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Veröffentlicht am 21.07.2025

Hoffnungsschimmer über Potsdam

Schwestern des brennenden Himmels
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Hanna Caspian hat sich intensiv mit dem geschichtlichen Hintergrund dieses Romans auseinandergesetzt: Das Ende des Zweiten Weltkriegs, die Potsdamer Konferenz, nicht zuletzt der Atombombenabwurf in Hiroshima. ...

Hanna Caspian hat sich intensiv mit dem geschichtlichen Hintergrund dieses Romans auseinandergesetzt: Das Ende des Zweiten Weltkriegs, die Potsdamer Konferenz, nicht zuletzt der Atombombenabwurf in Hiroshima. Heute denken die Menschen seltener an diese weltbewegenden Ereignisse, das Hier und Heute beschäftigt gar zu sehr. Aber das Wissen um die Geschichte sollte Mahnung, Erinnerung und Erkenntnis sein, auch für die Einordnung heutiger und zukünftiger Ereignisse.
Der Roman erzählt die Geschichte der jungen Ann, die mit den Eltern als Kind ins Exil ging, über Umwege in Großbritannien eine neue Heimat fand. Ihr hervorragendes English macht sie als Deutsche fast unkenntlich, sie lernt mit englischen Kindern in der Schule und steht mit englischen jungen Leuten auf den Dächern von London, um den „Blitz“ abzuwehren. Nachdem sie verschüttet wird, leistet sie einige Zeit Dienst im Büro und übersetzt Briefe deutscher Wehrmachtsangehöriger. Dann wird sie für die Betreuung der Mitglieder der britischen Abordnung zu Potsdamer (zuerst hieß sie Berliner) Konferenz eingesetzt. Ihr Traum wird wahr, sie kann in die Heimatstadt reisen, in der sie vor 10 Jahren ihre Cousine Charlie und die restliche Familie zurücklassen musste. Ob die Verwandten noch leben, ist die erste Frage. Ann, die ja eigentlich Annegret hieß, versucht in Potsdam alles, um Familienmitglieder zu finden. Sie spannt dafür ihren neuen Bekannten Jackson, einen amerikanischen GI, ein, aber ihre wahre Identität will sie weder ihm noch anderen erklären.
Der Roman beschreibt sehr anschaulich die Tage der Potsdamer Konferenz, die Eitelkeiten der Großen Drei, die Diskussionen und das Machtgeschacher. Hanna Caspian gelingt es gut, diese geschichtlichen und politischen Abläufe in das private Leben ihrer Protagonisten einzufügen (bzw. umgekehrt). Sehr anschaulich schildert sie die dramatischen Zustände in Potsdam, wo Hunger und Angst umgehen. Besonders die Angst vor der sowjetischen Besatzungsmacht, die allzu oft durch tödliche Schikanen, Vergewaltigungen, Verhaftungen und Morde das Leben der Menschen zur Hölle macht. Liesel, das Mädchen, das für den Roman als deutsche Schlüsselfigur erfunden wurde, vereint das alles in sich. Sie wuchs mir von Kapitel zu Kapitel mehr ans Herz. Eine so starke Empfindung hatte ich für Ann nicht, vielleicht lag das an ihrer Art, permanent über ihren Verrat nachzudenken und wie sie diesen wiedergutmachen könnte.
Da Ann im Gästehaus des Premierministers Churchill arbeitete, waren diese Szenen eine wohltuende Abwechslung zu den dramatischen Ereignissen in Potsdam. Mir hat das gefallen, wie für alles improvisiert werden musste und Churchill am Ende sogar recht zufrieden wirkte. Leider hat sein englisches Wahlvolk seine Kriegserfolge nicht gewürdigt und ihn kurzerhand abgewählt. Einer der Punkte, an denen die Weltgeschichte einen anderen Verlauf hätte nehmen können.
Ich will hier über die weitere Handlung im Buch nicht zu viel preisgeben, meine Überschrift der Rezension sollte reichen. Das Taschenbuchcover ist sehr ansprechend gestaltet, die innen gedruckte Karte von Potsdam erleichtert Ortsunkundigen die Orientierung. (Zu Fuß sind einige Strecken wirklich recht lang, das kann ich aus eigener Erfahrung schreiben. Wie schön die damals zerstörte Innenstadt unterdessen wieder geworden ist, erfreut mich übrigens bei jedem Besuch aufs Neue.)
Fazit: Mir hat der Roman gefallen und ich kann ihn guten Gewissens empfehlen. Er ist eindringlich geschrieben und vermittelt jede Menge Geschichtswissen, auch noch das Nachwort ist lesenswert.

