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Veröffentlicht am 30.06.2025

Kochen für den Alltag – ohne besonderen Anspruch

Quick & Tasty
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"Quick & Tasty" von Viviane Geppert versammelt 50 schnelle und unkomplizierte Afterwork-Rezepte, die sich mit wenigen Zutaten nach Feierabend realisieren lassen. Als berufstätige Mutter teilt sie neben ...

"Quick & Tasty" von Viviane Geppert versammelt 50 schnelle und unkomplizierte Afterwork-Rezepte, die sich mit wenigen Zutaten nach Feierabend realisieren lassen. Als berufstätige Mutter teilt sie neben Rezeptideen auch private Einblicke in ihr Familienleben und will zeigen, dass gutes, frisches Essen auch bei engem Zeitplan möglich ist. Viviane Geppert ist bekannt als TV-Moderatorin und Journalistin. Seit 2016 steht sie vor der Kamera, unter anderem für Formate wie "red" oder "taff". Mit "Quick & Tasty" legt sie ihr erstes Kochbuch vor und verbindet beruflichen Alltag, Familie und Esskultur in einem kompakten Werk.

Meine Meinung

Obwohl ich Viviane Geppert bisher nicht kannte, sprach mich das Konzept ihres Kochbuchs sofort an. Das Cover wirkt ansprechend, die Idee, schnelle Gerichte für den Feierabend zu liefern, ist absolut zeitgemäß. An dieser Stelle auch Danke an LovelyBooks und den ZS Verlag für das kostenlose Rezensionsexemplar!

Das Layout ist solide: funktional und passend für ein Kochbuch, aber ohne besondere Highlights. Die Fotografien sind schön, wenn auch recht gleichförmig inszeniert. Teilweise wirken sie etwas zu stark bearbeitet oder künstlich - besonders die Portraitbilder. Ich finde, wenn Geppert schon betont, sie sei eine "normale Frau" (S. 5) , wünschte ich mir mehr visuelle Authentizität. Positiv ist, dass sie sich selbst in der Bildsprache zurücknimmt – das Essen steht im Vordergrund.

Inhaltlich bleibt das Buch für mich leider hinter seinem Potenzial zurück. Die persönliche Einleitung ist gelungen, doch bei den Rezepten fehlt durchgängig der rote Faden. Mal gibt es eine kurze Anekdote, mal eine Unterüberschrift, mal nichts. Auch hätte ich mir eine sensiblere Wortwahl gewünscht – der Begriff "Soulfood" z. B. sollte rassismuskritisch reflektiert werden.

Einen schalen Beigeschmack hinterließ bei mir die starke Reproduktion klassischer Rollenbilder: Frauen als Küchenmanagerinnen, Männer als Empfänger der Kochkunst. Auch wenn Geppert sich liebevoll auf Mutter und Oma als Inspirationsquelle bezieht, bleibt das Bild für mich als Leserin traditionell.

Die angesprochenen Einflüsse aus dem Balkan oder ihre Liebe zu Südfrankreich (S.9) finden in den Rezepten kaum statt. Stattdessen dominieren italienische Begriffe und Gerichte – was in der Einleitung nicht erläutert wird. Die Kennzeichnung veganer, vegetarischer oder glutenfreier Gerichte fehlt ebenfalls komplett, was angesichts heutiger Standards unzeitgemäß wirkt. Mein Lieblingsrezept war die "Norma al forno" – in meiner eigenen veganisierten Version. Das Zutatenverzeichnis am Ende, das auch nach Zutaten filterbar ist, empfand ich als sehr hilfreich. Die Liste mit Vorräten hingegen überforderte mich eher, weil sie recht umfangreich ist.

Viele "Fresh-Up"-Tipps wiederholen sich, etwa das obligatorische "mit Kräutern toppen". Schade, dass auch hier wenig Variation geboten wird.

