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Veröffentlicht am 28.07.2025

Wer tötete „die Pariserin“?

Gefährliche Aussicht
9

Julie Dubois lässt Kommissarin Marie Mercier in „Gefährliche Aussicht“ bereits zum fünften Mal im pittoresken Saint-André ermitteln. Als großer Fan der Reihe war ich schon sehr gespannt auf ihren neuen ...

Julie Dubois lässt Kommissarin Marie Mercier in „Gefährliche Aussicht“ bereits zum fünften Mal im pittoresken Saint-André ermitteln. Als großer Fan der Reihe war ich schon sehr gespannt auf ihren neuen Fall und wurde nicht enttäuscht.

Frühsommer im Périgord. Endlich Wochenende! Michel ist zu Besuch und Tante Léonie plant ein opulentes Feinschmeckermenü. Der Anlass des Festessens ist geheim, aber die Teilnahme von Marie und Michel unbedingt erwünscht. Beim Einkaufen im Dorf erfährt die Kommissarin, dass Patricia, die vor einem Jahr von Paris nach Saint-André gezogen ist, einen Unfall hatte. Sie macht sich Sorgen um die Hochschwangere, wird aber von Michel und Léonie abgelenkt. Dann erhält Marie eine bestürzende Nachricht. Patricia ist gestorben! Schnell stellt sich heraus, dass bei ihrem Sturz nachgeholfen wurde. Marie und Kollege Richard nehmen die Ermittlungen auf. Mehrere Personen geraten in den Fokus der Polizei. Da sind die renitenten Nachbarn, die nicht akzeptieren wollen, dass Patricia und ihr Mann ein seit Jahren leerstehendes Anwesen gekauft haben, um es zu renovieren und darin zu leben. Auch die Handwerker könnten ein Motiv haben, denn das gelieferte Baumaterial stammt möglicherweise aus dubiosen Quellen. Patricias Partner ist ein reicher, geschiedener Mann. Hegt jemand einen Groll gegen ihn oder die neue Frau an seiner Seite? Wer tötet eine Hochschwangere, fragen sich nicht nur Marie und Richard? Die Ermittlungen gestalten sich zäh, bis ein zweiter Mord geschieht.

Julie Dubois schreibt gewohnt flüssig und versteht es, die Leser zu fesseln. Ihre Charaktere überzeugen, ob Kollegen, Dorfbewohner oder Familienmitglieder. Mit dem Wissen der Insiderin fängt sie die lokale Atmosphäre und das südfranzösische Ambiente gekonnt ein. Eingestreute Redewendungen wie „chanter en yaourt – Joghurt singen“ amüsieren mich immer wieder aufs Neue. Mir gefällt, dass die Autorin auch Probleme anspricht, bspw. die Thematik um den iranischen Hilfsarbeiter Arash, der die Einwanderung seiner Familie nicht gefährden will. Oder die Ressentiments der Einwohner gegenüber Fremden, allen voran reichen Parisern. Auch Marie ist teilweise betroffen, hat sie doch lange in der Hauptstadt gelebt. Und dann noch der deutsche Vater ...

Der Autorin gelingt erneut ein für mich unwiderstehlicher Mix aus Krimihandlung, Familiengeschichte und Lokalkolorit. Die leckeren Rezepte nicht zu vergessen! Dieses Mal gibt es auch Neues von Maries Lieben: Georges hat sich getraut! Nach Jahrzehnten der Verehrung hat er seiner großen Liebe einen Heiratsantrag gemacht. Léonie ist überglücklich und Marie freut sich über das späte Glück ihrer Großtante. Eine Freude, die ich gern teile. Jedes Mal bedauere ich es, wenn das aktuelle Buch wieder viel zu schnell gelesen ist.

Auch dieses Mal wurde das Verbrechen aufgeklärt und alle offenen Fragen beantwortet. Für das nächste Buch kündigen sich private Veränderungen an, aber Marie als Kommissarin bleibt uns glücklicherweise erhalten.

