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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 23.11.2021

In the dreamhouse...

Das Archiv der Träume
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Ein derart einzigartiges Konstrukt ist mir bisher in der Literatur noch nie begegnet und ich wüsste kein Buch, mit dem ich diesen autobiographischen Roman vergleichen könnte. Carmen M. Machado hat ein ...

Ein derart einzigartiges Konstrukt ist mir bisher in der Literatur noch nie begegnet und ich wüsste kein Buch, mit dem ich diesen autobiographischen Roman vergleichen könnte. Carmen M. Machado hat ein richtiges Kunstwerk geschaffen, das sich beim Lesen nach und nach aus den verschiedenen Fragmenten und Kapiteln zu einem stimmigen Ganzen zusammensetzt. Sie benutzt dafür Züge unterschiedlichster Genres (Roman, Sachbuch, Biographie) und experimentiert mit verschiedenen Darstellungsmitteln (Metaphern, Märchen-Motivkatalog, interaktive Sequenz etc.). Was mir auch besonders gefallen hat, waren die eher analytischen Kapitel zu verschiedenen Filmen und Büchern, die queere und lesbische Beziehungen beinhalten bzw. deren Stereotypen thematisieren. Die Autorin verwendet auch zahlreiche wissenschaftliche Artikel zu diesem wichtigen Thema als Background-Info. Wer sich näher damit beschäftigen möchte, findet hier zahlreiche Quellen und Denkanstöße.

Machado beschreibt durch ihre Erinnerungen den grauenvollen Teufelskreis ihrer toxischen Beziehung, die sehr schnell eskaliert und zunehmend von häuslicher Gewalt geprägt ist. Willkommen in ihrem „Traumhaus“ in Bloomington (Indiana). Ihre Beziehung entpuppt sich schon bald als düsterer Alptraum. Krankhafte Eifersucht, plötzliche Wutausbrüche und die ständige Unzufriedenheit sind dabei erst der Anfang. Voller Schmerz und Verletzlichkeit, aber auch gepaart mit sehr viel Mut und Lebensfreude, erzählt die Autorin emotional und mitreißend ihre persönliche Geschichte. Sie nimmt die Leser*innen mit in den schwierigen Prozess der fehlerhaften Wahrnehmung und Verdrängung, des Erkennens und Loslassens. Ihre Stimme ist von solcher Wucht, dass man sich dem Sog nicht entziehen kann.

Das Buch hat mich sehr positiv überrascht. Insgesamt war es für mich eine wahnsinnig horizonterweiternde Lektüre, wenn auch keineswegs eine leichte Kost. Ein besonderer Roman, der sprachlos macht und aufwühlt. Ich möchte eine große Leseempfehlung für dieses Buch aussprechen! Für mich definitiv ein weiteres Jahreshighlight!

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Veröffentlicht am 10.11.2021

Von unsichtbaren Menschen und geplatzten Träumen

Wenn ich wiederkomme
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Absolut eindrucksvoller Roman mit wichtiger Message

Die Mutter Daniela verlässt ohne Vorwarnung ihre Familie, um in Italien als Pflegekraft zu arbeiten und dadurch die finanzielle Lage der Familie zu ...

Absolut eindrucksvoller Roman mit wichtiger Message

Die Mutter Daniela verlässt ohne Vorwarnung ihre Familie, um in Italien als Pflegekraft zu arbeiten und dadurch die finanzielle Lage der Familie zu verbessern. Sie möchte ihren Kindern Manuel und Angelica ein Studium ermöglichen, damit sie es einmal besser haben. Wir lernen die Familie in den einzelnen Abschnitten näher kennen und erfahren mehr über die Probleme, die diese drastische Entscheidung der Mutter mit sich bringt. Eins ist sicher: jeder in der Familie hat sein Päckchen zu tragen und muss schnell lernen, viel Verantwortung zu übernehmen. Außerdem gibt uns Danielas Sicht einen bedrückenden Einblick in den anstrengenden und einseitigen Alltag einer ausländischen Pflegekraft in Italien. Es wird deutlich, wie unsichtbar und allein sich diese Menschen fühlen und wie wenig Aufmerksamkeit ihnen geschenkt wird. Sie verliert zunehmend ihre eigene Identität, um ihre Familie finanziell abzusichern. Der Preis, den die Familie dafür zahlt, ist hoch.

