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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 04.08.2025

Körper, Krankheit, Kontrolle : ein kluges literarisches Krankheitsprotokoll

Junge Frau mit Katze
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Nachdem mich Lügen über meine Mutter so begeistert hatte, war ich umso erfreuter, dass die Geschichte von Ela weitergeht.
Ela hat gerade ihre Dissertation fertiggestellt, die noch verteidigt werden muss. ...

Nachdem mich Lügen über meine Mutter so begeistert hatte, war ich umso erfreuter, dass die Geschichte von Ela weitergeht.
Ela hat gerade ihre Dissertation fertiggestellt, die noch verteidigt werden muss. An Ausruhen ist also weiterhin nicht zu denken, doch nun wird sie zusätzlich von Halsschmerzen geplagt. Gleich zu Beginn wird eindrücklich ihr schwieriges Verhältnis zu Krankheiten und Ärzt:innen geschildert: Entweder sie spielt ihre Symptome herunter oder gerät in panische Notfallstimmung. Ela hat sich mit sich selbst gleichzeitig zu viel und zu wenig auseinandergesetzt, sie kennt ihre eigenen Grenzen nicht, weiß nicht, was sie von außen annehmen darf oder soll. (Außer vielleicht den Rat ihrer Therapeutin, bei Krankheit besser nicht die Mutter anzurufen …)

Der Körper ihrer Mutter spielt erneut eine zentrale Rolle: Während Ela als junge Frau mit anhaltendem Krankheitsleiden um Selbstverständnis ringt, scheint ihre Mutter plötzlich aufzublühen. Die Familienkonstellation bleibt – wie schon im Vorgänger – undurchsichtig: ein Bruder, der sich für alles zu schämen scheint, eine Mutter, die unberechenbar bleibt, und mittendrin Ela, die sich ihren eigenen Platz in dieser Konstellation nicht zugestehen kann oder darf. Und dennoch beeinflussen sie sich alle gegenseitig.

Auch die beste Freundin, die an Homöopathie glaubt und selbst kaum zur Ruhe kommt, spielt eine Rolle, ebenso wie die zermürbende wissenschaftliche Arbeit, die trotz allem kaum Perspektiven bietet. Die kleine Ausweichlüge über ihre angeblichen Japanischkenntnisse wächst sich aus, und dann ist da noch eine Katze namens Sir Nicholas. Ela ist viel mehr als nur „eine Frau mit Katze“, sie wird regelrecht gezwungen, sich über ihre Krankheitsgeschichte zu definieren, gefangen in einem Teufelskreis aus Symptomen, Selbstzweifeln und gesellschaftlichem Druck.

Besonders eindrücklich sind die Arztbegegnungen, in denen sie nicht ernst genommen wird – eine Situation, die vielen Frauen nur allzu bekannt vorkommen dürfte. Elas Erzählung wirft grundlegende Fragen auf: Wie krank macht Stress wirklich? Was ist eine valide Wahrnehmung von Krankheit? Und: Was schulde ich der Gesellschaft?

Ich liebe den Erzählstil. Ela wirkt mit ihrem wissenschaftlichen Hintergrund absolut glaubwürdig. Sie drückt sich klar und sachlich aus, aber nie ohne Erkenntnistiefe. Sie will wirklich verstehen, was mit ihrem Körper los ist, kann sich der emotionalen Ebene dabei aber nicht entziehen. Wenn sie zwischen ihren Überzeugungen hin- und herpendelt, bin ich immer ganz bei ihr, auch wenn sie ihre Gedanken wenige Seiten später selbst wieder revidiert. Ich vertraue ihr als Erzählerin vollkommen, ohne dass ich einen Wahrheitsanspruch erwarte.

Eine erkenntnisreiche Lektüre.

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Veröffentlicht am 04.08.2025

Ein ganz besonderer Guideline durch die literarische Welt

Einfach Literatur
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Klaus Willbrand ist nicht ohne Grund ein kleines TikTok- und Instagram-Phänomen, wie ich im Nachhinein feststellen durfte. Seine Art, über Literatur zu sprechen, strotzt nur so vor Fachwissen, bleibt dabei ...