Von mir gibt es eine Leseempfehlung für alle Fans von Wohlfühlkrimis und französischem Savoir-vivre.

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  • Spannung
Veröffentlicht am 15.07.2025

Wenn die Vergangenheit nicht ruht

Das geheime Zeichen
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Der frisch gebackene Hausbesitzer Roland Wilkes erlebt eine böse Überraschung. Als er sein gerade gekauftes Domizil renovieren will, stößt er auf die buchstäbliche "Leiche im Keller". Kommissarin Evelyn ...

Der frisch gebackene Hausbesitzer Roland Wilkes erlebt eine böse Überraschung. Als er sein gerade gekauftes Domizil renovieren will, stößt er auf die buchstäbliche "Leiche im Keller". Kommissarin Evelyn Holm und ihr bewährtes Team finden schnell heraus, dass die Tote vor ca. 30 Jahren eingemauert wurde. Die mit verrostetem Draht gefesselten skelettierten Unterarme legen den Schluss nahe, dass sie einem Mord zum Opfer fiel. Doch erst das bei den menschlichen Überresten gefundene Medaillon verschlägt der Kommissarin den Atem. Das eingravierte Symbol verfolgt sie seit ihrer Kindheit und sorgt zuverlässig für Albträume.

Dreißig Jahre zuvor: Viola, eine talentierte junge Künstlerin, wünscht sich nichts sehnlicher als von ihren Bildern leben zu können. Gerade drücken sie wieder Mietschulden, als sie zufällig eine frühere Mitschülerin trifft, die es offensichtlich weit gebracht hat. Anna, so ihr Name, stellt Viola einen Karriereschub in Aussicht, falls sie von einem geheimnisvollen "Club" als Mitglied akzeptiert wird. Der gemeinsame Plan gelingt und Viola wird als Neuzugang des Netzwerks zugelassen. Umgehend bekommt sie eine Vernissage und verkauft ihre ersten Bilder. Sie könnte überglücklich sein, wäre da nicht ihre Beobachtung, dass Anna jemanden vorsätzlich vergiftet und so im Auftrag des "Clubs" für mehrere Tage schachmatt gesetzt hat. Zwar überlebt das Opfer knapp, aber Viola will nur noch eins: Raus aus diesem Club! Sie weiß nicht, wem sie trauen kann und gerät leider an die Falschen ...

Zwei Zeitschienen, zwei Schicksale? Der Autorin gelingt es mühelos, die beiden Erzählstränge zusammenzuführen. Ein verbindendes Element ist dabei das Titel gebende geheime Zeichen, das die junge Kommissarin seit ihrer Kindheit unheilvoll verfolgt - wie eine schwelende Erinnerung an die Ermordung ihrer Eltern. Die Erzählung gewinnt ständig an Tempo, Spannung und, ja, Grauen. Dass das Geschehen aus verschiedenen Perspektiven, der von Evelyn, als Kind und Erwachsene, und der von Viola erzählt wird, verleiht dem Roman noch zusätzliche Tiefe und Spannung. Überhaupt schreibt Saskia Calden flüssig und anschaulich. Die beiden Zeitebenen passen schlüssig. Genauso wie ihre gelungenen Charaktere, die individuell und glaubwürdig angelegt sind.

Zum Teil waren Kopfkino und Nervenkitzel schwer auszuhalten, aber ich bin auch nicht die abgebrühte Thrillerkonsumentin. Doch die Geschichte hat mich so gepackt, dass ich einfach weiterlesen musste. Zwar erzählt die Autorin unkaschiert, sie beschreibt Psychoterror und Gewalt schockierend anschaulich, doch dabei steht immer die Erzählung im Mittelpunkt. Es handelt sich nicht um bloßen Thrill für wohlige Gänsehaut. Was mich nachdenklich macht, ist die Tatsache, dass ich leider zu keiner Zeit daran zweifelte, dass es derart abscheuliche Machtmenschen und ihre perfiden Netzwerke tatsächlich gibt.

