Profilbild von Snowcat

Snowcat

Lesejury Star
offline

Snowcat ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Snowcat über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 01.06.2025

Vom Traum zum Albtraum

Her Last Summer – Eine verschwundene Frau. Eine Reise ohne Wiederkehr.
0

Ein Backpacking-Trip durch Thailand bevor es zur Uni geht, sollte für das junge Paar Luke und Mari ein tolles Abenteuer werden, doch nach einem Ausflug in den Dschungel kehrte nur Luke zurück. Jetzt, ca. ...

Ein Backpacking-Trip durch Thailand bevor es zur Uni geht, sollte für das junge Paar Luke und Mari ein tolles Abenteuer werden, doch nach einem Ausflug in den Dschungel kehrte nur Luke zurück. Jetzt, ca. zwanzig Jahre später, möchte Luke endlich erzählen, was damals genau geschah – der extrem ambitionierten, investigativen True-Crime-Filmemacherin Cassidy, die mit einer bahnbrechenden Dokumentation berühmt geworden ist. Aber je tiefer Cassidy in die Geschichte eintaucht, desto mehr fürchtet sie sich vor, was sie entdecken könnte ...

Das Buch nimmt sich Zeit, die Charaktere und Gegebenheiten zu entfalten, was eindrücklich, atmosphärisch sowie interessant gestaltet ist. Man erfährt Aufschlussreiches aus Lukes und Cassidys Vergangenheit und nähert sich langsam der Wahrheit an ...


Die Entstehung der Dokumentation (die Planung, Vorbereitung, die Ausführung) wird packend geschildert: Cassidy interviewt außer Luke noch betroffene Familienmitglieder, Leute, die mit den beiden zur Schule gingen, Reisende, die zusammen mit Luke und Mari unterwegs waren und die thailändische Polizei.

Luke verhält sich fast von Anfang an seltsam: Warum zögert Luke das entscheidende Interview, in dem er erzählen soll, was damals im Dschungel geschah, ständig hinaus? Er gibt sich zudem offen emotional bedürftig - ist er ein traumatisiertes Opfer oder ist das eine Masche? Er galt/gilt für viele als Lügner und Mörder, was sein Leben zur Hölle machte/macht, denn niemand will wirklich etwas mit ihm zu tun haben. Und wieso tauchen plötzlich Andeutungen auf, die besagen, dass Mari und Luke nicht das Traumpaar waren, für das fast alle sie hielten? Wer war Mari wirklich? Wer war/ist Luke wirklich?

Während des letzten Drittel nimmt die Handlung dann mMn so richtig an Fahrt auf: Die Ereignisse überschlagen und es gibt mehrere gelungene Wahnsinns-Wendungen!!!

Mir hat besonders gut gefallen, dass hier nichts schwarz-weiß ist, die Prämisse sowie die Figuren sind ambivalent: Das Format True Crime wird kritisch beleuchtet. Cassidy ist entschlossen, belastbar und sehr gut in ihrem Job, aber auch voller Fehler und Schwächen. Die Schattenseiten von Luke und Mari sind sehr speziell, zudem scheinen sie sich gegenseitig zu bedingen ...

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 23.05.2025

Nervenaufreibend spannend und ergreifend!

Eine von uns
0

Das Haus der Ehefrau und Mutter Ginas wird bei einem Feuer zerstört, doch glücklicherweise bietet ihre langjährige Freundin Annie, die auf Reisen ist, an, eine Weile in ihrem Haus an der Südküste Englands ...

Das Haus der Ehefrau und Mutter Ginas wird bei einem Feuer zerstört, doch glücklicherweise bietet ihre langjährige Freundin Annie, die auf Reisen ist, an, eine Weile in ihrem Haus an der Südküste Englands zu wohnen. Dann taucht Mary auf, die Haushälterin, die Annie in den höchsten Tönen lobt, und diese macht sich schnell unentbehrlich - ist das nicht ein bisschen zu schön, um echt zu sein? Während Gina darüber nachdenkt, zweifelt sowie immer unsicherer wird, wird sie zudem langsam aber sich von einem verheerenden Ereignis aus ihrer Vergangenheit eingeholt, denn: Annies Haus steht in ihrer gemeinsamen Heimatstadt, aus der Gina vor über 20 Jahren regelrecht geflohen ist ...

Der Prolog schildert etwas Entsetzliches und macht neugierig, da viele Fragen aufgeworfen werden!