Klaus Willbrand ist nicht ohne Grund ein kleines TikTok- und Instagram-Phänomen, wie ich im Nachhinein feststellen durfte. Seine Art, über Literatur zu sprechen, strotzt nur so vor Fachwissen, bleibt dabei aber stets zugänglich und nahbar. Dieses tiefe Wissen erklärt sich in seinem Buch auf beeindruckende Weise.

Seine Lesesozialisation unterscheidet sich deutlich von der heutigen. Schon früh wandte er sich von Jugendliteratur ab und widmete sein Leben der Welt der Bücher. Die Leselisten, die er präsentiert, sind nicht bloße Aufzählungen, sondern eingebettet in persönliche Erzählungen und Anekdoten: Begegnungen mit Literatur, die ihn geprägt haben. Dass er die Zeiten großer Schriftsteller*innen miterlebt hat, den Gründer von Kiepenheuer & Witsch persönlich kannte und sich beruflich wie privat ganz dem Lesen verschrieben hat, verschafft ihm natürlich einen einzigartigen Einblick in die literarische Welt. Besonders beeindruckt hat mich, wie er sich tageweise zurückzog, um sich ganz dem Lesen zu widmen, eine Hingabe, die tiefen Respekt verdient.

Sein Wissen ist in dieser Tiefe sicherlich nicht für jeden erreichbar, doch sollte man sich davon nicht einschüchtern lassen. Vielmehr sehe ich darin eine inspirierende, gut strukturierte Einladung, sich (wieder) der klassischen Literatur zu nähern.

Das Buch lässt sich wunderbar am Stück lesen, um einen chronologischen Einblick in Willbrands Leben und literarische Entwicklung zu bekommen. Ich persönlich werde künftig je nach Stimmung einzelne Kapitel zur Hand nehmen, um neue Lektüreinspirationen zu finden.

Eine liebevoll gestaltete Hommage an einen außergewöhnlichen Bücherliebhaber.

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Veröffentlicht am 30.07.2025

Die Nacht der Nächte - eine intensive Geschichte

Engel der letzten Nacht
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Kester träumt aus unterschiedlichen Gründen von der Nacht der Nächte. Für ihn fühlt sich das Ende der Schulzeit nicht wie ein Neuanfang an, sondern wie ein letzter Höhepunkt. Erwachsenwerden? Klingt nach ...

Kester träumt aus unterschiedlichen Gründen von der Nacht der Nächte. Für ihn fühlt sich das Ende der Schulzeit nicht wie ein Neuanfang an, sondern wie ein letzter Höhepunkt. Erwachsenwerden? Klingt nach Enttäuschung. Und als beim Feiern des Abiturs eine Situation eskaliert, ist für Kester klar: Diese Nacht soll die letzte sein, ganz oder gar nicht.

Mit dieser radikalen Haltung stürzt er sich in das nächtliche Hamburg, begegnet Menschen, denen er im Alltag nie begegnet wäre, schillernden, verletzlichen, rätselhaften Figuren, die alle ihre eigene Geschichte mit sich tragen. Doch keine Begegnung, keine Version dieser Nacht erfüllt seinen Traum. Kester sucht weiter, fragt sich, wie sein Leben und sogar sein Tod aussehen soll. Vielleicht denkt er zu viel, vielleicht ist es Blanka, die ihn nicht loslässt. Klar ist: Eine Erzählweise reicht nicht. Die Nacht der Nächte braucht mehr.

Gerade darin liegt der Reiz dieses Romans: Er ist offen, vieldeutig, widersprüchlich und genau deshalb so nah dran an der Wirklichkeit junger Menschen im Umbruch. Der Roman fordert seine definitiv Leser*innen heraus. Er spricht wichtige Fragen an: Was kommt nach der Schule? Was macht das Leben lebenswert? Und wer rettet eigentlich wen? Der Freund, der Engel, oder eine fremde Gestalt in einer Sommernacht?

Der Roman ist nicht die leichteste Kost, aber ein intensives, atmosphärisches Leseerlebnis. Ein Buch für Jugendliche eher ab etwa 16, die Lust auf Tiefe, ehrliche Gefühle und ein bisschen Magie inmitten der Realität haben.

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Veröffentlicht am 17.07.2025

Macht Lust auf Sommer und Abenteuer

FREI – Bester Sommer (FREI 1)
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Ausgerechnet Rottloch: ein winziges Dorf, das von allem höchstens eins hat: eine Schule, ein Kiosk, ein Fußballplatz vielleicht. Das soll der Schauplatz für den „besten Sommer“ sein? Joshua, der schon ...

