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Veröffentlicht am 25.07.2025

Ein Roman so informativ wie ein Sachbuch über Misogynie in Korea.

Kim Jiyoung, geboren 1982
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Das Cover stellt gleich klar, was in diesem Roman und vor allem bis heute in dem Land (Süd-)Korea Programm ist: Die Erfahrungen von Frauen - über ihr gesamtes Leben hinweg - in dieser ostasiatischen Gesellschaft ...

Das Cover stellt gleich klar, was in diesem Roman und vor allem bis heute in dem Land (Süd-)Korea Programm ist: Die Erfahrungen von Frauen - über ihr gesamtes Leben hinweg - in dieser ostasiatischen Gesellschaft bezüglich der geringeren Wertigkeit des weiblichen Geschlechts sind letztendlich austauschbar. So gesichtslos, wie die Frau auf dem Cover, scheinen sich viele Frauen zu fühlen. Es geht scheinbar (fast) allen Frauen so ähnlich wie Kim Jiyoung, der jungen Frau, um deren Leben es sich in diesem Buch dreht. Sie wird 1982 in eine Zeit geboren, in der es Gang und Gäbe wird, weibliche Föten abzutreiben, die männlichen Nachkommen zu umsorgen und Männern zu jeglichen Privilegien zu verhelfen, selbst wenn aus rechtlicher Sicht "Gleichstellung" von Mann und Frau existiert. Kim Jiyoung zerbricht über diesen Druck der Gesellschaft.

Die Autorin Nam-Joo Cho beschreibt in ihrem Roman wirklich zügig und knackig die Lebensgeschichte von Jiyoung. Dabei reiht sich ein Ereignis der erlebten Minderwertigkeit von ihr als Frau an das nächste - von Geburt an bis zur eigenen Mutterschaft. Zwischendurch wird durch Schilderungen zu Jiyoungs Mutter und Schwiegermutter ebenso deutlich gemacht, dass auch Frauen im höheren Alter vor der Geringschätzung ihrer Leistungen keinen Schutz erfahren. Die Schilderungen erscheinen mitunter - selbst über die nur 200 Seiten des Buches hinweg - sehr ermüdend. Man weiß beim Lesen nicht so recht, wohin die Autorin mit ihren Schilderungen möchte, außer den Groll gegen die unfairen gesellschaftlichen Normen bei den Lesenden zu vergrößern. Aber diese Ermüdung ist gewollt, denn genauso ergeht es den modernen Frauen in Korea. Auch sie müssen bis zur absoluten Erschöpfung mit dem belastenden, ungleichen Weltbild klarkommen und vielen Rollen auf einmal gerecht werden. Sprachlich ist der Roman knapp und emotionslos gehalten. Es tauchen sogar ergänzende Fußnoten mit Literaturhinweisen zu sachbuchartigen, soziologischen Erkenntnissen, die in den eigentlichen Romantext eingeflochten sind, auf. Das verwundert zunächst bei der Lektüre, erklärt sich jedoch im klugen Ende des Buches. Dieses Ende stellt für mich den eigentlichen Clou des Buches von Cho Nam-Joo dar.

Insgesamt handelt es sich hier um einen äußerst lesenswerten Roman, in dem die Lesenden viel lernen über die bis heute bestehende Ungleichbehandlung der Geschlechter in Korea. Er konnte mich nicht hundertprozentig emotional packen, ist jedoch sehr schlau konstruiert und überrascht mit einem Ende, das die Darstellungen des gesamten Buches auf den Punkt bringt. Eine klare Leseempfehlung meinerseits.

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Veröffentlicht am 25.07.2025

Sieben Frauen und ein Mann in einer Lebenskrise

Wer soll denn das anziehen, bitteschön
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In den acht Erzählungen dieses Bandes versammelt Susanne Schedel fast durchweg Frauen an verschiedenen Wendepunkte bzw. in Krisen ihres Lebens. Dies variiert von der Modedesignstudentin bis hin zur Witwe ...

In den acht Erzählungen dieses Bandes versammelt Susanne Schedel fast durchweg Frauen an verschiedenen Wendepunkte bzw. in Krisen ihres Lebens. Dies variiert von der Modedesignstudentin bis hin zur Witwe Mitte 70, die ihr Glück im Casino sucht.

Dabei bleiben die Geschichten untereinander stets abwechslungsreich, wenn auch im jeweiligen Plot wenig überraschend. Herausragend an diesem Erzählband ist definitiv die Sprache der Autorin. Auf hohem Niveau zieht diese die Lesenden sofort in das entsprechende Szenario und zu den Protagonistinnen heran. Warum sich unter die sieben Frauen als Hauptprotagonistinnen nun noch als achter ein Mann geschlichen hat, bleibt offen. Wobei seine Geschichte meines Erachtens auch eine der stärksten des Bandes darstellt.

Somit handelt es sich hierbei um eine durchaus thematisch eher leicht angelegte Sammlung, die durch ihre Sprache heraussticht, und mal gut zwischendurch gelesen werden kann. Eigentlich 3 Sterne, aber durch die Sprache auf die 4 Sterne gehoben.

