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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 11.11.2025

Kopfkino

Drei Tage im Schnee
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Eine Frau nimmt sich in einer verschneiten Hütte eine Auszeit vom stressigen Alltag. Durch die Begegnung mit einem Mädchen beginnt sie, ihr Hamsterrad infrage zu stellen.
„Die Gedanken an die Arbeit lachten ...

Eine Frau nimmt sich in einer verschneiten Hütte eine Auszeit vom stressigen Alltag. Durch die Begegnung mit einem Mädchen beginnt sie, ihr Hamsterrad infrage zu stellen.
„Die Gedanken an die Arbeit lachten sich scheckig, zeigten mir insgeheim den Vogel und machten sich demonstrativ breit in meinem Kopf.“ Das Problem der Protagonistin wird schnell klar: Es fällt ihr schwer, sich auf die Zeit allein einzulassen. Da kommt das neunmalkluge Kind wie gerufen – es erinnert sie daran, wie es geht, einfach in den Tag hineinzuleben.
Vieles spielt sich in ihrem Kopf ab, vor allem kreisen ihre Gedanken um all die Ratgeber, die zu Achtsamkeit und Selbstliebe aufrufen. Das Buch ist also ein Prosatext, der psychologische Tipps neu verpackt. Damit verflog für mich der anfängliche Zauber der unberührten Winterlandschaft, weil die Erzählung zunehmend wie ein Abarbeiten von Empfehlungen wirkte.
Als Roman wirkt es zu konstruiert, als Ratgeber funktioniert es aber auch nicht – die Erkenntnisse bleiben im Text versteckt und sind nicht wirklich zur eigenen Anwendung gedacht. „Drei Tage im Schnee“ lässt sich flüssig lesen und verfolgt eine ansprechende Grundidee, die für mich jedoch nur bedingt aufgeht.

Veröffentlicht am 09.11.2025

Einig deutsches Vaterland?

Ungleich vereint
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„Will man die heute erkennbaren Aushärtungen einer ostdeutschen Teilgesellschaft verstehen, muss man sich vergegenwärtigen, dass die deutsche Einheit eine Mesalliance zweier recht ungleicher Partner war.“ ...

„Will man die heute erkennbaren Aushärtungen einer ostdeutschen Teilgesellschaft verstehen, muss man sich vergegenwärtigen, dass die deutsche Einheit eine Mesalliance zweier recht ungleicher Partner war.“ Stefan Mau seziert die deutsche Gesellschaft, um zu zeigen, warum sich alte und neue Bundesländer bis heute in vielen Aspekten unterscheiden.
Auch mehr als drei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung dauern die Diskussionen über Unterschiede zwischen Ost und West an – und werden durch aktuelle Wahlergebnisse immer wieder neu befeuert. Eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem Thema erscheint daher besonders relevant.
Tatsächlich bringt der Autor Punkte zutage, die inzwischen gerne verdrängt werden und für die Debatte wichtig sind. Allerdings neigt Mau stellenweise dazu, über andere Autor:innen oder ganze Bevölkerungsgruppen zu urteilen, was seine sonst analytische Haltung untergräbt und mich an seiner wissenschaftlichen Distanz zweifeln lässt.
Was mich beim Hören neben den komplexen Wortkonstruktionen störte, waren die wiederholten Verweise auf spätere Kapitel („dazu später mehr“), die für mich keinen Mehrwert boten. Der Sprecher hingegen vermittelt den anspruchsvollen Text klar und verständlich. Für ein wirklich gelungenes Werk hätte ich mir etwas mehr Sachlichkeit – und vielleicht auch mehr Raum für die komplexen Zusammenhänge – gewünscht.

Veröffentlicht am 19.10.2025

Due stagioni

Alle weg
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Stefan Maiwald lebt in Italien und ist somit unser Mann vor Ort, wenn „alle weg“ sind – in den Monaten von September bis April, wenn in Grado nur noch die Einheimischen verweilen. „Wir alle können uns ...

Stefan Maiwald lebt in Italien und ist somit unser Mann vor Ort, wenn „alle weg“ sind – in den Monaten von September bis April, wenn in Grado nur noch die Einheimischen verweilen. „Wir alle können uns ungestört unseren kleinen und großen Ritualen widmen, ob das nun Radeln oder Spazierengehen ist, Lesen oder Kartenspielen. Kein Tourist nervt mit seinen Bedürfnissen.“
Sein Erfahrungsbericht spielt mit den Figuren, die Leserinnen und Leser bereits in früheren Büchern begegnet sind – und wer sie noch nicht kennt, wird mehrfach darauf hingewiesen, was für mich etwas zu viel des Guten war. Mit einem Schuss Selbstironie reflektiert Maiwald zugleich seine eigene Position als Deutscher unter Italienern.
Das besondere Projekt, das seine Schilderungen diesmal durchzieht, sind die Tennisstunden, die er nimmt, um es mit seiner Frau aufnehmen zu können. Diese Episoden bringen zwar auch charmante Einblicke in das örtliche Leben, waren für mich aber etwas weniger spannend als die kulinarischen Abenteuer aus dem Vorgängerband.
Das stilvoll gestaltete Buch lässt uns erneut an der italienischen Lebensart teilhaben – von Aberglauben über Karneval bis zu „Zoff am Strand“. Maiwald mischt Fakten und Beobachtungen mit feinem Humor und italienischen Einschüben, wodurch eine authentische Italien-Atmosphäre entsteht.

