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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 18.06.2025

Nachdenklich machende moralische Fragestellungen

Ungebetene Gäste
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Als ich diesen Roman im Frühjahrsprogramm von entdeckte, habe ich mich sehr gefreut. Ich habe den letzten Roman der renommierten israelischen Autorin „Wo der Wolf lauert“ sehr gerne gelesen.

Auch diesmal ...

Als ich diesen Roman im Frühjahrsprogramm von entdeckte, habe ich mich sehr gefreut. Ich habe den letzten Roman der renommierten israelischen Autorin „Wo der Wolf lauert“ sehr gerne gelesen.

Auch diesmal spielt wieder eine Mutter eine zentrale Rolle in Gundar-Goshens Geschichte.
Seit Naomi vor über einem Jahr ihren Sohn Uri auf die Welt gebracht hat, ist sie kaum aus ihrer Wohnung gekommen. Das Stillen und die Angst um ihr wunderbares Wunschkind hält sie in der kleinen Wohnung gefangen. Mit der Mutterschaft geht für sie auch ein neues Selbstverständnis einher.

„Schließlich ist sie jetzt Mutter, nicht einfach bloß eine Frau, und eine Mutter trägt Verantwortung für ihr Kind.“

Und ausgerechnet in dieser sensiblen Zeit hat jetzt ihr Mann Juval in seiner Abwesenheit ausgerechnet einen arabischen Handwerker ins Haus bestellt.
Im Laufe des Tages kommt es zu einem schrecklichen Unfall, der für einen unbeteiligten Jugendlichen tödlich endet.

Es entsteht ein Missverständnis, wer für diesen Tod verantwortlich ist und der arabische Handwerker wird festgenommen.
Naomi könnte dieses Missverständnis schnell aufklären, aber um welchen Preis? Überfordert entscheidet sie sich zu schweigen und belügt außerdem ihren Mann über den Hergang der Ereignisse. Überraschenderweise löst sich diese erste Lüge recht schnell im Verlauf des Romans auf. Die Konsequenzen verfolgen die junge Familie allerdings sogar noch, als sie von Israel nach Lagos in Nigeria umzieht.

Es sind die Lügen und die Schwierigkeiten, das Richtige zu tun, die in diesem Roman von Ayelet Gundar-Goshen in verschiedenen Variationen im Mittelpunkt stehen.

So hieß der Roman in der Vorschau noch „Weiße Lügen“, während der finale Titel jetzt zu „Ungebetene Gäste“ wurde. Mich regen beide Titel zum Nachdenken an, vor allem, jetzt nachdem ich den Roman fertig gelesen habe.
Überhaupt lässt Gundar-Goshen durch das Verhalten ihrer Figuren viele Fragen nach dem richtigen und dem falschen Handeln aufkommen, die manchmal eindeutig, aber manchmal eben vielleicht nicht so eindeutig für mich zu beantworten sind.
Ebenfalls thematisiert Gundar-Goshen Rassismus und interkulturelle Konflikte, die sowohl in Israel als auch in Nigeria für gesellschaftliche Spannungen sorgen. Und wie auch in „Wo der Wolf lauert“, gibt es wieder einige innerfamiliäre Reibungen sowie versteckte und unausgesprochene Sehnsüchte.

Auf den ersten Blick scheinen Gundar-Goshens Geschichten und Figuren für mich immer ein wenig plakativ und fast flach. Allerdings zeigt sich schon beim zweiten näheren Blick die charakterliche Ambivalenz ihrer Figuren und die Relevanz ihrer moralischen Probleme.
Das hat mir in „Wo der Wolf lauert“ fast noch besser gefallen, da sich Gundar-Goshen hier, wenn ich das richtig erinnere, stärker in der Anzahl der moralischen Dilemmata begrenzt. In „Ungebetene Gäste“ sind mir die Themen fast zu variationsreich und es sind für mich zu viele Figuren und moralische Fragestellungen. Quasi verdoppeln (oder spiegeln?) sich die Handlungsstränge auch noch durch die Verlagerung des Settings von Israel nach Nigeria.

“Ungebetene Gäste” gibt mir einiges zum Nachdenken mit und solche Romane bleiben mir normalerweise auch ein länger im Gedächtnis.

