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Veröffentlicht am 22.03.2026

Schlingern auf dem Pilsparkett

Es war nicht anders möglich
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„Es war nicht anders möglich“, der Debutroman von Svenja Liesau, erschienen 2026 bei Rowohlt Berlin, ist ein formal spannendes Buch über Trauer, Berlin und mental issues, das eine verblüffende Verbindung ...

„Es war nicht anders möglich“, der Debutroman von Svenja Liesau, erschienen 2026 bei Rowohlt Berlin, ist ein formal spannendes Buch über Trauer, Berlin und mental issues, das eine verblüffende Verbindung zwischen Kneipe und Psychiatrie herstellt und den Flair Berlins ganz wundervoll einfängt.

Martina hat ihren Vater zum zweiten Mal verloren, das erste Mal schon in sehr jungen Jahren, als ihre Eltern sich trennten und sie bei der Mutter blieb, die offenkundig überfordert mit der Alleinerziehung Martina emotional verwahrlosen lässt. Der Vater verbleibt als fern kreisender Satellit für Martina ein Sehnsuchtsort, manchmal kreuzt er kurz ihre Umlaufbahn, doch zu packen ist er nie. Nun verliert sie ihn ein zweites Mal an die Sterblichkeit und wird dadurch in eine nicht enden wollende Schleife aus Trauer, Selbsthass und Ziellosigkeit geworfen, die sie im ersten Teil des Buches durch die Berliner Eckkneipen treibt und im zweiten in der Psychiatrie stranden lässt.

Svenja Liesau hat ein formal einzigartiges Buch geschrieben, in dem sie mutig das Buch mit einer amtlichen Playlist beginnt (die zur Freude der Leserin auf Streamingdiensten zu finden ist), immer wieder mit Songtexten arbeitet und vor allem auch mit SMS an den toten Vater und Briefen. Die Konstruktion ist fragmentarisch und collagiert, wir folgen keinem durchgehenden Erzählvorgang, so wie das durchgehend alkoholisierte Gehirn von Martina durch die Tage zappt, Filmrisse inklusive, so treiben auch wir durch die Geschichte. Liesau fängt den Mikrokosmos Eckkneipe wirklich perfekt ein, so sehr, dass ich die jeweilige Kneipe sogar riechen konnte. Ihre Protagonistin Martina ist nicht unbedingt eine sympathische Figur, zumal sie kaum Entwicklung macht im Lauf des Romans, das muss frau aushalten können beim Lesen. Wie Liesau generell richtig tief in den Dreck greift, einige Passagen haben mich schwer schlucken lassen. Doch dadurch ist es auch ein ehrliches Buch, Trauer und Selbstverlust, Trauma und Autoaggression sind nun einmal keine Hochglanzthemen. Wir treiben durch Berlin, wir treiben auch durch eine, ebenfalls sehr treffend beschriebene Psychiatrie – in aller Härte und doch auch mit viel Humor und ein paar klugen Lebentipps, mit ganz beiläufig integrierten vielfältigen Themen, mit Feminismus und durchgehend genderneutraler Sprache. Das macht tatsächlich Spaß und berührt über weiter Strecken.

Svenja Liesaus literarische Stimme ist aufregend und frisch, sie traut sich viel – und am Ende verliert sie für mich ein wenig den Fokus, bzw. so ganz findet sie nicht aus ihrem Flow hinaus. Das ist das einzige kleine Manko dieses Buches, das mich über die Mehrheit seiner Seiten wirklich begeistert hat. Ich hoffe, Liesau schreibt munter weiter und schenkt uns noch mehr Bücher wie eine Discokugel – das trifft die sehr gelungene optische Gestaltung des Buches ebenso wie den Inhalt, der so glitzernd kreist und etwas leerdreht, während die imaginäre Jukebox quäkt. Eine Entdeckung!

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Veröffentlicht am 16.03.2026

„Pipeline“ kommt nicht in den Fluss

Pipeline
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„Pipeline“, ein Thriller von Lucas Fassnacht, erschienen 2026 bei Ars Vivendi und vom Verlag angepriesen als Umweltkrimi der Extraklasse, verfolgt ein spannendes Thema, ist jedoch in der Ausgestaltung ...