Meine Meinung:

Marco Balzano beschreibt eindringlich die Geschichte einer rumänischen Familie, die stellvertretend für zahlreiche ähnliche Schicksale aus Osteuropa steht. Die Aufteilung in drei Teile, die jeweils aus der Perspektive eines anderen Familienmitglieds geschildert werden, fand ich sehr stark. Die charakterlichen Unterschiede sowie die Art und Weise, wie die Familienmitglieder mit der Situation umgehen, werden auch durch Balzanos jeweiligen Schreibstil in den drei Abschnitten deutlich. Allerdings hätte ich mir stellenweise einen noch tieferen Einblick in die Gefühlswelt und Gedanken der Protagonisten gewünscht. Der Autor greift ein enorm wichtiges Thema auf, welches zum Nachdenken anregt. Mich hat das Buch außerdem dazu gebracht mich mit dem Thema noch weiter auseinanderzusetzen und zu recherchieren. Ich hatte die Begriffe „Italienkrankheit“ und „Eurowaisen“ davor noch nie gehört. Das war mein erstes Buch von Marco Balzano und ich bin insgesamt sehr begeistert. Ich mochte den klaren Schreibstil sehr. Selten habe ich mir so viele Stellen markiert, die unter die Haut gehen.

Fazit: Klare Leseempfehlung für diesen beeindruckenden Roman!

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Veröffentlicht am 12.10.2021

Vom sprachverliebten Emaildiskurs bis hin zu banalen Alltagssorgen

Schöne Welt, wo bist du
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Die erfolgreiche Schriftstellerin Alice ist gerade nach einer depressiven Phase von Dublin in ein Provinzdorf am Meer gezogen. Dort lernt sie bei einem Tinder-Date Felix kennen. Ihre beste Freundin Eileen ...

Die erfolgreiche Schriftstellerin Alice ist gerade nach einer depressiven Phase von Dublin in ein Provinzdorf am Meer gezogen. Dort lernt sie bei einem Tinder-Date Felix kennen. Ihre beste Freundin Eileen bleibt in Dublin – sie hat gerade eine Trennung hinter sich und fühlt sich zu Simon (ihrem alten Freund aus Kindheitstagen) hingezogen. Wir begleiten die 4 Hauptfiguren, wobei diese das ganze Buch über insgesamt ziemlich distanziert und unnahbar bleiben. Im Mittelpunkt stehen zahlreiche Dialoge sowie der Emailaustausch der beiden klugen Frauen. Sie schreiben sich gegenseitig Emails über alle möglichen Alltagsthemen (Klimaschutz, Christentum, Politik, etc.) und -sorgen. Bei einigen Grundsatzdiskussionen werden die beiden teilweise richtig philosophisch.

Alles dreht sich um das andauernde Scheitern im Leben, verpasste Chancen, Ängste, Beziehungs-Chaos, Sex, aktuelle Gesellschaftsthemen bis hin zum Sinn des Lebens. Über allem schwebt ein fortwährendes Kommunikationsproblem und sehr viel Unausgesprochenes zwischen den Figuren.

Die irische Bestsellerautorin Sally Rooney hat es wieder geschafft mich gut zu unterhalten und mich zum Nachdenken anzuregen, aber das Buch bleibt leider trotzdem etwas hinter meinen sehr hohen Erwartungen zurück. Vor allem das letzte Drittel hatte einige Längen. Nichtsdestotrotz spreche ich eine Leseempfehlung aus, da sie den Zeitgeist der Millenials wieder perfekt einfängt und es um viele Themen geht, die die Generation Y aktuell bewegen und beschäftigen.

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Veröffentlicht am 29.09.2021

Dramatische Geschichte über eine traumatisierte Frau in Montreal

Sag mir, wer ich bin
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Die 16-jährige Sally wird in Paris brutal überfallen, entführt, misshandelt und beinahe vergewaltigt. Als sie aus dem Koma erwacht, kann sie sich an viele Einzelheiten zunächst nicht mehr erinnern. Der ...

