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Veröffentlicht am 17.06.2025

Privatermittlung

Ihr werdet sie nicht finden
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Privatdetektivin Franka wird von einer älteren Frau engagiert, um deren 22jährige verschwundene Enkelin Silvia wiederzufinden. Bei den Recherchen stößt Franka auf einen weiteren Vermisstenfall vor sieben ...

Privatdetektivin Franka wird von einer älteren Frau engagiert, um deren 22jährige verschwundene Enkelin Silvia wiederzufinden. Bei den Recherchen stößt Franka auf einen weiteren Vermisstenfall vor sieben Jahren, zu dem es eventuell einen Zusammenhang gibt. Damals ist Isabell nie von einer Jugendparty heimgekommen, der Vater, ein Polizist, hat den mutmaßlichen Entführer kurzerhand selbst überwältigt. Nun ermitteln Franka und Jonas gemeinsam auf eigene Faust, denn die Polizei sieht sich nicht zuständig.

In abwechslungsreichen Kapiteln lernen wir Franka und Jonas bei ihren privaten Nachforschungen kennen, der zurückliegende Fall von Isabell wird immer wieder dazwischengeschoben, sodass sich das gesamte Puzzle nach und nach zusammensetzt. Und wer spricht zum Leser in kursiver Schrift? Geschickt baut Winkelmann Spannung auf und überzeugt mit zwei sehr speziellen Charakteren in der Ermittlerrolle. Die Fälle scheinen gänzlich verschieden, aber da gibt es noch die Tatsache, dass Isabell und Silvia sich gekannt haben. Nochmals werden die Zeugen zu Isabells Verschwinden befragt, nicht alle sind kooperativ, aber sind sie deshalb gleich verdächtig? Und ist der Täter nicht ohnehin zur Rechenschaft gezogen worden? Gibt es einen Komplizen? Frage über Fragen werden gestellt, komplizierte Verstrickungen aufgedeckt, nicht immer ganz realitätsnah, aber am Ende herrscht Klarheit in beiden Fällen.

Ein flotter Thriller, der sich gut lesen lässt und unterhaltsame Stunden garantiert.

Veröffentlicht am 17.06.2025

Capris Ruine

Sommersehnsucht und Meeresglitzern
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Lina ist erst kürzlich von Capri zurückgekommen, da sitzt sie schon wieder im Flieger gen Süden. Hat sie zuletzt ihre italienische Großmutter nach vielen Jahren wiedergesehen, so zieht es sie nun aufgrund ...

Lina ist erst kürzlich von Capri zurückgekommen, da sitzt sie schon wieder im Flieger gen Süden. Hat sie zuletzt ihre italienische Großmutter nach vielen Jahren wiedergesehen, so zieht es sie nun aufgrund einer Ehekrise auf die wunderbare Insel vor Neapel. Ob sie hier eine Entscheidung treffen kann, wie es weitergehen soll?

Ein schönes Wiedersehen mit Lina, Tilda, Ann und Mutter Ulla steht uns hier bevor. Auch wenn die Bände einzeln lesbar sind, so ist es doch sinnvoll, wenn man die Reihenfolge beim Lesen einhält und die Entwicklung der einzelnen Charaktere mitverfolgt. Wie auch schon zuvor, schildert Anja Saskia Beyer das italienische Eiland in bunten Farben, lässt uns bereits bei der Überfahrt mit der Fähre den Sonnenuntergang genießen und kurz darauf den schokoladigen Duft der Torta Caprese einatmen. Wunderbar, dass auch hier einige mediterrane Rezepte das Buch am Ende abrunden. Während also diesmal Lina im Mittelpunkt steht und darüber nachsinnt, warum sie in Deutschland immer unglücklicher geworden ist, stößt die Mutter zweier fast erwachsener Kinder auf eine Ruine, ein heruntergekommenes Häuschen, in dem ein attraktiver Mann herumwerkt. Bei der ausgebildeten Architektin ist die Neugierde geweckt, sie spaziert schnurstracks in den wilden Garten und findet alsbald einige Gemeinsamkeiten mit dem Hausbesitzer namens Luca. Die Liebe zur Natur, Nachhaltigkeit, gesundes Essen, Rückbesinnung auf die eigenen Bedürfnisse werden thematisiert und zuweilen, Kalendersprüchen gleich, ins Geschehen geworfen, an anderer Stelle subtiler in die Handlung eingeflochten.