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Veröffentlicht am 16.07.2025

Der Kreis schließt sich

Wir sehen uns wieder am Meer
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Die Trilogie, in der Junis das Leben ihrer Großeltern erforscht und gleichzeitig die lebenslange Freundschaft dreier norwegischer Frauen verfolgt, geht mit diesem Buch zu Ende. Der wunderbare erste Teil ...

Die Trilogie, in der Junis das Leben ihrer Großeltern erforscht und gleichzeitig die lebenslange Freundschaft dreier norwegischer Frauen verfolgt, geht mit diesem Buch zu Ende. Der wunderbare erste Teil „Als Großmutter im Regen tanzte“ wird mit der bewegenden Geschichte der Freundin Birgit, die im ersten Teil die entscheidenden Hinweise auf das Geheimnis der Großmutter Tekla und auf den leiblichen Großvater Otto gab, zusammengeführt. Ich habe noch einmal einige Stellen des ersten Teils nachgelesen, z. B. den Besuch von Juni bei der 90jährigen Birgit im Pflegeheim, als diese ihr unbekannte Familiengeheimnisse offenbarte. Es heißt zwar im Nachwort des dritten Bandes, dass man die Teile auch einzeln lesen könnte, aber um den dritten Teil zu verstehen, wäre das Lesen des ersten aus meiner Sicht schon wichtig.
In „Wir sehen uns wieder am Meer“ befindet man sich mitten im Zweiten Weltkrieg, Norwegen ist von den Deutschen besetzt, aber es gibt auch in Norwegen Kollaborateure und Hitlerverehrer, die es den friedlichen Menschen noch schwerer machen, das Los der Besatzung zu ertragen. Birgit Johansen beschließt, ihren Anteil an der Hilfe für die unterdrückten Menschen in einem Krankenhaus weit im Norden des Landes, in Bodø, zu erbringen. Sie will dort, zur Verwunderung ihrer Freundinnen und Familie als Krankenschwester arbeiten. Für sie ist es die Flucht aus einer Einsamkeit, die diese nicht lindern können, denn ihr russischer Freund Ilja ist verstorben. Sie kann schon recht gut Russisch sprechen und sie liebt vor allem die russische Musik. Als sie im Krankenhaus mit sowjetischen Fremdarbeitern und Kriegsgefangenen konfrontiert wird, erweist sich ihr Sprachwissen als sehr hilfreich. Mit der ukrainischen Fremdarbeiterin Nadja freundet sie sich an und später wird sie sich unsterblich in den Kriegsgefangenen Sascha verlieben. Ohne Zögern beginnt sie die lebensgefährliche Mitarbeit in einer norwegischen Widerstandsgruppe. Vieles Erlernte aus dieser Untergrundarbeit wird ihr nach dem Krieg hilfreich sein bei ihrer Arbeit für den norwegischen Geheimdienst. Aber nicht nur der Geheimdienst hat dann ein Auge auf sie geworfen, auch der CIA und der spätere KGB suchen die Zusammenarbeit. Sie stürzt sich in ein sehr aufregendes und gefährliches Leben, aber sie nimmt das in Kauf, auch um die kurz vor Kriegsende erlebten Misshandlungen durch die Gestapo und norwegische Helfershelfer zu vergessen.
Die Informationen über das Leben und Leiden der sowjetischen Gefangenen in Norwegen sind sehr bedrückend, die Lebensbedingungen erinnern an Berichte aus den KZs in Deutschland, Ravensbrück wäre ein Beispiel für die Ausbeutung der inhaftierten Frauen. Ähnlich erging es den Frauen in Norwegen, beispielsweise in der Fischfabrik in Bodø ähnlich, aber hinzu kam die eisige Kälte am Polarkreis. Was Nadja und die anderen Frauen erleiden mussten, ist schrecklich, den Männern ging es um nichts besser. Erschreckend der Gedanke, dass unter diesen Umständen Kinder geboren wurden, aufwuchsen und so viel Leid erdulden mussten.
Das Buch zeigt vor allem die Freundschaft und Solidarität der Betroffenen, aber auch die Boshaftigkeit der Kollaborateure, die in ihrer Menschenverachtung den Deutschen in nichts nachstanden. Auch in Norwegen sind viele der gerechten Bestrafung entgangen, aber es gab auch Verurteilungen von Tätern.
Die Opfer, Menschen wie Birgit oder Nadja, quälen sich ein Leben lang mit den grausamen Erinnerungen, mit Alpträumen und Depressionen. Gelegentlich gibt es psychologische und psychiatrische Hilfe, aber nicht von allen wird sie angenommen und nicht bei allen ist sie erfolgreich. Die dritte Freundin von Tekla und Birgit, Anneliese, gehört dazu.
Das Buch von Trude Teige liest sich insgesamt gut, sie hat einen angenehm unaufgeregten Stil, beschreibt auch das Grausame lesbar. Nicht so gut hat mir die Geheimdienstaffäre von Birgit gefallen, es ist für heutige, gerade jüngere Leser sicher nicht so leicht nachzuvollziehen, wie sich der KGB wie eine unheilbare Krankheit in das Leben der Menschen gefressen hat. Ich habe zu der Thematik lange und ausführlich geforscht und weiß die Berichte im Buch einzuordnen. Für andere ist das vielleicht schwieriger. Und dieser Teil des Buches las sich für mich auch nicht so flüssig.
Sehr interessant ist das Nachwort, das die Autorin nutzt, um dem Leser einen Einblick zu geben in ihre Arbeit, die Recherchen, die tatsächlich existierenden Personen, die ihren fiktiven Protagonisten als Vorbild dienten. Es rundet die Trilogie im wahrsten Sinne des Wortes ab. Hier am Ende schließt sich im Roman und mit den Erklärungen von Trude Teige der Kreis der Trilogie.
Ich habe versucht, keine Spoiler einzubauen in meine Rezension, das ist aber auch schwierig. Der Klappentext nimmt schon einiges vorweg.
Fazit: wer die ersten beiden Bände der Trilogie kennt, wird mit dem Erzählten gut zurechtkommen. Mir hat es gefallen, es ist ein eindringliches Buch, das ich mit gutem Gewissen empfehlen kann. Gute vier Sterne.

