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TochterAlice

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Veröffentlicht am 02.02.2018

Hart- Härter - Hazal

Ellbogen
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Hazal lebt in Berlin mit ihrer ganzen Familie, schon von Geburt an. Aber sie ist Türkin, wenn auch ihr Deutsch um einiges besser ist als ihr Türkisch. In ihrer Kindheit war sie alle zwei Jahre im Sommerurlaub ...

Hazal lebt in Berlin mit ihrer ganzen Familie, schon von Geburt an. Aber sie ist Türkin, wenn auch ihr Deutsch um einiges besser ist als ihr Türkisch. In ihrer Kindheit war sie alle zwei Jahre im Sommerurlaub in Bursa, eigentlich ist das alles, was sie von der Heimat ihrer Eltern kennt. In Deutschland gilt sie... nun, sie weiß selbst nicht so recht, als was, jedenfalls nicht als Deutsche. Es ist für sie schwer, ihren Platz in der Gesellschaft und mehr noch im Leben als solchem zu finden.

Zu Hause ist sie die brave Tochter, außerhalb raucht sie Joints, gibt auch mal Kontra und weiß nicht so recht, wohin mit sich. Zumal sie auch keinen Ausbildungsplatz gefunden hat bisher. Jetzt wird sie achtzehn und will es mal richtig krachen lassen - im Kreise ihrer Freundinnen.

Doch dann passiert etwas und schwuppdich, ist Hazal in Istanbul, in Istanbul, das sie überhaupt nicht kennt außer von kurzem Eindruck aus dem Fenster des Busses, der sie nach Bursa bringt. Seien wir ehrlich - Hazal muss jetzt fliehen: vor der Justiz, davor, endgültig aus Deutschland ausgewiesen zu werden (ja, das geht, obwohl sie dort geboren wurde) - aber am meisten, am allerallermeisten flieht sie vor sich selbst. Vor dem, was aus ihr geworden ist, was sie nie sein sollte und vor allem - vor dem, was aus ihr noch zu werden droht. Ja, Hazal ist hart und wie ich es erwartet habe, ist sie es auch wieder nicht. So soll es sein, aber ich empfinde dieses Dilemma und den Weg, den sie damit geht, nicht als so eindringlich geschildert, wie ich es mir erhofft hätte.

Denn Hazal kennt sich selbst nicht und eigentlich hatte sie auch nie die Chance, sich kennenzulernen. Das alles fand ich - auch als Angehörige einer anderen Nationalität in Deutschland aufgewachsen - eindrucksvoll und stimmig. Dennoch: es geht mir hier zu extrem zu in alle Richtungen. Klar, die Verlorenheit der jungen Generation kommt hier durchaus zum Ausdruck, aber irgendwie fehlt es der Schilderung aus meiner Sicht ein bisschen an Kraft - das, was sie für immer in mein Herz einbrennen würde, das fehlt. Genau das erwarte ich aber von einem Buch zu einem solchen Thema, es soll lodern, krachen, explodieren. In gewisser Hinsicht tut es das auch im zweiten Teil, der in Istanbul spielt, aber nicht so, wie ich es mir gewünscht hätte. Um mit Autorinnen wie Elif Shafak mithalten zu können, braucht es hier noch ein wenig mehr - finde ich jedenfalls.

Veröffentlicht am 02.02.2018

Alte Fotos - alte Geschichten

Die Mädchen von der Englandfähre
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so ist es oft, aber meist weiß man wenigstens genau, um was es geht, handelt es sich doch um die eigene Vergangenheit oder zumindest die nahestehender Personen. Warum sonst sollte man diese Erinnungstücke ...

so ist es oft, aber meist weiß man wenigstens genau, um was es geht, handelt es sich doch um die eigene Vergangenheit oder zumindest die nahestehender Personen. Warum sonst sollte man diese Erinnungstücke aufbewahren? Der dänischen Journalistin Nora Sand, zur Zeit in London ansässig, passiert aber etwas ganz anderes: sie ersteht bei einem Trödler einen alten Koffer und entdeckt darin Fotos, die ihr aus irgendeinem Grund bekannt vorkommen. Bald ist es klar: es sind die beiden dänischen Mädchen, die auf einer Fähre von Dänemark nach England verschwanden und nie mehr gesehen wurden! Jahrzehnte ist das her und die Mädchen waren arme Kreaturen, die aus ihren Familien herausgenommen worden waren bzw. keine mehr hatten. Kein besonders heimeliges Umfeld also, in dem Nora - eigentlich ist sie Kriegsjournalistin nun recherchiert und auf eine Spur nach der anderen stößt, von denen viele jedoch im Sande verlaufen.

