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Veröffentlicht am 04.07.2025

Die bewegende Geschichte einer auf Zwang und Gewalt gegründeten Familie

Geliebte Mutter – Canım Annem
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Der Roman über die Gastfamilie Güney enthält autobiographische Elemente, beginnt mit der Zwangsverheiratung der 19-jährigen Aynur Güvenilir in Istanbul, endet mit einem gehassten, glückspielsüchtigen ...

Der Roman über die Gastfamilie Güney enthält autobiographische Elemente, beginnt mit der Zwangsverheiratung der 19-jährigen Aynur Güvenilir in Istanbul, endet mit einem gehassten, glückspielsüchtigen Ehemann und zwei traumatisierten, erwachsenen, beruflich erfolgreichen Kindern in Herne. Die Tochter und Ich-Erzählerin Meryem ist mit dem Tot ihres Vaters im Jahr 2017 endlich angekommen als Aus- und Aufsteigerin, als Migrantin in der BRD. Ihr gewalttätiger Vater hat besonders die Mutter so schändlich behandelt, dass die Geschwister Ada und Meryem traumatisiert aus dieser Kindheit in Herne entfliehen, studieren wie von der hart arbeitenden Mutter erhofft entfernt von den problematischen Eltern. Die unruhigen politischen Verhältnisse in der Türkei werden zwischendurch kurz skizziert, im Zentrum jedoch stehen die Konflikte dieser Familie im Mittelpunkt mit Schulden durch die Glückspielsucht des arbeitslosen Vaters, mit Traumatabewältigung bis zu Suizidversuchen, auch bis zu religiösen Missklängen. Die Charaktere wirken realistisch, in ihrer Klarheit teils erschütternd. Das ambivalente emotionale Verhältnis der Tochter zur Mutter schwankt zwischen Liebe und Wut, Schuld und Dankbarkeit. Der Schreibstil, besonders in den Dialogen, ist oft schonungslos anklagend.
Ein sehr emotionaler Roman

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Veröffentlicht am 04.07.2025

Ein Roman mit viel Einfühlungsvermögen

Bei den Minderen Brüdern
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Die Geschichte des jungen Mannes, Ben Schneider, der ab der Obersekunda seine nicht alltäglichen Lebensumstände beschreibt: sein Familienleben mit der psychisch gestörten Mutter, sein eher stressiger Aufenthalt ...

Die Geschichte des jungen Mannes, Ben Schneider, der ab der Obersekunda seine nicht alltäglichen Lebensumstände beschreibt: sein Familienleben mit der psychisch gestörten Mutter, sein eher stressiger Aufenthalt im Kloster der Minderen Brüder zusammen mit Patres und auch gewalttätigen Mitschülern, seine erste Liebe Rebecca und seine Freundschaften incl. eigener Band im Dorf. In drei Teilen spielt das Musizieren die alles überragende, wichtigste Rolle. Er überzeugt durch seine Toccata an der Orgel in der Klosterkirche, spielt z.B. klassische Etüden auf dem Klavier seiner Musikakademie oder tritt mit seiner Band Crazy Hearts mit Jazz-Variationen auf. Sein klösterliches Internatsleben und seine Einstellung zu Religion werden bildlich dargelegt, auch die bedrückende Atmosphäre rund um die Krankheit seiner Mutter wird realistisch aufgegriffen. Die Zerstörung äußerer, alter Strukturen aus den 70-er Jahren im Ruhrgebiet, verdeutlicht durch den Abriss des Klosters, wird ergänzt durch den inneren Drang von Ben, endlich raus aus dem engen, bedrückenden Umfeld zu gelangen.
Ein interessantes Buch voller Trauer, Leidenschaft und Freundschaft.

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Veröffentlicht am 02.07.2025

Reichlich Stoff zum Nachdenken

Täuschend echt
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Auf dem ersten Erzählstrang geht es um das private und berufliche Scheitern des namenlosen Ich-Erzählers und seinen Rachegefühlen gegenüber seiner skrupellosen, gerissenen Ex-Freundin. Der anfänglich unsichere, ...

