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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 10.02.2018

Scheidungskinder

Vier Schwestern
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Vier – sehr unterschiedliche – Schwestern aus Neuseeland verbringen einen gemeinsamen Sommerurlaub in der italienischen Region Cinque Terre. Recht bald verschwindet die zweitjüngste Schwester unvermittelt ...

Vier – sehr unterschiedliche – Schwestern aus Neuseeland verbringen einen gemeinsamen Sommerurlaub in der italienischen Region Cinque Terre. Recht bald verschwindet die zweitjüngste Schwester unvermittelt ohne Nachricht. Das ruft bei den übrigen drei zunehmende Spannungen hervor. Jede erklärt sich die Abwesenheit der Schwester anders. In der Vergangenheit erlittene Verletzungen und gemachte Erfahrungen vor allem in der Familie kommen aufs Tapet, die unterschiedlichen Beziehungen der Schwestern zu ihren Eltern und deren leidvolle Scheidung. Die – namenlos bleibende – Ich-Erzählerin steht der vermissten Schwester am nächsten. Sie teilen ein Geheimnis aus ihrer Jugend. Beide haben ein schwieriges Verhältnis zu ihren jeweiligen Partnern. Am Ende lösen sie ihre Probleme unterschiedlich.
So ganz konnte mich der Roman nicht einnehmen. Für meine Begriffe gibt es zu wenig Handlung. Stattdessen reflektiert die Erzählerin ihre Beziehungen zu den anderen Schwestern sehr/zu ausführlich gedanklich. Die Sorgen der Schwestern um ihre Schwester stehen zu sehr im Fokus und wirken auf mich übertrieben. Der Originaltitel „Absence“ würde besser passen, da es weniger darum geht, dass die vermisste Schwester gefunden wird, als darum, dass sich die Schwestern selbst finden.
Ein Buch, das ich als durchschnittlich bewerte.

Veröffentlicht am 10.02.2018

Familiengeheimnisse

Das Geheimnis meines Vaters, von dem er selbst nichts wusste
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Wer gerne Familiengeschichten liest, wird dieses Buch mögen.
Im Mittelpunkt steht Karl, Anfang 50, in der IT-Branche tätig, Sonderling mit Berührungsängsten gegenüber Frauen. Nachdem er sich vor zwanzig ...

Wer gerne Familiengeschichten liest, wird dieses Buch mögen.
Im Mittelpunkt steht Karl, Anfang 50, in der IT-Branche tätig, Sonderling mit Berührungsängsten gegenüber Frauen. Nachdem er sich vor zwanzig Jahren mit seinem verwitweten Vater überworfen und nur noch sporadisch mit ihm telefoniert hat, muss er sich jetzt um dessen Beerdigung und die Regelung des Nachlasses kümmern. In seinem Elternhaus im Oldenburger Münsterland trifft er eine junge Polin an und rekonstruiert die Beziehungen seines Vaters zu Polen. Außerdem werden in Karl Erinnerungen an seine Jugend wach, auch eine unschöne, die sein Sozialverhalten erklärt.
In der Geschichte habe ich mich schnell zu Hause gefühlt, ist ihre Handlung doch in der Nähe meines eigenen Heimatortes angesiedelt, so dass mir viele in Bezug genommene Örtlichkeiten vertraut vorkommen, etwa die erwähnten Umgehungsstraßen rund um Diepholz oder Nienburg, das Cloppenburger Museumsdorf. Der Protagonist ist in etwa mein Geburtsjahrgang, so dass ich mich auch in ihn gut hineinversetzen kann. Einige Dinge, die er aus seiner Jugend erzählt, kenne auch ich noch – etwa das Fotografieren mit der Agfamatic. Dass Karl eine etwas sehr spezielle, widersprüchliche Persönlichkeit hat, macht ihn für den Leser umso interessanter. Einerseits arbeitet er im modernen IT-Umfeld und ist in seiner Freizeit sehr sportlich, andererseits hatte er trotz seines inzwischen mittleren Alters noch nie eine Beziehung zu einer Frau. Ob sein Sozialverhalten allein mit einem Schlüsselerlebnis in seiner Jugend zusammenhängt, weiß ich nicht. Das Geheimnis seines Vaters, auf das der Buchtitel Bezug nimmt, ist recht interessant und wird glücklicherweise recht spät aufgeklärt. Ein paar Längen hat die Geschichte, die einerseits zwar fundiertes Wissen vermitteln, sich aber etwas hölzern lesen. Ich denke da an die Beschreibung der Fotografie in den 70er Jahren oder des VW-Kübelwagens.
Insgesamt kann ich das Buch weiterempfehlen.

