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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 19.10.2025

Ganz interessant aber etwas langatmig

Scheue Wesen
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Die Erzählung hat ein gemächliches Tempo und auch keinen großen Spannungsaufbau. Über die 500 Seiten war mir das manchmal etwas langatmig und langweilig. Meine Sorge, den Schreibstil eher anstrengend zu ...

Die Erzählung hat ein gemächliches Tempo und auch keinen großen Spannungsaufbau. Über die 500 Seiten war mir das manchmal etwas langatmig und langweilig. Meine Sorge, den Schreibstil eher anstrengend zu lesen zu finden hat sich hingegen nicht bewahrheitet. Ich habe schnell hineingefunden und war angenehm überrascht.
Mich hat das Cover angesprochen und dann passte das Buch mit seinem Setting rund um eine psychiatrische Klinik der sechziger Jahre gut zu meinen Leseinteressen. Der im Klappentext erwähnte William taucht eher spät in der Erzählung auf und obwohl seine Geschichte über immer weiter zurück gehende Rückblenden einen gewissen narrativen Fokus bekommt, geht es doch hauptsächlich um Helen, die Kunsttherapeutin und ihre Affäre Gill, den verheirateten progressiven Psychiater. Ihre fachlichen Positionen sind im Buch eng mit ihrer jeweiligen Person verknüpft. Helen, die die Stellung der Kunsttherapie in der Klinik noch ausloten muss und ihre eigenen Professionalität und Rolle gleichzeitig verteidigt und sucht. Gill, der die Konstruktion von Krankheit und Gesundheit hinterfragt, Medikation ablehnt und ihren Nutzen (für wen?) hinterfragt und gleichzeitig so arrogant und von sich überzeugt ist, dass es für mich seinem Ansatz der Gleichheit wiederspricht. Gill, dessen Dekonstruktion der Hierarchie in dem doch vorhanden Machtgefälle irgendwann fragwürdig erscheint. Und sein Rivale, der konservative Kollege, der vielleicht doch auch umgänglich versucht zum Besten seiner Patient*innen zu handeln. Es ist alles kein wirklicher politischer/medizinhistorischer Kommentar, aber die Charaktere und ihre Beziehungen untereinander bieten doch Möglichkeiten sich mit den Fragen der Zeit auseinander zu setzen. Eingebettet in eine durchaus nette Geschichte, die am Ende eine runde Sache ist.

Fazit: Ein Buch, das keine verschwendete Zeit war, man mMn aber auch nicht unbedingt gelesen haben muss.

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Veröffentlicht am 24.07.2025

echt und ehrlich und süß

The Darlington - Henry & Kate
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Ein junger Mann, der inmitten eines Skandals das high society Hotel der Familie übernehmen soll und eine junge Frau, die nach einigen Schicksalsschlägen obdachlos ist. Im ersten Band des „the Darlington“ ...

Ein junger Mann, der inmitten eines Skandals das high society Hotel der Familie übernehmen soll und eine junge Frau, die nach einigen Schicksalsschlägen obdachlos ist. Im ersten Band des „the Darlington“ schaffen diese beiden sehr unterschiedlichen Realitäten es, mit Authentizität und Feingefühl zusammen zu treffen. Bei allem herzerwärmenden Schnulz und Kitsch bleibt die Erzählung ehrlich, die Herausforderung groß und die Liebe echt. Diese Balance hat die Autorin ganz wunderbar hinbekommen, das gefällt mir gut.

Unsere Hauptpersonen, Henry und Kate, sind einfach zu mögen und die Dynamik zwischen den Beiden von Anfang an unterhaltsam. Dass die Erzählstimme hin und her wechselt fand ich gut, ich habe beide Perspektiven gern gelesen. Den Schreibstil insgesamt fand ich sehr angenehm, ich konnte flüssig lesen und ganz in die Emotionen der Geschichte eintauchen. Dieses Unverkünstelte hat mir insbesondere im high society Setting gefallen, obwohl das „the Darlington“ ohne Frage prunkvoll ist und das auch beim Lesen ankommt, lernen wir das Hotel doch hauptsächlich aus sehr menschlichen Perspektiven kennen und lieben, etwa, wenn Henry über seine Kindheit im Hotel spricht. Genauso ist es aber auch mit Kates Vergangenheit, ich hatte nicht den Eindruck hier eine reißerische, dehumanisierende Darstellung von Obdachlosigkeit zu lesen. Und obwohl Henry das Geld hat und Kate hilft fühlt sich ihre Beziehung in keinster Weise einseitig an. Da ist sehr viel Reflexion und „erwachsen sein“ der Beiden, ohne, dass es uns Lesenden die Freude an der wunderbar cuten Liebesgeschichte nehmen würde. Denn das ist diese Liebesgeschichte: zuckersüß und malerisch und traumhauft und eben auch ein bisschen wie im Märchen.