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Veröffentlicht am 12.07.2025

Wien 1896 - Auge um Auge, Zahn um Zahn.

Der Totengräber und die Pratermorde (Die Totengräber-Serie 4)
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Oliver Pötzsch legt nun schon den vierten Teil seiner "Totengräber"-Krimiserie vor. Der Roman spielt im Jahr 1896, nicht nur die Technik macht riesengroße Sprünge, die der Kriminalpolizei weiterhelfen, ...

Oliver Pötzsch legt nun schon den vierten Teil seiner "Totengräber"-Krimiserie vor. Der Roman spielt im Jahr 1896, nicht nur die Technik macht riesengroße Sprünge, die der Kriminalpolizei weiterhelfen, auch die Kriminellen nutzen den technischen Fortschritt. Im Wiener Prater werden erste Filme gezeigt, erste Filme gedreht. Dass sich die Filmemacher auch den Vorlieben einzelner Kunden zuwenden, ist nicht ungewöhnlich, denn diese zahlen gut.
Zu Beginn des Krimis stirbt zuerst eine Frau bei einem missglückten Zaubertrick und wird zersägt, dann findet die Polizei diverse tote Frauen nahe des Rothschild-Anwesens. In bewährter Manier setzen sich die schon aus den ersten drei Folgen gut bekannten Hauptakteure Inspektor Leopold von Herzfeldt und Reporterin Julia Wolf auf die Fährten der Mörder. Unvermeidlich, dass auch der titelgebende Totengräber Augustin Rothmayer hineingezogen wird in die kriminelle Spirale, die sich immer schneller dreht. Die Hinweise auf antisemitische Ausfälle von Leos Kollegen sind mir manchmal etwas zu vordergründig, aber das stört den Gesamteindruck nicht.
Das Verhältnis von Leo und Julia war ja im dritten Band recht abgekühlt, nun erholt sich die Liebesbeziehung langsam wieder. Im letzten Drittel des recht langen Hörbuchs wird es dann doch noch spannend und die Auflösung erstaunt nicht nur den Hörer bzw. Leser des Krimis, sondern auch auf Kriminalistenseite hat man nicht damit gerechnet.

Fazit: Mit wunderbarem Lokalkolorit, einem Sprecher, der einen im Österreich der K.u.K.-Zeit versinken lässt, charakterlich gut beschriebenen Protagonisten und so mancher unerwarteten Wendung wird man für seine Geduld belohnt. Sehr lang - sehr wienerisch ist dieses Hörbuch, aber auch sehr unterhaltsam.