Veröffentlicht am 11.10.2025

Denken und tun

Mentale Gesundheit durch Yoga
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Yogi Kai Hill schreibt darüber, wie mentale Gesundheit und Yoga zusammenhängen und illustriert dies mit Meditationen, Atemtechniken oder Yoga-Einheiten.
Ich hatte mich auf dieses Buch gefreut, da ich Kai ...

Yogi Kai Hill schreibt darüber, wie mentale Gesundheit und Yoga zusammenhängen und illustriert dies mit Meditationen, Atemtechniken oder Yoga-Einheiten.
Ich hatte mich auf dieses Buch gefreut, da ich Kai Hill als Lehrer von YogaEasy kannte und der Scorpio-Verlag kürzlich das großartige Yoga-Buch von Nicole Bongartz veröffentlicht hatte. Dieses Buch verfolgt jedoch einen anderen Ansatz.
Bereits beim Durchblättern fällt auf, dass die Bilder des Autors nur in den Yoga-Sequenzen auftauchen, das heißt in sehr klein und noch dazu unterschiedlich beleuchtet, da sie offenbar den auf einem Balkon gefilmten Videos entnommen wurden. Aufgefüllt wird mit Stockfotos, so dass auf diese Weise schon mal keine persönliche Bindung entsteht.
Bleibt also der Text? Da fallen zunächst formale Patzer auf, die ein Lektorat hätte beheben können. Zu Fußnoten dazuzuschreiben, dass es im Anhang Studien gibt, hat keinen Mehrwert. Und wenn, mitunter innerhalb eines Absatzes, Worte oder Formulierungen, wie „ich persönlich“, ständig wiederholt werden, fällt es mir schwer, dem Inhalt zu folgen, der eigentlich auch eher allgemeingültig als persönlich ist.
Sieht man über Gestaltung und Schreibstil hinweg, lässt sich aber doch ein Nutzen finden, denn insbesondere Yoga-Einsteiger werden mit der Beschreibung von Abläufen oder Techniken an die Hand genommen. Der tatsächliche Mehrwert liegt schließlich im Zugang zu Kai Hills Yoga-Webseite, für die neben kurzen Videos auch ein 30-Tage-Programm freigeschaltet werden kann. Meine Balance finde ich also weniger im Buch selbst als in der gelungenen Verbindung aus Reflexionsfragen und dem begleitenden Videoprogramm.

Veröffentlicht am 29.06.2025

Polizeinachwuchs

Die Kriminalistinnen. Der Tod des Blumenmädchens
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„Der Tod des Blumenmädchens“ ist der erste Teil der Trilogie um „Die Kriminalistinnen“, die ersten Frauen, die zu Kriminalbeamtinnen ausgebildet werden. Sie haben, im Düsseldorf des Jahres 1969, mit einer ...

„Der Tod des Blumenmädchens“ ist der erste Teil der Trilogie um „Die Kriminalistinnen“, die ersten Frauen, die zu Kriminalbeamtinnen ausgebildet werden. Sie haben, im Düsseldorf des Jahres 1969, mit einer Toten zu tun, die sich in Hippiekreisen bewegt hatte.
Das besondere Thema des Romans, die Rolle der Frauen, wird voll und ganz ausgekostet, von der Mode über die Bevormundung in der Ehe bis zur ständigen Infragestellung ihrer Berufswahl („Wäre Stewardess bei der Lufthansa nicht auch ein schöner Beruf für Sie?“).
Neben den neu eingeführten Charakteren begegnen wir einer Figur aus Mathias Bergs früher veröffentlichter und zeitlich später angesiedelter Krimireihe um das Düsseldorfer LKA wieder, was für mich eine nette Überraschung war, aber auch zu einer ähnlichen Dynamik führte.
Nach bewährtem Rezept hat die Protagonistin Lucia mit Geistern der Vergangenheit zu kämpfen und werden verschiedene Spuren verfolgt, bevor der Fall schließlich aufgeklärt werden kann. Während die Situation der Frauen für meinen Geschmack etwas überstrapaziert wurde, wurden die Handlungsorte authentisch in Szene gesetzt und ein nachvollziehbarer Fall vor historischem Hintergrund geschaffen.