Transit Lissabon - Eine Bereicherung
Sabine Scholl nimmt mit gutem Gespür ein Thema auf, das in der Vielzahl der Kriegs-, Nachkriegs- und Exilliteratur viel zu wenig Beachtung gefunden hat, nämlich die Situation und Gefühlslage der Literatinnen ...
Sabine Scholl nimmt mit gutem Gespür ein Thema auf, das in der Vielzahl der Kriegs-, Nachkriegs- und Exilliteratur viel zu wenig Beachtung gefunden hat, nämlich die Situation und Gefühlslage der Literatinnen und Literaten, die durch das erzwungene Exil "ihre Sprache verloren hatten" und dadurch unbeachteter geblieben sind. Man kann sehr gut nachvollziehen, wie zermürbend das Alltägliche sein kann, wenn man immer wieder in der Warteschleife mit ungewissem Ausgang sein Dasein fristen muss. Die drei Protagonisten, Ava, Schauspielerin, Billy, Autor, und Conrad, ein Freund von Ava, erleben und bewältigen die Situation auf unterschiedliche Weise. Die Autorin stellt die Charaktere gekonnt dar. Auch Nebenfiguren wecken das Interesse, ohne zu viel Platz einzunehmen. Es bleibt spannend. Aufschlussreich sind zusätzlich die Memoiren der Spionin Chantal. Ein großes Lob für die Autorin! Es liest sich leicht und ist doch sehr ergreifend.
Etwas heftig schließt sich eine Beschreibung von Avas portugiesischem Geliebten, Nuno, an, der dem Widerstand angehörte, gefangen und gefoltert wurde. Kurz vor Beendigung des Romans ein heftiger Brocken, den ich persönlich in diesem Zusammenhang nicht brauche. Selbst, wenn der Blick in den portugiesischen Widerstand trotzdem nicht fehlen soll, wirkt er doch etwas "noch angehängt".
Störend allerdings sind Ungenauigkeiten bezüglich der Lokalisationen, sei es auf Grund von oberflächlicher Recherche oder weil auch hier Fiktion eine Rolle spielen soll. Da aber die meisten beschriebenen Gegebenheiten genau der Tatsache entsprechen, irritieren leider Ungereimtheiten. Z.B. wird für das Café "Chave de Ouro" ständig das spanische (oder österreichische?) Wort "Oro" verwendet. Die Jugendstilfassade wird beschrieben, die es zu dem Zeitpunkt gar nicht mehr gab, sondern bereits einer Art Deco Umgestaltung zum Opfer gefallen war, aber gegensätzlich dazu wird die Inneneinrichtung aus der Art Deco Phase im Roman aufgenommen. Den berühmten Praça de Commerçio nennt die Autorin Praça da Republica, so wie er nie hieß. Wohl war es ein Begriff für die ganze Umbruchzeit von der Monarchie in die Republik, aber auch nicht für den "Estado Novo", zu dessen Zeit der Roman spielt. Des Weiteren sind und waren beide Bahnhöfe in Lissabon Kopfbahnhöfe und haben keine Verbindung zur Linie, die nach Estoril führt, auch nicht über Sintra, so dass es keine Möglichkeit gegeben haben konnte, dass die vermögenderen Reisenden im Zug sitzen bleiben konnten im Vergleich zu den ärmeren Fahrgästen, die Taxis und Straßenbahnen benutzen mussten wie die Autorin beschreibt. Kleinere Veränderungen könnten der Farbigkeit in der Darstellung dienen und sind deshalb wohlwollend zu betrachten.
Obwohl der Roman 5 Sterne verdient hätte, sind die Ungenauigkeiten irreführend, deshalb leider nur vier Sterne.