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Veröffentlicht am 18.06.2025

Eine folgenreiche schlaflose Nacht

Der Schlaf der Anderen
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Den Debütroman von Tamar Noort „Die Ewigkeit ist ein guter Ort“ habe ich nicht gelesen. Sowohl das Cover als auch die Kurzbeschreibung, in der es um eine Pastorin und um Glaube geht, hatten mich absolut ...

Den Debütroman von Tamar Noort „Die Ewigkeit ist ein guter Ort“ habe ich nicht gelesen. Sowohl das Cover als auch die Kurzbeschreibung, in der es um eine Pastorin und um Glaube geht, hatten mich absolut nicht angesprochen.
Ganz anders ging es mir jetzt mit Cover und Kurzbeschreibung von „Der Schlaf der Anderen“. Die Leseprobe hat mich dann letztendlich überzeugt, es mit dem zweiten Roman der Autorin und Filmemacherin zu versuchen.

In „Der Schlaf der Anderen“ erzählt Noort von zwei Frauen, deren Begegnung eine ganze Kaskade von Veränderungen auslöst, äußerliche wie innerliche.
Sina und Janis lernen sich in einem Schlaflabor kennen. Sina, die Kunstlehrerin Mitte 40, leidet seit längerer Zeit an massiven Schlafstörungen. In dem Schlaflabor, in dem Janis für die Nachtwache zuständig ist, sollen die Ursachen untersucht werden.
Beide Frauen spüren schnell eine Art Verbundenheit, denn auch bei Janis, ist der Wach-Schlaf-Rhythmus durch die ständige Nachtschichtarbeit aus dem Lot.
Ebenfalls stehen beide Frauen an einem Punkt in ihrem Leben, an dem sie sich schon viel zu lange mit einer ungenügenden Lebenssituation zufrieden gegeben haben.
Vor allem Sina, die eigentlich Künstlerin werden wollte, fühlt sich als Mutter und Ehefrau in ihrer eingeschlafenen Ehe zunehmend alleine und unsichtbar und weit von ihren eigentlichen Lebensträumen entfernt.

Als Sina auch in dieser Nacht keinen Schlaf findet, lassen sich beide Frauen durch die Nacht treiben und erkunden ihre neue, zarte Bekanntschaft.

„Ja, was wäre, wenn Sina und ich Freundinnen wären? Wenn ich Teil von ihrem Leben wäre und sie Teil von meinem? Der Gedanke breitet sich in mir aus, warm und wohlig.“

Ein Verrat beendet diese aufkeimende Freundschaft allerdings ziemlich abrupt, und jede kehrt in ihr Leben zurück.
Aber nichts ist so, wie es vorher war. Sowohl in Sina als auch in Janis hat die Begegnung und die gemeinsame Nacht Spuren hinterlassen und einen subtilen Entwicklungsprozess angestoßen…

„Sie war gleichzeitig die Sina von gestern und die Sina der Gegenwart, und das hatte zur Folge, dass eine Sina der Zukunft plötzlich vorstellbar war. Bis jetzt.“

Ich fand, dass der Roman sprachlich wunderschön geschrieben war und Noort mir die Innenwelt der beiden Frauen mit ihren inneren und äußeren Zwängen super nahe gebracht hat. Es ist eine tolle Geschichte über Freundschaft, Veränderungen, vergessene Träume und zarte Gefühle. Es ist aber nicht unbedingt ein scharfer gesellschaftskritischer Roman. Natürlich kann Sinas ausbleibender Schlaf als eine Form der Verweigerung gesehen werden, als eine Form des zwangsweisen Widerstandes gegen die vielen Rollen, die sie als Frau und Mutter in unsere Gesellschaft erfüllen muss.
Für mich persönlich nehmen diese Aspekte in dem Roman zu wenig Raum ein, denn Noorts Fokus liegt stärker auf den positiven, zwischenmenschlichen Interaktionen. Es gibt viele warmherzige und liebenswerte Nebenfiguren, wie die hilfsbereite, trostspendende ältere Nachbarin, oder den unkonventionellen, freundschaftlichen Lehrerkollegen. Ich fürchte allerdings, ich bin zu zynisch, um solche Figuren wertzuschätzen. Deswegen war der Roman mit seinen interessanten Themen für meinen Geschmack auch zu weichgespült, als dass er mich wirklich begeistern konnte.