„Pipeline“, ein Thriller von Lucas Fassnacht, erschienen 2026 bei Ars Vivendi und vom Verlag angepriesen als Umweltkrimi der Extraklasse, verfolgt ein spannendes Thema, ist jedoch in der Ausgestaltung leider viel zu verwirrend konstruiert, so dass zu keinem Zeitpunkt wirklicher Lesefluss aufkommen kann.

Hinter dem wirklich gut gelungen Cover liegt auf knapp 350 Seiten eine Handlung verborgen, der Vereinfachung insbesondere im Figurenpersonal gutgetan hätte.
Die Firma Vogt baut in Frankreich eine Pipeline, um dortige Atomkraftwerke mit Kühlwasser zu versorgen – notwendig wurde dies durch den Klimawandel, durch den die Flüsse nicht mehr genug Wasser führen, als das dieses genutzt werden könnte. So weit, so übersichtlich, kämen nicht Großkonzerne und ihre Machenschaften hinzu, was einen Anschlag auf die Pipeline zur Folge hat, was eine Bauverzögerung zur Folge hat, was einen ganzen Roman zur Folge hat, dessen Handlung allerdings in keinem glaubhaften Verhältnis zu Anlass steht.

Schnell wird beispielsweise klar, dass der ökologisch-energetische Konflikt wahrscheinlich nur die Oberfläche des Thrillers darstellt und dass darunter noch eine menschliche Tragödie liegt, die wahrscheinlich viel weiter greift. Nur verliert der Autor diese zum Ende hin dann auch wieder komplett aus dem Auge. Die Protagonistin Cecilia Thoma stolpert bis zum Ende unglaubwürdig erst in die Handlung, dann durch sie hindurch und wieder hinaus. Dabei verhält sie sich weitestgehend nicht nachvollziehbar und lernt auch nicht hinzu. Umgeben ist sie von einem wirklich riesigen Personal – und das ein Teil davon auch noch Alias-Namen trägt, macht die Sache nicht besser. Die Kapitel sind sehr kurz, eigentlich gut, nur wechselt mit jedem Kapitel Personal und Ort. Es kann nicht meine Aufgabe als lesende Person sein, mir das alles mitschreiben zu müssen, um noch irgendwas zu verstehen. Dann muss auch noch Rechtsradikalismus und Gangmentalität rein, schnell noch ein paar Leichen, Klimawandel, Uran im Grundwasser, ich war einfach draußen. Leider nicht mein Buch. Hier hätte eine Konzentration auf deutlich weniger wahrscheinlich einen guten Thriller entstehen lassen können, so blieben die Figuren alle hölzern, oberflächlich und irgendwie motivationslos. Die Auflösung erfolgt eher mit dem Holzhammer.

Dabei kann Lucas Fassnacht schreiben, immer wieder blitzt sogar großartiger Sprachwitz auf. Leider konzentriert er sich zu sehr auf eine thematische Konstruktion, anstatt seine Figuren wirklich lebendig werden zu lassen und mit Tiefe auszustatten. Daran zerbricht der eigentlich gut gedachte Thriller, weil die Figuren austauschbar sind und nicht im Gedächtnis bleiben und ganze Stränge verzichtbar wären. Schade, hier wäre mehr drin gewesen.

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Veröffentlicht am 10.03.2026

Das Ende vom Ende der Welt

Die Reise ans Ende der Geschichte
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„Die Reise ans Ende der Geschichte“, geschrieben von Kristof Magnusson und erschienen 2026 bei Klett-Cotta, ist ein herrlich humorvoll-skurriles Romanschätzchen mit dennoch viel Historie und Tiefgang, ...

„Die Reise ans Ende der Geschichte“, geschrieben von Kristof Magnusson und erschienen 2026 bei Klett-Cotta, ist ein herrlich humorvoll-skurriles Romanschätzchen mit dennoch viel Historie und Tiefgang, das über weite Strecken bestens unterhält, auch wenn ihm am Ende leider etwas die Luft ausgeht.