Von mir bekommt das Buch die volle Punktzahl und eine Empfehlung an alle Fans nervenaufreibender Thriller, die den Blick in tiefste menschliche Abgründe nicht scheuen.

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Veröffentlicht am 25.06.2025

Mit Nolwenn auf heißer Spur

Bretonische Versuchungen
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„Wir haben eine Tote, Chef.“ Als Georges Dupin diese Nachricht hört, ist er mehr als erleichtert. Dank des neuen Falls kann er seine Konfrontationstherapie abbrechen und muss nicht auf ein wackliges kleines ...

„Wir haben eine Tote, Chef.“ Als Georges Dupin diese Nachricht hört, ist er mehr als erleichtert. Dank des neuen Falls kann er seine Konfrontationstherapie abbrechen und muss nicht auf ein wackliges kleines Boot klettern, um seine Thalassophobie zu überwinden. Außerdem versäumt er ein „gemütliches“ Beisammensein mit seinen Schwiegereltern. Das aktuelle Verbrechen führt ihn in die mittelalterliche Altstadt von Concarneau.

Bei der Toten handelt es sich um Adeline Mazago, Inhaberin und Geschäftsführerin von Zerua, einer berühmten Schokoladenmanufaktur. Sie wurde in einem Bottich voll flüssiger Schokolade ertränkt. Ein sehr schmerzvoller Tod. Wer hasste Adeline so abgrundtief?

In „Bretonische Versuchungen“ ermitteln Kommissar Georges Dupin und sein bewährtes Team in der faszinierenden Welt der Schokolade. Es freut mich, dass Jean-Luc Bannalec alias Jörg Bong auch in seinem vierzehnten Band die bretonischen Themen nicht ausgehen.

Dieser Fall erweist sich als besonders fordernd für Dupin. Ein skrupelloser Täter verlangt dem Kommissar alles ab und eine übermotivierte Nolwenn sitzt ihm hautnah im Nacken. Das gipfelt in einem gemeinsamen Roadtrip der beiden ins französische Baskenland. Höchste Eile ist geboten, da weitere Morde geschehen. So kommt es, dass der Kommissar und Nolwenn pausenlos im Einsatz sind und ihre Müdigkeit bekämpfen müssen. Nach mehr als 45 Stunden ohne längere Pause steigt Dupins Koffeinbedarf ins Unermessliche. Er zeigt physische und psychische Symptome des Schlafentzugs, die so anschaulich beschrieben sind, dass ich als Leserin auch schon zu gähnen anfing, ohne müde zu sein.

Sein Team steht dem Kommissar wie immer hilfreich zur Seite. Inspektor Kadeg neigt weiterhin zu anmaßendem Verhalten und sein Kollege Riwal zu Belehrungen. Erneut empfand ich die Erweiterung der Mannschaft um Nevou und Le Menn als sehr positiv. Sie alle leisten gute Arbeit und letztlich wird auch dank ihrer Unterstützung dieser schwierige Fall zufriedenstellend gelöst. Vorher sorgen einige Verwicklungen und mehrere Verdächtige für anhaltende Spannung.

Während der Ermittlungen erfahren wir Erstaunliches und Lehrreiches über die Herstellung, Geschichte und Chemie der Kakaobohne und der Schokolade.

Wie immer schreibt der Autor flüssig und bilderreich. Seine Zuneigung für Land und Leute ist stets spürbar. Ob er die Landschaft beschreibt oder ein Menü im „Amiral“, seine Liebe für die Bretagne ist immer da, nachvollziehbar und ansteckend. Wer weiß, wie viele Besucher er seiner bevorzugten Region mit seinen Krimis schon beschert hat?