Fazit

"Quick & Tasty" ist ein optisch ordentliches und in Ansätzen inspirierendes Kochbuch für den Alltag. Wer keine großen Erwartungen an Vielfalt, Tiefgang oder zeitgemäße Gestaltung hat, wird hier fündig. Für mich bleibt es jedoch bei 3 von 5 Sternen, da viele Potenziale ungenutzt bleiben.

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Veröffentlicht am 28.06.2025

Solide Unterhaltung für zwischendurch

Der Weg – Jeder Schritt könnte dein letzter sein
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"Der Weg – Jeder Schritt könnte dein letzter sein" erzählt die Geschichte zweier Freundinnen, deren Wanderung in der schwedischen Wildnis zum Albtraum wird. Rebecca Russ wurde 1991 in Salzburg geboren, ...

"Der Weg – Jeder Schritt könnte dein letzter sein" erzählt die Geschichte zweier Freundinnen, deren Wanderung in der schwedischen Wildnis zum Albtraum wird. Rebecca Russ wurde 1991 in Salzburg geboren, wo sie noch heute lebt. Neben dem Schreiben von Geschichten ist auch die Gestaltung ihrer Bücher ihre Leidenschaft – als selbstständige Cover-Designerin verbindet sie Kreativität mit Handwerk. Ihre Liebe zur Natur spürt man besonders in den eindrucksvollen Landschaftsbeschreibungen ihrer Bücher.

Worum geht’s?

Julia und Nicki, beste Freundinnen seit Jahren, haben sich für Julias Junggesellinnenabschied etwas ganz Besonderes ausgedacht: eine mehrtägige Wanderung auf dem abgelegenen Kungsleden in Schweden. Nur sie beide, kein Empfang, keine Ablenkung – nur Natur und ihre Freundschaft. Doch eines Morgens ist Nicki plötzlich verschwunden. Julia bleibt allein zurück – ohne Karte, ohne Orientierung und mit dem Gefühl, beobachtet zu werden. Während sie verzweifelt versucht, den Rückweg zu finden, verschwimmen Realität und Angst, Vertrauen und Wahrheit. Was ist mit Nicki passiert? Und was verbirgt sich hinter der scheinbaren Einsamkeit der Berge?

Meine Meinung

Das war mein erstes Buch von Rebecca Russ, und ich habe es als Hörbuch gehört – danke an NetGalley.de und Aufbau Audio für das Rezensionsexemplar. Besonders positiv hervorheben möchte ich die Sprecherin Ann-Kathrin Hinz. Ihre Stimme hat mich sofort mitgenommen und trug viel zur Atmosphäre des Buches bei.

Der Einstieg fiel mir leicht. Die Geschichte kommt ohne langes Vorgeplänkel aus, das Tempo passt, und ich war schnell emotional involviert. Die Kulisse des schwedischen Wanderwegs wird stimmungsvoll und intensiv geschildert – ich hatte oft das Gefühl, mit Julia und Nikki durch Wälder und über Felsen zu stapfen.

Etwa ab der Hälfte aber geriet mein Lesefluss ins Stocken. Vor allem die weiblichen Figuren wirkten auf mich stellenweise sehr naiv – teils auf eine Art, die mich aus der Handlung riss, weil es schlicht nicht glaubwürdig war. Das erschwerte es mir, mitzufühlen oder mich in sie hineinzuversetzen. Außerdem hatte ich zunehmend Mühe, den Entwicklungen inhaltlich zu folgen – die Geschichte wurde verworren, ohne wirklich Tiefe zu gewinnen. Gegen Ende lösten sich einige Stränge zwar auf, aber das Ende selbst wirkte auf mich zu glatt, zu einfach und fast überhastet. Ich war regelrecht überrascht, dass es plötzlich vorbei war .

Positiv hervorheben möchte ich das zentrale Thema, das sich nach und nach vor den Leser:innen/Hörer:innen ausbreitet – ohne zu spoilern: Es ist hochaktuell und aus feministischer Perspektive definitiv relevant. Es wurde klug eingeflochten und regt zum Nachdenken an, auch wenn die Umsetzung nicht ganz überzeugte.

