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heinoko

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 02.08.2018

Wenn die Stille Lapplands die Seele heilt

Helle Tage, helle Nächte
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Ein Buch, in dem nicht viel geschieht, und doch so viel Entscheidendes. Gemächlich erzählt, der Landschaft Lapplands angepasst in seiner Weite und Einsamkeit und Stille.

Eine Kleinstadt, am Fuß der Schwäbischen ...


Ein Buch, in dem nicht viel geschieht, und doch so viel Entscheidendes. Gemächlich erzählt, der Landschaft Lapplands angepasst in seiner Weite und Einsamkeit und Stille.

Eine Kleinstadt, am Fuß der Schwäbischen Alb. Hier lebt Anna Albinger, knapp über 70, an Lungenkrebs erkrankt, einsam, durch eine jahrzehntelange Lüge niedergedrückt. Und Frederike, Nichte von Anna, von ihr als Kind liebevoll aufgezogen, knapp über 50, frisch geschieden, orientierungslos, was ihr zukünftiges Leben betrifft. Als Anna sie bittet, einen Brief persönlich zu überbringen, und zwar an Peter Svakko, 3.000 km entfernt im schwedischen Lappland lebend, lässt sich Frederike nur sehr widerwillig darauf ein, diese eindringliche Bitte ihrer Tante zu erfüllen. Doch schließlich macht sie sich mit ihrem Campingbus auf eine lange, lange Reise…

Der Roman wird wechselnd aus zwei Perspektiven erzählt. Anna berichtet über ihr stilles Leben, in der die Krankheit eine große Bandbreite an Gefühlen auslöst, Selbstmitleid und Kampfgeist, Depression und trotzigen Überlebenswillen, Verunsicherung und Angst. Über allem jedoch stehen Erinnerungen, intensive Erinnerungen an ihre eigene Kindheit.
Dramaturgisch von der Autorin geschickt eingestreut, werden in jedem Anna-Kapitel mehr und mehr Erinnerungen lebendig, und einem Puzzle gleich entwickelt sich ein Bild, das das alles überschattende Schuldgefühl Annas‘ erklärt. In den Frederike-Kapiteln machen wir uns mit ihr auf eine lange Reise, äußerlich und innerlich. Auch Frederike hat aufgrund ihrer Lebenserfahrungen eine eher negative Sicht auf die Dinge, lässt sich aber doch ein auf das, was ihr auf dieser Reise begegnet und erfährt eine ungeahnte Wandlung.

Die Autorin erzählt so hautnah, dass ich Annas‘ Schmerzen fast körperlich spüre, mit Herzklopfen zum ersten Mal in einem Helikopter sitze oder die Juni-Morgenkälte Lapplands in meine Knochen kriecht. Und ich erlebe mit den Augen der Autorin eine überwältigend schöne Landschaft, die den Menschen zurückführt auf das, was wesentlich ist. Die Liebe der Autorin zu Lappland teilt sich unmittelbar mit und hallt noch lange nach Beendigung des Buches nach. Es ist nicht wichtig, dass die Geschichte vorhersehbar endet. Wichtig ist, wie gekonnt Hiltrud Baier die großen Lebensthemen mit leichter Hand skizziert und gerade durch die Leichtigkeit und Ruhe eine Intensität erreicht, die mich im Innersten bewegt und nicht mehr loslässt.


Veröffentlicht am 01.08.2018

Viele Zigaretten, viel Alkohol, sehr französisch

Der Unfall auf der A35
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Nur wenige Kilometer von meinem jetzigen Wohnort verläuft die A35 im Elsass. Genau deswegen fand das Buch mein Interesse, zugegebenermaßen ein etwas seltsamer Grund für eine Leseentscheidung. Denn vom ...

Nur wenige Kilometer von meinem jetzigen Wohnort verläuft die A35 im Elsass. Genau deswegen fand das Buch mein Interesse, zugegebenermaßen ein etwas seltsamer Grund für eine Leseentscheidung. Denn vom Autor hatte ich bislang nichts gehört und nichts gelesen. Aber vom Verlag dafür umso mehr.

In der Handlung geht es in der Tat um einen Autounfall auf der A35, nahe des verschlafenen Städtchens Saint Louis. Bertrand Barthelme, der Fahrer, ist nachts frontal gegen einen Baum gefahren und dabei umgekommen. Nicht besonders spektakulär. Aber da gibt es den schrulligen Kommissar Georges Gorski, der sich ein ganz eigenes Bild von dem Toten und seinem Vorleben macht. Und auch Barthelmes 17-jähriger Sohn Raymond beginnt, Geheimnissen im Leben seines verstorbenen Vaters auf die Spur zu kommen…

