Wenn Schweigen Wunden reißt (Hörbuch)
Die Nacht der BärinIn „Die Nacht der Bärin“ entführt Kira Mohn die Hörer:innen auf eine stille, aber tief erschütternde Reise irgendwo zwischen Wald, Wirklichkeit und Vergangenheit. Im Mittelpunkt steht Jule, 26 Jahre alt, ...
In „Die Nacht der Bärin“ entführt Kira Mohn die Hörer:innen auf eine stille, aber tief erschütternde Reise irgendwo zwischen Wald, Wirklichkeit und Vergangenheit. Im Mittelpunkt steht Jule, 26 Jahre alt, die nach einem handfesten Streit mit ihrem Freund plötzlich erkennen muss: Das, was sie erlebt, war Gewalt. Sie zieht sich zurück, sucht Zuflucht bei ihren Eltern und wird dort mit dem Tod ihrer Großmutter konfrontiert, einer Frau, zu der nie eine echte Beziehung bestand. Doch als Jule gemeinsam mit ihrer Mutter das alte Haus der Großmutter aufräumt, kommen Dinge ans Licht, die das Bild der Familie für immer verändern.
Mohn erzählt ihre Geschichte auf zwei Zeitebenen: Während wir Jule in der Ich-Perspektive durch die Gegenwart begleiten, entfaltet sich parallel die Kindheitsgeschichte ihrer Mutter und Tante – erzählt in einer stillen, fast märchenhaft entrückten Rückblende. In dieser Vergangenheit steckt viel Dunkelheit: emotionale Kälte, häusliche Gewalt und die stille Not von Kindern, die sich in Fantasiegeschichten flüchten, weil die Realität keinen Schutz bietet. Das Schöne an dieser Konstruktion ist, dass beide Erzählstränge nicht gegeneinander ausgespielt werden, sondern sich gegenseitig kommentieren, spiegeln und vertiefen.
Als Hörbuch funktioniert dieser Wechsel besonders gut. Die einfühlsame Stimme von Anne Sofie Schietzold verleiht Jules Perspektive etwas Warmes, etwas Verletzliches – ohne jemals sentimental zu klingen. Der Text selbst bleibt klar und zurückhaltend, ohne große Dramen, aber mit einer leisen Wucht, die sich Kapitel für Kapitel verstärkt. Besonders eindrucksvoll sind die kurzen Einschübe: einzelne Sätze, Gedanken oder Erinnerungsfetzen die sich wie Splitter zwischen die Erzählung schieben und das emotionale Gewicht verdichten.
Trotz des schweren Themas gelingt es der Autorin, die Geschichte zugänglich zu halten. Sie schreibt nie plakativ oder dramatisierend, sondern mit viel Gespür für Zwischentöne. Die Art, wie sie von familiärem Schweigen, alten Verletzungen und dem Erkennen von Mustern erzählt, ist sensibel und respektvoll. Am Ende ist es eine Geschichte über Befreiung, über die Kraft des Hinschauens und die Hoffnung, dass Schmerz nicht für immer weitergegeben werden muss.