Nora Sand will eines nicht: ihrem Namen alle Ehre machen und ihre Nachforschungen im Sande verlaufen lassen und bleibt daher am Ball - und gerät dadurch mehr und mehr in ein Fadenkreuz - möglicherweise in das eines Mörders? Denn der Hauptverdächtige ist ein Serienmörder, der seit Jahren in Haft ist und Nora gelingt es, zu ihm vorzudringen. Er scheint einiges zu wissen - oder tut er nur so?

Nora will den Fall lösen, wird gleichzeitig aber auch im privaten Bereich auf eine - bzw. gleich mehrere - harte Proben gestellt. Bis es dann zum Showdown kommt, das seinem Namen alle Ehre macht, aus meiner Sicht jedoch nicht so recht zu dem Buch passt und zudem eine ganze Reihe unlogischer Entwicklungen beinhaltet.

Mein Fazit: vielversprechende und interessante Ansätze, die jedoch nicht in Gänze ausgereizt werden konnten. Hier ist noch ordentlich Luft nach oben. Dennoch, ich will wissen, wie es weiter geht bei Nora Sand und freue mich schon jetzt auf ihren nächsten Fall!

Veröffentlicht am 05.01.2018

Ein wilder Tanz durch Zeit und Raum

Swing Time
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Ein Tanz der Freundschaft sozusagen, der Freundschaft zwischen Tracey und der Ich-Erzählerin, einer Freundschaft, die zerbricht: aus vielen Gründen, doch bleiben die beiden weiterhin aufeinander fokussiert. ...

Ein Tanz der Freundschaft sozusagen, der Freundschaft zwischen Tracey und der Ich-Erzählerin, einer Freundschaft, die zerbricht: aus vielen Gründen, doch bleiben die beiden weiterhin aufeinander fokussiert. Tracey feiert zwischenzeitlich Erfolge als Tänzerin, ihre Freundin wird nach vollendetem Studium eine Art moderne Sklavin - als Assistentin in der Entourage einer weltberühmten Popsängerin.

Willkommen in der modernen, der globalen Welt mit allen Faktoren, die darin eine Rolle spielen! Gentrifizierung, soziales Denken und Leben (schwer gemacht), soziale (Un)Gerechtigkeit, Stalking, Neid, Sehnsucht, Konkurrenz, Ausbeutung, Egoismus, Egozentrik, Popkultur, Starkult und, und und - aus der Sicht einer wahrhaft intellektuellen Autorin.

Diese hat es mir wahrlich nicht leicht gemacht, so sehr habe ich mir gewünscht, dieses Buch zu lieben, ihm zu verfallen, wie es bei Smiths Erstling "Zähne zeigen" der Fall war, ganz und gar in dem Buch zu versinken.

Es ist mir nicht gelungen, ich habe mich damit genauso schwer getan wie mit "Von der Schönheit". Zadie Smith, die kluge Stimme der britischen und inzwischen auch amerikanischen Welt der Migranten, trifft den Puls der Zeit, nicht jedoch meinen. Dafür ist mir der Roman zu hektisch, zu vollgestopft sowohl mit Figuren als auch mit Locations. Es fiel mir zunehmend schwerer, ihr zu folgen, die ganzen weiteren Akteure, die die beiden Kindheitsfreundinnen und ihre Familien mit Fortschreiten des Romans mehr und mehr flankierten, auch richtig einzuorden. Kurzum: am Ende der Handlung war ich verwirrt. Ich bin überaus irritiert aus einem ausgesprochen zeitgemäßen Roman aufgetaucht, einem Roman, für den offenbar ich selbst nicht genug am Puls der Zeit klebe.

Zu viele Wechsel, ja, zu atemlos ging es für mich zu - mir fiel es vor allem in der zweiten Hälfte des Romans schwerer und schwerer, dem Rhythmus der Autorin zu folgen. Ganz klar KEIN Rhythmus, bei dem ich mitmuss ungeachtet aller Elogen, die dieser Roman bereits erfahren hat.

Etwas für Leser, die das Schnelle, das Atemlose lieben, gerne flink voran schreiten bei ihrer Lektüre, von den Ereignissen quasi überrollt werden. Sicher ein Buch, das viele Anhänger finden wird und auch mir tut es überhaupt nicht Leid, es gelesen zu haben, auch wenn ich nicht ganz mithalten konnte!

Veröffentlicht am 05.01.2018

Ich male mir die (Nach)Welt, wie sie mir gefällt

Das Leben nach Boo
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TochterAlice

vor 6 Monaten
(10)

Ja, Boo hat auch etwas Pippi-Langstrumpf-artiges. Boo ist dreizehn, er ist anders als alle anderen Kindern, er hat seinen eigenen Willen, er muss ohne seine Eltern auskommen ...