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Veröffentlicht am 24.05.2025

Anspruchsvoll, variationsreich und feministisch

Frauen und Steine
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Gleich vorweg: Diese Erzählungen waren für mich als tendenziell hedonistische Leserin nicht wirklich das Richtige, auch wenn die Themen, die Dürig in ihnen bearbeitet, genau mein Interessensgebiet treffen.
„Die ...

Gleich vorweg: Diese Erzählungen waren für mich als tendenziell hedonistische Leserin nicht wirklich das Richtige, auch wenn die Themen, die Dürig in ihnen bearbeitet, genau mein Interessensgebiet treffen.
„Die Frauenfiguren in den Erzählungen stellen alle auf ihre Art die Frage, wie man ankommen kann gegen die patriarchale Versteinerung der Welt“ steht in der Kurzbeschreibung. Diese Frage stelle ich mir nämlich auch.


Dürigs Erzählungen waren für mich schlicht zu schwer zugänglich und zu anspruchsvoll. Und eigentlich ist „Erzählungen“ ein unzureichender Begriff für diese große Variationsbreite an Textformen, die Dürig in ihrem Band verwendet.

In „Frauen und Steine“ findest du natürlich hauptsächlich Prosa, aber auch fragmentarische, gedichtähnliche Texte bis hin zu „Instruction Pieces“, die mich an die Arbeiten Yoko Onos erinnern. Diese Vielfalt gefällt mir sehr gut, auch wenn ich nicht mit allen „Erzählungen“ gleich viel anfangen konnte.

Die in Dialogform geschriebene Geschichte „Um den heißen Brei - Der Dating-Podcast im Futur Zwei“ habe ich sogar abbrechen müssen, weil ich nicht so ganz folgen konnte oder wollte.


Einen besseren Zugang fand ich dann in „Die Verdichtung der Aufmerksamkeit in die Winkel hinein“ über die US-amerikanische Altertumsforscherin Alice Kober, die ihre Karriere der Entzifferung der Linearschrift B aus der Bronzezeit widmete. Dürig vermischt hier fiktive Prosa, die Szenen aus dem Leben Kobers beschreiben mit einer Art Essay auf hohem literarischen Niveau. Die komplett feministische Perspektive in der Geschichte erinnert mich ein bisschen an das Sachbuch „Witches, Bitches, It-Girls“ von Rebekka Endler, das ich gerade parallel dazu lese.

Ganz besonders gruselig auf sehr realistische und beängstigende Art ist der Text „Katalog der Frauen - Oder zum Beispiel: ein Lamento“.
Wahrscheinlich wäre der Text noch bedeutungsvoller, wenn ich gewusst hätte wer dieser Hesiod ist, aber auch so wirkt er auf mich.

Ganz grundsätzlich verwendet Dürig oft Bezüge zur Mythologie, die mir den Zugang in manchen Geschichten erschweren. Aber mir gefällt ihr starker Fokus auf die Selbstermächtigung ihrer Figuren super gut und er entgeht mir trotz meiner gelegentlichen Leseschwierigkeiten nicht.

Wenn du Freude an anspruchsvollen, variationsreichen und feministischen Texten hast, die definitiv nicht den Mainstream bedienen, ist „Frauen und Steine“ für dich sicherlich ein Tipp!

Mich hat Regina Dürig besonders mit ihrem feministischen Ansatz und ihrer Sprachkunst zumindest so neugierig gemacht, dass ihre preisgekrönte Novelle „Federn lassen“ auf meiner Wunschliste gelandet ist.

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Veröffentlicht am 16.05.2025

Detailliert recherchierter und literarischer Tatsachenroman

Die letzten Tage
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Im April 1945, kurz vor Kriegsende, errichtete der NS-Kreisleiter Johann Braun im niederösterreichischen Schwarzau ein illegales „Standgericht“. Unterstützt von sogenannten „Sonderkommandos“ (bestehend ...

