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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 05.08.2025

Meisterin der Manipulation

Schattengrünes Tal
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Neben ihrem eigentlichen Job im Tourismusbüro der kleinen Schwarzwaldgemeinde Herzogsbronn kümmert sich Lisa um die Buchhaltung im Hotel ihres Vaters. Das Hotel hat seine besten Tage längst hinter sich, ...

Neben ihrem eigentlichen Job im Tourismusbüro der kleinen Schwarzwaldgemeinde Herzogsbronn kümmert sich Lisa um die Buchhaltung im Hotel ihres Vaters. Das Hotel hat seine besten Tage längst hinter sich, der Renovierungsstau ist offensichtlich. Momentan hat das "Alte Forsthaus" nur einen einzigen Gast, eine junge Frau namens Daniela, die ausgerechnet in dem beschaulichen Örtchen ein neues Leben beginnen will. Daniela tut Lisa leid, weshalb sie sich um sie kümmert, indem sie sie zu einer Chorprobe mitnimmt und ihr Leute vorstellt. Die schüchterne Daniela verwandelt sich schnell zu einer selbstbewussten Frau, die sich überall einzubringen weiß. Spätestens als Lisas Ehemann Simon seltsam auf Daniela reagiert, wird Lisa klar, dass Daniela nicht mit offenen Karten spielt und es kein Zufall ist, dass sie ausgerechnet in Herzogsbronn gelandet ist.
"Schattengrünes Tal"ist ein ungemein spannendes und fesselndes Buch. Nur das doch ziemlich plötzliche Ende fand ich etwas unbefriedigend. Im Übrigen könnte ich mir diesen Roman sehr gut als Film vorstellen, ein Psychodrama vor dem Hintergrund des Schwarzwalds! Ein wirklich lesenswerter Roman!

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Veröffentlicht am 29.06.2025

Gleichzeitig anspruchsvoll und sehr spannend

Löwen wecken
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Etan Grien arbeitet als Neurochirurg in einem kleinen Krankenhaus in der israelischen Wüste. Er wurde dorthin strafversetzt, nachdem er in Tel Aviv seinen Professor (zu Recht) der Korruption bezichtigte. ...

Etan Grien arbeitet als Neurochirurg in einem kleinen Krankenhaus in der israelischen Wüste. Er wurde dorthin strafversetzt, nachdem er in Tel Aviv seinen Professor (zu Recht) der Korruption bezichtigte. Etans Leben ist ereignislos, geradezu langweilig, bis er eines Nachts auf einer Spritztour einen Menschen überfährt. Das Unfallopfer ist ein eriträischer Flüchtling, dessen Verletzungen zu schwer sind, als dass er gerettet werden könnte. So trifft Etan die schwerwiegende Entscheidung, Unfallflucht zu begehen.
Am nächsten Tag steht Sirkit, die Frau des Eriträers, vor Etans Tür und erpresst ihn. Er soll im Gegenzug für ihr Schweigen Flüchtlinge nachts in einer Werkstatt ärztlich behandeln. So beginnt für Etan ein Doppelleben, denn er verschweigt seiner Frau den Unfall und dessen Folgen. Zwischen Sirkit und Etan entwickelt sich eine Art Hassliebe und mit der Zeit fühlen sie sich zueinander hingezogen.
Als Leser fühlt man die ganze Zeit die Gefahr, in die Etan sich begibt. Wie lange wird seine Frau die Geschichte von Doppelschichten im Krankenhaus noch glauben? Wird sie Etan verlassen und die Kinder mitnehmen? Wie lange hält Etan diese Doppelbelastung noch durch? Verkompliziert wird das Ganze noch dadurch, dass Etans Frau Kriminalbeamtin ist, die im Fall des toten Eriträers ermittelt.
Ich habe schon lange kein Buch mehr gelesen, das einen solchen Sog auf mich ausgeübt hat. Ich konnte es kaum aus der Hand legen, obwohl manche Passagen ziemlich ausschweifend und für die Geschichte unnötig waren. Die Autorin lässt viele philosophische Gedanken einfließen. Es ist ein ausgesprochen anspruchsvolles Buch, das einen interessanten Einblick in die Flüchtlingssituation in Israel gibt.
Ayelet Gundar-Goshen ist eine hervorragende Beobachterin, der man anmerkt, dass sie nicht nur Journalistin, sondern auch Psychologin ist. Absolute Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 22.06.2025

Ein mutiger Schritt

Strandgut
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Earlon „Bucky“ Bronco ist mit seinen siebzig Jahren ein physisches und psychisches Wrack. Gegen seine Hüftschmerzen nimmt er Opioide, die in den USA ja eine Zeitlang von den Ärzten wie Smarties verteilt ...