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Veröffentlicht am 02.07.2025

Das Kontinuum der Verantwortung

Die Einstein-Vendetta
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Als ich den Buchtitel „Die Einstein-Vendetta“ las, erinnerte ich mich sofort an den Dokumentarfilm „Einsteins Nichten“ von Friedemann Fromm, den ich 2018 im Fernsehen sah. Schon damals hat mich die Geschichte ...

Als ich den Buchtitel „Die Einstein-Vendetta“ las, erinnerte ich mich sofort an den Dokumentarfilm „Einsteins Nichten“ von Friedemann Fromm, den ich 2018 im Fernsehen sah. Schon damals hat mich die Geschichte der Ermordung von Familienmitgliedern Albert Einsteins in Italien sehr berührt. Nun erscheint über 80 Jahre nach Kriegsende und 81 Jahre nach dem Mord ein Sachbuch des bekannten englischen Autors Thomas Harding, der versucht, die „wahre Geschichte des Mordes“ (siehe Untertitel) zu recherchieren und zu erzählen.
Harding ist nicht der erste, der das versucht, begonnen hatte War Crime Officer Wexler mit der Recherche, nach ihm waren Deutsche, Amerikaner, Italiener auf juristischer Ebene mit dem Fall betraut, aber auch Journalisten versuchten die Geheimnisse zu lüften.
Was war geschehen? Robert Einstein, Cousin und Freund von Albert Einstein, lebte lange Jahre in der Toskana, hatte Ehefrau Nina (geb. Mazzetti) und zwei Töchter, Luce und Cicì, übernahm die Verantwortung für zwei kleine Nichten, Lorenza und Paola, als deren Eltern starben, war ein angesehener Ingenieur und Gutsbesitzer. Und er war Jude. Was für ihn und seine Familie das Leben ab 1938 in Italien höchst gefährlich machte, nachdem auch dort die Rassegesetze analog zu Hitlerdeutschland eingeführt wurden. Trotzdem konnte die Familie Einstein verhältnismäßig ungestört und auch geschützt von den Dorfbewohnern und Arbeitern auf dem Gut Il Focardo in der Nähe von Florenz leben. Als sich schon fast das Ende der deutschen Besetzung abzeichnete, als die Alliierten nur noch wenige Kilometer entfernt waren, geschah das Ungeheuerliche. Die deutsche Wehrmacht suchte nach Robert Einstein, der sich zu den Partisanen in den Wald flüchten konnte, seine Ehefrau, die beiden erwachsenen Töchter und die Nichten blieben im Haus, was für alle als sichere Zuflucht galt. Es war ein tödlicher Irrtum, die Deutschen nahmen alle im Haus angetroffenen Frauen als Geiseln, da sie des Juden Robert Einstein nicht habhaft werden konnten, erschossen sie seine Ehefrau und ihre beide Töchter.
Wer war der Auftraggeber? Gab es einen Auftrag? Sollte Robert Einstein erschossen werden? Wer waren die Vollstrecker? Auch 81 Jahre nach dem Mord sind diese konkreten Fragen nicht geklärt. Und doch kann man sagen, die Auftraggeber waren die Verfasser der Nürnberger Gesetze und die Erfinder der Endlösung, der Auftrag war eindeutig Teil des Plans der Auslöschung der europäischen Juden. Nicht nur in Deutschland kannte man die Sippenhaft, wie sie zum Beispiel bei den Attentätern des 20. Juli 1944 angewendet wurde. Auch im besetzten Italien herrschte dieser Geist. Ob und wer am Ende die Familie verraten hatte, wer der Mordschütze war, das konnte auch Harding nicht belegen. Aber ihm gelingt es, eine Familiengeschichte der Einsteins zu erzählen, die eine Einblick gibt in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts und die viele Familienmitglieder und andere Personen anrührend und ehrlich charakterisiert.
