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Nilchen

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Veröffentlicht am 08.04.2024

Alles gut…not at all

Alles gut
4

Dieses Buch hat mich nachdenklich gemacht, dieses Buch hat mich rasend gemacht und dieses Buch hat viele Fragezeichen bei mir hinterlassen.

“Alles gut” von Cecilia Rabess ist ein Roman über eine person ...

Dieses Buch hat mich nachdenklich gemacht, dieses Buch hat mich rasend gemacht und dieses Buch hat viele Fragezeichen bei mir hinterlassen.

“Alles gut” von Cecilia Rabess ist ein Roman über eine person of color als Protagonistin, Jess, die vermeintlich den Aufstieg schaffte und an einer Eliteuni studierte und dann bei Goldman Sachs als Analystin began. Schlau, aber unsouverän stolpert sie durch ihr Leben.
Immer wieder begegnet ihr Rassismus der übelsten Sorte und doch auch vermutet sie rassistische Motivation hinter vielen Aussagen oder Handlungen, die null mit ihrer Hautfarbe zu tun haben.

Jess benimmt sich grenzwertig und ist für andere nicht immer greifbar. Viel Wut im Bauch.
Sie ist aus meiner Sicht zunächst nicht sonderlich selbst reflektiert, aber ständig dabei alle anderen zu analysieren um rassismus-Bezug zu konstruieren.

„Du hast kein Problem mit dem System, nur mit deinem Platz darin.« S. 340

Der Aufforderung einen Schach-Club benachteiliger Schüler einen Tag durch die Firma zu führen lehnt sie ab. Als sie erfährt, dass die Kinder farbig sind, gibt sie zu, dass sie es dann gemacht hätte. Hat das etwas mit Chancengleichheit zu tun?
Wie die Amerikaner so schön sagen: Make a meaningful impact in your community…

Und hier liegt die Crux des Textes. Ich bin mir unsicher, ob die Autorin genau das erreichen wollte. Einen kontroversen Text zu schreiben um beiden Seiten aufzuzeigen in was für einem mentalen Chaos die amerikanische Gesellschaft momentan steckt. Das wäre wünschenswert und dann ein super Buch um ins Gespräch und in die Diskussion zu kommen.

Nur weil eine Person farbig ist, zieht das eigene Handeln weiterhin Konsequenzen nach sind. Jess hat wenig Selbstvertrauen und verharrt oft in der Opferrolle. Sie entwickelt sich aber entscheidend im letzten Teil des Buches und wird erwachsener, sieht Dinge weniger Schwarz-Weiß und kann akzeptieren, dass die Welt nicht immer gerecht ist und es viele Grautöne gibt.

Die Übersetzung von Simone Jakob ist weniger gelungen, nicht nur sind die Passagen über die Finanzbranche suboptimal übersetzt auch andere Formulierung sind nicht so schön rund formuliert.

Fazit: Eine Zerreißprobe. Will man lieber Recht haben oder glücklich sein?

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Veröffentlicht am 03.02.2024

Ein Weckruf für alle die unsere Arbeitswelt anders denken wollen

Not Your Business, Babe!
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Verena Bogner, Jahrgang 1992, hat schon viel zum Thema New Work, Feminismus und vielen anderen Themen veröffentlicht. Nun kondensiert zwischen zwei Buchdeckel hat sie ihre Aha-Momente des Arbeitslebens ...

Verena Bogner, Jahrgang 1992, hat schon viel zum Thema New Work, Feminismus und vielen anderen Themen veröffentlicht. Nun kondensiert zwischen zwei Buchdeckel hat sie ihre Aha-Momente des Arbeitslebens zusammengefasst mit dem knalligen Titel: Not your business, babe! Alles, was du als Frau über die Arbeitswelt wissen musst.
Sie ist, genau wie ich, Teil der Generation Y (1981 – 1996), auch wenn uns 11 Jahre trennen. Daher kann ich ihr inhaltlich an vielen Stellen folgen und bejahen was sie zur Hustle-Culture und zum Allgemeinen Ansatz unserer Arbeitswelt schreibt. Was uns trennt ist die jugendliche und sehr lebendige Sprache in die sie es verpackt. Daher, trotz Inhalt der einem Puls gibt, sehr kurzweilig!
Warum Puls? Weil sie gekonnt Verhalten, Einstellungen und Werte in Relation setzt und soziologisch alles auseinandernimmt was die Arbeitswelt der letzten 30-40 Jahre prägte. Welche Narrative uns leiteten und natürlich – not to forget – welche Rolle die Boys Clubs dieser Welt spielten und (leider, leider) immer noch spielen.
Dieses Buch richtet sich explizit an Frauen und sicherlich tendenziell eher an eine jüngere Zielgruppe. An Frauen Mitte, Ende 20, die unsere Fehler nicht wiederholen sollten und gleich viel schlauer durchstarten so wie sie Bock haben oder eben auch nicht. Wer hat schon die Definition einer Karriere gepachtet?
Aber neben dem Anspruch, dass dieses Buch junge Frauen einmal durchschüttelt und ihnen eine politische Dimension für ihr Arbeits- und Privatleben an die Hand gibt, ist es auch eine gute Lektüre für all die Führungskräfte in diesem Land, die es nicht schaffen attraktive Arbeitgeber zu sein. Für Führungskräfte, die sich über die „komische Einstellung“ der nächsten Generationen wundert. Auch hier kann es Verständnis und Anregung geben.
Eine Anmerkung kann ich mir allerdings nicht verkneifen: Marita Haas, Gender-Expertin und Consultant (Warum nicht als Beraterin tituliert, wenn sie schon Gender-Expertin ist…?) wird so häufig zitiert, dass sie aus meiner Sicht fast als Co-Autorin hätte genannt werden müssen. Ihre qualitativ guten Quotes geben dem ganzen mehr Gewicht!
Fazit: Für eine tolerantere und gerechte Arbeitswelt, in der wir alle unseren Platz finden!