„the Darlington: Henry und Kate“ war für mich eine runde Geschichte zum Mitfühlen, genau das richtige für ein paar gemütliche Leseabende.

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Veröffentlicht am 30.05.2025

Willkommenskultur?

Apfelblüten und Jasmin
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Es ist ein eindringliches Jugendbuch. Aus der Ich-Perspektive hören wir von Talitha, die alleine in Deutschland angekommen ist.
"Meine Vergangenheit ist Traum und Alptraum zugleich. Wünsche habe ich genügend ...

Es ist ein eindringliches Jugendbuch. Aus der Ich-Perspektive hören wir von Talitha, die alleine in Deutschland angekommen ist.
"Meine Vergangenheit ist Traum und Alptraum zugleich. Wünsche habe ich genügend für die Zukunft. Aber vor der Gegenwart fürchte ich mich."
Von den Erlebnissen auf der Flucht und im Bürgerkrieg erfahren wir eher Überschriften, der Fokus der Erzählung liegt auf ihren Auswirkungen. Auch von dem Leben davor erfahren wir und sehen, wie es Talithas Hoffnungen und Werte geprägt hat. Wir sehen Talithas Mut und ihr Ringen zwischen dem, was sie für richtig hält und dem, was überleben zu verlangen scheint. Wir lernen Menschen auf Talithas Weg kennen, Menschen die sie verstehen, für sie da sind und Menschen, die sie ablehnen, ihr das Leben schwer machen. Die Autorin bemüht sich hier um ein Gleichgewicht, aber mein Eindruck ist, dass das Buch sich an uns richtet, die wir in Deutschland oder Österreich leben und nie fliehen mussten. Immer wieder werden die großen Auswirkungen von (Gewalt-)Taten einzelner thematisiert und die Unsicherheit angesichts der ständig neuen Entwicklungen und Gesetze.

Ich fand Talithas Geschichte berührend und die Erzählung eine gute Auseinandersetzung mit den Konflikten rund um geflüchtete Menschen um 2015

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Veröffentlicht am 25.05.2025

Geschichtsbewussten Umgang mit Wörtern einüben

Verbrannte Wörter
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"Verbrannte Wörter" beschäftigt sich mit der Evaluation bestimmter Wörter die unter dem Verdacht stehen, Vokabular der Nationalsozialisten gewesen zu sein. Das Buch ist alphabetisch aufgebaut, mit einem ...

"Verbrannte Wörter" beschäftigt sich mit der Evaluation bestimmter Wörter die unter dem Verdacht stehen, Vokabular der Nationalsozialisten gewesen zu sein. Das Buch ist alphabetisch aufgebaut, mit einem Register am Ende und kann insofern gut als Nachschlagewerk, wie wir es von Duden-Publikationen kennen, verwendet werden. Jedes Wort bekommt seinen eigenen Artikel, in dem die linguistischen Ursprünge des Wortes, seine Verwendung oder Nichtbelegbarkeit in nationalsozialistischen Schriften, sowie seine inhaltliche Relevanz für nationalsozialistische Werte und zuletzt die Gebraucgsentwicklung nach dem "dritten Reich" betrachtet werden. Jeder Artikel schließt mit einem kurzen Fazit und einer Empfehlung, in der die persönliche Stimme des Autors deutlich wird. In der Einleitung findet sich ein Überblick über die Stilmittel und den Kontext von nationalsozialistischer Sprache über einzelne Wörter hinaus.