Auf knapp 275 Seiten folgen wir einer irren Doppelagentenreise, die, wie das sehr gelungene Cover schon andeutet, immer am Rande des Abgrunds balanciert – und das gilt sowohl für die Figuren als auch für die schriftstellerische Leistung, bei der man sich auf ein paar Prämissen einlassen muss, um den Roman einfach genussvoll wegsnacken zu können. Die rezensierende Person konnte das gut! Kristof Magnusson schenkt uns eine gute Struktur: Die Kapitel wechseln in der Erzählperspektive zwischen den drei Protagonist:innen (oder ist eine davon etwa eine Antagonistin? Wer weiß?), wobei der Autor uns hilft, indem Perspektive und Handlungsort immer in der Kapitelüberschrift zu finden sind.

Der Roman startet stark auf einem Höhepunkt: Dieter Germeshausen, seines Zeichens Doppelagent im deutschen und russischen Staatsdienstes wird im Jahr 1995 in einer Hotelbar in Kasachstan vergiftet. In der Folge blicken wir zurück auf mächtig erheiternde Verstrickungen, die ihn in diese Situation gebracht haben. Denn etwas zuvor warb Dieter den Schriftsteller Jakob Dreiser auf einer Feier des Endes vom Ende der Welt in der russischen Botschaft in Rom für den BND an – da er selbstkritisch festgestellt hat, selbst nicht unbedingt eine Leuchte im Bereich Kommunikation zu sein und einen Supercoup plant – für den genau diese Kommunikation aber unerlässlich ist. Jakob Dreiser als junger Schriftsteller mit großem Bezug zu Russland scheint hier eine Lücke ideal zu füllen, schließlich soll die Reise nach Almaty in Kasachstan gehen – aber vielleicht hat Dieter doch die Rechnung ohne den Wirt gemacht... Zumal es da auch noch Francesca Aquatone gibt, die viel Pfeffer in die Suppe streut und einen dreifachen Negroni, der es in sich hat.

Magnusson schreibt großartige Charaktere, der in sich festklemmende, geltungssüchtige Dieter, mit seinem doch sehr großen Selbstbewusstsein, das tapfer alle Fremdwahrnehmung ausblendet, der wirklich naive Jakob, Typ „hey, Hauptsache man lebt und es passiert was“, und wenn dann was passiert, dann findet er das schon auch ein bisschen doll, aber auch die Nebencharaktere wie Dominique Fishbowl (dieser Name!), die hinter ihrer Säuferinnenfassade wahrscheinlich richtig was draufhat, hier gefallen mir einfach alle und das ist gut gegensätzlich konstruiert. Der Ton ist eine perfekte Mischung aus Suspense und Comedy, das Dramedy Genre liest frau ja selten gut, hier ist es nahezu perfekt.
Der Autor scheut sich aber auch nicht vor Tiefgang und Gefühlen und webt vor allem viel Historisches wirklich perfekt in die Handlung ein. Die Atmosphäre des Kalten Krieges und das Aufwachsen in dieser Zeit, der Fall des Eisernen Vorhangs und die Freiheit aber auch die Unsicherheit bringt der Autor trotz aller Heiterkeit super rüber. Wie viel davon habe ich vergessen – und wie präsent ist es leider aktuell wieder, auch darum ist es das richtige Thema für ein Buch aktuell. Der Autor greift den Zeitgeist super und er braucht dafür nicht viel, ihm reicht Musikwahl und der Begriff „CD“ – nur als ein Beispiel. Und diese Verbindung aus Komik und Leichtigkeit und dann doch immer wieder auch Nachdenklichkeit und fast philosophische Einschübe – sehr geglückt.

Der Plot ist dabei an Skurrilität nicht zu überbieten und ja, das muss man mögen. Darauf muss man sich mit Wonne einlassen wollen, denn sonst könnten die Logik-Fragezeichen überhandnehmen. Für mich hat es gut funktioniert, der Autor zeigt sein Augenzwinkern deutlich genug. Die Sprachbilder sind großartig, ich habe mir so viele Stellen markiert, nur eine davon: „Er schwieg nicht nur auf Russisch und Englisch, sondern auch auf Italienisch“ (S. 17). Und auch das Finale lässt es an Plottwists nicht fehlen – leider fehlt dem Buch aber, und das ist ein großes Manko, ein wirkliches Ende. Auf einmal wird viel ausgelassen, es geht alles viel zu schnell und wir enden ehrlich gesagt ein bisschen im Irgendwo. Vielleicht ist das der Hinweis auf eine Fortsetzung, denn es bleiben SO viele Fragen offen. Leider schmälert es aber den Genuss dieses bis dahin so herrlichen Buches dann doch. Weshalb ich nur 4 Sterne vergeben kann, aber dennoch eine dringliche Leseempfehlung, denn wer Dieter und Jakob nicht kennenlernt: Hat wirklich etwas verpasst. Ein wundervoller Lesesnack zum Abschalten und Genießen, bei dem die Lesenden über weiter Strecken nur so durch die Seiten fliegen werden.

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Veröffentlicht am 02.03.2026

Therapie sind die anderen

Narbenmädchen
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„Narbenmädchen“, der Debutroman von Lilly Bogenberger, erschienen 2026 bei dtv, ist ein mutiges und ehrliches Buch über die mental issues einer jungen Generation, berührend und nah, ganz sicher nicht nur ...

„Narbenmädchen“, der Debutroman von Lilly Bogenberger, erschienen 2026 bei dtv, ist ein mutiges und ehrliches Buch über die mental issues einer jungen Generation, berührend und nah, ganz sicher nicht nur für die Zielgruppe Young Adult, und eine kleine Mahnung an eine Elterngeneration, sich trotz der ewigen Postadoleszenz mehr mit den eigenen Kindern zu beschäftigen – weil sie es verdienen. Das Cover ziert eindrücklich eine Distelblüte, ein starkes Bild einer Pflanze, die sich ein scheinbar bombensicheres Abwehrsystem gebaut hat – und doch von jedem starken Wind umgeknickt werden kann.

So geht es auch der Protagonistin Lara, 15 Jahre alt, die sich für vier Wochen auf einer Kur in einer Heilanstalt, dem Heilige-Elisabeth-Stift befindet, unter den Teilnehmenden „Elisabethknast“ genannt. Direkt im ersten Teil werden wir auf ihren Kur-Grund gestoßen: Lara verletzt sich selbst. Warum sie das tut, werden wir erst gegen Ende des Buches erfahren, wie generell die Hintergründe der Diagnosen der Jugendlichen, die sich auf der Kur befinden, erst mit der Zeit entblättert werden – was gut ist, denn viel wichtiger als die Begründungen für das Verhalten ist der Kampf der jungen Menschen mit ihren Symptomen und der angestrengte Versuch, in der Kur Therapie und Lebenslust zu finden. Lara fühlt sich im System Kur eingesperrt und nicht gesehen, ihr Drang zur Selbstverletzung ist auch ein Freund, der ihr hilft – und so braucht es vielleicht echte Freunde, um ihr einen Weg davon weg zu zeigen, ohne dass die Autorin behauptet, dass hierin die Lösung läge. Lara erlebt in der Kur auf dem engen Raum in einem geregelten Alltag viele Konflikte, aber auch eine zarte Annäherung an Finn und Neo, die ebenfalls große Päckchen mit sich tragen, wie alle der Jugendlichen. Bogenberger vereint viele Diagnosen in einem Raum und beschönigt dabei nicht, das Buch ist nicht ohne und spart auch suizidale Episoden nicht aus, lässt aber auch immer wieder eine Menge Humor aufblitzen und die Sonne der Hoffnung in die Welt scheinen. Es ist ein berührendes, nahbares Buch, in dem Bogenberger sehr genau den Ton und die Lebenswelt einer jungen Generation trifft, die von ihren Eltern aus vielen Gründen nicht gut gesehen wird. Ihr Roman ist auch ein Plädoyer dafür, sich nicht mit einfachen Sichtweisen und Antworten zufriedenzugeben, genauer hinzuschauen.

Ein Manko des Buches ist leider die Grundkonstellation – diese ist nicht real. Dieses Ausmaß an Diagnosen wäre nicht kur-fähig und die jungen Menschen würden deshalb nie eine solche Kur verschrieben bekommen, hier würde zunächst deutlich mehr Therapie verordnet werden, bevor eine Kur in Betracht käme. Daran krankt der Roman an vielen Stellen, wobei ein junges Publikum wahrscheinlich darüber hinwegliest – mich hat es doch sehr gestört. Und leider driftet die Autorin auch in Klischees ab, natürlich konsumieren die psychisch labilen Jugendlichen auch Drogen, trinken sehr viel Alkohol, rauchen usw. Da wird nicht viel ausgelassen und das ist schade, weil es zum einen nicht wirklich eingeordnet wird, zum anderen aber eben ein Klischee ist, wahrlich nicht alle psychisch instabilen Jugendlichen verhalten sich so, ich würde mutmaßen, noch nicht einmal die Mehrheit.