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Veröffentlicht am 04.01.2024

Anklage: Ältere Frauen finden in der Öffentlichkeit nicht mehr statt

So wie du mich willst
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„Frauen sterben später, aber Männer leben länger.“ Dieses Zitat aus dem Roman ‚So wie du mich willst‘ fasst es im Grunde gut zusammen. Denn es geht wie momentan recht häufig in französischer Literatur, ...

„Frauen sterben später, aber Männer leben länger.“ Dieses Zitat aus dem Roman ‚So wie du mich willst‘ fasst es im Grunde gut zusammen. Denn es geht wie momentan recht häufig in französischer Literatur, um Frauen jenseits der 50, die gesellschaftlich nicht mehr stattfinden, weil sie nicht mehr dem Schönheitsideal oder dem jugendlichen Bild einer tollen Frau entsprechen.
Camille Laurens, die in Frankreich fester Bestandteil der literarischen Szene ist, hat dieses Buch bereits vor 7 Jahren im Original veröffentlicht und nun ist es endlich auch bei uns zu lesen, übersetzt von Lis Künzli.
Ein Roman der das Begehren einer Frau in den Mittelpunkt stellt. Clarie Millecam (man bemerke den Vornamen der Autoein im Nachnamen der Protagonistin!) ist Literaturprofessorin, geschieden und steht kurz vor ihrem 50. Geburtstag. Sie hat einen Liebhaber, den sie mit einem ersponnen facebook-Profil einer Frau Mitte 20 in die Ecke treibt und noch mehr virtuelle Lust entspinnt sich.
Wir als Leser kommen durch die die Gespräche mit ihrem Psychiater hinzu, Dr. Marc B, den sie nach einem Zusammenbruch konsultiert. Aber Obacht, denn sie ist zunächst die alleinige Erzählstimme und eine unzuverlässige obendrein. Daher ist fortwährend bei mir als Leserin immer ein wenig Skepsis zurückgeblieben. Was ist die ultimative Wahrheit oder spinn sie sich so manches zusammen? Der Blickwinkel verändert die Lage substanziell und verzerrt das Bild enorm.
Gut geschrieben, ein Sog von dem ich mich habe einnehmen lassen. Wirklich gute Literatur.
Fazit: Alles ganz anders und hätte anders sein können.

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Veröffentlicht am 30.11.2023

Kein Burnout eher ein boreout

Nightbitch
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“ Sie wollte zu der jungen Frau sagen: Es ist kompliziert. Ich bin jetzt ein Mensch, der ich nie sein wollte, und ich weiß immer noch nicht, wie ich damit zurechtkommen soll. Ich wäre gern zufriedener, ...


“ Sie wollte zu der jungen Frau sagen: Es ist kompliziert. Ich bin jetzt ein Mensch, der ich nie sein wollte, und ich weiß immer noch nicht, wie ich damit zurechtkommen soll. Ich wäre gern zufriedener, stattdessen sitze ich in einem selbst erschaffenen Gefängnis und quäle mich ohne Ende.” (S. 72)

