Liebe ist nicht normal, nicht perfekt, aber genau richtig
Liebe ist niemals normalEinstieg & Lesefluss
Ich muss ehrlich sagen: Liebe ist niemals normal hat mich absolut begeistert, auf so vielen verschiedenen Ebenen.
Ich bin richtig gut in das Buch reingekommen, das lag vor allem ...
Einstieg & Lesefluss
Ich muss ehrlich sagen: Liebe ist niemals normal hat mich absolut begeistert, auf so vielen verschiedenen Ebenen.
Ich bin richtig gut in das Buch reingekommen, das lag vor allem an den kurzen Kapiteln, die mir das Lesen extrem angenehm gemacht haben. Obwohl ich eigentlich ein langsamer Leser bin, habe ich schnell gemerkt, wie viel ich plötzlich gelesen hatte. Die Kapitelstruktur eignet sich einfach perfekt, um auch zwischendurch mal ein paar Seiten zu lesen, diese Kürze war ein echter Pluspunkt!
Perspektive & Schreibstil
Das Buch ist aus der Ich-Perspektive von Julian erzählt, was grundsätzlich schön ist, weil man nah an seinen Gedanken ist, fast wie ein Tagebuch. Gleichzeitig war der Schreibstil für mich am Anfang ein wenig gewöhnungsbedürftig. Es gibt viele Übergänge zwischen Gegenwart und Erinnerung, die nicht immer klar gekennzeichnet sind. Oft springt Julian in Gedanken zurück, wenn ihn etwas an Vergangenes erinnert, oft ausgelöst durch eine Erinnerung oder Assoziation und holt den Leser dann durch alltägliche Geräusche oder Aussagen anderer Figuren, wie ein zurück in die Gegenwart, fast wie beim Tagträumen, wenn man plötzlich merkt, dass man gedanklich ganz woanders war. Aber manchmal war es auch etwas verwirrend, weil diese Sprünge nicht deutlich abgegrenzt waren. Das passierte aber nur am Anfang des Buches.
Hauptfigur
Julian als Figur hat mich sehr berührt. Ich konnte mich gut mit ihm identifizieren, auch, weil ich selbst queer und auch 22 bin. Seine Situation zu Beginn des Buches entsteht durch familiären Druck und Missverständnisse. Man spürt, dass er auf der Suche ist, nach Liebe, Zugehörigkeit, vielleicht auch ein bisschen nach sich selbst.
Themen & emotionale Tiefe
Inhaltlich berührt das Buch viele wichtige Themen: Liebe, Freundschaft, Selbstfindung, queeres Leben, berufliche Orientierung. Dabei bleibt es meist eher an der Oberfläche, was aber gar nicht unbedingt negativ ist, es gibt der Geschichte eine gewisse Leichtigkeit. Trotzdem hätte ich mir gerade in Bezug auf Julian etwas mehr Tiefe gewünscht. Sein beruflicher Hintergrund oder seine familiären Konflikte werden zu Beginn erwähnt, dann aber nicht weiter verfolgt. Auch emotional hätte ich mir gewünscht, mehr über seine innere Entwicklung, seine Zweifel oder auch mentale Herausforderungen zu erfahren.
Nebenfiguren & Dynamiken
Die Nebencharaktere sind herrlich vielfältig: Da ist die WG mit all ihren liebevoll chaotischen Bewohnerinnen, schräge Dating-Partner und enge Freundinnen. Besonders gefallen haben mir die verschiedenen Beziehungskonstellationen, die hier dargestellt werden, sei es romantisch oder freundschaftlich. Das gibt dem Buch Tiefe und zeigt, wie bunt, herausfordernd und auch lustig queeres Leben sein kann.
Liebesgeschichte & Ende (ohne Spoiler)
Die zentrale Liebesgeschichte ist insgesamt schön erzählt, auch wenn ich konnte nicht immer ganz nachvollziehen könnte, warum Julian so starke Gefühle entwickelt, obwohl die gemeinsame Zeit mit der betreffenden Person eher kurz war. Da dachte ich mir zwischendurch: „Wie kommt das denn jetzt?“ Aber am Ende der Geschichte wird genau das auch reflektiert, was ich sehr gelungen fand; denn so stellt sich auch Julian selbst die Frage, wie realistisch oder greifbar diese Gefühle eigentlich sind. Das bringt wieder etwas Realismus mit rein.
Was das Ende betrifft, kann ich sagen: Ich hätte mir grundsätzlich sowohl eine Variante mit einer persönlichen Entwicklung ohne Beziehungsabschluss als auch eine klassische Liebesauflösung gut vorstellen können. Beides wäre für mich eine stimmige Botschaft gewesen. Ich bin aber mit dem tatsächlichen Ausgang sehr zufrieden, es war emotional rund und hat die Geschichte schön abgeschlossen.
Fazit
Liebe ist niemals normal ist ein warmherziges, stellenweise herrlich absurdes Buch über queeres Leben, das mit Leichtigkeit und Humor auch ernstere Themen berührt. Besonders gelungen sind die kurzen Kapitel, der authentische Blick auf die zwanziger und die skurril-lustigen Alltagssituationen. Kleine Schwächen gibt es im Erzählstil und in der Tiefe einzelner Themen, aber insgesamt ist es ein Buch, das mich berührt, unterhalten und auch zum Lachen gebracht hat.