Earlon „Bucky“ Bronco ist mit seinen siebzig Jahren ein physisches und psychisches Wrack. Gegen seine Hüftschmerzen nimmt er Opioide, die in den USA ja eine Zeitlang von den Ärzten wie Smarties verteilt wurden und in kürzester Zeit zu Abhängigkeit führen. Seit Buckys Frau Maybellene vor einem Jahr gestorben ist, lebt Bucky sehr einsam, sein häufigster Kontakt ist der Verkäufer im Drugstore, wo er seine Rezepte einlöst.
In seiner Jugend schaffte Bucky ein One-Hit-Wonder, „Until the wheels fall off“. Seine Karriere nahm jedoch ein abruptes Ende und keiner kann sich inzwischen mehr daran erinnern, dass Bucky einmal eine vielversprechende Karriere vor sich hatte. Als er einen Brief vorfindet, in dem er dazu eingeladen wird, bei einem Musikfestival im britischen Scarborough aufzutreten, hält Bucky dies zunächst für einen Scherz. Er hat keine Ahnung, dass er im Norden Englands wie ein Star gefeiert wird und eine große Fangemeinde hat. Da Flug- und Hotelkosten, sowie ein großzügiges Honorar bezahlt werden, beschließt er, den Flug über den großen Teich zu wagen, zumal er die USA noch nie verlassen und auch das Meer noch nie gesehen hat. Was hat er schon zu verlieren?
In England wird er von der fünfzigjährigen Dinah in Empfang genommen, die ein großer Fan von ihm ist. Dinah ist mit einem Nichtsnutz von Ehemann verheiratet, ihr erwachsener Sohn verbringt die Nächte vor dem Computer und verschläft den Tag. So ist es für sie ein absolutes Highlight, Bucky während des Festivals betreuen zu dürfen. Bucky leidet zunächst unter Jetlag und Entzugserscheinungen, die er zu verbergen versucht. Lange Zeit ist nicht klar, ob er es überhaupt schaffen wird aufzutreten.
Für mich war „Strandgut“ das erste Buch von Benjamin Myers. Sein teilweise sehr poetischer Schreibstil und seine genauen Beobachtungen und Charakterisierungen der Personen haben mir sehr gut gefallen. In mancher Szene hatte ich das Gefühl, neben Bucky herzugehen, beispielsweise, als er nachts die dunklen Gänge des Hotels „Majestic“ erkundet, das seine Glanzzeiten längst hinter sich hat.
Im Übrigen möchte ich auch die hervorragende Übersetzung aus dem Englischen durch Werner Löcher-Lawrence erwähnen, ich habe schon lange kein so gut übersetztes Buch mehr gelesen!
Benjamin Myers ist mit „Strandgut“ ein wunderschönes, leises Buch über Freundschaft und Liebe, Verlust und Trauer, aber auch über den Mut, eigene Grenzen zu überwinden gelungen. Die Rückblicke auf Buckys Leben haben mich sehr berührt. Uneingeschränkte Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 29.05.2025

Die Suche nach Identität

Beeren pflücken
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Eine indigene Familie aus Kanada kommt 1962, wie jedes Jahr, über die Grenze in die USA, um dort Beeren zu pflücken. Alle Familienangehörige haben ihre Aufgabe, nur die vierjährige Ruthie ist noch zu klein. ...

