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Veröffentlicht am 05.08.2025

✎ Helga Glaesener - Die Vergolderin

Die Vergolderin
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Eigentlich hat mir „Die Vergolderin“ von Helga Glaesener gefallen. Zumindest sprachlich. Denn was man der Autorin ohne Zögern zugestehen kann, ist ihr feines Gespür für Sprache. Ihr Schreibstil ist atmosphärisch ...

Eigentlich hat mir „Die Vergolderin“ von Helga Glaesener gefallen. Zumindest sprachlich. Denn was man der Autorin ohne Zögern zugestehen kann, ist ihr feines Gespür für Sprache. Ihr Schreibstil ist atmosphärisch dicht, gut lesbar und bildhaft - genau das hat mich durch die Geschichte getragen.

Inhaltlich jedoch bin ich zwiegespalten. Der Roman spielt im historischen Kontext und folgt einer jungen Frau, die sich im Handwerk behaupten will - doch genau hier liegt mein größter Kritikpunkt. Als jemand, der sich ein wenig mit der Materie auskennt, war ich irritiert über die Gleichsetzung von Vergolderin und Goldschmied. Diese beiden Berufe unterscheiden sich deutlich - sowohl in der Technik als auch im Umgang mit Materialien und Zielprodukten. Glaesener wirft sie jedoch stellenweise in einen Topf. Ob das aus Unwissenheit oder dramaturgischer Vereinfachung geschieht, bleibt offen. Ich gestehe jeder Autorin eine gewisse kreative Freiheit zu, aber bei so grundlegenden Details wünsche ich mir mehr Präzision.

Ein weiterer Schwachpunkt liegt in der Konstruktion der Handlung. Manche Wendungen wirken schlicht zu konstruiert, einige Zufälle sind so „glücklich“, dass sie fast schon unrealistisch anmuten. Es fehlt mitunter an Tiefgang in der Figurenentwicklung - besonders bei den Gegenspielern. Die „Bösen“ bleiben eindimensional, während die Hauptfiguren erstaunlich problemlos durch die Konflikte navigieren. Das macht es manchmal schwer, wirklich mitzufiebern.

Und dennoch: Der Roman ist nicht ohne Reiz. Es gibt unerwartete Momente, interessante historische Ansätze und einen durchgehend soliden Spannungsbogen. Auch wenn vieles vorhersehbar ist, bleiben genug Unklarheiten, um weiterzulesen.

Der Roman hat eine dichte Atmosphäre und eine starke Protagonistin, ihm fehlt es jedoch an historischer Genauigkeit. Auch die stereotype Figurenzeichnung war nicht mein Fall. Wer also ein authentisches, tief recherchiertes Werk erwartet, wird vermutlich enttäuscht. Wer sich jedoch auf eine sprachlich schöne, unterhaltsame Lektüre mit historischem Flair einlassen möchte, könnte „Die Vergolderin“ durchaus genießen.

©2025 Mademoiselle Cake

Veröffentlicht am 07.07.2025

✎ Martin Horváth - Mein Name ist Judith

Mein Name ist Judith
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Ich hatte richtig Lust auf dieses Buch. Familiengeschichten mit historischem Tiefgang, vor allem rund um den Holocaust, lese ich viel - vorausgesetzt, ich bin in der passenden Stimmung. Und die war definitiv ...

Ich hatte richtig Lust auf dieses Buch. Familiengeschichten mit historischem Tiefgang, vor allem rund um den Holocaust, lese ich viel - vorausgesetzt, ich bin in der passenden Stimmung. Und die war definitiv da.

Trotzdem fiel mir der Einstieg überraschend schwer. Der Erzählstil ist sehr ausschweifend, fast schon sperrig. Ich fand lange keinen echten Zugang zur Handlung oder den Figuren. Mehr als einmal stand ich kurz davor, das Buch abzubrechen. Und dennoch: Etwas hielt mich - vielleicht die Hoffnung auf eine unerwartete Wendung, vielleicht einfach die Neugier. Auch wenn ich ehrlich sagen muss: Das Ende hat mich nicht überrascht.

Was das Buch aber durchaus interessant macht, sind die Zeitsprünge. Sie fordern Aufmerksamkeit, belohnen aber mit tieferen Einblicken in die Lebenswirklichkeit der Personen - damals wie heute. Diese Struktur kann für manche Lesende verwirrend wirken, trägt aber zur Komplexität der Geschichte bei.

Die Thematik - jüdische Identität, Erinnerung, Verlust, Vergangenheit und Gegenwart - wird mit einer gewissen Tiefe behandelt, bleibt aber für meinen Geschmack streckenweise zu distanziert. Das Erzählerische bleibt mir manchmal zu verkopft.