Langweilig ist es nicht, das Buch. Spannend ist es auch nicht. Seltsam ist es, und in seiner Seltsamkeit wiederum fesselnd. Wird eine fiktive Geschichte erzählt, eine Geschichte, die sich nur aus Vermutungen ernährt, oder lesen wir doch einen klassischen Kriminalroman mit der üblichen Aufklärung am Ende? Es bleibt verwirrend. An den etwas spröden Sprachfluss musste ich mich erst einmal gewöhnen, an die ausufernd geschilderten Barbesuche auch. Und an dieses endlos höfliche Miteinander unter Kollegen oder im Umgang mit Zeugen, diese konfliktvermeidenden Konversationen, die nie auf den Punkt kommen und doch erhellend sind. Weitschweifig wird erzählt. Bis ins letzte Detail versehene Schilderungen, mit scharfer Beobachtungsgabe wahrgenommen, füllen die Seiten und haben mir Einiges an Geduld abverlangt. Das Buch verhält sich oft seitenlang so, als wolle es gar nicht gelesen werden, als entziehe es sich dem Leser willentlich. Der Autor schafft es zum Beispiel, eine halbe Buchseite lang allein darüber zu referieren, welche Gedanken und Mutmaßungen ein offener Schnürsenkel bei Gorski hervorruft. Und entwickelt aus solchen Schilderungen heraus klammheimlich ein intensives Psychogramm des Betreffenden. Das ist kunstvoll, aber auch anstrengend.
Das Buch mutet mich an wie einer dieser französischen Spielfilme, die langsam, sehr langsam eine Geschichte in vielen Facetten erzählen, aber nicht wirklich von der Stelle kommen. Viele Zigaretten, viel Alkohol – und die Frage, wie ein Schotte so schreiben kann, als sei er ein Franzose, und zwar einer der alten Schule?

Veröffentlicht am 31.07.2018

Was haben Wolken und Männer gemeinsam?

Witwendramen
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„Was haben Wolken und Männer gemeinsam? - - Wenn sie sich verziehen, wird es ein schöner Tag.“


Als gebürtige Nürnbergerin ist mir Fitzgerald Kusz ein Begriff. Sein legendäres Theaterstück „Schweig Bub“, ...

„Was haben Wolken und Männer gemeinsam? - - Wenn sie sich verziehen, wird es ein schöner Tag.“


Als gebürtige Nürnbergerin ist mir Fitzgerald Kusz ein Begriff. Sein legendäres Theaterstück „Schweig Bub“, das 1976 im Staatstheater Nürnberg Erstaufführung hatte, war sein größter Erfolg und ist mir bis heute ins Gedächtnis gebrannt. Die Kombination Kusz und drei Generationen Thalbach weckten in mir lachmuskeltechnisch die höchsten Erwartungen an das Hörbuch.

Fitzgerald Kusz legt ein Konglomerat aus allen möglichen Textgattungen zum Thema Witwe vor, urkomisch, fromm, derb, ordinär, abgedroschen, ernsthaft, traurig in einer wild gemixten Mischung. Viel Klischees werden aufgefahren, so mancher platte Witz wird gerissen, aber zwischendrin, ganz unscheinbar, scheint auch eine verhaltene Tragik durch das mehrfach geleerte Schnapsglas.

So genial auch die Vortragenden, allen voran deutlich herausragend Katharina Thalbach, in dieser szenischen Lesung der Vielfalt der Texte gerecht werden und sich in ihrem Zusammenspiel in großem Tempo die Textbälle zuwerfen - mir fehlte ganz eindeutig die Dimension des Sehens. Dazu sind die drei „Witwen“ viel zu sehr Schauspielerinnen, als dass sie sich nicht in Haltung, Gestik und Mimik zusätzlich ausdrücken würden, insbesondere da es sich ja um einen Live-Mitschnitt handelt und die Reaktionen des Publikums eine Interaktion zwischen ihnen und den Lesenden geradezu herausfordern. Dennoch hatte ich auch beim „Nur-Hören“ durchaus Vergnügen.


Veröffentlicht am 30.07.2018

Explodierendes Oma-Glück

Kidnapping Oma
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Explodierendes Oma-Glück

Was für eine wunderbare Beschreibung: Oma-Glück, das in der Achterbahn geradezu explodiert… Ein Autor, der so ein intensives Gefühl beschreiben kann, dem konnte nur ein richtig, ...

Explodierendes Oma-Glück

Was für eine wunderbare Beschreibung: Oma-Glück, das in der Achterbahn geradezu explodiert… Ein Autor, der so ein intensives Gefühl beschreiben kann, dem konnte nur ein richtig, richtig gutes Kinderbuch gelingen!

