Vier schaurige Erzählungen
Die Geisterhand. Unheimliche Geschichten„Die Geisterhand“ versammelt vier Schauergeschichten der schwedischen Schriftstellerin Selma Lagerlöf. Den Auftakt macht die titelgebende Erzählung, die von einem Liebespaar handelt, der eine eine Offenbarung ...
„Die Geisterhand“ versammelt vier Schauergeschichten der schwedischen Schriftstellerin Selma Lagerlöf. Den Auftakt macht die titelgebende Erzählung, die von einem Liebespaar handelt, der eine eine Offenbarung leistende Geisterhand erscheint. Diese Geschichte besticht durch ihre gruselige Atmosphäre sowie ein drastisches Ende, das – auf einer anderen Ebene – nicht minder schaurig ist. Es folgt die kürzeste Geschichte „Die Rache bleibt nicht aus“: Eine Frau, Tora, offenbart hier die Vergangenheit des lokalen Pfarrers Ane. Interessant – und gespenstisch – ist hier insbesondere ein Aspekt der Vergangenheit Anes (den ich hier aber nicht spoilern will); daneben handelt es sich eher um eine moralisierende Geschichte, die zeigt, dass man irgendwann von den Konsequenzen seines Handelns eingeholt wird. In eine ähnliche Richtung geht „Eine Geschichte aus Halstanäs“, in der ein pensionierter Oberst einen seiner ehemaligen Fahnenjunker besucht. Dieser bewohnt einen geradezu paradiesischen Hof, der anschaulich beschrieben wird (eine große Stärke der Erzählung!). Aber auch in diesem keimt die Saat des Bösen, was mit der Vergangenheit des Fahnenjunkers zusammenhängt. Den Abschluss bildet die umfangreichste Erzählung „Vineta“. Diese ist im Kern eine Liebesgeschichte mit Dreieckskonstellation, was sich aber erst nach und nach offenbart: Ein Reisender verliebt sich in eine junge, einfältig dargestellte Frau; in diese Frau ist auch ein einheimischer Seemann verliebt, der sich aber – aus Gründen, die ich hier nicht spoilern möchte – von ihr lossagen musste. Diese Erzählung hat mir am besten gefallen: einerseits wird sie in Form einer Rahmenhandlung mit Binnenerzählung interessant erzählt, sodass sich die ganzen Zusammenhänge erst nach und nach entfalten; andererseits zeigt sie die Niederträchtigkeit des Menschen, die sich auch in der Liebe zeigen kann. „Unheimlich“ ist die Geschichte eher nicht; das Übernatürliche zeigt sich eher in seherischen Träumen, die einzelne Protagonisten besitzen. Alle Geschichten eint, dass sie ein andersweltlicher Hauch umweht: Obwohl sie in einer Welt spielen, die der Realität nachempfunden ist, durchziehen die Erzählungen mythische Elemente – ohne, dass man abschließend sagen kann, was Wirklichkeit, was Mythos ist. Abgerundet wird die Ausgabe des Reclam Verlags durch ein Nachwort, das in Leben und Werk von Selma Lagerlöf einführt.