Das Cover dieses Romans passt wie die Faust aufs Auge und ja,mit genau dieser Brutalität. Knallig, überspitzt. Der Text trifft einen ins Fleisch - mich zumindest. Nightbitch von Rachel Yoder ist ein Roman, der mich zugleich bewegt und abgestoßen hat. Warum? Weil es die Geschichte einer Frau erzählt, die das langweiligste Leben aller Hausfrauen führt und dann ausbricht aus den geordneten Bahnen. Nicht so wie es schon viele literarisch verarbeitet haben. Nein, ihre Protagonistin, die namenlos bleibt, wird zu einem Tier.
„Ihr Problem war wohl, dass sie zu viel nachdachte, »toxisches Grübeln« und so weiter, deshalb hörte sie damit auf, und zurück blieb nur ein körperliches Gefühl der Erschöpfung.“ (S. 40)
Vor allem die Annäherung an die Protagonistin ist spannend. Zunächst ist sie fast attributlos, nur das Kind wird benannt. Nach und nach ergibt sich ein Bild über eine aufsteigende Künstlerin, eine starke Frau, die Wirkung mit Kunst erzielte, eine Galerie leitete. Und nun allein mit dem Kind zu Hause, weil es sich nicht „rentiert“ und das Multitasking eben nicht die Lösung des „Ich-kann-alles-haben-und-muss-es-nur-durchziehen“ ist.
“War es langweilig? Ja, war es, dass wusste die Mutter, und sie wünschte sich, dass jemand, irgendwer, diese Monotonie verstand, diese den Verstand lähmende Routine, diese Verlangsamung des Denkens ab dem Moment des Aufwachens.” (S. 60)
Eine einsame Person, die das Kind unterfordert und die depressiv durch ihren Alltag schliddert. Ihr Mann nur eine Randfigur. Und in diese Situation hinein wird sie immer wieder zum Hund. Mal durch den Habitus, mal durch nächtliche Streifzüge. En Detail beschrieben und glaubwürdig erzählt.
“ Eine wilde, komplizierte Frau mit eigenartigen Sehnsüchten. Wütend und stur, aber auch weich und zärtlich. Sie war eine Schöpferin, und sie war die dunkle Macht, die nachts umher-streifte, Sie war halb Intellekt und halb Instinkt, sie war der pure Fluchtreflex.” (S. 275)
Und hier beginnt die Faszination meinerseits. Rachel Yoder nutzt genau das was Literatur kann, dass nicht mögliche auf dem Papier möglich machen. Ausbrechen aus der Realität. Das „Was wäre wen?“-Spiel auf die Spitze treiben.
Zum Schluss des Romans – aber so weit möchte ich nicht spoilern – ergibt sich noch eine Wendung die eine Interpretation in mannigfaltiger Art möglich macht.
Dies ist ein Buch wo ich lange sinniert habe, wem kann ich dieses Buch empfehlen und mir fallen schon ein paar (vor allem Frauen) ein, trotzdem bleibt es speziell.
Fazit: Das Mutterdasein und seine Hürden neu erzählt mit viel Faszinosum.

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Veröffentlicht am 30.11.2023

Kreuzberg um die Jahrtausendwende

Südstern
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Ein wirklich lokaler Roman, denn es spielt nicht nur in Kreuzberg. Auch wenn der „Südstern“ als Ort im Roman sonst keine Erwähnung findet sondern nur im Titel. Nein, Kreuzberg ist essentieller Teil der ...

Ein wirklich lokaler Roman, denn es spielt nicht nur in Kreuzberg. Auch wenn der „Südstern“ als Ort im Roman sonst keine Erwähnung findet sondern nur im Titel. Nein, Kreuzberg ist essentieller Teil der Erzählung. Ohne Kreuzberg würde dieser Roman nicht funktionieren.
Der Autor Tim Staffel widmet sich in diesem Roman einer Liebensgeschichte, die frei von jeglichem Kitsch ist. Hier prallen zwei Personen aufeinander, die sich diametral gegenüberstehen und doch so nah kommen.
Vanessa, die sich selbst als Engel bezeichnet und auch in vielerlei Hinsicht eine Erscheinung bleibt, weiß sie stets was andere Denken und Fühlen. Vanessa ist eine, die viel tut um Geld in der Kasse zu haben. Barfrau und Apothekenkurierin, aber vor allem auch Drogenkurierin. Da liegt das Geld. Grotesk, dass ihr Partner der Drogenbeauftragte seiner Partei ist.
Und dann ist da Deniz, der solide Streifenpolizist – Mutter Türkin, Vater Deutscher. Er durchkämt mit seiner kroatisch stämmigen Kollegin den Kreuzberg und trifft auf Vanessa. Diese beiden finden zueinander und trotzdem bleibt Kreuzberg der Star des Romans.
Natürlich gibt es noch weitere Randfiguren, bei denen Leid und Freud in verschiedener Schattierung zu Tage tritt. So wie wir es kennen aus Kreuzberg. Tragik und Euphorie liegen oft nebeneinander und beäugen sich.
Die Sprache ist besonders. Kurze Sätze, aneinandergereiht, rhythmisch und klar. Ich denke auch, dass die Sprache der Ausschlag war den Roman für den Deutschen Buchpreis in 2023 zu nominieren. Dadurch konnte das Buch sicherlich einige Leser mehr für sich gewinnen können als es ohnehin schon hat. Mich hat es zu Beginn ein wenig Zeit gekostet in die Sprache einzutauchen, war es doch nicht so leicht, aber es hat sich gelohnt.
Wichtig zu wissen, der Roman basiert auf einem Hörspiel das Tim Staffel für den RBB geschrieben hat: DOPE.
Was ist das für eine Zeit in der dieser Roman spielt? Da weder Gentrifizierung noch Touristen eine Erwähnung finden und es auch schmutzig und wenig aufgeräumt zugeht in den Bars und Nächten, tippe ich auf die 2000er Jahre.
Fazit: Ein Buch für alle die Bock haben wieder mal in Kreuzberg auf die Pirsch zu gehen und den alten Duft der Straßen vermissen.

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