TochterAlice

vor 6 Monaten
(10)

Ja, Boo hat auch etwas Pippi-Langstrumpf-artiges. Boo ist dreizehn, er ist anders als alle anderen Kindern, er hat seinen eigenen Willen, er muss ohne seine Eltern auskommen - vor allem jedoch (und das unterscheidet ihn definitiv von Pippi): er ist tot. Und als Verstorbener landet er in einer Welt, die von Dreizehnjährigen beherrscht wird und nicht nur das: sie sind die einzigen Bewohner. In diesem speziellen Universum landen nämlich nur Amerikaner, die in genau diesem Alter gestorben sind und bleiben dort fünfzig Jahre bis zu ihrem Wiedertod.

Für Boo eine ganz neue Form des Zusammenlebens, hatte er doch bisher kaum was mit Gleichaltrigen zu tun, galt er doch in seinem irdischen Leben als Sonderling. Umso mehr genießt er das Dasein als Teil einer Viererclique, zu der vor allem ein alter Bekannter gehört: Johnny, den er nämlich schon zu Lebzeiten kannte und der kurz nach ihm gestorben ist. Und zwar mit derselben Todesursache wie er selbst. Boo wird erst jetzt klar, was das für eine ist und die ist ziemlich schockierend.

Und nicht nur die, sondern auch die entsprechenden Zusammenhänge. Ganz schön heftig, denn er sieht sowohl Johnny als auch sich selbst in einem neuen Licht und mehr noch: die ganze Stadt der Dreizehnjährigen muss sich umorientieren.

Es geht um Freundschaft, um Werte, um Wandel und um vieles mehr. Eine interessante Idee, die mich jedoch verwirrt hat und mich auch nicht bis ins Mark traf. Es ist eine interessante Geschichte für Jugendliche, aber eine von vielen und mich hat sie nicht sonderlich berührt, dazu empfand ich sie als viel zu konstruiert.

Ja, der Autor Neil Smith hat tatsächlich eine Nachwelt nach eigenem Gusto geschaffen, die mir aber viel zu weit hergeholt ist! Ein Buch, das zwar sehr originell ist, das ich persönlich eher nicht weiterempfehle. Zu verwirrend und irritierend ist es aus meiner Sicht.

Veröffentlicht am 05.01.2018

Ungeheuerliche Taten

Späte Vergeltung
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in Vergangenheit und Gegenwart und deren Zusammenhänge - darum geht es in diesem französischen Krimi, der einen ungeheuren Bogen sowohl durch die Geschichte als auch durch miteinander verwobene individuelle ...

in Vergangenheit und Gegenwart und deren Zusammenhänge - darum geht es in diesem französischen Krimi, der einen ungeheuren Bogen sowohl durch die Geschichte als auch durch miteinander verwobene individuelle Alltagsentwicklungen schlägt und dadurch bei mir gehörige Verwirrung auslöste.

Was haben lange zurückliegende militärische Handlungen bspw. in Vietnam und zwar lange vor dem Vietnamkrieg, nämlich in den 1950er Jahren noch zu Zeiten der französischen Vorherrschaft und im Algerien der 1960er Jahre mit einer Serie von Morden im Frankreich der Gegenwart zu tun? Ein kleines Dorf spielt eine Rolle, finanzielle Verwicklungen auch: wie hängt das alles zusammen?

Fest steht: diese Zusammenhänge gibt es, sie werden auch aufgedröselt, aber man braucht einen gehörig langen Atem, um dahinterzukommen. Ich jedenfalls habe mich gehörig schwergetan mit dem langatmigen, stellenweise ausgesprochen umständlichen Erzählstil des Autors Emmanuel Grand.

Figuren beschreiben, das kann der Autor, wenngleich er weit entfernt ist davon, mit leichter Feder und wenigen Worten einen Charakter im Nu zu erfassen, aber die Ereignisse miteinander zu verknüpfen, damit tut er sich durchaus schwer. Wobei - es gelingt schon, alles zusammenzubringen, doch könnte ich mir vorstellen, dass dabei der ein oder andere Leser auf der Strecke bleibt und unterwegs einfach schlappmacht. Ich könnte mir vorstellen, dass die umständliche Sprache teilweise auch mit der Übersetzung zusammenhängt und nicht allein dem Autor angelastet werden kann - nicht immer kamen mir im Deutschen die Formulierungen geschickt, die Wortwahl elegant vor.

Auf dem Cover wird der Vergleich mit Fred Vargas gezogen, was aus meiner Sicht nur an gewissen speziell französischen Elementen vorkommen, durch die beide Autoren ihre Herkunft nicht verleugnen können. Allerdings fehlt hier aus meiner Sicht das Leichtfüßige, Charmante, auch das Schrullige, das die Vargas-Romane unverwechselbar macht. Also mein Appell an alle Vargas-Fans: mit Vorsicht an die Lektüre gehen, es könnte sonst eine Enttäuschung geben.