Was mich persönlich jedoch am meisten enttäuschte: Es gab für mich keine Überraschungen. Keine Wendung, kein Twist, kein Schockmoment. Vielleicht bin ich als Thriller-Fan schon zu abgebrüht, aber ich habe praktisch alles vorhergesehen. Zudem gab es einige Logikschwächen, die eher neue Fragen aufwarfen, statt Spannung aufzubauen. Die Idee war wirklich vielversprechend – nur leider wurde ihr Potenzial meiner Meinung nach nicht vollständig ausgeschöpft.

Fazit

Ein atmosphärischer Thriller mit starkem Setting und aktueller Thematik, der mich am Anfang gepackt, aber zum Schluss enttäuscht hat. Gute Ansätze, solide Hörzeit – aber leider ohne echten Nervenkitzel. Für mich 3 von 5 Sternen

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Veröffentlicht am 28.06.2025

Großartige Idee, mäßige Umsetzung

Locked in
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In "Locked In" wird ein spannendes Gedankenspiel Realität: Der Täter liegt im Koma, aber die Opfer könnten noch leben – und nur seine Gedanken führen zum Versteck. Henri Faber, Jahrgang 1986, ist in Niederösterreich ...

In "Locked In" wird ein spannendes Gedankenspiel Realität: Der Täter liegt im Koma, aber die Opfer könnten noch leben – und nur seine Gedanken führen zum Versteck. Henri Faber, Jahrgang 1986, ist in Niederösterreich aufgewachsen und lebt heute als Autor und Texter in Hamburg. Nach seinen Bestsellern Ausweglos und Kaltherz veröffentlicht er mit "Locked In" seinen dritten Thriller.

Worum geht’s?

Heidelberg wird von einer mysteriösen Entführungsserie erschüttert. Als Kommissar Paul Maertens dem mutmaßlichen Täter endlich auf die Spur kommt, verläuft die Festnahme dramatisch: Der Verdächtige fällt ins Koma – und mit ihm scheinen auch die letzten Hinweise auf das Versteck seiner Opfer verloren. In letzter Hoffnung wendet sich Maertens an den renommierten Neurologen Dr. Theo Linde, der eine revolutionäre Technik entwickelt hat, um in das Bewusstsein von Komapatient:innen einzudringen. Gemeinsam betreten sie das Labyrinth des Tätergehirns – doch je tiefer sie eindringen, desto gefährlicher wird es. Denn nicht nur Erinnerungen lauern dort, sondern auch die Schatten eines zutiefst gestörten Geistes.

Meine Meinung

"Locked In" war mein erster Thriller von Henri Faber, den ich als Hörbuch hören durfte – an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an NetGalley.de und SAGA Egmont für das kostenlose Rezensionsexemplar. Die Sprecher Wolfgang Berger, Felix Holm und Sebastian Seidel leisten gute Arbeit, allerdings hatte ich Schwierigkeiten, sie stimmlich auseinanderzuhalten. Ohne klare Zuordnung der Stimmen zu den Figuren hätte ich schnell den Überblick verloren.

Die Handlung startet direkt und macht neugierig. Die Idee, einen Thriller nicht mit der Tätersuche, sondern mit der Festnahme zu beginnen, hat mich sofort gepackt. Diese untypische Herangehensweise war für mich definitiv ein Pluspunkt, da sie Erwartungen durchbricht und einen frischen Einstieg bietet.

Doch leider konnte die Geschichte dieses hohe Anfangsniveau nicht halten. Die Spannung flachte bald ab – und das bei über 11 Stunden Hörzeit. Für einen Thriller ist das einfach zu langatmig. Besonders das bekannte Motiv des „tragischen Ermittlers“ wirkt für mich inzwischen überstrapaziert. Hier fehlte es an Tiefe und Entwicklung, die Figur von Maertens blieb für mich zu klischeehaft.