Besonders der erste Teil des Buches „Verbrechen“ hat mich sehr gefesselt, als Leser sieht man das Unheil kommen, man weiß natürlich schon vor Beginn des Lesens, was geschehen wird. Aber ist es Thomas Harding gelungen, trotzdem eine hohe Spannung zu erzeugen, die Anspannung in der Familie zu vermitteln und die historischen Ereignisse außerhalb von Il Focardo einzuordnen.
Was Harding nach dem feigen Mord an Nina und den Töchtern im zweiten Teil „Nachspiel“ betrachtet, ist vor allem die Reaktion Robert Einsteins, dem es schier das Herz gebrochen hat. Nur mit Mühe können ihn Freunde vom sofortigen Selbstmord abhalten, verhindern können sie ihn später nicht, zu schwer wiegt für ihn die eigene Schuld. Aber er hat es trotz tiefer Depressionen geschafft, für die beiden Nichten Lorenza und Paola eine Lebensgrundlage zu schaffen. Sie werden es ihm nie vergessen, bis ins hohe Altern sprechen sie voller Liebe von ihm.
Der dritte Teil des Buches „Gerechtigkeit“ beschäftigt sich mit den umfangreichen, sich über viele Jahrzehnte hinziehenden Recherchen, die jedoch eines nicht finden, den wahren Mörder. Ob es tatsächlich eine Vendetta war, die den Cousin von Albert Einstein anstelle seines berühmten Verwandten vernichten sollte, steht nach wie vor als Frage im Raum.
Dass die Ehefrau und die Töchter von Robert Einstein aufgrund ihres jüdischen Ehemanns bzw. Vaters den antisemitischen Eiferern zum Opfer fielen, sehe ich hingegen als Tatsache an. Zumindest die ehrenvollen Gräber in Badiuzza für alle vier, die dort verein ruhen, und das Denkmal lassen an eine Gerechtigkeit glauben, die nicht „Auge um Auge“ errungen ist.
Thomas Harding hat dieses Buch mit einigen Details ausgestattet, die ich gern erwähnen möchte: es gibt einen Stammbaum der Familie Einstein/Mazzetti, man findet einige Karten, die extra für das Buch angefertigt wurden, im Text und am Ende sind verschiedene Fotos abgebildet, die einen Eindruck geben von den Menschen, über die Harding berichtet. Ich lege jedem Leser den Epilog ans Herz, der noch einmal eine hervorragende Zusammenfassung des Gelesenen gibt und auch das persönliche Interesse Hardings an der Familie Einstein und am Holocaust beleuchtet.
Auch der Anhang ist sehr ausführlich und unterstützt den wissenschaftlichen Stil, mit dem das Buch verfasst ist. Trotz der Wissenschaftlichkeit liest sich dieses Buch sehr gut! Ein umfangreicher Index macht es einem leicht, schnell noch einmal zu einer gesuchten Person, einem Ort oder Fakt zu wechseln. Bibliografie und Quellenangaben weisen Interessierten den Weg und zeugen von der umfangreichen Recherchearbeit, die Harding für dieses Buch bewältigt hat. Der eingangs von mir erwähnte Film befindet sich auch darunter.
Fazit: Dieses Buch erzählt nicht nur vom tragischen Schicksal der Familie Robert Einsteins, eines Cousins von Albert Einstein, man erfährt auch sehr viel über die Geschichte Italiens. Insbesondere die Zeit des Zweiten Weltkriegs, die wechselnden Besatzungen, die Befreiung und der Wiederaufbau des verwüsteten Landes werden sehr informativ beschrieben. Lesenswert und aufschlussreich. Gute vier Sterne.