Veröffentlicht am 04.02.2018

Im Alter auf den Spuren der Vergangenheit

Ein mögliches Leben
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Mit fast 90 Jahren reist Franz mit seinem Enkel nach Amerika, um dort die Orte zu besuchen, in denen er als 18jähriger in amerikanischer Kriegsgefangenschaft war. Viele Erinnerungen werden in ihm wach ...

Mit fast 90 Jahren reist Franz mit seinem Enkel nach Amerika, um dort die Orte zu besuchen, in denen er als 18jähriger in amerikanischer Kriegsgefangenschaft war. Viele Erinnerungen werden in ihm wach – an eben jene Zeit und an die Jahre davor sowie nach seiner Rückkehr in die Heimat, in denen er eine Familie gegründet hat, die ihn stets als harten, unnachgiebigen Mann erlebt hat. Der amerikanische Freiheitsgedanke hat Franz nie losgelassen und gerne wäre er nach Amerika ausgewandert, eben in ein anderes mögliches Leben, wenn da nicht Frau und Tochter gewesen wären.
Dieser Roman besticht durch seine gelungene Mischung aus Familiengeschichte und historischer Erzählung und spricht eine entsprechend interessierte Leserschaft an. Mit großem Interesse habe ich die Thematik der deutschen Kriegsgefangenen in den USA im Zweiten Weltkrieg gelesen, die mir so gar nicht geläufig war. Deutsche Soldaten in russischer Kriegsgefangenenschaft – ja, das ist mir bekannt. Dass aber deutsche Soldaten wie Franz von Cherbourg in Frankreich aus in die USA verschifft und in Lagern interniert wurden, wusste ich nicht. Dabei werden interessante Aspekte angesprochen – den Deutschen ging es dort vergleichsweise gut, es gab erhebliche Rivalitäten zwischen Nazigegnern und unbelehrbaren Linientreuen. Dass ein Buch so lehrreich sein kann, nimmt mich auf jeden Fall für es ein. Zum Nachdenken stimmt, wie die wenigen Jahre im jungen Erwachsenenalter, die Franz unter dem Nationalsozialismus und im Zweiten Weltkrieg erlebte, sein ganzes weiteres Leben prägten und veränderten, vor allem auch in Bezug auf seine Familie.
Die Erzählweise ist recht ruhig gehalten. Die Sprünge von Vergangenheit auf Gegenwart geschehen manchmal unvermutet und äußerlich nicht gut sichtbar gemacht, passen damit aber gut zu den Gedankengängen, die der Protagonist ja vermittelt.
Auf jeden Fall ein sehr lesenswertes Buch.

Veröffentlicht am 21.01.2018

Kein Beitrag, um Männer zu verstehen

Die Herzen der Männer
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Schade, das Buch hat so gut begonnen und wurde dann leider zusehends schwächer. Vielleicht liegt es daran, dass ich als Frau nicht zu dem Leserkreis der Männer gehöre, die das Buch ansprechen will, wie ...