Auch mit seinem vierzehnten Fall hat mich Kommissar Dupin bestens unterhalten. Nolwenn überzeugt auch als Ermittlerin vor Ort und beeindruckt mit ihrem großen Engagement für wichtige Themen. Von den auftretenden neuen Protagonisten hat mir vor allem Dupins baskische Kollegin imponiert. Mit Commissaire Amaïa Unarte treffen die bretonischen Ermittler eine taffe Polizistin, die Dupins Kaffeesucht und seine Liebe zu Oldtimern teilt. Vielleicht treffen wir sie bald wieder? Quellenmaterial zum Thema Schokolade und eine Übersichtskarte komplettieren den Krimi.

Der Fall war spannend und ich weiß nun mehr über Schokolade als jemals zuvor. Jetzt freue ich auf den 15. Fall. Ich bin gespannt, ob es dann schon Neuigkeiten zum kleinen privaten Cliffhanger gibt, mit dem das Buch endet.

À bientôt, Monsieur le Commissaire.

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Veröffentlicht am 10.06.2025

Skurrile Urban Fantasy vom Feinsten

Ursula und das V-Team
4

Fremdenführer Adam hockt in Günthers Kneipe und ertränkt seinen Liebeskummer in Kölsch. Schon ziemlich angetrunken, wundert er sich nicht über die seltsam gewandete junge Frau, Ursula, die ihn anspricht. ...

Fremdenführer Adam hockt in Günthers Kneipe und ertränkt seinen Liebeskummer in Kölsch. Schon ziemlich angetrunken, wundert er sich nicht über die seltsam gewandete junge Frau, Ursula, die ihn anspricht. Mit Unterstützung von Wirt Günther, der seinen Feierabend wittert, schleppt sie ihn ab. Erst als er in einem Bus sitzt, den eine toughe ältere Frau, Una, halsbrecherisch lenkt, realisiert Adam, dass er zugesagt hat, mit in eine Schlacht zu ziehen. Während der wilden Fahrt lernt er seine Mitkämpferinnen kennen, die ziemlich divers sind: Die kesse Bug, die zögerliche Wish, die gegensätzlichen Zwillinge Joy und Sash, die kreative Masina und Trinity, die entweder isst oder schläft. Sie erzählen dem verblüfften Adam, dass er als Jungmann die fehlende elfte Jungfrau in ihrem Kampf gegen eine wilde Horde Geisterhunnen ersetzt.

Als ich gelesen habe, dass C. K. McDonnel mit Wonderwife aka Elaine Ofori ein Buch über Kölns Stadtpatronin Ursula schreibt, konnte ich mir das nicht vorstellen. Ich kenne und schätze den Autoren vor allem durch seine skurrile Bestseller-Serie um die fiktive Zeitung THE STRANGER TIMES. Und jetzt eine Geschichte über katholische Legenden? Caimh hat mich mal wieder überrascht.

Für Nichtkölner: Laut der Legende, die als Vorlage für diese Geschichte dient, war Ursula eine Prinzessin, die aus einem romanisch-britischen Adelsgeschlecht stammte und im 4. Jahrhundert lebte. Zusammen mit 10 weiteren Jungfrauen machte sie eine Wallfahrt nach Rom. Auf der Rückreise kamen sie durch Köln und erlitten im Kampf gegen die Hunnen im Jahr 383 den Märtyrertod. Da durch dieses Opfer Köln von der Zerstörung verschont blieb, wurde Ursula zur Schutzpatronin der Stadt.

Das irische Autorenpaar adaptiert die Legende und versetzt sie in die Gegenwart. Seit der Zeit der ersten Ursula findet die Hunnenschlacht weiterhin alle 18 Jahre statt. Der geheimnisvolle „Scharlachrote Rat“ rekrutiert regelmäßig zwölf zehn-jährige Mädchen, lässt sie aus Hebes Kelch des Vergessens trinken und drillt sie acht Jahre lang zu Kämpferinnen. Dann findet die Schlacht statt. Wer überlebt, trinkt wieder aus dem Kelch und wird heimgeschickt. Doch in diesem Jahr läuft nichts glatt. Zwei der Mädchen verschwinden, sodass trotz der Ersatzkämpferin eine Jungfrau für den Kampf fehlt. Durch das Anwerben von Adam findet die Schlacht trotzdem statt, bricht aber kurz nach Beginn ab. Una ist verschollen und Adam besessen. Was tun?