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Veröffentlicht am 22.06.2025

Feine Antennen schärfen den Blick

Ein Hoch auf deine Sensibilität
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Durch Zufall wurde ich auf dieses Buch aufmerksam. Auf Instagram empfand ich die Frage von Nina Brach, ob es jemanden gibt, der total genervt auf Etiketten oder Aufhänger in Pullover oder Shirt reagiert, ...

Durch Zufall wurde ich auf dieses Buch aufmerksam. Auf Instagram empfand ich die Frage von Nina Brach, ob es jemanden gibt, der total genervt auf Etiketten oder Aufhänger in Pullover oder Shirt reagiert, als hätte sie nur mich persönlich gemeint. Der Aufhänger wurde zum Aufhänger, dass ich mich nun endlich einmal gründlich mit meiner eigenen Sensibilität auseinandergesetzt habe.
Nina Brach erklärt mit erfrischender Emotionalität und Sachkenntnis die verschiedenen Fachbegriffe, zuerst natürlich Hochsensibilität und Hochsensivität. Mit der Erklärung einher gehen praktische Beispiele, die es dem Leser ermöglichen, sich auch selbst ein wenig besser kennenzulernen und zu analysieren. Ich bin 70 Jahre alt, meine Töchter über 50, für jede von uns habe ich im Kopf eine kleine Analyse machen können, die im Ergebnis vier sehr sensible/sensitive Personen mit unterschiedlichsten Ausprägungen und Variationen ergab. Jede hat ihre eigenen hochsensiblen Bereiche, das fand ich wirklich interessant. Wenn mir das Buch vielleicht nicht im Sinne der Autorin zu einer Veränderung meiner Lebens- und Gefühlssituation verhilft, so doch auf jeden Fall zu einem geschärften Blick in Gesprächs- oder Konfliktsituationen.
Das Buch ist in fünf verschiedene Kapitel eingeteilt, wobei jedes für sich sehr erkenntnisreich ist. Für mich persönlich waren vor allem die ersten drei von Bedeutung, die Problematik Kinder betrifft mich eher nicht mehr, es sei denn ich schaue rückblickend noch einmal auf meine jetzt erwachsenen Töchter oder auf die Enkelkinder. Das Beziehungsthema lasse ich hier einmal weg. Darüber gibt es zudem unzählige Ratgeber und Sachbücher, die das auch im Hinblick auf Sensibilität betrachten.
In den einzelnen Kapiteln hat man als Leser die Möglichkeit, für seine eigene Selbstanalyse Fragen zu beantworten oder Strategien zu erarbeiten. Die Frage, was ich an meinen Sensibilitäten als positiv oder bereichernd empfinde, konnte ich leider nur mit „Nichts, sie stören mich und meinen Alltag immer“ beantworten. Da fehlt mir wohl die Hochsensivität.
Für den Alltag habe ich tatsächlich einige Anregungen mitgenommen. Ich stelle hier ein Zitat vor, das ich als guten Ratschlag versuchen werde zu befolgen: „Wichtig dabei ist, dass du lernst, deine Grenzen möglichst frühzeitig zu kommunizieren und nicht erst, wenn das Fass kurz vor dem Überlaufen steht. Dann fühlen wir uns oft so sehr unter Druck oder in die Ecke gedrängt, dass wir explodieren.“
Die Begrifflichkeit der Neurodiversität wird von der Autorin gut dargelegt, ich hatte mich bisher nicht damit beschäftigt, es hat mich auf jeden Fall zum Nachdenken über bestimmte Situationen oder Menschen in meiner gebracht. Etwas zu sehen bedeutet ja nicht automatisch, dass man es auch versteht, hier hilft so eine populärwissenschaftliche Lektüre über bestimmte Wissenslücken gut hinweg.
Die Gestaltung des Buchs, das ich zuerst als pdf-Datei gelesen habe, gefiel mir so gut, dass ich mir zusätzlich das gedruckte Buch bestellt habe. Leider musste ich feststellen, dass es in der Verkleinerung von A4 (gelesen auf iPad Pro) auf ca. A5 als Taschenbuch für mich nicht praktikabel war. Die Schrift des Fließtextes ist in einer sehr kleinen und zudem dünnen Schrift gehalten, die mir auch mit Lesebrille Probleme bereitet. Schade, das digitale Buch fand ich farblich und typografisch sehr gelungen.

Danke, liebe Nina Brach, sagt eine Vielfühlerin! Wenn wieder einmal mein Gedankenkarussel aus dem Ruder läuft, nehme ich gern Deine Ratschläge an und stelle mir dann in Gedanken ein Stoppschild auf. Und mir ist beim Lesen die Idee gekommen, dass es doch für jeden (Leser) hilfreich sein könnte, das Bedürfnisvokabular von Seite 96 einmal in eine persönliche Reihenfolge zu bringen. Das hat mir zumindest klargemacht, dass es von Mensch zu Mensch höchst unterschiedlich ist, was außer den existentiellen Grundbedürfnissen präferiert wird. Daran lässt sich meines Erachtens auch feststellen, ob und wie sensibel/sensitiv der Mensch veranlagt ist. Das Buch ist also nicht nur Ratgeber oder Wegweiser, es lenkt den Blick auch einmal in neue Richtungen, die man allein vielleicht gar nicht beachtet.

Fazit: ein guter Einstieg für jeden, der vermutet, dass er auf Alltagsreize jeglicher Art zu empfindlich reagiert. Die Abgrenzung zu psychiatrischen Erkrankungen (ADHS, Autismus etc.) ist gut zu erkennen.

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