Auch stilistisch hat mich das Buch nicht ganz abgeholt. Ich schätze wechselnde Perspektiven sehr, da sie normalerweise für Dynamik sorgen – aber hier wurden sie so abrupt eingesetzt, dass es mir schwerfiel, emotional in die Figuren einzutauchen. Ich war oft eher verwirrt als mitgerissen.

Die Handlung forderte hohe Aufmerksamkeit – an sich nicht schlecht, aber das Hörerlebnis wurde dadurch eher anstrengend. Zwar gab es immer wieder überraschende Wendungen, aber viele davon wirkten zu konstruiert. Gegen Ende hatte ich das Gefühl, dass die Story völlig aus dem Ruder lief: Zu viele neue Stränge, plötzliche Wendungen und ein Finale, das zwar Raum für eine Fortsetzung lässt, aber in sich nicht stimmig war. Neue Figuren traten auf, ohne dass sie zuvor eine Rolle spielten – das hat mich aus der Geschichte gerissen.

Unterm Strich: Viele Ideen, viel Tempo – aber mir war es einfach zu viel. Zu viele Zufälle, zu viele Lücken, zu wenig emotionale Bindung. Weniger wäre hier mehr gewesen.

Fazit

"Locked In" startet stark mit einer frischen Thriller-Idee, verliert sich aber in zu vielen Wendungen und einer überladenen Handlung. Für mich war es solide, aber nicht packend genug – daher 3 von 5 Sternen. Hörbar, aber kein Muss.

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Veröffentlicht am 16.06.2025

Umdrehen, um zu verstehen – ein literarisches Gedankenexperiment

Blondes Herz
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Was wäre, wenn die Geschichte des transatlantischen Sklavenhandels umgekehrt geschrieben wäre? In ihrem Roman "Blondes Herz" entwirft Bernardine Evaristo ein provokantes Gedankenexperiment, das die bekannten ...

Was wäre, wenn die Geschichte des transatlantischen Sklavenhandels umgekehrt geschrieben wäre? In ihrem Roman "Blondes Herz" entwirft Bernardine Evaristo ein provokantes Gedankenexperiment, das die bekannten kolonialen Machtverhältnisse auf den Kopf stellt. Evaristo, geboren in London als Tochter eines Nigerianers und einer Engländerin, ist eine bedeutende Stimme der britischen Gegenwartsliteratur. Ihre Bücher thematisieren oft Identität, Rassismus und Geschlechterrollen. Mit „Mädchen, Frau etc.“ gewann sie als erste Schwarze Frau den Booker Prize – ein Meilenstein für die Literaturwelt. "Blondes Herz", bereits 2008 erschienen und 2025 erstmals auf Deutsch veröffentlicht, ist ihr drittes Werk, das ich gelesen habe.

Worum geht’s genau?

"Blondes Herz" erzählt die Geschichte von Doris, einem weißen Mädchen aus England, das von ambossanischen Sklavenjägern verschleppt und auf dem afrikanischen Kontinent als Sklavin verkauft wird. In dieser alternativen Weltordnung ist Europa kolonialisiert und Aphrika die Weltmacht. Doris muss auf einem Sklavenschiff in die sogenannte „Neue Welt“ reisen, überlebt die grausame Überfahrt knapp und wird zur Zwangsarbeiterin eines ambossanischen Herrschers. Auf den Zuckerrohrplantagen lernt sie die unerschrockene Ye Mémé kennen und findet allmählich zu innerer Stärke. Trotz Brutalität, Entmenschlichung und sexualisierter Gewalt behält sie einen ungebrochenen Freiheitswillen. Die Flucht scheint ihre einzige Hoffnung – doch der Weg dorthin ist steinig und gefährlich.