Eine indigene Familie aus Kanada kommt 1962, wie jedes Jahr, über die Grenze in die USA, um dort Beeren zu pflücken. Alle Familienangehörige haben ihre Aufgabe, nur die vierjährige Ruthie ist noch zu klein. Eines Tages verschwindet sie spurlos und auch großangelegte Suchaktionen bleiben ohne Erfolg.
Zur selben Zeit erleben ein Richter und seine Frau die große Freude, dass ihr Kinderwunsch endlich erfüllt wurde. Das kleine Mädchen Norma wird allerdings von wiederkehrenden Träumen geplagt, in denen es eine Frau und einen Jungen sieht, im Traum ist dieser Junge ihr Bruder. Die Mutter tut diese Träume als Hirngespinste ab.
Als Leser ahnt man natürlich den Zusammenhang. Norma wird von allem ferngehalten, soll sich möglichst nur im Haus aufhalten. Sie spürt, dass etwas falsch ist, nur was, kann sie sich nicht erklären. Währenddessen gibt ihre wirkliche Familie nie auf, nach ihr zu suchen. Einmal, Jahre später, erhascht einer ihrer Brüder bei einem Besuch in Boston einen Blick auf sie, schafft es aber nicht, Kontakt zu ihr aufzunehmen.
„Beeren Pflücken“ ist ein sehr beeindruckendes Debüt. Die Kapitel des Buchs werden in Rückblicken abwechselnd von Norma und Joe erzählt. Wir erleben die Zerrissenheit des kleinen Mädchens, das instinktiv spürt, dass es anders ist als seine Eltern. Sie wird mit Lügen abgespeist und zweifelt an sich selbst. Erst spät im Leben erfährt Norma die Wahrheit.
Auf Seiten ihrer Ursprungsfamilie erfahren wir, welche Auswirkungen das Verschwinden Ruthies auf das Leben der einzelnen Familienmitglieder hat. Besonders stark beeinflusst hat es das Leben ihres zwei Jahre älteren Bruders Joe, der sich zeitlebens Vorwürfe macht, dass er damals nicht besser auf seine kleine Schwester aufgepasst hat. Er lebt ein Leben voller Wut und Selbstzerstörung.
Die Sprache des Buches ist eindringlich und voller Bilder, die sowohl die Schönheit als auch die Härte des Lebens widerspiegeln. Absolute Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 23.05.2025

Ein Roman, der unter die Haut geht

Maikäferjahre
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Das Buch beginnt im Kriegsjahr 1944. Längst glauben nur noch die Wenigsten an die Propaganda und den bevorstehenden Endsieg.
Anni, die kurz vor der Geburt steht, lebt bei ihren Eltern in Dresden. Ihr Mann ...

Das Buch beginnt im Kriegsjahr 1944. Längst glauben nur noch die Wenigsten an die Propaganda und den bevorstehenden Endsieg.
Anni, die kurz vor der Geburt steht, lebt bei ihren Eltern in Dresden. Ihr Mann Fritz ist an der Front, ihr Zwillingsbruder Tristan fliegt Jagdbombereinsätze über England und wird abgeschossen. Er hat Glück und überlebt schwer verletzt. Gegen alle Wahrscheinlichkeit wird er in einem britischen Hospital gesundgepflegt. Er verdankt sein Leben einem wohlmeinenden schottischen Arzt, für den alle Leben gleich viel zählen, auch deutsche, und der jungen Krankenschwester Rosalie. Doch die beiden sind die Ausnahme, die meisten anderen bringen dem Deutschen Ablehnung und Hass entgegen. Rosalie und Tristan verlieben sich ineinander, sehr zum Entsetzen von Rosalies Familie.
Anni bringt ihr Kind, Clara, zur Welt und erlebt kurz danach den Horror der Dresdener Bombennacht, als die ganze Stadt ein einziges Feuermeer wurde. Sie entkommt dem Inferno nur knapp mit Hilfe des halbjüdischen Geigers Adam, den Annis Vater vor den Nazis versteckt hatte. Gemeinsam begeben sie sich auf eine Odyssee auf der Suche nach einem sicheren Platz zum Leben. Sie landen in der Heimat von Annis Vater, Tirol, von wo auch ihr Ehemann Fritz stammt. Annis Schwiegereltern sind alles andere als begeistert, als Anni mit einem anderen Mann vor der Tür steht.
„Maikäferjahre“ hat mir wirklich sehr gut gefallen. Anhand der Einzelschicksale erlebt man hautnah die Grausamkeit der Bombenangriffe und der anschließenden Flucht von Millionen von Menschen. Hass und Ablehnung, Liebe und Versöhnung treffen aufeinander. Ein emotional sehr aufwühlendes Buch, das unter die Haut geht. Absolute Leseempfehlung!

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