Nachdem ein Vertreter des Rats die Schlacht für beendet erklärt und sich für Adam, Una und die verschwundenen Jungfrauen Anna und Delilah nicht interessiert, beschließen Ursula und ihr Team, vorerst nicht aus Hebes Kelch zu trinken und sich selbst um die ihren zu kümmern.

Spätestens ab jetzt überschlagen sich die Ereignisse. In seiner unnachahmlichen Art bevölkert das irische Paar die Stadt mit allerlei magisch begabten Protagonisten, guten wie bösen, die mindestens drei Fronten bilden. Fantastische Orte wie das „Hotel Athena“, gut getarnt und wehrhaft, existieren unerkannt mitten unter den Kölnern. In rasantem Tempo läuft die Geschichte ab. Der Rat will die Jungfrauen loswerden, jemand anderer sie mithilfe eines Golems umbringen, während sie von einer dritten Fraktion Hilfe bekommen. Was auch passiert, Ursula und ihr beeindruckendes Team verfolgen unbeirrt ihre eigene Agenda.

Die Geschichte wird mit viel Wortwitz, Fantasie und in skurrilen Bildern erzählt. Ähnlich gut wie in „The Stranger Times“ und doch ganz anders. Die Charaktere überzeugen. Sie sind sehr individuell gestaltet und verfügen über teilweise verblüffende Fähigkeiten. Die Geschichte endet mit einem furiosen Showdown. Für Teil zwei bleiben vertretbare Cliffhanger. Trotzdem hoffe ich auf eine baldige Fortsetzung. Ich habe es geliebt, dieses Buch zu lesen. Es besticht durch seinen skurrilen Humor, der bei mir voll ins Schwarze trifft. Volle Punktzahl! Für alle Fans von C.K. McDonnel ein Muss.

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Veröffentlicht am 30.05.2025

Mörderische Mieter?

Marchfield Square
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Als in der vornehmen Wohnanlage Marchfield Square ein Mord geschieht, entdeckt die Vermieterin Celeste van Duren als erste den Toten. Die 82-jährige alte Dame, die von einer schlimmen Hüfte geplagt wird, ...

Als in der vornehmen Wohnanlage Marchfield Square ein Mord geschieht, entdeckt die Vermieterin Celeste van Duren als erste den Toten. Die 82-jährige alte Dame, die von einer schlimmen Hüfte geplagt wird, bekämpft ihre Langeweile mit einem Fernglas. Damit spioniert sie ihren Mietern nach und entdeckt Richard Gleads Leiche auf seinem Küchenfußboden. Während Celeste noch zögert den Mord zu melden, sie möchte schließlich ihr Hobby nicht preisgeben, alarmiert die heimkehrende Ehefrau Linda Glead die Polizei. Außer ihr scheint niemand Richard eine Träne nachzuweinen, denn er bewegte sich in zwielichtigen Kreisen. Außerdem verprügelte er regelmäßig seine Gattin, wofür ihn die gesamte Mietergemeinschaft verabscheute. Nachdem die Polizei ihre Untersuchungen beendet hat und das Spurensicherungsteam abgezogen ist, kehrt wieder Ruhe am Marchfield Square ein. Leider nicht für lange, denn bald wird Linda tot in ihrer Wohnung aufgefunden. Für die Polizei ist der Fall damit klar: Gattenmord mit anschließendem Suizid der von Gewissensbissen überwältigten Ehefrau. Diese These will Celeste nicht akzeptieren. Deshalb bezahlt sie zwei ihrer Mieter, den ehemaligen Krimiautoren Lewis und ihre clevere Putzfrau Audrey, für eigene Ermittlungen. Sie sollen beweisen, dass Linda keinen Suizid beging und ihren Mann nicht ermordete.