„Mein Name ist Judith“ ist eine anspruchsvolle Familiensaga, die sich mit wichtigen Themen auseinandersetzt, mich persönlich aber emotional nicht ganz erreichen konnte. Es ist kein Holocaust-Roman, der mir lange im Gedächtnis bleiben wird - auch wenn er definitiv Denkanstöße liefert.

©2025 Mademoiselle Cake

Veröffentlicht am 12.06.2025

✎ Ewald Pfleger - Live is Life. Mein Leben mit einem Welthit

Live is Life
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Als ich das Buch „Live is Life. Mein Leben mit einem Welthit“ von Ewald Pfleger entdeckte, musste ich es einfach haben. Dieser Song begleitet mich schon mein halbes Leben - nicht zuletzt wegen einer charmanten ...

Als ich das Buch „Live is Life. Mein Leben mit einem Welthit“ von Ewald Pfleger entdeckte, musste ich es einfach haben. Dieser Song begleitet mich schon mein halbes Leben - nicht zuletzt wegen einer charmanten Anekdote aus der Familiengeschichte: Meine Mutter erzählt gerne, wie ihre Schwester eines Nachts von einer Party kam, die Anlage aufdrehte und mit „Live is Life“ alle im Haus wissen ließ: Ich bin wieder da!

Mit dieser emotionalen Verbindung im Gepäck habe ich voller Neugier zu lesen begonnen. Der Einstieg ist unterhaltsam, mit einer angenehmen Leichtigkeit geschrieben, die mich schnell durch die ersten Seiten getragen hat. Ich hoffte, dass dieser beschwingte Grundton durch das ganze Buch anhält.
Ich kannte die Band OPUS zwar dem Namen nach, aber mehr auch nicht. Umso gespannter war ich auf die Hintergründe: Wer steckt hinter diesem Welthit? Welche Geschichten haben Ewald „Sunny“ Pfleger und seine Bandkollegen erlebt? Welche Künstlerinnen haben ihren Weg gekreuzt?

Tatsächlich beginnt das Buch vielversprechend. Pfleger wirkt offen, bodenständig, fast kumpelhaft - man liest ihn gern. Doch mit der Zeit verlor ich etwas den Anschluss. Es schleichen sich viele Wiederholungen ein, nicht nur inhaltlich, sondern auch sprachlich. Formulierungen wie „an anderer Stelle / später mehr“ ziehen sich durch das Buch - anfangs noch als stilistisches Mittel akzeptiert, später jedoch eher ermüdend.
Ein weiterer Punkt, der mir aufgefallen ist: Die Kapitel sind sehr kurz. Das kann Vor- und Nachteile haben. Anfangs empfand ich das eher als störend - ich kam kaum in einen echten Lesefluss. Doch mit der Zeit hat es mir geholfen, am Ball zu bleiben. Ein, zwei Kapitel lesen, weglegen, wieder reinfinden - das passte dann gut zu meinem Alltag.

Was mir leider gefehlt hat, waren tiefere Einblicke in die Musikszene jener Zeit. Zwar werden zahlreiche Musiker
innen und Wegbegleiter*innen genannt - teilweise seitenweise -, doch meist bleiben sie bloße Namen. Für Musikfans mit Insiderwissen vielleicht interessant, für Lesende wie mich jedoch zu viel des Guten. Statt bloßer Aufzählungen hätte ich mir tiefergehende Anekdoten, Hintergründe oder gar Aha-Momente gewünscht.

Dafür wurde eine meiner dringendsten Fragen endlich geklärt: Wie schreibt man eigentlich den Songtitel richtig?„Live is Life“, „Life is Live“, „Live is Live“ oder doch „Life is Life“? Das wird im Buch mit einem Augenzwinkern aufgegriffen und klar erklärt - ein charmantes Detail, das mir in Erinnerung bleiben wird.

Ewald Pflegers Autobiografie ist eine Hommage an einen Welthit und eine Zeit, in der Musik noch mit Kassette und Radiomitschnitt gelebt wurde. Wer die Band OPUS liebt oder sich für die österreichische Musikszene der 80er interessiert, wird hier sicher Freude haben. Wer hingegen auf der Suche nach tiefgründigen Musikgeschichten, Hinter-den-Kulissen-Erlebnissen oder exklusiven Insiderstorys ist, wird an einigen Stellen enttäuscht sein.

Trotz Kritikpunkten: Ich bereue es nicht, das Buch gelesen zu haben. Allein wegen der persönlichen Verbindung zum Song hat sich die Lektüre für mich gelohnt.