Die 16-jährige Sally wird in Paris brutal überfallen, entführt, misshandelt und beinahe vergewaltigt. Als sie aus dem Koma erwacht, kann sie sich an viele Einzelheiten zunächst nicht mehr erinnern. Der Vorfall wirkt sich auf ihr ganzes weiteres Leben aus, welches auch in ihrer Heimatstadt Montreal nie wieder in Ordnung kommen wird. Sie ist überzeugt, dass der Täter immer noch nach ihr sucht.

Die Autorin deutet im Vorwort bereits die Hauptthemen des Romans an und gibt den Lesern Hintergründe für ihre Motivation und Recherche (Trauma durch Misshandlung, die #MeToo Bewegung sowie politische Konflikte in Kanada zwischen französisch- und englischsprachigen Kulturen). Ich fand die Ausführungen eigentlich interessant und eine gute Ergänzung zu der fiktiven Geschichte. Allerdings wurden die Themen im Roman nur bedingt aufgegriffen.

Die Protagonistin Sally kommt anfangs sehr sympathisch rüber, wirkt aber auch distanziert. Es ist besonders schrecklich und bedrückend, wie sehr sich die versuchte Vergewaltigung auf Sallys weiteres Leben auswirkt und sie im Alltag ständig einbremst. Sogar die einfachsten Alltagssituationen werden zur täglichen Herausforderung. Ihr Tage sind durchzogen von Ängsten, Panikattacken und ständigem Verfolgungswahn. Der Autorin gelingt es nachvollziehbar darzustellen, dass für die Protagonistin Sally ein normales Leben nie wieder möglich sein wird. Das Trauma wirkt sich auf alle Lebensbereiche und auch ihre Familie und Freunde aus.

Der Roman hat mich anfangs gefesselt, mich aber mittendrin irgendwann verloren. Ich war an vielen Stellen verwirrt bzw. sprachlos aufgrund der Reaktionen und Handlungen der Protagonistin und konnte ihre Entwicklung nicht mehr nachvollziehen. Ich möchte über die Handlung nicht zu viel verraten und gehe deswegen nicht näher darauf ein. Für mich war vieles nicht logisch, was zum einen mit ihrer Persönlichkeit und zum anderen mit ihren Traumata zusammenhängt. Sie hätte dringend psychische Hilfe benötigt – das lehnt sie jedoch durchgehend ab. Leider gab es in Sallys Entwicklung einige Sprünge, die ziemlich schnell abgehandelt wurden.

Gut gefallen hat mir der Schreibstil der Autorin. Das Buch ist flüssig geschrieben und liest sich sehr leicht. Lediglich die französischen Sätze hätte man zumindest in Fußnoten übersetzen können, da es den Lesefluss etwas stören kann, wenn man zwischendurch nach Übersetzungen suchen muss.

Das Ende ist kontrovers und anders, insbesondere im Hinblick auf die Täter-Opfer-Rolle – keinesfalls ein Abschluss, den ich erwartet hatte. Aber irgendwie passt es auch zu den vorherigen Entwicklungen. Die Thematik zu der politischen Situation in Québec blieb leider nur ein Randthema. Ich hatte erwartet, dass die Autorin die konfliktreiche Situation zwischen der französisch- und englischsprachigen Bevölkerung im Laufe der Geschichte noch weiter ausbaut und miteinfließen lässt. Leider wird das Thema nur gestreift und wirkt sich nicht weiter auf die Geschichte aus. Es ist ein Roman, der einem nahe geht und den Leser fesselt, aber auch des Öfteren kopfschüttelnd zurücklässt.

Fazit: ein tragischer Roman über eine misshandelte und traumatisierte Frau, die auch Jahre später nicht in ein normales Leben zurückfinden kann. Aufgrund der schwer verdaulichen Thematik sicher nichts für jeden Leser. Leider konnte mich das Buch nicht restlos überzeugen und ich bin etwas zwiegespalten. Viele Entwicklungen und Handlungen der Figuren sowie die Täter-Opfer-Beziehung konnte ich nicht nachvollziehen.