Was zunächst wie das Hirngespinst einer exzentrischen alten Lady erscheint, entpuppt sich bald als richtig. Wie die Obduktion ergibt, wurde auch Linda getötet. Doch dieser zweite Mord verkompliziert den Fall erheblich. Während um Richard niemand trauert und Audrey sich bald fragt, wie dieser es vermieden hat, nicht schon viel früher umgebracht zu werden, hatte Linda keine Feinde.

Auf den ersten Blick wirkt Celestes Detektivgespann eher disharmonisch. Da ist Lewis, ein introvertierter Krimischriftsteller, der nach einem erfolgreichen Debüt, zwei Misserfolge verzeichnete und inzwischen als Recruiter arbeitet. Nachdem er seit fünf Jahren am sehr überschaubaren Marchfield Square wohnt, kennt er keinen einzigen der anderen Mieter. Das aktuelle Verbrechen will er als Inspiration für einen neuen Krimi nutzen. Audrey Brooks, Celestes Putzfrau und Mieterin, tickt ganz anders. Sie ist empathisch, hilfsbereit und sehr beliebt bei ihren Nachbarn. Als Reinigungskraft arbeitet sie noch nicht lange, sondern erst seit sie ihren alten Job aufgeben musste. Hängt das damit zusammen, dass Putzen eine therapeutische Wirkung auf sie hat? Audrey leidet unter finanziellen Schwierigkeiten, daher kommt ihr Celestes lukratives Angebot sehr gelegen. Außerdem will sie Linda Gerechtigkeit verschaffen.

Auch die übrigen Charaktere sind sehr überzeugend und lebendig, vom pensionierten Colonel bis hin zum ehemaligen Filmstar. Später stellt sich heraus, dass Celeste und ihr verstorbener Mann, die Mieter nach eher unkonventionellen Kriterien ausgesucht haben.

Nicola Whyte ist mit „Marchfield Square“ ein sehr überzeugendes Krimidebüt gelungen. Sie schreibt so bildhaft und anschaulich, dass man sich innerhalb des Platzes bald wie zu Hause fühlt und die Mieter zu kennen glaubt. Da aus der Perspektive der Amateurdetektive Audrey und Lewis, sowie ihrer Auftraggeberin Celeste berichtet wird, befindet sich der Leser immer auf dem aktuellen Stand der Ermittlungen. Mit Pfiffigkeit und Einfallsreichtum werden die Geheimnisse des Viertels gelüftet, die nicht immer etwas mit dem Verbrechen zu tun haben. Zahlreiche Verwicklungen führten mich wiederholt in die Irre und hielten die Spannung hoch. Es hat Spaß gemacht, mitzuraten und letztlich war ich von der Lösung überrascht, die ich so nur teilweise auf dem Schirm hatte. Das Verbrechen wird logisch aufgeklärt und die Zweckgemeinschaft von Audrey und Lewis entpuppt sich als Dreamteam, das viel mehr herausgefunden hat als die Polizei. Am Ende erwartet den Leser noch eine saftige Überraschung, über die ich hier kein weiteres Wort verlieren werde.

Nicola Whyte hat einen spannenden Cosy Krimi mit Charme und Humor geschrieben. Die Geschichte war sehr kurzweilig zu lesen und hat mich hervorragend unterhalten. Ich hoffe auf eine rasche Fortsetzung und bin zuversichtlich, die Leute vom Marchfield Square bald wiederzusehen. Vielleicht lerne ich dann auch die abwesende Mrs. Scott und ihren Sohn Tom kennen? Und erfahre, wie es dem unglücklichen Muffin inzwischen ergangen ist.

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