©2025 Mademoiselle Cake

Veröffentlicht am 06.05.2025

✎ Jeremy Renner - My Next Breath

My Next Breath
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Aufmerksam wurde ich auf das Hörbuch „My Next Breath“ von Jeremy Renner durch eine Verlagsankündigung. Ohne diesen Hinweis wäre es wahrscheinlich unbeachtet an mir vorbeigegangen - ähnlich wie der dramatische ...

Aufmerksam wurde ich auf das Hörbuch „My Next Breath“ von Jeremy Renner durch eine Verlagsankündigung. Ohne diesen Hinweis wäre es wahrscheinlich unbeachtet an mir vorbeigegangen - ähnlich wie der dramatische Unfall, der das Leben des Schauspielers im Jahr 2023 drastisch verändert hat.

Da ich kaum fernsehe und Jeremy Renner hauptsächlich in Action-Blockbustern zu sehen ist, die nicht meinem üblichen Filmgeschmack entsprechen, hatte ich bisher keine emotionale Verbindung zu seiner Person. Dennoch weckte das Thema mein Interesse - nicht wegen seiner Prominenz, sondern aufgrund der menschlichen Geschichte dahinter.

Renner schildert in seinem Hörbuch detailliert den schweren Unfall, der ihn beinahe das Leben gekostet hätte. Die Art und Weise, wie er über seinen Überlebenskampf spricht, ist ohne Frage eindrucksvoll. Seine Willenskraft und die körperliche Genesung sind bewundernswert - an einigen Stellen sogar zutiefst berührend.

Allerdings hinterlässt die Schilderung des Schicksalsschlags bei mir gemischte Gefühle. Die Erzählweise wirkt stellenweise selbstverliebt und verliert sich in Wiederholungen. Wenn bestimmte Details - wie die Verletzungen - mehrfach in identischer Form betont werden, geht der emotionale Effekt verloren und macht Platz für Ermüdung.

„My Next Breath“ ist in erster Linie ein sehr persönlicher Erfahrungsbericht. Wer eine tiefgründige Auseinandersetzung mit existenziellen Fragen erwartet oder Inspiration für das eigene Leben sucht, könnte enttäuscht werden. Statt Reflexion dominiert Selbstbezug. Kritisch sehe ich auch einige Aussagen über Freizeitbeschäftigungen, die für mich wenig respektvoll und teils abwertend wirkten.

Wer Jeremy Renner als Schauspieler bewundert oder sich für seine Lebensgeschichte nach dem Unfall interessiert, wird in „My Next Breath“ sicherlich spannende Einblicke finden. Für mich persönlich blieb das Hörbuch jedoch oberflächlich und zu sehr auf die eigene Person fokussiert. Der einzige Punkt, der bei mir wirklich nachhallte, war die ehrliche Dankbarkeit gegenüber seinen Ersthelfern - sie bildeten das emotionale Herzstück der Erzählung.

Fazit: Für Fans - vielleicht. Für Suchende - eher nicht.

©2025 Mademoiselle Cake

Veröffentlicht am 04.05.2025

✎ Ian Rankin - Inspector Rebus 1 Verborgene Muster

Verborgene Muster - Inspector Rebus 1
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Im ersten Band der Krimireihe rund um Inspector Rebus, „Verborgene Muster“ von Ian Rankin, wird der eigenwillige Ermittler John Rebus intensiv eingeführt. Durch zahlreiche Rückblenden und detailreiche ...

Im ersten Band der Krimireihe rund um Inspector Rebus, „Verborgene Muster“ von Ian Rankin, wird der eigenwillige Ermittler John Rebus intensiv eingeführt. Durch zahlreiche Rückblenden und detailreiche Einblicke in seine Gegenwart entsteht ein vielschichtiges Porträt eines gebrochenen, aber dennoch sympathischen Charakters.

Diese ausführliche Charakterzeichnung steht jedoch häufig im Vordergrund und lässt den eigentlichen Kriminalfall in den Hintergrund treten. Die Spannung bleibt dadurch verhalten, zumal die Auflösung der Tat recht unspektakulär erfolgt: Eine zufällige Entdeckung durch eine außenstehende Person bringt schließlich die entscheidende Wendung.

Angesichts der mittlerweile auf 24 Bände angewachsenen Serie (Stand 2025) liegt die Hoffnung nahe, dass dieser erste Teil in erster Linie dazu dient, den Protagonisten zu etablieren, während die folgenden Romane die kriminalistische Handlung und das Edinburgh-Setting stärker in den Fokus rücken.

©2025 Mademoiselle Cake