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Veröffentlicht am 29.09.2021

Emotionaler Debütroman!

Die Überlebenden
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Die drei Brüder Benjamin, Pierre und Nils verbringen die Sommer ihrer Kindheit an einem vermeintlich idyllischen See in einem typischen schwedischen Holzhaus. Doch als Erwachsene haben sie seit Jahrzehnten ...

Die drei Brüder Benjamin, Pierre und Nils verbringen die Sommer ihrer Kindheit an einem vermeintlich idyllischen See in einem typischen schwedischen Holzhaus. Doch als Erwachsene haben sie seit Jahrzehnten keinen Kontakt mehr zueinander und sich komplett entfremdet. Erst die Beisetzung der Mutter bringt die drei wieder zusammen. So begeben sie sich nun mit der Urne der Mutter 20 Jahre später zurück an den Ort, an dem sie in der Kindheit viele Sommer verbracht haben. Was ist damals genau passiert?

Besonders gut hat mir der Aufbau des Buches in die zwei gegensätzlich zusammenlaufenden Erzählstränge gefallen. Auf der einen Seite erhält der Leser Einblicke in den einen Tag, an dem sich die Brüder nach langer Zeit wiedersehen, welcher rückwärts und in 2-stündlichen Abständen detailliert in mehreren Kapiteln erzählt wird. Auf der anderen Seite erleben wir verschiedene Rückblenden in die Vergangenheit, in denen zahlreiche Erinnerungen bzw. Vorkommnisse aus den vielen Sommern am See dargestellt werden, durch die sich ein immer stimmigeres und bedrückenderes Gesamtbild der Familie ergibt. Dadurch gerät man in einen Sog, der einen nicht loslässt und komplett fesselt. Die wundervollen Naturbeschreibungen des Autors sind ebenso gegensätzlich zu der Kälte der Eltern wie die scheinbare Idylle der schwedischen Abgeschiedenheit am See. Alex Schulman schafft es, Szenen so bildhaft zu beschreiben, dass man sie direkt vor Augen hat und sich diese stark einprägen. Man rätselt als Leser die ganze Zeit über, was den drei Brüdern in den Sommern der Vergangenheit im Ferienhaus am See passiert sein muss. Wie bei einem Puzzle setzen sich nach und nach weitere Details zusammen und es kommen immer mehr Eigenheiten der drei Brüder ans Licht. Vermeintlich idyllische Momente aus der Kindheit enden oft mit einem großen Knall, wodurch eine zunehmend belastende Stimmung erzeugt wird. Die Auflösung am Ende fand ich schockierend und zudem sehr gut umgesetzt. Es verleitet einen dazu, das Buch nochmals zu lesen für weitere Hinweise, die einem beim ersten Mal nicht direkt aufgefallen sind. Es ergibt alles einen Sinn und ist vollkommen schlüssig, auch wenn ich diese Variante nicht als mögliche Lösung auf dem Schirm hatte. Ich war komplett sprachlos und musste die Auflösung erstmal verdauen. Allerdings hätte ich mir noch tiefgründigere Einblicke gewünscht bzgl. der Eltern (insbesondere auf die bereits vor dem Vorfall vorhandenen Alkoholprobleme und die Vernachlässigung der Kinder sowie auch in Bezug auf die Vaterfigur – hier werden einige Andeutungen im Laufe der Geschichte gemacht, die aber letztendlich offen bleiben).

Insgesamt bin ich von „Die Überlebenden“ sehr begeistert und empfehle das Buch auf jeden Fall weiter. Es ist nicht unbedingt ein Wohlfühlbuch, aber es hat mich von Beginn an gefesselt, mit seiner melancholischen Atmosphäre sehr berührt und es wirkt noch lange nach. Insgesamt ein wirklich toller Debütroman, der sehr bewegend und aufwühlend ist. Meine Erwartungen wurden definitiv erfüllt. Seit langer Zeit hat kein anderes Buch so starke Emotionen in mir geweckt – von Mitleid über Wut, Entsetzen, Trauer und Hoffnung war alles dabei.

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