Ganz interessant aber etwas langatmig
Scheue WesenDie Erzählung hat ein gemächliches Tempo und auch keinen großen Spannungsaufbau. Über die 500 Seiten war mir das manchmal etwas langatmig und langweilig. Meine Sorge, den Schreibstil eher anstrengend zu ...
Die Erzählung hat ein gemächliches Tempo und auch keinen großen Spannungsaufbau. Über die 500 Seiten war mir das manchmal etwas langatmig und langweilig. Meine Sorge, den Schreibstil eher anstrengend zu lesen zu finden hat sich hingegen nicht bewahrheitet. Ich habe schnell hineingefunden und war angenehm überrascht.
Mich hat das Cover angesprochen und dann passte das Buch mit seinem Setting rund um eine psychiatrische Klinik der sechziger Jahre gut zu meinen Leseinteressen. Der im Klappentext erwähnte William taucht eher spät in der Erzählung auf und obwohl seine Geschichte über immer weiter zurück gehende Rückblenden einen gewissen narrativen Fokus bekommt, geht es doch hauptsächlich um Helen, die Kunsttherapeutin und ihre Affäre Gill, den verheirateten progressiven Psychiater. Ihre fachlichen Positionen sind im Buch eng mit ihrer jeweiligen Person verknüpft. Helen, die die Stellung der Kunsttherapie in der Klinik noch ausloten muss und ihre eigenen Professionalität und Rolle gleichzeitig verteidigt und sucht. Gill, der die Konstruktion von Krankheit und Gesundheit hinterfragt, Medikation ablehnt und ihren Nutzen (für wen?) hinterfragt und gleichzeitig so arrogant und von sich überzeugt ist, dass es für mich seinem Ansatz der Gleichheit wiederspricht. Gill, dessen Dekonstruktion der Hierarchie in dem doch vorhanden Machtgefälle irgendwann fragwürdig erscheint. Und sein Rivale, der konservative Kollege, der vielleicht doch auch umgänglich versucht zum Besten seiner Patient*innen zu handeln. Es ist alles kein wirklicher politischer/medizinhistorischer Kommentar, aber die Charaktere und ihre Beziehungen untereinander bieten doch Möglichkeiten sich mit den Fragen der Zeit auseinander zu setzen. Eingebettet in eine durchaus nette Geschichte, die am Ende eine runde Sache ist.
Fazit: Ein Buch, das keine verschwendete Zeit war, man mMn aber auch nicht unbedingt gelesen haben muss.