Die Haushälterin Mary wirkt von Anfang an subtil aufdringlich und ich fand es faszinierend verstörend, wie raffiniert dreist sie sich bei Gina einnistet: sie nutzt ihre Schwächen - Höflichkeit und Bequemlichkeit! Denn: obwohl Gina ein vage ungutes Gefühl hat, nimmt sie Marys Hilfe nach kurzem Zögern an, vertraut ihr schließlich sogar ihre Kinder an.

Aus Mary Perspektive erfährt man sehr schnell, dass sie nicht ist, wie sie vorgibt zu sein: ihr wahres Gesicht (ihre kalte, berechnende Art) ist ein drastischer Gegensatz zu der Fassade, die sie Gina zeigt.

Aus Ginas Perspektive gibt es Andeutungen über Schuldgefühle bezüglich einer Nacht vor vielen Jahren.

Einblicke in die Vergangenheit liefern allmählich Antworten, parallel zur fortschreitenden Handlung in der Gegenwart.

“Eine von uns” ist von Anfang an rätselhaft sowie packend! Der flüssige Schreibstil und die ereignis- plus temporeiche Handlung sind mitreißend und die Charaktere sind interessant. Ich finde allerdings, dass einige Elemente ein bisschen oberflächlich bzw. eher wenig plausibel sind. Das letzte Drittel ist jedoch so nervenaufreibend spannend, voller verblüffender Überraschungen sowie absolut erschütternd, dass mich das kaum störte.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 18.05.2025

Ein mutiges Werk!

Das Geflüster
0

Die Nachbarschaft der Harlow Street trifft sich zu einem Gartenfest: Alle scheinen eine gute Zeit zu haben, doch das ist nur Fassade, unter der schönen Oberfläche brodelt es. Dann verliert die Gastgeberin ...

Die Nachbarschaft der Harlow Street trifft sich zu einem Gartenfest: Alle scheinen eine gute Zeit zu haben, doch das ist nur Fassade, unter der schönen Oberfläche brodelt es. Dann verliert die Gastgeberin die Fassung, sie schreit ihren neunjährigen Sohn wütend an, so dass alle es mitbekommen. Als er einige Zeit später aus seinem Kinderzimmerfenster fällt, machen Verdächtigungen die Runde, diese verwandelt sich schnell in Verurteilungen, der Skandal wird passiv aggressiv ausgeschlachtet. In der Harlow Street ist allerdings kaum jemand ehrlich, alle haben etwas zu verbergen ...

Es geht um vier unglücklich, verstörte Frauen, die mit ihren Rollen als Ehefrau und (verwaister) Mutter zu kämpfen haben. Eine geht in ihrer Mutterrolle auf, entwickelt jedoch Hass auf ihren Mann. Eine erträgt ihre Kinder nur in “homöopathischen” Dosen. Eine 82-jährige ist zutiefst verbittert. Eine ist einem Albtraum gefangen, aus dem sie lange nicht aufwachen will, weil sie glaubt, ihn in einen schönen Traum verwandeln zu können.

“Das Geflüster” ist wirklich einzigartig: packend, intensiv, psychologisch interessant, verstörend, vor allem mutig!!!

Der “Sinn” des Buches erschließt sich mir allerdings nicht. Mir ist klar, dass die “offene Struktur” höchstwahrscheinlich ein Stilmittel ist, für mich fühlt es sich dennoch irgendwie unvollständig an. Ich fand die eindringlichen Schilderungen von Verzweiflung, Obsession, (Selbst)Zerstörung, Wut und (Selbst)Hass interessant sowie bewegend, aber mir fehlt eine tiefere Botschaft bzw. ein übergeordneter Kontext.

Geht es darum, dass die meisten Menschen anscheinend mit naiven Vorstellungen in die Familiengründung starten? Dass sie die Hinweise drauf, dass Elternschaft große Herausforderungen mit sich bringt bzw. Opfer erfordert, nicht ernst genommen haben? Dass die Kluft zwischen Erwartung und Realität unvermeidlich zu Frust führen muss?

Oder geht um gesellschaftliche Strukturen, verinnerlichte veraltete Rollenvorstellungen etc., die es Frauen unmöglich machen sich nicht schuldig zu fühlen - entweder weil sie nicht ihrer Mutterrolle aufgehen, weil sie mehr wollen oder weil sie zu sehr darin aufgehen und keine weiteren nennenswerten Ambitionen haben?

Soll das Buch eine Warnung sein?

Ist die Vorstellung von einer guten Ehe UND harmonischen Familie, mit echter Lebensqualität, eine Illusion? Gibt es realistische Möglichkeiten, trotz scheinbar unvereinbarer Wünsche, alles unter einen Hut zu kriegen?