Leni und Jonas sind viel allein, denn die Mutter muss immerzu arbeiten, manchmal auch am Wochenende. Die beiden Kinder sind sehr selbstständig, Mama kann sich auf sie immer verlassen. Der Vater ist weit weggezogen. Großeltern gibt es nicht, wie die Mutter ihnen erzählt hatte. Traurig und etwas ratlos wird Leni, als sie in der Schule einen Aufsatz schreiben soll über einen Tag mit Oma oder Opa. Wie sollte sie das schaffen, ohne je einen solchen Tag erlebt zu haben? Eine seltsame Begegnung am Spielplatz wirft plötzlich viele Fragen auf. Wer ist diese alte Frau, die mit ihrem Shetlandpony auf der Wiese sitzt? Warum hat sie einen so seltsamen Akzent? Warum versteckt sie sich im Gebüsch, mit einem Fernglas vor den Augen? Nach und nach kommt Leni und Jonas ein Verdacht. Könnte es sein, dass diese alte Frau mit Pony, die ihnen so viele Fragen stellt, tatsächlich ihre Oma ist? Wenn das so ist, darf Oma keinesfalls wieder entwischen, notfalls muss man sie entführen! Und so beginnt ein großartiges Abenteuer, denn Oma lässt sich tatsächlich von Leni und Jonas kidnappen, und die drei erleben mit Campingbus, Pony und gemeinsamer Zeit das beste Wochenende ihres Lebens, denn Oma fährt mit in der Achterbahn, spielt endlos Mensch-ärgere-dich-nicht und beim Schwimmen im Badesee. Als sie allerdings bemerken, dass sie von der Polizei gesucht werden, wird aus dem Spiel schnell Ernst…

Für 8- bis 10-jährige Leseratten bietet das Buch allerbestes Lesefutter. Es ist ausgesprochen spannend und mit ganz großem Humor erzählt. Kurzweilig und mit viel, viel Herz wird das Leben von zwei Kindern erzählt, wie es inzwischen so viele Kinder aus ihrem eigenen Umfeld kennen: Vater oder Mutter alleinerziehend mit Beruf, sodass die Ansprüche der Kinder auf der Strecke bleiben müssen. Es wird auch thematisiert, wie alte Streitigkeiten unausgesprochen auf der Familie, besonders auf den Kindern lasten. Und wie feinfühlig Kinder spüren, wenn sie belogen werden. Die vielen überraschenden Ereignisse und Wendungen im Buch machen das Lesen oder Vorlesen zu einem wahren Vergnügen, insbesondere das wohltuend warmherzige Ende lässt alle vorherigen Spannungen und Entbehrungen vergessen. Miteinander reden hilft. Versprechen muss man halten. Es braucht nicht viel, um zufrieden zu sein. Alles Botschaften, die in der fröhlichen Handlung so ganz nebenbei verpackt sind. Und die wichtigste aller Botschaften natürlich: Habt Zeit für einander. Es gibt nichts Wichtigeres, als gemeinsame Zeit mit der Familie zu verbringen. Und allein schon wegen dieser Botschaft sollten auch Erwachsene dieses zauberhafte Kinderbuch lesen! Die karikaturhaften Illustrationen von Marloes de Vries passen meiner Meinung nach sehr gut zum humorvollen, vergnüglichen Schreibstil des Buches.

Veröffentlicht am 29.07.2018

Meisterhafte Erzählkunst

Schuld
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Ein kleines Buch. Schönes Papier. Große Schrift. Ein Zitat von Kierkegaard vorangestellt: „Wenn alles still ist, geschieht am meisten.“

Zwölf Erzählungen. Zwölf? Eine Zahl von Symbolwert. Zwölf Erzählungen, ...


Ein kleines Buch. Schönes Papier. Große Schrift. Ein Zitat von Kierkegaard vorangestellt: „Wenn alles still ist, geschieht am meisten.“

Zwölf Erzählungen. Zwölf? Eine Zahl von Symbolwert. Zwölf Erzählungen, die ein Ganzes umschließen. Zufall? Wohl kaum. Der große Ferdinand von Schirach erzählt in einer packenden Mischung von distanziertem Beobachten und empathischer Ruhe. Er benötigt nur wenige Worte, um gewaltige Inhalte in Szene zu setzen, so gewaltig, dass uns Lesern der Atem stockt. Irregeleitete Menschen, vom Leben an den Rand gespülte Menschen, aus der Zeit gefallene, gestrandete Menschen. Menschen, die tatenlos auf ihr Leben wie auf ein leeres Blatt Papier starren. Menschen, die im Rad der zunehmenden Verzweiflung gefangen sind. Aus normalen Tagesabläufen kriecht plötzlich das Entsetzliche hervor, nur ganz kurz, aber dieser Moment genügt, damit das Opfer sich aufbäumt und zum Täter wird. So viele verlorene, entsetzlich traurige, unendlich einsame Menschen, deren Leben im Sog der Einsamkeit in die Irre geht.

Schicksal oder Schuld, Vorsatz oder Zufall, Wille oder Fügung? Die vorliegenden zwölf kleinen Erzählungen umschließen große Lebensthemen. Sie sind in größter Präzision geschliffene kleine Erzähl-Diamanten, in Schmuckfassung gebracht von einem der ganz großen Wortkünstler.