschaft der 70er und 80er Jahre und lernt eine ganz andere Seite Japans kennen. Armut, Kleinkriminalität, Verschuldung sowie der Alltag von Teenagern wird in vielen Geschichten mit zahlreichen Personen, die teilweise in Beziehung zu einander stehen, gekonnt erzählt. Hilfreich für den Leser ist ein beigelegtes Namensverzeichnis.
Die Kapitel der ca. 700 Seiten umfassenden Krimis beinhalten in sich abgeschlossene Kurzgeschichten. Aus den Kindern der 70er Jahre werden junge Erwachsene, die lernen und studieren. Die einzelnen Handlungsstränge verdichten sich allmählich und führen zu unheilvollen Ereignissen. Der Autor hat eine sehr komplexe Handlung konstruiert, die sich über mehr als zwei Jahrzehnte erstreckt. Erst am Ende kann der Leser die Teile des Puzzles zusammensetzen und das Mordmotiv finden.
Der Sohn des ermordeten Pfandleihers Ryo und ein Mädchen aus seinem damaligen Wohnumfeld werden zu Protagonisten mit einer rätselhaften Aura, in deren Umfeld immer wieder Unheil und Schreckliches geschieht.
Die Sprache ist sehr ruhig, emotionslos und bestimmt. Sie vermittelt eine untergründige Spannung. Distanziert wird ein Kaleidoskop von Personen der japanischen Gesellschaft vorgestellt und beschrieben. Die überaus facettenreiche Geschichte mit verschiedenen Perspektivwechseln wird fesselnd, fast dokumentarisch erzählt und fordert das Mitdenken des Lesers.
Doch die in sich stimmige Auflösung des Kriminalfalls nach fast 25 Jahren weiß zu überraschen und die Geduld wird belohnt.
Aus meiner Sicht ist das Buch eine Empfehlung an alle, die offen für Neues sind, sich gern in komplexe Sachverhalte hineindenken und einmal einen Fall aus einem fernen Kulturkreis kennenlernen möchten.