Schade, das Buch hat so gut begonnen und wurde dann leider zusehends schwächer. Vielleicht liegt es daran, dass ich als Frau nicht zu dem Leserkreis der Männer gehöre, die das Buch ansprechen will, wie schon sein Titel vermuten lässt. Jedenfalls stehen im Mittelpunkt drei Generationen von Männern.
Die Geschichte beginnt in Wisconsin im Jahr 1962, als der Protagonist Nelson 13 Jahre alt ist. Er ist ein cleverer und sensibler Junge, Außenseiter, vom Vater ungeliebt. In dem etwas älteren Jonathan, Pfadfinder wie er, scheint er endlich den ersehnten Freund zu finden und wird obendrein noch vom alten Pfadfinderführer unter seine Fittiche genommen, der seine Fähigkeiten zu schätzen und zu fördern weiß. In dem ersten Abschnitt über Nelsons Aufenthalt im Pfadfinderlager wird er als Person wirklich gut dargestellt und als Leser fühlt man mit ihm – mit seiner Einsamkeit, seinem Wunsch nach Freundschaft und väterlicher Zuwendung, seinem Konflikt, als er mehrere moralisch fragwürdige Entscheidungen zu treffen hat. Die weiteren beiden Hauptabschnitte, die zusammen mit dem ersten über das Band des Pfadfindertums verknüpft sind, konnten mich dann nicht wirklich fesseln, einige Geschehnisse haben mich sogar abgestoßen. Der zweite ist Jonathan im Erwachsenenalter im Jahr 1996 gewidmet. Viel zu langatmig und ausführlich wird geschildert, wie Jonathan aus seinem 16jährigen Sohn einen richtigen Mann machen will, indem er ihn zu einer Prostituierten führt und ihm seine bevorstehende Scheidung über die eingefädelte Bekanntschaft mit seiner Geliebten schmackhaft macht. Alles ist Jonathans Sympathiewerten abträglich. Im dritten Teil, wir sind jetzt im Jahr 2019, stehen Jonathans Enkel und seine Schwiegertochter wiederum im Pfadfinderlager im Mittelpunkt. Endlich rückt einmal eine Frau in den Fokus, um dann aber auf das Klischee einer Zielscheibe für Männer (wie schon besagte Prostituierte) herabgewürdigt zu werden, während der Enkel zum Helden gemacht wird.
Welche Botschaft das Buch vermitteln will, weiß ich nicht. Im Text auf dem Buchrücken heißt es diesbezüglich, dass der Roman die Herzen der Männer erkunden will, ihre Schwächen und Geheimnisse, ihre Bedürfnisse und Werte. Das ist m.E. nicht so recht gelungen. Täuschen lassen darf man sich auch nicht von dem zuvor erwähnten Text, wenn er davon spricht, dass drei Kriege eine Rolle spielen. Auf den Zweiten Weltkrieg, den Vietnamkrieg und den Krieg in Afghanistan wird jedenfalls nur ganz sporadisch eingegangen, indem kurze traumatische Erlebnisse der männlichen Protagonisten geschildert werden.

Dieses Buch kann, muss man aber nicht lesen und es reicht nicht heran an den früheren Roman des Autors „Shotgun Lovesongs“.

Veröffentlicht am 14.01.2018

Eine verkorkste Eltern-Kind-Beziehung

Töchter wie wir
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Um es vorwegzunehmen: Das Buch ist absolut lesens- und empfehlenswert. Wie es sein Titel schon vermuten lässt, geht es vorrangig um eine Mutter-Tochter-Beziehung, wenngleich auch eine (nicht vorhandene) ...

Um es vorwegzunehmen: Das Buch ist absolut lesens- und empfehlenswert. Wie es sein Titel schon vermuten lässt, geht es vorrangig um eine Mutter-Tochter-Beziehung, wenngleich auch eine (nicht vorhandene) Vater-Tochter-Beziehung eine wichtige Rolle spielt. Tochter ist die 40jährige Mona, die 68jährige Hella ihre Mutter. Mona hadert schon ihr ganzes Leben mit ihren Eltern, von denen sie sich nur versorgt, aber nie geliebt gefühlt hat. Sie kann ihrer Mutter nur wütend und unfreundlich gegenübertreten. Hella hat in jahrzehntelanger Ehe unter ihrem kalten Ehemann gelitten und Trost im Alkohol gesucht. In abwechselnden kurzen Kapiteln decken beide Frauen ihre Gedanken und Erinnerungen an ihre Vergangenheit auf, die sie so sehr geprägt hat. So wird dem Leser nach und nach vor Augen geführt und ihm zu verstehen gegeben, warum die Protagonistinnen auch in ihrem Verhältnis zueinander so geworden sind, wie sie sind. Vieles regt zum Nachdenken an und lässt einen das eigene Leben reflektieren. Beide Frauen sind nicht gerade Sympathieträger. Umso schöner ist, dass sie sich – auch durch den Einfluss neuer Personen, die in ihr Leben treten – allmählich verändern und sich schrittweise auf die andere zu bewegen. Und so gibt es die schöne Chance eines neuen Umgangs miteinander.