Ein literarisches Eintauchen in das Collegeleben der 90er mit subtilem Tiefgang
Mein letztes Jahr der UnschuldDaisy Alpert Florin hat hier einen gut lesbaren Roman geschrieben, der oft leise daherkommt, auf eine ganz subtile Art aber mit Spannungsmomenten und einigem Tiefgang aufwartet.
Ich fand es schon einmal ...
Daisy Alpert Florin hat hier einen gut lesbaren Roman geschrieben, der oft leise daherkommt, auf eine ganz subtile Art aber mit Spannungsmomenten und einigem Tiefgang aufwartet.
Ich fand es schon einmal toll, mit Isabel einer jüdischen Studierenden zu begegnen und so auch immer wieder Einblicke in jüdische Traditionen, Lebensweisen und Sprache zu bekommen. In ihrem Leben ist das Jüdischsein aber auch einfach ein Teil ihrer komplexen Identität und das finde ich insgesamt authentisch ausgearbeitet.
Ein Element, zu dem die Autorin immer wieder greift, ist eine sanfte Art des Foreshadowing. Manchmal nur in einem Nebensatz entfaltet das beim Lesen eine tolle Wirkung und ordnet das Geschehen noch einmal zusätzlich ein, ohne zu viel vorwegzunehmen. Denn immer wieder müssen wir uns hier meToo-Fragen stellen. Den irgendwie verkrampften Sex mit dem Kommilitonen ordnet Isabel später anders ein als sie es direkt im Nachgang tut. Die gesellschaftlichen Dynamiken und das innere Zurechtreden, das in den 90ern wohl noch einmal mehr Realität war als jetzt, tun weh, obwohl oder gerade weil sie sprachlich gar nicht so laut formuliert sind.
Generell ist Subtilität ein tragendes Element der Handlung. Viele Figuren bekommen später zusätzliche Aspekte, sodass wir ihre Rolle retrospektiv noch einmal überdenken können/sollen. Die Konstellation aus Studentin und Professor sowie die damit einhergehende Machtdynamik ist literarisch natürlich nicht neu, doch Florin hat sich ihr auf eine vorsichtige und sprachlich tiefe Weise angenommen. Dass sowohl die Protagonistin angehende Autorin ist als auch die Autorin selbst logischerweise schreibt, spiegelt sich im wiederkehrenden Deep Dive zu den Themen Literatur und Schreibprozess wieder. Mein Interesse liegt da nicht unbedingt, weshalb ich das manchmal etwas langatmig fand, aber für viele ist es sicher ein spannender Einblick.
Neben der zentralen Affäre spielen aber auch andere Themen eine Rolle. Isabel befindet sich in einer fragilen Zeit des Erwachsenenwerdens und ich war wieder einmal froh, diese hinter mich gebracht zu haben. Es gibt außerdem familiäre Auseinandersetzungen, häusliche Gewalt sowie die Frage, was Männer tun, um sich gegenseitig zu schützen. Auch Depressionen werden nebenbei, aber sehr authentisch dargestellt. In all dem lotet die Protagonistin geschickt aus, was sie eigentlich vom Leben möchte und was Konsens genau bedeutet - und beantwortet das für sich manchmal erst viel später, manchmal auch gar nicht.
Wer einen Collegeroman lesen möchte, der einen leisen Tiefgang sowie politische Relevanz besitzt, kann beruhigt zu diesem Werk greifen. Er ist ganz sicher nicht DER meToo-Roman schlechthin, greift Fragen rund um dieses Thema aber auf jeden Fall auf und hat mich dahingehend gut unterhalten. Manchmal schweift er vielleicht ein wenig ins Leben der Protagonistin ab, aber ich finde diese Darstellung nicht schlecht, sondern eine echte literarische Bereicherung.