Auf dem ersten Erzählstrang geht es um das private und berufliche Scheitern des namenlosen Ich-Erzählers und seinen Rachegefühlen gegenüber seiner skrupellosen, gerissenen Ex-Freundin. Der anfänglich unsichere, konservative, arbeitslose Werbetexter entwickelt sich auf dem zweiten Erzählstrang zu einem selbstbewussten Schriftsteller, der mittels KI und ChatGPT eine erfundene Lügengeschichte über eine afghanische Frau erfolgreich als Buch herausbringt. Kreativ verstrickt treffen beide Stränge mit beiden Frauen zusammen, wobei das Potential von KI, genannt Kirsten, bei weiteren Problemlösungen für den Ghostwriter ausgeschöpft scheint, quasi nur noch Klischees anbietet. Während sich nicht nur die Einstellung zu Medien-Apps und zu der ihn unterstützenden KI ändert, schwindet mit wachsendem Selbstbewusstsein auch sein schlechtes Gewissen, er wird sogar kriminell. Als kritische Äußerung des Autors könnte die wichtige Schwachstelle von KI beim Verfassen von Text zu verstehen sein: Der Ich-Erzähler hier drückt solchen KI-Texten seinen eigenen Stempel auf, damit die KI-Generierung durch ein anderes KI-System nicht entpuppt wird. Die Seitenhiebe auf den allgemeinen Literaturbetrieb, angefangen von Lesungen bis zu TV-Autoren-Interviews, regen ebenso zum Nachdenken an wie die Verschiebung von Moral, Ethik und Wahrheit bei der Verquickung von Realität und Virtualität.
Die von der KI kursiv geschriebenen Absätze mit zu vielen belanglosen Informationen sind teilweise zu lang und zu häufig im zweiten Teil eingefügt. Oder sollte diese öde Anhäufung im Roman Teil der Gesellschaftskritik des Autors sein? Als Warnung! So könnten zukünftig durchschnittliche Romane voller Banalitäten und Klischees mit Hilfe von KI gefertigt sein?
Insgesamt ein unterhaltsamer Roman.

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Veröffentlicht am 01.07.2025

Ein nicht nur schmeichelhaftes Porträt des geliebten Vaters

Spargel in Afrika
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In drei Abschnitte unterteilt eröffnet der Sohn als Ich-Erzähler innere Monologe, teils gedankliche Dialoge, mit seinem Vater im Pflegeheim bzw. im Krankenhaus. Bei bisherigen Besuchen ging es betont um ...

In drei Abschnitte unterteilt eröffnet der Sohn als Ich-Erzähler innere Monologe, teils gedankliche Dialoge, mit seinem Vater im Pflegeheim bzw. im Krankenhaus. Bei bisherigen Besuchen ging es betont um das gemeinsame Essen, teils um Lieblingsgerichte des Vaters, der als Diplomat weltweit kulinarische Spezialitäten zu genießen wusste. Gerichte wie Spargel, Weihnachtsessen, Pfifferlinge oder Desserts bilden den Leitfaden im Buch, an dem eher schmerzliche Erinnerungen des Sohnes gekoppelt sind, die sein Verhältnis zum Vater belasten, z.B. bei Rückbesinnung ans Internat, ans Kloster, abgeschoben ohne gefühlte Zuwendung der Eltern. Der Sohn versucht in Zukunft seine Vaterrolle gegenüber seinen Kindern bewusster wahr zu nehmen. Während des geruhsamen Sterbeprozesses des Seniors im Krankenhauszimmer treten weitere Gedanken zum Generationswechsel, zum Genährt-Werden als möglicher Liebesersatz bzw. als Erziehungsfaktor auf. Seine Rolle als Kind erlischt, jedoch die als ältestes Familienoberhaupt beginnt. Der feinfühlige Schreibstil regt zum Nachdenken an.

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Veröffentlicht am 30.06.2025

Wirft das Exil einen aus der Bahn?

Eine feine Linie
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Das öde, langweilige Leben der Hauptfigur Maryam wird in dem Pariser Vorort Drancy beschrieben. Mit ihren 13 Jahren kämpft sie stellvertretend für viele Teenager zunächst wütend gegen ihren eigenen Körper ...

Das öde, langweilige Leben der Hauptfigur Maryam wird in dem Pariser Vorort Drancy beschrieben. Mit ihren 13 Jahren kämpft sie stellvertretend für viele Teenager zunächst wütend gegen ihren eigenen Körper mit starker Behaarung und ersten sexuellen Erfahrungen, aber auch gegen ihre familiäre Armut ohne Sommerurlaube und Designer-Outfits und die Eintönigkeit der Schule. Obwohl gleichzeitig Französin und Iranerin findet sie nicht die feine, verbindende Linie ihrer Identität. Die Kritik an dem Lehrpersonal des Lycée Eugène-Delacroix ist hart. Mit dem Wechsel in die HK3 am Lycée Fénelon nach ihrem überzeugenden Abitur hofft sie auf die erträumte Möglichkeit, aus diesem benachteiligten Vorort mit sozialen Problemen und Spannungen endlich ausbrechen zu können. Schmerzlich deprimiert gibt sie wegen Überforderung und zu großer Wissenslücken schon nach drei Wochen auf. Mit diesem kläglichen Scheitern muss sich ihr Königsweg, dieser alten Wohnsiedlung der Cité de la Muette zu entkommen, ändern. Deren trostloses Ambiente wird noch verstärkt durch die Erwähnung des unfertigen Geheimgangs auf der Plakette, die im Innenhof auf das jüdische Sammellager während der 2. Weltkrieges verweist.
Eine harte, sozialkritische Abrechnung mit dem eigenen Leben, der französischen Bildungspolitik, der 2-Klassen-Gesellschaft und seiner geschichtsträchtigen Umgebung.

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