Die Abgründe der Gynäkopsychiatrie
Der SchlächterIn hohem Alter widmet sich die Erfolgsautorin Joyce Carol Oates mit ihrem neuen Roman „Der Schlächter“ einer schlimmen Phase der Medizingeschichte, einer Zeit, in der meist nur widerständige Frauen in ...
In hohem Alter widmet sich die Erfolgsautorin Joyce Carol Oates mit ihrem neuen Roman „Der Schlächter“ einer schlimmen Phase der Medizingeschichte, einer Zeit, in der meist nur widerständige Frauen in Psychiatrien als geisteskrank weggeschlossen und an ihnen operativ herumexperimentiert wurde, um sie von ihrer angeblichen Geisteskrankheit aka Eigensinn zu befreien – oft mit tödlichen Folgen.
Oates Roman kreist um den psychiatrischen Arzt Dr. Silas Weir und seine Patientin Brigit – sowie deren komplex verflochtene Beziehung. Vorweg sei gesagt: Dieses Buch ist starker Tobak und macht vor vielen expliziten Szenen nicht halt – dessen sollte mensch sich bewusst sein, bevor die Lesereise beginnt. Genau diese Schonungslosigkeit macht auch die Stärke von Oates Roman aus, der damit den vielen geschundenen Frauen der Medizingeschichte eine laute, fast schon schreiende Stimme verleiht, so dass man sie nicht vergisst. Basierend auf vielen wahren Geschichten erzählt die Autorin von einer Nervenheilanstalt im Pennsylvania des 19. Jahrhunderts und einem narzisstischen Arzt, der an einem Vaterkomplex leidende stümperhaft arbeitend auf eine große Karriere zielt – und dabei über Leichen geht.
Oates schreibt gut, das Buch hat zunächst einen tollen Lesefluss, die Beschreibungen sind sehr bildhaft und griffig, die Atmosphäre wird gut gegriffen, ohne überausführlich zu sein und vor allem scheut sie sich wahrlich gar nicht, in die misogynen Männerseelen hineinzuschauen. Ein perfektes Buch, um aufzuzeigen, warum Feminismus auch für Männer die Lebensqualität deutlich erhöhen würde, es ist ja auszuhalten, wie sehr diese hier in Tabuisierungen festklemmen. Wobei die Folgen natürlich für die Frauen deutlich schlimmer sind, weshalb ich dann doch kein Mitleid empfinde.
Strukturell gefällt die Idee von wechselnden Erzählperson sehr gut, das macht das Buch abwechslungsreich und öffnet unterschiedliche Perspektiven. Im weiteren Verlauf reduziert sich diese Multiperspektive leider stark und eigentlich sind alle Erzählenden unzuverlässige Erzähler:innen, was es mitunter schwierig macht, eine klare Handlung zu sehen. Auch werden die Beschreibungen immer redundanter und dann doch überausführlich, so dass sich bei mir immer mehr Langeweile breitmachte. Das Buch auf eine fiktive Autobiographie bei ansonsten schlechter Datenlage zu basieren, ist eine kluge Entscheidung, denn natürlich vergisst die lesende Person diese Fiktion immer wieder.
Obwohl mit bekannt war, wie Frauen „psychiatrisch“ behandelt wurden, hatte ich tatsächlich den Begriff Gynäkopsychiatrie noch nie gehört. Dr. Silas Weir, dessen Leben wir folgen, ist letztlich eine ziemlich armselige Figur und die Einbettung in einen überhöhten Glaubenskontext (Kirche, sorry, immer ein Problem) und einen fetten Vaterkomplex macht ihn, das kleine Männlein, leider brandgefährlich, wie auch wieder deutlich wird, dass Tabus und Unwissen Frauen immer wieder zu Opfern machen. Die psychische Konstellation von Dr. Weir wird am Anfang des Buches sehr gut herausgearbeitet, sein großes Ego, seine Komplexe, die ihn in eine vollkommen irrwegige Selbstwahrnehmung treiben. Gänzlich von seiner Familie isoliert, fehlt es auch an einem Korrektiv. Immer wieder überhöht er sich selbst.
Die Tabuisierung des Frauenkörpers, die bis heute stattfindet und immer noch zu einer Geschlechterungerechtigkeit in der Medizin mit teils fatalen Folgen führt, wird gut herausgearbeitet. Die Folgen für Frauen im 19. Jahrhundert: Einfach schlimm. Alles „Symptome“, die hier beschrieben wird, sind einfach nur ganz normale Emotionen und Langeweile, Lust, Lebenshunger. Schlimmstenfalls mal Depression, was nicht verwundert angesichts der Eintönigkeit, in die Frauen als Gebärmaschinen in der Zeit gezwungen wurden. Auch massiv deutlich, wie sehr Frauen, die als Arbeitskräfte genutzt wurden, nur wieder in die Funktionsfähigkeit gebracht werden. Und dann natürlich die dauerhafte Sedierung der Frauen und der bedenkenlose Einsatz von Suchtmitteln. Die Behandlung, neben der Dauerdroge Laudanum, mit Nikotin und Kokain, einfach krass!
Der Ton, den Oates wählt, beschreibt wirklich gut das patriarchale, chauvinistische Denken. Teilweise kaum auszuhalten, wie tief sie in das Denken des Schlächters eintaucht und uns daran lesend teilhaben lässt. Mit der Zeit kommt es aber auch hier zu Abnutzungserscheinungen, weil nichts Neues mehr hinzukommt.
Wichtig und richtig die Geschichte der „Hysterie“ zu beschreiben und hoffentlich auch vielen Menschen dann endlich Grund genug, dieses Wort nicht mehr in Verbindung mit Frauen zu verwenden. Wie Männer je auf die absolut absurde Idee kommen konnten, Frauen Organe zu entnehmen, um Emotionen zu unterbinden – ein weiteres Beispiel für die einfach krasse Misogynie, die auf unserer Welt herrscht und an die ich mich nie gewöhnen werde und will. Pure Folter, mensch kann es nicht anders nennen, wie hier mit Frauen umgegangen wurde.
Die Art, wie Oates in Nebensätzen die härtesten Infos dropped, ist ausnehmend geschickt, zeigt sie damit doch auch formal, was Frauen der Welt damals galten: nichts. Auch sehr gut, wie so viel schlimmer Alltag eingebettet wird aus der Zeit, die Sklaverei, die Gebundenheit von Dienstkräften, die Erbschulden, der Missbrauch an schon ganz jungen Frauen, der Platz, der Frauen generell in der Gesellschaft zugewiesen wird, einfach gruselig, das alles so gebündelt noch einmal zu lesen.
Dies könnte also ein großartiges Buch sein, wäre da nicht die große Weitschweifigkeit, die mich immer mehr ermüdet hat, die sich wiederholenden Topoi und Situationen, die merkwürdige Überhöhung von Personen und Handlungen, die immer wieder auftauchenden kleinen Fehler und Unlogiken in der Geschichte, die Monothematik auf sehr vielen Seiten, die gleichbleibende Sprache auch bei Perspektivwechseln, die medizinischen Fehler und unsachgemäßen Beschreibungen, die zunächst eingeführte Multiperspektive, die sich dann aber leider ganz schnell verliert, so wie der Fokus des Romans. 200 Seiten weniger hätten wahrscheinlich ein aufrüttelndes Buch ergeben. So wusste ich nach der Hälfte eigentlich alles und wollte das Buch ab dann nur noch beenden, weil sich nichts Neues mehr ergab. Diesem Buch hätte ich ein energischeres Lektorat gewünscht. So reicht es leider nur für drei Sterne bei einem sehr wichtigen Thema.