Meine Meinung

"Blondes Herz" war mein drittes Buch von Bernardine Evaristo – nach den großartigen Erfahrungen mit „Mädchen, Frau etc.“ und „Zuleika“ war meine Erwartung entsprechend hoch. Das Konzept des Romans hat mich zunächst sehr begeistert: eine Umkehr der kolonialen Geschichte, in der Afrikaner:innen Europa kolonisieren und Weiße versklaven. Der Perspektivwechsel ist kraftvoll und legt die Doppelmoral historischer Narrative offen – ohne zu beschönigen. Evaristo zeigt klar die Grausamkeit eines Systems, das Menschen zu Eigentum degradiert – ganz gleich, welche Hautfarbe sie haben. Besonders eindrücklich war die Schilderung der Überfahrt auf dem Sklavenschiff, die an reale historische Berichte erinnert. So heißt es an einer Stelle im Buch:

„Vierhundert Versklavte waren verladen worden. Zweihundertsiebenundzwanzig kamen lebend an.“ (S. 110).
Solche Zahlen lassen erschaudern.

Auch die Welt, die sie entwirft – mit Namen wie „Londolo“ oder „Großambossanien“ – ist durchdacht und detailreich. Der fiktive Kolonialismus basiert auf einer Pseudo-Wissenschaft, die mit „systematischen Vermessungen menschlicher Schädel“ rassistische Theorien rechtfertigt – eine kluge, kritische Anspielung auf realhistorische Argumentationen der europäischen Aufklärung.

Und doch – so beeindruckend das Setting und die Idee sind – hat mich "Blondes Herz" emotional nicht erreicht. Ich konnte Doris’ Schicksal nachvollziehen, aber nicht mitfühlen. Sie blieb mir fremd, zu distanziert. Der Stil, nüchtern und sachlich, ließ für mich kaum Raum für emotionale Tiefe. Die poetische Sprache, die ich bei „Zuleika“ so geliebt habe, blitzte hier nur vereinzelt auf. Besonders im letzten Drittel wurde das vermehrt vorkommende „Denglish“ störend. Der Code-Switch zwischen Deutsch und englischen Ausdrücken wirkte bemüht und anstrengend zu lesen. Diese sprachliche Mixtur, obwohl sie vielleicht Authentizität vermitteln soll, hat mich in meinem Lesefluss ganz schön gestört. Ein Beispiel dazu gleich...

Thematisch gibt es starke Szenen – etwa wenn Ye Mémé über sexualisierte Gewalt spricht:

„Aber Truth is, wir können's nicht [unsere little Girls beschützen] … Alle Hearts auf diesen Islands hier sind broken, Miss Omo. Komplett broken.“ (S. 212).
Solche Stellen gehen unter die Haut. Trotzdem fehlte mir über das ganze Buch hinweg ein emotionaler Sog. Ich wurde nie ganz in die Geschichte hineingezogen. Vielleicht liegt es auch an der episodischen Struktur oder daran, dass Evaristo hier noch nicht ganz die erzählerische Souveränität erreicht hatte, die sie für mich in ihren späteren Romanen zeigt.

Fazit

Ein wichtiges, mutiges Buch mit einer beeindruckenden Idee – aber für mich blieb es auf Distanz. Trotz starker Themen und kritischer Tiefe fehlt es mir persönlich bei "Blondes Herz" an emotionaler Verbindung und stilistischer Stringenz. Es regt zum Nachdenken an, aber es berührt nicht. Deshalb vergebe ich 3 von 5 Sternen.

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Veröffentlicht am 09.06.2025

Literarische Schwerelosigkeit in 16 Sonnenaufgängen

Umlaufbahnen
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Samantha Harvey ist bekannt für ihre feinfühligen, sprachlich dichten Romane, die existenzielle Fragen aufgreifen. Sie war unter anderem für den Man Booker Prize, den Guardian First Book Award und den ...

Samantha Harvey ist bekannt für ihre feinfühligen, sprachlich dichten Romane, die existenzielle Fragen aufgreifen. Sie war unter anderem für den Man Booker Prize, den Guardian First Book Award und den Orange Prize nominiert. Umlaufbahnen, ihr vierter Roman, wurde 2024 mit dem Booker Prize sowie dem Hawthornden Prize ausgezeichnet und für den Preis der Leipziger Buchmesse 2025 (Übersetzung) nominiert.

