Märchenhafte Dystopie
Im MorgenlichtSil ist mit ihrer Mutter auf der Flucht und kommt durch ein Wiederansiedlungsprogramm nach Island City, wo sie bei ihrer Tante Ena unterkommen. Ena ist Hausmeisterin im altehrwürdigen Hochhauskomplex Morgenlicht ...
Sil ist mit ihrer Mutter auf der Flucht und kommt durch ein Wiederansiedlungsprogramm nach Island City, wo sie bei ihrer Tante Ena unterkommen. Ena ist Hausmeisterin im altehrwürdigen Hochhauskomplex Morgenlicht und die erste Verwandte ihrer Mutter, die Sil in ihrem jungen Leben kennenlernt. Ena ist so ganz anders als Sils Mutter, die nie viel über die Familie, die Vergangenheit, oder auch die Flucht erzählt hat. Während Sils Mutter eher still und ängstlich darauf bedacht ist unter dem Radar zu bleiben und bloß nicht aufzufallen, ist Ena laut, bunt und teilt gern ihre Erinnerungen an die alte Heimat mit Sil, darunter auch die märchenhafte Geschichte der Vila und ihrer drei Söhne.
Die Welt in der Sil und ihre Mutter leben liegt in einer, zeitlich nicht näher benannten, dystopisch anmutenden Zukunft. Durch den Anstieg des Meeresspiegels sind viele Landstriche unbewohnbar, es herrscht Lebensmittelknappheit, in der Vergangenheit gab es kriegerische Auseinandersetzungen, durch die viele Menschen gezwungen waren zu fliehen. Island City wird als eine Art Sehnsuchtsort beschrieben, obwohl auch hier die Gebäude und Straßen schon im Meer versinken. Es gibt ein hochgelobtes Programm zur Wiederansiedlung, bei dem über Spendengelder Häuser, Schulen, Spielplätze gebaut werden um Flüchtlingen als neue Heimat zu dienen, mit dem sich auch die elitären Bewohner im Morgenlicht ein gutes Gewissen verschaffen.
Der Klappentext des Buches verspricht die Geschichte einer Mutter-Tochter Beziehung, allerdings bleibt diese doch eher im Hintergrund. Ja, da ist die Tochter Sil und da ist auch ihre Mutter, aber von Beziehung kann man bei den Beiden nur bedingt sprechen. Sils Mutter bleibt lange Zeit sehr im Hintergrund, wie es eben ihrem Wesen entspricht, sie ist mehr damit beschäftigt zu arbeiten, ist dadurch fast immer abwesend und Sil somit auf sich allein gestellt. Der Leser begleitet sie durch ihren Alltag im Morgenlicht und erlebt mit, wie sie sich immer mehr in einer mythologischen Welt Halt sucht, wie sie eine Legende wiederbelebt, die sie aus einer Erzählung ihrer Tante kennt. Bezugspunkt wird hierbei die im Penthouse lebende mysteriöse Malerin und Unterstützung bekommt sie durch ein anderes Mädchen, das kurz nach ihr mit ihrer Familie im Morgenlicht einzieht. Die Familie der neuen Freundin kommt ebenfalls aus der alten Heimat, Sil entdeckt viele Gemeinsamkeiten und vergisst die Ermahnungen ihrer Mutter, niemandem etwas über ihre Vergangenheit zu erzählen. Erst hier tritt Sils Mutter dann mehr in den Vordergrund und das Buch bekommt Bezüge zu realen Ereignissen.
Bei diesen realen Ereignissen handelt es sich wohl um den Konflikt auf dem Balkan, im ehemaligen Jugoslawien. Verschiedene Elemente des Buches weisen hierzu Parallelen auf, so haben viele Namen Bezüge zu dieser Region und auch die mythologische Erzählung über die Vila passt in diese Gegend. Der Krieg, die Vertreibung und Flucht tausender Menschen, die hier stattgefunden hat, wird ebenso thematisiert, wie begangene Kriegsverbrechen und leider auch, das viele der damaligen Täter ihrer gerechten Strafe entkommen sind und später unerkannt ein ganz normales Leben führten. An diesem Punkt wird das Buch sehr emotional, wird hier doch endlich einiges am Verhalten von Sils Mutter klarer. Leider wird hier aber auch der Schrecken des Krieges und all seine Gräueltaten deutlich, stellvertretend für so viele Kriege, für so viele namenlose Tote in unentdeckten Massengräbern, für so viele zerstörte Familien, für so viel Leid und Kummer.
Im Morgenlicht ist ein sehr spezielles Buch mit einer teils etwas gewöhnungsbedürftigen, aber so fesselnden Geschichte. Die Geschichte wird von der erwachsenen Sil als Rückblende erzählt. Die Autorin schafft mit ihrem bildhaften, melodiösen Stil eine ungewöhnliche Stimmung. Die Figuren erzeugen Nähe, bleiben dem Leser aber immer auch ein klein wenig fremd, oder eher distanziert. Die realen Hintergründe des Buches offenbaren sich eher subtil und nur dem Leser, der damit vertraut ist. Gerade jüngeren Lesern könnten sich diese Zusammenhänge nicht erschließen, was sehr schade währe. Hier hätte ein erklärendes Vor-, oder Nachwort dem Buch gutgetan. Das Ende des Buches weckt etwas Hoffnung, lässt aber auch viele Fragen offen.