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Veröffentlicht am 25.07.2025

Darf eine hysterische Furie (aka "eine Frau") ein Linienflugzeug fliegen?

Freiflug
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Wer an die 70er denkt, hat vielleicht am ehesten Hippies, freie Liebe und progressive Offenheit im Hinterkopf. Leider sah die Realität für die breite Masse (ausgenommen weiße, gesunde Männer mittleren ...

Wer an die 70er denkt, hat vielleicht am ehesten Hippies, freie Liebe und progressive Offenheit im Hinterkopf. Leider sah die Realität für die breite Masse (ausgenommen weiße, gesunde Männer mittleren Alters) ganz anders aus. Dass Vergewaltigung in der Ehe zu dieser Zeit immer noch straffrei war, sollte vielen bekannt sein. Folgendes vielleicht nicht: "Die Frau genügt ihren ehelichen Pflichten nicht schon damit, dass sie die Beiwohnung teilnahmslos geschehen lässt. Wenn es ihr [...] versagt bleibt, im ehelichen Verkehr Befriedigung zu finden, so fordert die Ehe von ihr doch eine Gewährung in ehelicher Zuneigung und Opferbereitschaft und verbietet es, Gleichgültigkeit oder Widerwillen zur Schau zu tragen." Das Bundesgericht stellte also fest, dass eine Ehefrau sich nicht nur von ihrem Ehemann vergewaltigen lassen durfte, sondern auch noch Freude daran vorzuspielen hatte. Diese und viele weitere Informationen erhält man beim Lesen des Romans "Freiflug" von Christine Drews neben der Haupthandlung um die angehende Linienflugpilotin Rita Maiburg. Die wahre Geschichte dieser Frau, die es sich wagte, die große Lufthansa zu verklagen, bildet hier eindeutig nur den Rahmen für ein Manifest zur Geschlechterdiskriminierung in der Nachkriegs-BRD.

Die Profession der Drehbuchautorin von Drews merkt man diesem Roman deutlich an. Bereits der Auftakt des Buches schafft mit seinem Prolog eine spannende Grundstimmung für die Geschichte mehrerer mutiger, starker Frauen in den 1970ern. Das Buch ist so leicht und fließend geschrieben, dass man es trotz der Thematik durchaus an einem Tag verschlingen kann. Das will man am liebsten auch, da die Autorin durch den Wechsel der Perspektiven von Rita zu ihrer (fiktiven) Anwältin Katharina Berners gekonnt die Leserinnen an die Geschichte bindet. Und nebenher erfährt man gleich noch unglaublich viele Fakten zum Zustand der Wahrnehmung von Frauen in Familie und Öffentlichkeit dieser Zeit. Stets wird man dazu angeregt, nicht nur den Kopf über diese Unverschämtheiten und Misogynie im Alltag aller Frauen zu schütteln, sondern eben auch den Blick in das Heute zu werfen und zu hinterfragen, was sich noch immer ändern muss, um eine wirkliche Gleichberechtigung erreichen zu können. Literarisch stellt sich die Lektüre durchaus anspruchsvoll dar, verliert jedoch durch den Drang der Autorin wirklich alles eindeutig auszusprechen. Hier bleibt nichts ungesagt, wenig bleibt der Fantasie der Leserinnen überlassen. Dass dann auch noch die toughe Anwältin besonders verschiedene private Belange betreffend unglaubwürdig naiv angelegt ist, bremst die Begeisterung für den Roman ein wenig aus. Auch nimmt sich die Autorin vielleicht ein oder zwei Missstände der damaligen Zeit zu viel an. Weniger hätte hier vielleicht (noch) mehr Eindruck hinterlassen.

Insgesamt stellt dieser sehr gute Roman jedoch eine äußerst empfehlenswerte, weil in der Romanform leicht verdauliche, Lektüre zum Thema Geschlechterdiskriminierung und Feminismus dar.

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Veröffentlicht am 25.07.2025

Ein guter Titel ist schon die halbe Miete

Machen Sie mal zügig die Mitteltüren frei
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Dass ein guter Buchtitel schon die halbe Miete ist, bewahrheitet sich leider nicht bei jeder Lektüre. Bei diesem Buch vermittelt der (meines Erachtens großartige!) Titel zunächst ein recht humorvolles ...

Dass ein guter Buchtitel schon die halbe Miete ist, bewahrheitet sich leider nicht bei jeder Lektüre. Bei diesem Buch vermittelt der (meines Erachtens großartige!) Titel zunächst ein recht humorvolles Buch. Auch der Text auf der Buchrückseite verstärkt den ersten Eindruck nochmals. Man erwartet amüsante Anekdötchen aus dem Berufsleben einer langjährigen berliner Busfahrerin. Aber weit gefehlt. Man bekommt zwar durchaus Situationskomik geliefert, einen leichten Schreibstil, der literarisch trotzdem anspruchsvoll ist, aber hauptsächlich geht es hier um Unerwartetes. Susanne Schmidt berichtet nämlich ungeschönt von ihrem späten Berufseinstieg mit Mitte Fünfzig bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG). Die Leser*innen sind dabei, wenn die Autorin sich zur Bewerbung aufgrund einer Stellenoffensive der BVG speziell für "ältere Frauen" (außerhalb des gebärfähigen Alters) entscheidet. Sitzen mit am Tisch während der Auswahlgespräche. Drücken zusammen mit ihr die Schulbank, um in nur vier Monaten einen komplett neuen Beruf zu erlernen und begleiten sie weitere Monate in ihrem neuen Beruf als Busfahrerin in der chaotischen Millionenmetropole Berlin.