Es mag erstaunen, wie oft das Fazit des Autors in einer unbedenklichen oder eingeschränkten Nutzungsfreigabe mündet. Das gute an dem Buch ist, dass die Artikel wirklich kompakt vorher alles notwendige liefern, damit wir als Lesende unser eigenes Urteil bilden können. Dabei fällt insbesondere die Zitatfülle positiv auf, auch wenn diese eine durchgehende Lektüre (im Kontrast zur Wörterbuchverwendung) anstrengend macht. Der Autor geht sowohl in der Wortauswahl, als auch in den Artikeln auf jüngere Debatten ein. So wird im Artikel zu "Heil Hitler" die Verwendung des "deutschen Grußes" insgesamt betrachtet, nicht nur die Worte selbst. Manchmal konnte ich Aussagen des Autors nicht ganz nachvollziehen, zum Beispiel, seine Feststellung, dass das Wort "asozial" heute kaum noch verwendet wird, obwohl es mir, leider, durchaus häufiger begegnet.

Die Mischung der Wörter war meine Meinung nach gut gelungen und die Artikel sind für jeden Wissensstand gut anknüpfbar. Bei Wörtern, die ich vorher schon richtig dem Nazivokabular zugeordnet hatte, habe ich meine Begründung schärfen können, bei manchen Wörtern war ich überrascht zu lernen, dass sie bei weitem nicht so nationalsozialistisch waren, wie von mir angenommen und bei anderen tat sich eine viel deutlichere Verbindung zum und Prägung im Nationalsozialismus hervor. Es waren auch ein paar Wörter vertreten, die mir zuvor gänzlich unbekannt waren.

Insgesamt empfand ich die Lektüre als lehrreich und bereichernd und werde das Buch als Nachschlagewerk sicherlich weiter benutzen.

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Veröffentlicht am 18.04.2025

Was erzählen wir uns über psychische Zustände?

Sich selbst fremd
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Ich habe Rachel Avivs "sich selbst fremd" gelegentlich auf den Lesestapeln Psychiatrie-kritischer Menschen gesehen und es dann ohne große Überlegungen ausgeliehen, als es in der Stadtbibliotek bei den ...

Ich habe Rachel Avivs "sich selbst fremd" gelegentlich auf den Lesestapeln Psychiatrie-kritischer Menschen gesehen und es dann ohne große Überlegungen ausgeliehen, als es in der Stadtbibliotek bei den Sachbuch Neuanschaffungen stand. Meine Erwartungen waren entsprechend diffus und ich recht offen zu schauen, was das nun für ein Buch ist.

Die Leitfrage ist die, nach den Narrativen, den Geschichten über unsere psychischen Zustände, die uns erzählt werden und die wir selber erzählen. In gut recherchierten Lebensberichten mit vielen (Fach-)Zitaten versucht die Autorin diese Narrative herauszuarbeiten und fragt, was ihr Einfluss auf die Leben gewesen sein mag. Ich habe die Herangehensweise als journalistisch-respektvoll erlebt und mit einer Tendenz zur differenzierten Antwort, bei der kein Narrativ unbedingt "wahrer" oder "falscher" als ein anderes ist. "Heilung" und "Verderben" scheinen in jedem Narrativ angelegt zu sein. Im ersten Lebensbericht hat mir noch der Kommentar, die Einordnung der Autorin, gefehlt und obwohl dies in den späteren Lebensberichten mehr wird, bleibt doch deutlich die Notwendigkeit sich eine eigene Meinung zu bilden und die Schilderungen selber abzuwägen. Die implizite Frage, was erzähle ich mir - und was lasse ich mir erzählen - und was macht das mit meinem Leben, empfand ich als unbequem, aber wichtig.

Die Lebensberichte fand ich gut ausgewählt, sie decken wesentliche Narrative ab und stellen ihre Probleme und Reibungspunkte untereinander gut heraus.

Mein erster Eindruck ist also durchaus positiv, aber es ist auch kein Buch, dass ich ganz oben auf eine psy*Leseempfehlungsliste setzen würde. Es hat mich zum Nachdenken angeregt, aber mich insgesamt weniger beschäftigt als manch anderes Buch.

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