Ausgerechnet Rottloch: ein winziges Dorf, das von allem höchstens eins hat: eine Schule, ein Kiosk, ein Fußballplatz vielleicht. Das soll der Schauplatz für den „besten Sommer“ sein? Joshua, der schon viele Städte gesehen hat und weiß, dass kein Ort lange bleibt, zeigt sich anfangs wenig beeindruckt. Als Einzelgänger rechnet er nicht damit, hier irgendwen zu treffen, der ihn interessiert. Umso überraschender ist es für ihn, dass die lockige, lebenslustige Nina ihn sofort in ihren Bann zieht und auch der draufgängerische Nico ihm sofort offen und freundschaftlich begegnet.

Gerade rechtzeitig startet an der erstaunlich engagierten Schule ein ungewöhnliches Projekt: Die Achtklässler sollen ein paar Tage in Kleingruppen im Wald verbringen, ganz ohne Handy, ohne Erwachsene. Nur sie, die Natur und vielleicht ein paar neue Erkenntnisse über sich selbst.

Die Gruppenzusammensetzung (Joshua, Nina, Nico, Nasrin und Koray) wirkte auf mich zunächst etwas zu konstruiert. Immerhin begegnet Joshua diesen Personen direkt am ersten Tag, und es gibt bestimmt noch mehr Schülerinnen in seiner Stufe. Aber diese Skepsis verflog schnell: Die Gruppe ist genau richtig. Jeder bringt seine Eigenheiten und Ecken mit, auch Erzähler Joshua selbst.

Besonders gelungen finde ich den Erzählstil. Joshua erzählt unmittelbar, mit spürbarem Zögern, mit Gedanken, die sich überschlagen, mit genauem Hinhören und Zweifeln. Man ist ganz nah dran an seinen Überlegungen, als würde er einem direkt ins Ohr flüstern.
Ein Roman, der richtig Lust auf Sommer macht, auf Natur, Nähe, Freundschaft und das Ungeplante. Und der zeigt: Manchmal ist genau der Ort, von dem man nichts erwartet, der Anfang von etwas Großem

Veröffentlicht am 23.06.2025

Ein Buch über die Periode – und plötzlich ging’s um viel mehr

Peggys Perioden-Projekt – Paint it red! – Nominiert für den Deutsch-Französischen Jugendliteraturpreis 2025
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Wie spricht man über die Periode, wenn die eigene Mutter nicht mehr da ist, um einem alles zu erklären? Und sollte es eigentlich nicht ganz normal sein, dass alle etwas dazu sagen können, egal, ob sie ...

Wie spricht man über die Periode, wenn die eigene Mutter nicht mehr da ist, um einem alles zu erklären? Und sollte es eigentlich nicht ganz normal sein, dass alle etwas dazu sagen können, egal, ob sie selbst bluten oder nicht?
Genau diese Fragen stellen sich Leni und Peggy. Inspiriert von Lenis älterer, engagierter Nachbarin starten sie ein Schulprojekt: eine Ausstellung rund um das Thema Menstruation. Was zunächst nach einem typischen Aufklärungsprojekt klingt, entwickelt sich schnell zu etwas viel Größerem. Nicht nur in der Schule, sondern auch in ihrem eigenen Leben.

Peggy verarbeitet noch immer das Verschwinden ihrer Mutter und merkt plötzlich, dass sie beginnt, sich zu verlieben. Leni hingegen ist trans, sie blutet also gar nicht, bleibt von den körperlichen Schmerzen verschont. Und trotzdem: So richtig wohl fühlt sie sich mit diesem „Nicht-Erleben“ auch nicht.
Ich muss zugeben: Anfangs hatte ich Sorge, das Buch würde das Thema zu gewollt oder belehrend behandeln. Auch bei der Idee mit der Ausstellung war ich erst skeptisch. Aber die Beiträge darin haben mich echt überzeugt. Besonders die visuelle Gestaltung hat mich abgeholt: Die Illustrationen der Autorin passen perfekt zum Ton und Inhalt des Romans.

Ein Roman mit vielen verschiedenen Perspektiven gerade zur ersten Periode, mit spannender Handlung, die es noch einmal lesenswerter macht!

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