Locker-leicht geht es durch Hoch und Tief, über einige Missverständnisse zu Entscheidungen, die von Herzen kommen. Capri, die Insel mit ihren magischen Momenten, lädt ein zum Träumen und Verweilen, zum Nachdenken und zu-sich-Finden. Mit den vorgestellten Figuren fällt das leicht, ich bin bestimmt wieder dabei, wenn Ann die Hauptrolle spielt.

Veröffentlicht am 12.06.2025

Warum?

Heute kein Abschied
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Oskar J. R. van Bohemen ereilt am Flughafen Schiphol ein Herzinfarkt, der Weg in den Urlaub führt in den Tod. Nun sollen seine drei erwachsenen Kinder und seine Ex-Frau Abschied nehmen, aber irgendwie ...

Oskar J. R. van Bohemen ereilt am Flughafen Schiphol ein Herzinfarkt, der Weg in den Urlaub führt in den Tod. Nun sollen seine drei erwachsenen Kinder und seine Ex-Frau Abschied nehmen, aber irgendwie fehlen ihnen die Worte.

Tessel, Moor und Cat planen gemeinsam mit ihrer Mutter Elise die Beerdigung und merken schnell, wie fremd ihnen Oskar auch nach seinem Tod noch ist. Was soll man in die Traueranzeige schreiben, in wessen Wohnung den Verstorbenen aufbahren, warum ist er zu dem geworden, der er war, was ist in seinem Leben wirklich passiert? Erst nach und nach begreifen die Töchter, der Sohn, dass die Rollen im Leben weitergegeben werden, man nachrückt an des Älteren Stelle und dessen Sein einen größeren Einfluss auf einen selbst hat als bislang gedacht. Oskar hat fotografiert und Kisten an Bildern gesammelt. Und diese Bilder sind es nun, die Stück für Stück sein Leben zusammensetzen und auf eine neue Art und Weise wiedergeben. Gemeinsam mit anderen Erbstücken kann jetzt endlich begriffen werden, was zuvor wie Qual und Leid gewirkt hat.

In einem kunterbunten Querschnitt aus Oskars Leben, verbunden durch das aktuelle Geschehen nach seinem plötzlichen Ableben, erfahren die einzelnen Familienmitglieder endlich, was sich von Generation zu Generation fortpflanzt, was Oskars Charakter geprägt, wer ihn schließlich zu „Oskar“ werden hat lassen. Mit seiner ganz eigenen Art zu erzählen, mit überaus authentischen Figuren, die mitunter fremdartige Ausdrücke aus dem Englischen verwenden (vor allem Moor) und dem kurzweiligen Hin und Her zwischen Jetzt und längst vergangenen Zeiten bringt Autor Daan Heerma van Voss Licht ins Dunkel. „Alles Gute, fremder, fremder Mann, den ich Papa nenne.“ [kindle, Pos. 4937] spricht Moor und kann hoffentlich irgendwann verstehen, wer dieser Fremde denn wirklich war. Begleitet wird der Abschied immer wieder von Leonard Cohens Liedern, die wunderbaren Melodien zu „Hallelujah“ und „There ain’t no cure for love“ werden noch länger in mir nachklingen.

Ein berührender Roman, obwohl die einzelnen Personen eher hinter einem Schleier von Fremdheit und Distanz verborgen bleiben.

Veröffentlicht am 10.06.2025

Der Hüne

Die Wölfe unter uns
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Richtung Klöpper Mühl im Fichtelgebirge ist Johann mit seinen Eltern und seiner älteren Schwester Anna unterwegs. Dort will die vertriebene Müllerfamilie im Jahre 1630 neu beginnen. Aber der Ort ist sonderbar, ...

Richtung Klöpper Mühl im Fichtelgebirge ist Johann mit seinen Eltern und seiner älteren Schwester Anna unterwegs. Dort will die vertriebene Müllerfamilie im Jahre 1630 neu beginnen. Aber der Ort ist sonderbar, es gibt hier – außer einem Säugling – keine Kinder.

