Hoffnungsschimmer über Potsdam
Schwestern des brennenden HimmelsHanna Caspian hat sich intensiv mit dem geschichtlichen Hintergrund dieses Romans auseinandergesetzt: Das Ende des Zweiten Weltkriegs, die Potsdamer Konferenz, nicht zuletzt der Atombombenabwurf in Hiroshima. ...
Hanna Caspian hat sich intensiv mit dem geschichtlichen Hintergrund dieses Romans auseinandergesetzt: Das Ende des Zweiten Weltkriegs, die Potsdamer Konferenz, nicht zuletzt der Atombombenabwurf in Hiroshima. Heute denken die Menschen seltener an diese weltbewegenden Ereignisse, das Hier und Heute beschäftigt gar zu sehr. Aber das Wissen um die Geschichte sollte Mahnung, Erinnerung und Erkenntnis sein, auch für die Einordnung heutiger und zukünftiger Ereignisse.
Der Roman erzählt die Geschichte der jungen Ann, die mit den Eltern als Kind ins Exil ging, über Umwege in Großbritannien eine neue Heimat fand. Ihr hervorragendes English macht sie als Deutsche fast unkenntlich, sie lernt mit englischen Kindern in der Schule und steht mit englischen jungen Leuten auf den Dächern von London, um den „Blitz“ abzuwehren. Nachdem sie verschüttet wird, leistet sie einige Zeit Dienst im Büro und übersetzt Briefe deutscher Wehrmachtsangehöriger. Dann wird sie für die Betreuung der Mitglieder der britischen Abordnung zu Potsdamer (zuerst hieß sie Berliner) Konferenz eingesetzt. Ihr Traum wird wahr, sie kann in die Heimatstadt reisen, in der sie vor 10 Jahren ihre Cousine Charlie und die restliche Familie zurücklassen musste. Ob die Verwandten noch leben, ist die erste Frage. Ann, die ja eigentlich Annegret hieß, versucht in Potsdam alles, um Familienmitglieder zu finden. Sie spannt dafür ihren neuen Bekannten Jackson, einen amerikanischen GI, ein, aber ihre wahre Identität will sie weder ihm noch anderen erklären.
Der Roman beschreibt sehr anschaulich die Tage der Potsdamer Konferenz, die Eitelkeiten der Großen Drei, die Diskussionen und das Machtgeschacher. Hanna Caspian gelingt es gut, diese geschichtlichen und politischen Abläufe in das private Leben ihrer Protagonisten einzufügen (bzw. umgekehrt). Sehr anschaulich schildert sie die dramatischen Zustände in Potsdam, wo Hunger und Angst umgehen. Besonders die Angst vor der sowjetischen Besatzungsmacht, die allzu oft durch tödliche Schikanen, Vergewaltigungen, Verhaftungen und Morde das Leben der Menschen zur Hölle macht. Liesel, das Mädchen, das für den Roman als deutsche Schlüsselfigur erfunden wurde, vereint das alles in sich. Sie wuchs mir von Kapitel zu Kapitel mehr ans Herz. Eine so starke Empfindung hatte ich für Ann nicht, vielleicht lag das an ihrer Art, permanent über ihren Verrat nachzudenken und wie sie diesen wiedergutmachen könnte.
Da Ann im Gästehaus des Premierministers Churchill arbeitete, waren diese Szenen eine wohltuende Abwechslung zu den dramatischen Ereignissen in Potsdam. Mir hat das gefallen, wie für alles improvisiert werden musste und Churchill am Ende sogar recht zufrieden wirkte. Leider hat sein englisches Wahlvolk seine Kriegserfolge nicht gewürdigt und ihn kurzerhand abgewählt. Einer der Punkte, an denen die Weltgeschichte einen anderen Verlauf hätte nehmen können.
Ich will hier über die weitere Handlung im Buch nicht zu viel preisgeben, meine Überschrift der Rezension sollte reichen. Das Taschenbuchcover ist sehr ansprechend gestaltet, die innen gedruckte Karte von Potsdam erleichtert Ortsunkundigen die Orientierung. (Zu Fuß sind einige Strecken wirklich recht lang, das kann ich aus eigener Erfahrung schreiben. Wie schön die damals zerstörte Innenstadt unterdessen wieder geworden ist, erfreut mich übrigens bei jedem Besuch aufs Neue.)
Fazit: Mir hat der Roman gefallen und ich kann ihn guten Gewissens empfehlen. Er ist eindringlich geschrieben und vermittelt jede Menge Geschichtswissen, auch noch das Nachwort ist lesenswert.