Im April 1945, kurz vor Kriegsende, errichtete der NS-Kreisleiter Johann Braun im niederösterreichischen Schwarzau ein illegales „Standgericht“. Unterstützt von sogenannten „Sonderkommandos“ (bestehend u. a. aus Volkssturm und Hitlerjugend) und unter dem Vorwand, „politisch unzuverlässige“ Personen zu bestrafen, ließ er Männer und Frauen verhaften, verurteilen und hinrichten.

Ist das ein Stoff für einen einen unterhaltsamen, fiktionalisierten Roman? Der österreichische Schriftsteller Martin Prinz hat über diese Frage länger nachgedacht, wie er in den Nachbemerkungen erklärt.

“Keine Fiktion könnte dem je gerecht werden, was Kermer über die Schicksale der Opfer dokumentiert hatte.”

Und dennoch ist Schweigen keine Alternative. Und ein unterhaltsamer Roman ist „Die letzten Tage“ wahrlich nicht geworden, dafür aber vielleicht ein lesenswertes und wichtiges Mosaikstück für ein besseres Verstehen.

Prinz stützt sich für „Die letzten Tage“ auf umfangreiche Recherchen, insbesondere auf die Protokolle und Zeugenaussagen des Volksgerichtshofprozesses von 1947. Er vermischt historische Dokumente mit literarischer Gestaltung, um die Mechanismen von Machtmissbrauch und Gewalt in den letzten Kriegstagen aufzuzeigen .

Der Roman stellt die Sprache und Rechtfertigungen der Täter in den Mittelpunkt, wodurch die Leser die Abgründe menschlichen Handelns nachvollziehen können.

Immer wieder stoße ich auf die Formulierungen „wisse er nicht“, „hat den Auftrag gegeben“, „nicht sicher“ und „nicht gesehen“. Prinz arbeitet deutlich heraus, wie die Beteiligten die Verantwortung leugnen und/oder weiterschieben.

Und natürlich will im Nachhinein auch niemand ein Nazi gewesen sein!

“Dies allein beweise schon, dass er nur bei der SA gewesen sei, weil er immer schon großes Interesse für Sport gehabt habe und sich als Sportler und Soldat fühle, nicht jedoch als fanatischer Nationalsozialist.”

Besonders nachdenklich macht es mich, dass einige durchaus zugeben, ein Gefühl des Unrechts gespürt zu haben. Aber warum erhebt niemand Einwände gegen das Standgericht? Warum werden die Urteile dann auch noch vollstreckt? In der Zusammenstellung der Texte zeigt sich die verdrehte Gedankenwelt der Täter.

„Und nachdem Braun mit dem Befehl gekommen sei, ein solches Standgericht zu errichten, habe er ihm das glauben müssen.“

Die letzten Tage ist somit nicht nur ein historischer Roman, sondern auch ein Stück literarischer Aufklärungsarbeit, das die dunklen Kapitel der österreichischen Geschichte beleuchtet und zur Reflexion über Verantwortung und Erinnerungskultur anregt.

Nach dem Krieg wurden die Mitglieder des Standgerichts – Braun, Wallner und Weninger – vom Volksgericht als Kriegsverbrecher angeklagt. Braun und Wallner wurden 1948 hingerichtet, Weninger beging 1946 Suizid in der Haft.

Ich muss sagen, dass mir das Lesen des Romans teilweise schwerfiel. Das lag zum einen natürlich an der Schwere des Thema, zum anderen aber auch an der Authentizität der historischen Texte, die für mich rein stilistisch nicht so einfach erfassbar waren. Zusätzlich haben mich die vielen Namen einfach überfordert und es fiel mir schwer den Überblick über die vielen Zeugenaussagen und die Zusammenhänge zu behalten.

Mit diesem kleinen Disclaimer möchte ich dir den Roman aber trotzdem empfehlen, wenn du dich thematisch mit der Aufarbeitung des dritten Reiches beschäftigen möchtest!

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Veröffentlicht am 12.05.2025

Kritisches Gesellschafts- und Familienporträt aus Taiwan

Geisterdämmerung
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Kevin Shih-Hung Chen(陳思宏) ist ein in Taiwan geborener Schriftsteller und Journalist, dessen Karriere allerdings als Schauspieler begann. Er hat bereits sieben Bücher in China und Taiwan veröffentlicht, ...