Mystisch und voll düsterer Atmosphäre beschreibt Tim Sonderhauf in seinem Roman die Stimmung, die dichten Wälder, das unwegsame Gebirge. Auch Johann und seine Familie bekommen rasch ein Gesicht. Kurz nach seiner Ankunft begegnet der Bub im Dorf einem wahrhaften Hünen, dessen Aufgabe als Wildhüter es ist, die Ursache für das Verschwinden der Kinder zu ergründen und die immer näher kommenden Wölfe fernzuhalten. Mit einem scharfen Blick fürs Detail wird die Zeit um 1630 zum Leben erweckt, werden die sonderbaren Vorgänge im Ort ergründet. Ist es ein Wolfsrudel, sind es die Zigeuner, oder gar Wiedergänger, die hier ihr Unwesen treiben? Bald verbindet Johann und den Wildhüter Hildner ein unsichtbares Band von Vertrauen, von Gemeinsamkeit, das sie zusammen durch die Gegend streifen lässt. Was werden sie herausfinden? Gibt es überhaupt eine logische Erklärung?

Eher ruhig vom Schreibstil her, aber deshalb nicht minder spannend, begeben wir uns auf eine Zeitreise in ein Land von Söldnern im Krieg, von Gegnern im Namen der Religion. Wer sich nicht darauf versteht, die Zeichen der Natur zu deuten und im Wald zurecht zu kommen, hat es schwer. Und schließlich hält der Autor noch eine verblüffende Wende bereit, die dem Ganzen einen stimmigen Abschluss verleiht. Ungewöhnliche Lesestunden gehen mit dieser Historie jedenfalls einher.


Veröffentlicht am 26.05.2025

Edler

Winterling
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Zwanzig Jahre nach dem Dreißigjährigen Krieg herrschen im oberhessischen Dauernheim immer noch Not und Elend. Nach Brandschatzungen, Pest und Typhus gelingt es den Leibeigenen kaum, über den nächsten Winter ...

Zwanzig Jahre nach dem Dreißigjährigen Krieg herrschen im oberhessischen Dauernheim immer noch Not und Elend. Nach Brandschatzungen, Pest und Typhus gelingt es den Leibeigenen kaum, über den nächsten Winter zu kommen, wer alt und schwach ist oder noch ein kleines Kind, wird zuerst vom Tod geholt. Als der Landgraf die Steuern abermals erhöht, zürnt Bauer Edler dem Ortsvorsteher Dieffenbach und will sich endlich zur Wehr setzen.

In wunderbarer Weise, versehen mit längst vergessenen Wörtern, wie sie um 1670 jedoch üblich waren, erzählt André Hülsbömer die Geschichte des Johann Henrich Edler. Ruhig und besonnen, wie es auch zur Hauptfigur passt, schreitet das Geschehen gemächlich voran. Mit bildhaften Beschreibungen und lebensechten Szenen versetzt der Autor seine Leser in eine völlig andere Zeit, lässt den beschwerlichen Alltag von damals spürbar werden. Mit sorgfältig recherchierten Details und wahren Begebenheiten wird dieser fiktive Roman bestens verquickt, sodass ein authentisches Ganzes entstehen kann. Inhaltlich geht es um einen umsichtigen und vorausschauend agierenden Bauern, Jannis Edler, und den Ortsvorsteher Dieffenbach, der sich gerne einmal einen Vorteil verschafft. Wie lange soll man sich vom Schultheiß und vom Landgrafen knechten lassen? Während der Schwiegervater zur Ruhe gemahnt, ersinnt Jannis einen Plan, dem aber noch sein ältester Sohn zuvorkommt. Mit durchaus anschaulichen Einzelheiten, aber keineswegs langweilig, begleiten wir das Leben im Dorf, die Landwirtschaft, das Handwerk, die Hausarbeit, erleben hartes Tun und karge Mahlzeiten, junge Mädchen, die mit fünfzehn schon verheiratet werden und Burschen, die auf Wanderschaft geschickt werden, weil am elterlichen Hof kein weiteres Maul gestopft werden kann. Düster, wie der Tag, an dem diese Geschichte beginnt, aber auch hoffnungsvoll, wie sie endet, erstreckt sich so ein Lebensweg im 17. Jahrhundert über die Jahre.

Ein überaus interessanter Roman, welcher durch seine eindringliche Erzählweise und die vielen Informationen vorab und hinterher punktet. Leseempfehlung für all jene, die auf historische Genauigkeit Wert legen.