Frau Schmidt schreibt zu ihrem Berufseinstieg als Busfahrerin in einer der ersten "Frauenklassen" (übrigens um 2010!): "Plötzlich öffnete sich eine Tür in einen von Männern beherrschten öffentlichen Bereich, der die ganze Stadt betrifft, ja, ihr in gewisser Weise ein Gesicht gibt. [...] Wie sehr diese kleine Tür klemmt, dass niemand sie ölt, abhobelt, neu einhängt und weit öffnet, wussten wir da noch nicht." So werden konkrete Situationen in diesem "Männerberuf" geschildert, die jeder Frau(-enrechtlerin) und hoffentlich auch vielen Männern die Nackenhaare aufstellen lassen. Erschreckend.

Wie gesagt, erwartet hatte ich eine locker-leichte Lektüre. Ich wurde jedoch mit einer tiefgründigen, gesellschaftkritischen, sexismuskritischen, klugen und durchaus zwischendurch auch humorvollen Lektüre belohnt. Die Autorin schreibt wirklich mitreißend und literarisch auf hohem Niveau. Allein die Entscheidung des Verlags zum oben erwähnten Klappentext sowie der Sortierung letzten beiden Kapitel "Endstation - Das Fazit" und "Anhang" mindern die Qualität des Buches. Der Anhang enthält etwa erneut kleine Anekdoten und ausführlichere Gedankengänge zu einem Thema, was einfach nicht in einen Anhang gehört, sondern ein gesondertes Kapitel vor dem Fazit hätte sein müssen. Das Fazit macht die Lektüre rund und man geht definitiv klüger sowie verständnisvoller aus der Sache raus. Man wird danach zukünftig immer die Mittetüren freihalten. ;) Ein insgesamt durchweg lesenwertes wie auch empfehlenswertes Buch.

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Veröffentlicht am 25.07.2025

Schwer fassbar aber lesenswert

Adas Raum
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Im ersten Roman der Autorin Sharon Dodua Otoo kommen nicht nur viele (schwarze) Frauen zu Wort, sondern auch Reisigbesen, Räume und Reisepässe. Aber dazu später mehr. Das Buch umspannt in wechselnden Episoden ...

Im ersten Roman der Autorin Sharon Dodua Otoo kommen nicht nur viele (schwarze) Frauen zu Wort, sondern auch Reisigbesen, Räume und Reisepässe. Aber dazu später mehr. Das Buch umspannt in wechselnden Episoden einen zeitlichen Rahmen von 1459 bis 2019 und beleuchtet Lebensabschnitte von vier verschiedenen Frauen, alle genannt Ada, alle mit einer Verbindung zueinander. Von der Einwohnerin eines Küstenstreifens Westafrikas, welche Kontakt mit einem europäischen Eroberer hat, über eine Frau, die den ersten Computer im 19. Jahrhundert ersann, zu einer KZ-Inhaftierten, die dort zur Prostitution gezwungen wird, bis hin zur Informatik-Studentin Ada im Berlin der Gegenwart.

So weit so verständlich. Nur ist das alles bei diesem Roman nicht so einfach. Es gibt nämlich noch die Passagen, in denen die oben genannten "Dinge" aus der Ich-Perspektive zu Wort kommen. Diese haben sogar Kontakt zu Gott, und sie ist sogar sehr humorvoll. Alle arbeiten daran, dass soetwas wie ein "Schicksal" erfüllt wird und alle Protagonisten zur richtig Zeit am richtigen Ort sind. Klingt alles sehr spannend. Ist es über weite Strecken auch. Auf jeden Fall mal etwas anderes. Es wird mir persönlich dann zum Ende hin jedoch zu diffus mit dem Plot. Die Autorin sagt selbst: Es sei bei diesem Erzählstil nicht so wichtig, was in einer Geschichte passiert, sondern wie es passiert. Das Wie ist hier definitiv mal unüblich und dadurch auch fordernd. Zur verwendeten Sprache ist mir über dies noch wichtig zu erwähnen, dass dies der erste literarische Text ist, in dem ich ganz selbstverständlich und konsequent "mensch" statt "man" lese. (Und es ist wirklich sehr schön zu lesen.) Denn hier spielt nicht nur Race eine Rolle in der Geschichte, sondern auch Gender. Wirklich sehr gut gemacht.

Dieser fordernder Debütroman ist wirklich äußerst lesenswert, sofern mensch nicht zwingend auf einen kontinuierlichen Eregnissfluss besteht. Lässt mensch sich darauf ein, bekommt mensch einen interessanten Einblick in verschiedenste (schwarze) Frauenleben. Eine klare Leseempfehlung von mir.

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