Davon ab aber habe ich die knapp 350 Seiten in einem Rutsch durchlesen können und bin von diesem Debut mehr als angetan. Bogenberger schreibt lebendige Figuren mit Tiefgang und lässt uns geschickt immer tiefer in diese und ihre Beziehungen eintauchen, sie schont die Lesenden nicht und zeigt auch offen, wie schwer es ist, hier passgenau zu helfen. Viele Szenen gehen sehr ans Herz und am Ende zeigt sich: Therapie sind immer die anderen. Es braucht ein gutes Netz und dieses muss selbstgewählt sein, nur dann kann das Schutzsystem aus Stacheln aufgebrochen werden. Verantwortungsbewusst stellt die Autorin eine ausführliche Triggerwarnung voran und im Nachwort finden sich viele Adressen für Hilfsangebote. Dieses Buch hätte mir vor 20 Jahren sicher viel bedeutet und auch heute noch hat es mich auf eine emotional glaubhafte Reise genommen. Von Lilly Bogenberger werden wir noch lesen.

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Veröffentlicht am 25.02.2026

Strukturelle Redundanz in der Fuggerwelt

Im Auftrag der Fugger - Teufelsreigen
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„Im Auftrag der Fugger – Teufelsreigen“, der zweite Band und Nachfolger zu „Im Auftrag der Fugger – Der Burgunderschatz“, geschrieben von Peter Dempf und erschienen 2026 bei Bastei Lübbe, schließt zum ...

„Im Auftrag der Fugger – Teufelsreigen“, der zweite Band und Nachfolger zu „Im Auftrag der Fugger – Der Burgunderschatz“, geschrieben von Peter Dempf und erschienen 2026 bei Bastei Lübbe, schließt zum einen an Peter Dempfs Qualität an, die Fuggerzeit in vielen Details lebendig werden zu lassen, zum anderen aber leider auch an seine Redundanz, in immergleich strukturierten Szenen, Wendepunkten und Verfolgungsjagden einen Roman unnötig in die Länge zu ziehen – was diesem 565-Seiten-Werk leider nicht gut tut.

Vorab positiv zu erwähnen das Figurenverzeichnis, dem Roman vorangestellt, die historischen doppelten Namenvergaben sind ja immer nicht so leicht, umso besser, wenn frau mal nachschlagen kann. Hinten im Buch findet sich ein ebenfalls hilfreiches Glossar, das gern etwas ausführlicher hätte sein dürfen, einige zentrale Dinge tauchen dort nicht auf, und auch ein Nachwort, das einordnet, was hier Fakt und was Fiktion ist, das finde ich bei historischen Romanen immer eine große Bereicherung.