Kevin Shih-Hung Chen(陳思宏) ist ein in Taiwan geborener Schriftsteller und Journalist, dessen Karriere allerdings als Schauspieler begann. Er hat bereits sieben Bücher in China und Taiwan veröffentlicht, die mehrfach ausgezeichnet wurden. Heute lebt und arbeitet der Autor in Berlin.

Auch sein Roman „Geisterdämmerung“ bewegt sich zwischen Taiwan und Deutschland und ist insgesamt das Porträt einer dysfunktionalen Familie.
Der jüngste Sohn Tianhong dieser Familie war nach Deutschland gezogen, hat sich dort verliebt und geheiratet.
Allerdings hat er seinen Mann ermordet und kam deswegen für einige Jahre ins Gefängnis.

Als Tianhong nach seiner Gefängnisstrafe in sein Heimatdorf Yongjing in Taiwan zurückkehrt, hat sich in der ländlichen Region viel verändert. Auf den Chrysanthemenfeldern seiner Erinnerung stehen nun verwahrloste Motels, Unkraut wuchert und der lokale Markt wurde durch einen Supermarkt ersetzt
Die Eltern sind tot und die Leben seiner Schwestern und seines Bruders sind weitergelaufen und haben sich in unterschiedliche Richtungen entwickelt.

Unglücklich und gescheitert sind sie alle.

Die dritte Tochter Shuqing wurde zwar als Kind bevorzugt behandelt, ist aber als Erwachsene von großem Selbsthass zerfressen und hat einen brutalen und lieblosen Ehemann, der sie schlägt.

Sujie hat nach einem verstörenden Vorfall in der Kindheit vermutlich ein Angststörung und verlässt nicht mehr das Zimmer oder öffnet die Vorhänge. Seit Jahren. Wie lebendig begraben. Oder wie ein Geist.

Shumei lebt prekär und hasst ihren Ehemann.

„Ihren Mann mit eigenen Augen sterben zu sehen, war Shumeis größter Ansporn, selbst weiterzuleben.“

Die jüngste Schwester hat vor vielen Jahren Selbstmord begangen.

„Wie konnte nur so etwas passieren? Kein einziges der Chen-Kinder hatte es mit der Heirat gut getroffen. Was war nur geschehen, dass Tianhong sogar zum Mörder geworden war?“

Es sind die vielen lange verborgenen Familiengeheimnisse und vergessenen Erinnerungen, die Kevin Chen nach und nach In Rückblenden am Tag von Tianhongs Rückkehr entschlüsselt. Es ist auch der Tag des Geisterfestes, der die Rahmenhandlung für die Zusammenführung der Geschwister bildet.

Stilistisch ist das sehr raffiniert erzählt, denn es kommen nicht nur die Lebenden in wechselnder Besetzung zu Wort, sondern auch die Geister.

„Auf dem Land wimmelte es von Geistern, die in den Erzählungen der Menschen lebten.“

Mosaikförmig setzt sich so ein Bild der Vergangenheit und der Ereignisse zusammen, die in der Gegenwart immer noch lange Schatten werfen.
Verbotene und versteckte Homosexualität ist dabei ebenso ein Thema wie Missbrauch, gewalttätige Beziehungen und soziale Ungerechtigkeit.


Trotz der vielschichtigen Themen, die Chen aufgreift, fällt der Roman für mich nur in die Kategorie „mittelmäßig gerne gelesen“. Seine Erzählweise und die Vermittlung des Inhalts war mir persönlich oft zu grob und ungenau. Auch den Figuren hätte meiner Meinung eine genauere Beobachtung ihrer Motivation und inneren Gefühlswelt gut getan.

In Kombination mit dem umfangreichen Figurenarsenal hatte der Roman dadurch für mich einige Längen, obwohl er abwechslungsreich und geschickt aufgebaut ist. Dass ein hilfreiches Personenverzeichnis am Ende angehängt ist, hatte ich dann leider erst nach dem Lesen bemerkt.

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