Worum geht’s genau?
Sechs Astronaut-/Kosmonaut:innen aus verschiedenen Nationen kreisen in einer Raumstation um die Erde – sechzehnmal in 24 Stunden. Doch dieser Roman erzählt nicht etwa von einer dramatischen Mission, technischer Brillanz oder kosmischem Abenteuer. Er begleitet diese Menschen für einen einzigen Tag und schaut dabei ganz genau hin: auf Routinen im All, auf Erinnerungen an das Leben auf der Erde, auf familiäre Sorgen, Zweifel, Verluste und das fragile Gleichgewicht zwischen Nähe und Einsamkeit.

Es ist ein stilles Buch, das sich viel Zeit nimmt. Statt großer Handlung erleben wir Gedankenströme, Alltagsfragmente, politische Spannungen (die sogar bis in die Toilettenregelung reichen), Reflexionen über Tod, Liebe, Identität – und über das Menschsein selbst.

Meine Meinung
Ich gebe zu: Der Einstieg war für mich nicht einfach. Es passiert – vordergründig – wenig. Wer eine klassische Handlung oder einen Spannungsbogen erwartet, wird hier nicht fündig. Aber wer sich auf Harveys Sprache und Atmosphäre einlässt, wird mit einem fast schwerelosen Lesegefühl belohnt.

Ein kontemplatives Buch, poetisch, manchmal fast hypnotisch. Besonders eindrucksvoll fand ich die Passagen, in denen die Figuren in Erinnerungen versinken – etwa Chies Gedanken an ihre Mutter und das japanische Ritual des Knochensuchens nach der Einäscherung. Oder die Szenen, in denen Fotos von Familien betrachtet werden und plötzlich etwas sichtbar wird, das zuvor übersehen wurde – die Schönheit des Alltäglichen, das uns oft erst in der Ferne auffällt. Sehr spannend war für mich auch das Thema Raumfahrt und Gesundheit, über das ich mir noch nie Gedanken gemacht habe.

Die Atmosphäre in der Raumstation ist kühl, zweckmäßig, fast abweisend – ein Ort zwischen den Welten, der weder ganz fremd noch ganz vertraut wirkt. Es gibt humorvolle, fast absurde Details (wie den „nationalen Toilettenstreit“) und gleichzeitig existenzielle Nachdenklichkeit über das Menschsein im Angesicht der Leere.

Was mir gefallen hat ist die sprachliche Präzision, die ruhige, fast schwebende Atmosphäre – das Buch fühlt sich an, als wäre man selbst im Orbit, die Themenvielfalt (wenngleich kein Thema in der Tiefe behandelt wird): Feminismus, Kapitalismuskritik, Trauerarbeit, Mutterschaft, Zugehörigkeit.

Was mir weniger gefallen hat war, dass die Figuren für meinen Geschmack zu schemenhaft, fast zu distanziert blieben. Ich habe sie beobachtet, aber selten mit ihnen gefühlt. Vielleicht ist das aber auch so gewollt. Zudem fehlte es mir manchmal an emotionaler Erdung – gerade durch die episodische Struktur.

Fazit
"Umlaufbahnen" ist wahrscheinlich kein Roman, den man einfach „verschlingt“. Es ist ein Buch, das man langsam lesen muss, vielleicht sogar mehrfach – ein literarischer Orbit, der seine Bahnen zieht, ohne dass sich vordergründig viel bewegt. Und gerade darin liegt seine Kraft: in der Stille, im Schwebezustand, im konzentrierten Blick auf das scheinbar Nebensächliche. Für Leser:innen, die sich gerne auf sprachlich anspruchsvolle, kontemplative Romane einlassen – ohne Plotdruck, aber mit viel Stoff zum Nachdenken – ist dies eine klare Empfehlung. Für alle anderen könnte es zu abstrakt, zu langsam oder zu distanziert wirken. Ich bin froh, es gelesen zu haben – auch wenn ich das Buch mehr bewundert als wirklich als Highlight empfunden habe, das mich emotional gepackt hat. Deshalb 3 von 5 Sternen.