Der zweite Band startet direkt mit viel Action und Peter Dempf lässt geschickt alle wichtigen Figuren des ersten Teils auf den ersten Seiten auftauchen. Für mich als Leserin des ersten Bandes hat der Roman inhaltlich gut funktioniert, ich glaube, für Neuleser:innen wären ein paar mehr ausführlichere Rückblenden nicht verkehrt, auch wenn der Roman auch so weitestgehend verständlich sein dürfte. Ungewöhnlicherweise starten wir in Venedig und nicht in Augsburg, aber ich verstehe, dass man den historischen Brand des Fondaco die Tedeschi nicht links liegen lassen konnte. Afra und Herwart, uns schon bekannt aus Band eins, sind wieder im Auftrag von Jakob Fugger unterwegs, der dieses Mal in großen Schwierigkeiten steckt, irgendjemand hat es auf sein Geschäft abgesehen und versucht, ihn zu vernichten. Und natürlich taucht direkt auch der große Widersacher Zeno auf, ebenfalls vertraut aus Band 1 und macht den Team Fugger das Leben schwer. Wer steckt hinter den vielen Anschlägen auf die Fuggertransporte und Lager? Wer streut Gerüchte, dass Jakob Fugger zahlungsunfähig sei? Wer hat Interesse daran, ihm das Leben so zu vermiesen? Und was hat eine geheimnisvolle schwarz gekleidete Dame in Venedig damit zu tun? Bei der Suche nach Antworten kämpfen Afra und Herwart alle 20 Seiten um ihr Leben, das passt zum letzten Band, wo die Verfolgungsjagden und Kämpfe auf Leben und Tod doch auch etwas überhandnahmen, ähnlich auch in diesem Band, ebenso wie die Plausibilität hier und da doch erheblich ins Wanken kommt (ein Beispiel von vielen wäre der doppelte Sprung in den Canale Grande und die Lagune und beide Male wird überlebt, beim zweiten Mal schöpft man sogar aus dem Wasser heraus ein Boot leer und klettert dann hinein – in voller Bekleidung... Sind hier alle Rettungsschwimmer, oder was? Im beginnenden 16. Jahrhundert konnten die meisten Menschen mit Ach und Krach schwimmen im Sinne von sich ein bisschen über Wasser halten). Gerne werden auch Verstecke aufgesucht, wo man auf jeden Fall gefunden wird vom Mordschergen. Wenn ich mich irgendwo verstecken will, dann doch nicht in meiner Kate oder meiner bekannten Wohnung, also da habe ich schon große Fragezeichen im Gesicht. Dann gibt es, grundsätzlich sehr lustig, den Hund namens Fugger – und dieses Tier ist wahrlich ein Superhund. Er riecht quer durch Städte die kleinsten Spuren, ist immer am Platz, wenn man ihn braucht, rettet Herwart und Afra aus jeder brenzligen Lage – und davon gibt es ja alle 20 Seiten spätestens eine. Die Protagonisten lernen daraus nicht, weiter folgen sie jedem Impuls, achten nicht auf innere Alarmglocken, trennen sich beständig, um vereinzelt überwältigt zu werden usw. Das wird dann irgendwann lang, zumal Dempf sich in wirklich jeder Situation der gleichen Struktur bedient – irgendwann will frau das nicht mehr lesen. Und je weiter die Handlung voranschreitet, desto mehr nehmen Ungereimtheiten, Unwahrscheinlichkeiten und wirklich unglaubwürdige Zufälle zu in einem Maß, dass ich doch verärgert war. Auch das vom Autor im Nachwort sehr gelobte Lektorat darf gerne noch ein bisschen nacharbeiten, hier gibt es leider so einige Fehler, über die eigentlich gar nicht hinweggelesen werden kann.

Interessant ist in diesem Band die Figur von dem Albino Zeno, er bekommt in diesem Band eine neue Farbe (haha), im ersten Band noch ganz eindeutig Bösewicht, scheint er hier doch auf dem Grat zwischen Gut und Böse zu tanzen, das macht die Sache auf jeden Fall spannend. Und auch Jakob Fugger wirkt zwiespältig – bis zum Ende wird nicht ganz klar, was eigentlich in ihm vorgeht und was er plant.

Was mich am Buch gehalten hat, sind die vielen historischen Fakten und Anteile, die Dempf sehr gut lebendig werden lässt. Die Fuggerzeit ersteht auf, das wirkt auch nie referatsartig, immer wieder werden geschickt historische Personen eingewoben, das hat der Autor einfach drauf. Und mit Afra schreibt er auch nach wie vor eine widerständige Frauenfigur, die ihrer Zeit voraus ist. Sehr gut hat mir deshalb auch die kleine Spielerei mit dem generischen Femininum am Anfang in der Welt der Masken gefallen, jaja, die Herren, so fühlt sich das an.

Wer es also eher simpel gestrickt mag bei einer guten historischen Grundqualität, auf dauerhafte Action steht und bereit ist, dabei Redundanz zu verzeihen und auf Glaubwürdigkeit zu verzichten, der ist hier wahrscheinlich bestens bedient. Mir war das zu viel auf zu vielen Seiten, eine deutliche Reduktion hätte diesem Band wirklich gut getan, denn diese Zerfaserung geht zulasten der Haupthandlung, in der die lesende Person immer wieder den Faden verliert. Und das Ende: Ist einfach nur noch abrupt und unbefriedigend. Ein dritter Band ködert mich aktuell leider eher nicht, auch wenn ich mich in der intriganten und brisanten Fuggerwelt wirklich gern aufhalte.

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