Oder ist es Sinn und Zweck, dass all diese Fragen aufkommen?

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 01.05.2025

Ein toller Sppanungsroman

Middletide – Was die Gezeiten verbergen
0

Elijah plante ein erfolgreicher Schriftsteller werden, als er seinen kleinen Heimatort Point Orchards bzw. seine Jugendliebe Nakita sowie seinen kranken Vater verließ. Nun, viele Jahre später, kehrt er ...

Elijah plante ein erfolgreicher Schriftsteller werden, als er seinen kleinen Heimatort Point Orchards bzw. seine Jugendliebe Nakita sowie seinen kranken Vater verließ. Nun, viele Jahre später, kehrt er erfolglos zurück, was ihn viel Überwindung kostet, denn er schämt sich. Er fühlt sich eine Weile lang verloren und einsam, doch allmählich schafft er es ein lebenswertes Leben zu führen, auch wenn die Rückschläge, die er verkraften muss, ihn immer wieder fast resignieren lassen. Aber dann passiert etwas, dass all diese Dinge wie Nichtigkeiten aussehen lässt: plötzlich geht es nicht mehr “nur” um ein erfülltes Privat- und Berufsleben, sondern um seine Freiheit, denn er wird zum Hauptverdächtigen in einer Mordermittlung.

Der Schreibstil ist grandios atmosphärisch, die Charaktere sind großartig gezeichnet und ich fand die Handlung sehr facettenreich, wendungsreich sowie packend, aber: das Motiv empfand ich als wenig glaubwürdig gestaltet. Dabei ist die Auflösung an sich genial, für mich ist lediglich die Umsetzung bzw. der Kern des Ganzen zu “vage” ausgearbeitet. Für meinen Geschmack ist die Handlung auch immer mal wieder zu kitschig geraten, insgesamt war “Middletide” jedoch ein intensives, interessantes Leseerlebnis für mich!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 27.04.2025

Atmosphärisch, düster, rätselhaft

Das Retreat
0

Sommer im Südwesten Englands, auf der Insel “Reaper's Rock” (Fels des Sensenmanns): der Ort gilt als verflucht, denn er hat eine dunkle Geschichte voller Tragödien und Tod. Vor Kurzem hat jedoch ein Wellness-Retreat ...

Sommer im Südwesten Englands, auf der Insel “Reaper's Rock” (Fels des Sensenmanns): der Ort gilt als verflucht, denn er hat eine dunkle Geschichte voller Tragödien und Tod. Vor Kurzem hat jedoch ein Wellness-Retreat eröffnet, das den Ruf der Insel ändern soll, aber dann häufen sich die Todesfälle wieder ...

DS Elin Warner beginnt zu ermitteln, es ist allerdings kompliziert, weil die Schwester ihres Lebensgefährten das Retreat führt, dass er als Architekt entworfen hat. Zudem haben die rätselhaften Todesfälle mit dem Eintreffen einer Reisegruppe begonnen, in der ein toxisches, undurchschaubares Miteinander herrscht.

Der Erzählstil ist sehr atmosphärisch eindrücklich - ich konnte die drückende Hitze, die beklemmende Stimmung, Elins Unbehagen, die wabernden Geheimnisse sowie Lügen nahezu spüren, mir die Gegebenheiten der Insel lebhaft vorstellen!

Elins Innenleben wird intensiv und nachvollziehbar geschildert, sie leidet unter verschiedenen traumatischen Erfahrungen bzw. daraus resultierenden Panikzuständen, die während der Ermittlungen mehrmals getriggert werden. Aber auch andere Figuren haben in der Vergangenheit Traumatisches erlebt und werden nun von den dunkelsten Kapiteln ihrer Lebensgeschichte heimgesucht.

Die Figuren sind interessant und glaubwürdig gestaltet, zudem ist die Dynamik zwischen ihnen faszinierend verstörend: es wimmelt von Unsicherheiten, Vorwürfen, Entschuldigungen, Groll, Missgunst, Wut sowie Hass ...

Die Handlung schreitet mMn zwar langsam voran, aber das sorgt dafür, dass sich das “Verfluchte-Insel-Flair", die erschütternden Erkenntnisse, die überraschenden Zusammenhänge sowie die komplexen zwischenmenschlichen Beziehungen eindringlich entfalten können. Nervenaufreibende Spannung kam für mich jedoch erst spät auf.

“Das Retreat” ist ein psychologisch interessanter, raffiniert verschachtelter Spannungsroman voller entsetzlicher Enthüllungen und unerwarteter Wendungen – bis ganz zum Schluss.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere