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Veröffentlicht am 25.07.2025

„Was wäre, wenn?“

Im Leben nebenan
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Was wäre, wenn dein Leben eine andere Abzweigung genommen hätte?
Anne Sauers Debütroman erzählt von Antonia, die eines Morgens in einem Leben erwacht, das sie nicht kennt – aber vielleicht hätte führen ...

Was wäre, wenn dein Leben eine andere Abzweigung genommen hätte?
Anne Sauers Debütroman erzählt von Antonia, die eines Morgens in einem Leben erwacht, das sie nicht kennt – aber vielleicht hätte führen können. Zwischen Altbauwohnung und Dorfhaus, Partner und Ex-Liebe, Kinderlosigkeit und Mutterschaft verhandelt dieser Roman große Fragen weiblicher Selbstbestimmung – und bleibt dabei sprachlich leicht, aber emotional tief.

Was hat das Buch bei mir ausgelöst?
Der Einstieg hat mich sofort gepackt. Die Idee, zwei Lebenswege parallel zu erzählen, hat enorm viel Potenzial – besonders weil Mutterschaft, Care-Arbeit, Reproduktionsmedizin, Zyklus-Tracking, Partnerschaft nach Fehlgeburt oder auch bewusste Kinderlosigkeit sonst selten so komplex verhandelt werden.

Einige Szenen hallen lange nach – etwa, wenn Toni „nur noch zur Beruhigung“ ihren Eisprung ignoriert oder während der hormonellen Behandlung Wut empfindet: „Er würde einfach nur an sein Erspartes ranmüssen. Nicht an seinen Körper, seine ganze Existenz.“ (S. 132)

Die Beobachtungen zur strukturellen Überforderung von Frauen im System – in Beziehungen, im Gesundheitssystem, in der Arbeitswelt – sind pointiert, ohne belehrend zu sein. Die ironischen Dialoge (Stichwort: Parenthood Prime) und kluge Zeilen wie „Wenn sie sich heute anfassten, dann oft versehentlich“ (S. 213) zeigen, wie Intimität im Alltag zu verschwinden droht.

Gegen Ende hat mich der Roman ein wenig verloren: Die Offenheit des Schlusses war mir persönlich zu vage. Trotzdem bleibt viel hängen – besonders das leise Nebeneinander von Nähe und Entfremdung, Hoffnung und Erschöpfung.

Für wen ist das Buch interessant?
Für alle, die sich für feministische Gegenwartsliteratur interessieren, sich in Fragen rund um Kinderwunsch, Körper, Care oder Entscheidungsmüdigkeit wiederfinden – oder einfach Bücher mögen, die mehr über das Nichtgesagte erzählen als über das Offensichtliche.

Fazit
Ein sprachlich kluges, emotional vielschichtiges Debüt über Entscheidungskonflikte und das Recht auf ein Leben jenseits gesellschaftlicher Erwartungen. Besonders stark in den Beobachtungen zu weiblicher Selbstwahrnehmung und dem, was es bedeutet, gleichzeitig Kind, Partnerin, Mutter, Freundin und Arbeitnehmerin sein zu sollen – oder eben nicht.

Triggerhinweis: Das Buch enthält sensible Themen wie Fehlgeburt, unerfüllten Kinderwunsch, medizinische Eingriffe und postpartale Erschöpfung.

Danke an @vorablesen.de, @fuxbooks & @dtv_verlag für das kostenlose Lese-/Rezensionsexemplar.

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Veröffentlicht am 06.07.2025

Eine Rettung in verschiedenen Weisen

Die Rettung
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"Kann schon sein, dass wir alle eines Tages ertrinken, verbrennen oder verhungern, aber bis dahin können wir immer noch selber entscheiden, ob wir zur Vernichtung beitragen oder füreinander da sein wollen." ...

"Kann schon sein, dass wir alle eines Tages ertrinken, verbrennen oder verhungern, aber bis dahin können wir immer noch selber entscheiden, ob wir zur Vernichtung beitragen oder füreinander da sein wollen." (Buchzitat - S. 312)
In „Die Rettung“ entwirft Charlotte McConaghy ein intensives, atmosphärisches Kammerspiel auf einer Insel zwischen Australien und der Antarktis, wo sich fünf Menschen – eine Familie und eine Fremde – mit sich, der Natur und ihrer Vergangenheit auseinandersetzen müssen. McConaghy, die mit Zugvögel ihren internationalen Durchbruch feierte, ist bekannt für ihre poetische Sprache und ihr Engagement für Umweltthemen. Auch in diesem Roman steht ihre Faszination für Wildnis, Verlust und menschliche Beziehungen im Zentrum – ruhig, bildgewaltig, existenziell.

Worum geht’s?

Dominic Salt lebt mit seinen drei Kindern Fen, Raff und Orley auf der abgelegenen Insel Shearwater, die allmählich vom Meer verschlungen wird. Als nach einem Sturm eine verletzte Frau – Rowan – an die Küste gespült wird, beginnt ein langsames Aufeinander-Zubewegen. Die Kinder müssen sich von der geliebten Insel verabschieden, während Vergangenheit, Geheimnisse und alte Wunden zwischen den Figuren aufbrechen. Was ist mit Rowans Partner geschehen? Was hat Dominic zu verbergen? Und was braucht es, um einander wirklich zu retten?

Meine Meinung

"Die Rettung" war mein erstes Buch von Charlotte McConaghy – und es wird sicher nicht mein letztes bleiben. Zwar hatte ich anfangs gewisse Startschwierigkeiten: Der ruhige Einstieg, die zurückhaltenden Figuren und das zunächst unklare Setting haben mich nicht sofort abgeholt. Doch je weiter ich las, desto mehr entfaltete sich die emotionale Tiefe des Romans.

McConaghy gelingt es meisterhaft, Natur, Klima und Menschlichkeit zu verweben. Ihre Sprache ist poetisch, eindringlich, ohne je zu pathetisch zu sein. Besonders beeindruckt haben mich die atmosphärischen Landschaftsbilder:

„Draußen der tollwütige Sturm… Drinnen kämpft die See noch immer um ihr Recht an der Frau, lässt nicht von ihr ab.“ (S. 14)
Die Natur ist in diesem Roman nicht Kulisse, sondern Charakter – voller Schönheit und Bedrohung.

Auffallend war auch das feine Gespür für Trauer, Elternschaft und emotionale Ambivalenz. Dominic ist kein Held, sondern ein Vater, der an seiner Rolle wächst, scheitert und dennoch weitermacht. Seine Gedanken zur Tochter Fen bringen das Thema Elternschaft auf den Punkt:

"...Ich will ihr Raum zum Wachsen lassen, aber auch verhüten, dass sie mir entgleitet. Sie soll das Leben kennenlernen, seine schönen und komplexen Seiten, sie soll Dinge wagen, Fehler machen und Liebe erfahren, wie alle Menschen, und doch kommt mir das alles zu groß vor. zu überwältigend." (S.90)
Beeindruckend fand ich zudem die vielschichtige Thematisierung von Liebe, Fürsorge und Zugehörigkeit – auch jenseits klassischer Rollenbilder. Was bedeutet Elternschaft, wenn man sich selbst nicht dafür geschaffen fühlt? Was heißt es, sich trotz Trauma zu öffnen? Und wie kann Liebe Menschen heilen, ohne sie zu retten?

Die Kindercharaktere, allen voran Fen, haben mein Herz berührt. Wie sie sich um ihren kleinen Bruder kümmern, wie sie den Tod ihrer Mutter verarbeiten – all das wird glaubhaft und mit viel Wärme erzählt. Bewegend war etwa die Szene, in der Raff Geige spielt und seinen Vater zum Weinen bringt.

Auch das ökologische Thema wird subtil, aber kraftvoll integriert: Das Artensterben, die fragile Schönheit der Wale, Mangroven und Albatrosse, das Zusammenspiel von Natur und Mensch – all das erinnert daran, wie sehr unser Überleben mit dem anderer Lebewesen verknüpft ist. Ein Satz bleibt mir dabei besonders im Gedächtnis, weil er unsere Vergänglichkeit aufzeigt:

„Alles auf der Welt wird verbrennen, ertrinken oder verhungern, auch wir.“ (S. 137)
Die Auflösung der Geschichte ist dramatisch, traurig, überraschend – und doch hoffnungsvoll. Und es sind die kleinen Szenen, die mich am meisten berührt haben: die Wombats, die ihre Bauten mit anderen Tieren teilen, Rowans Reflexion über Liebe und Verlust, Doms leiser Abschied von der Vergangenheit.

Fazit

Ein bewegender Roman über Verlust, Schuld, Fürsorge und Hoffnung. Charlotte McConaghy zeigt, dass Rettung viele Gesichter hat – körperlich, emotional, familiär, ökologisch. „Die Rettung“ meint nicht nur, gerettet zu werden – sondern auch, andere zu retten, sich selbst neu zu finden und die Welt mit anderen Augen zu sehen. Ein stiller, kraftvoller Roman, der nachhallt – und der zeigt, wie tief Rettung in unseren Beziehungen, Entscheidungen und unserer Verbindung zur Natur verankert ist.

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Veröffentlicht am 16.06.2025

Genuss, der weh tut

PLEASURE
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Jovana Reisingers "Pleasure" ist kein Wohlfühlbuch. Es ist ein vielschichtiger, genreübergreifender Text, der scheinbar Alltägliches – Essen, Schlaf, Sprache, Trauer, Körper, Liebe, Bett, Humor, Konsum, ...

Jovana Reisingers "Pleasure" ist kein Wohlfühlbuch. Es ist ein vielschichtiger, genreübergreifender Text, der scheinbar Alltägliches – Essen, Schlaf, Sprache, Trauer, Körper, Liebe, Bett, Humor, Konsum, Klasse und Gewalt – als Brenngläser für gesellschaftliche Machtverhältnisse nutzt. Was harmlos beginnt – mit Gedanken über Geschmack oder das Alleinsein – entpuppt sich schnell als präzise Analyse davon, wie patriarchale und kapitalistische Systeme selbst in intimsten Momenten mitwirken: auf unseren Tellern, in unseren Beziehungen, auf unserer Zunge.

Ein feministischer Blick auf Genuss und Herkunft

Reisinger entlarvt Genuss als Klassenprivileg. Wer was isst, wie darüber spricht, oder wo einkauft, ist niemals neutral. Selbst einfachste Speisen – wie eine Knoblauchsuppe oder ein Achterl Wein – werden je nach Kontext zu Insignien von Distinktion oder sozialer Herkunft. Das Buch zeigt: Genuss ist performativ. Er wird nicht nur erlebt, sondern vor allem dargestellt – über Kleidung, Sprache, Gesten. Besonders schmerzhaft ist das für Menschen, die „zwischen“ Klassen aufgewachsen sind, deren Körper und Zunge beides kennen, aber in keiner Umgebung ganz dazugehören.

Schreiben als Widerstand

Literatur ist in "Pleasure" kein elitäres Medium, sondern ein Werkzeug gegen das Schweigen – auch wenn sie als „Zeitverschwendung“ markiert wird. Reisinger denkt Schreiben radikal körperlich: Schreiben ist Anstrengung, Verzicht, Verweigerung. In einer Welt, die auf Produktivität und Optimierung ausgerichtet ist, wird jede Form des Innehaltens – Lesen, Denken, Verarbeiten – zum politischen Akt.

Diese Perspektive stellt auch die Erzählform infrage: Der Text ist fragmentarisch, springt zwischen Essay, Memoir, autofiktionalem Tagebuch – genau wie das Denken selbst, das sich nicht linear entwickelt. Dadurch entsteht Nähe, nicht Distanz.

Körper, Schlaf und Trauer: Politik des Privaten

Das Buch macht deutlich, wie stark selbst unser Rückzug in die eigenen vier Wände politisch aufgeladen ist. Schlaf, Trauer, Krankheit, Rückzug – all das, was nicht verwertbar ist – wird marginalisiert oder pathologisiert. Aber Reisinger beansprucht genau das als Raum weiblicher Würde. Ihr Bett wird zum Gegenentwurf zur Außenwelt: ein Ort, an dem sie denken, lieben, hassen, schreiben kann – aber eben auch scheitern darf.

Trauer wird nicht romantisiert, sondern physisch durchlitten. Der Körper wird zum Ort des Widerstands, aber auch der Verletzlichkeit. Und genau das verleiht dem Text eine kraftvolle Authentizität, fernab von therapeutischem Empowerment-Sprech.

Sprache, Klassenherkunft und der Zwang zur Selbstinszenierung

Ein zentrales Thema ist, wie Sprache zur sozialen Eintrittskarte wird – und gleichzeitig zur Falle. Die Protagonistin wechselt zwischen Hochsprache, Dialekt, Ironie und Slang – nicht aus Stilwillen, sondern aus Notwendigkeit. Wer sich „nach oben“ arbeiten will, muss nicht nur Leistung bringen, sondern klingen, essen, wohnen und lachen wie die anderen. Dabei wird deutlich: Das Klassensystem wirkt subtil, aber brutal.

Auch Konsum – Clean Eating, Ozempic, Designerkleider – wird nicht als Lifestyle, sondern als Zwang zur Selbstoptimierung sichtbar. Was nach Selbstfürsorge aussieht, ist oft bloß Anpassung an ein System, das weibliche Körper klein, leise und kontrolliert will.

Feministische Wut ohne Klischees

Was "Pleasure" besonders macht, ist die kluge, nicht belehrende Art, feministische Wut zu artikulieren. Es geht nicht nur um die Gewalt durch Männer, sondern um die strukturelle Abwertung weiblicher Selbstständigkeit – in Beziehungen, Karrieren, oder der Sprache selbst („Ex-Frau“, „Versagerin“, „alleine im Bett“).

Gleichzeitig kritisiert Reisinger auch die internalisierte Frauenfeindlichkeit, etwa wenn ältere Frauen junge kritisieren, weil sie „aufgeben“, statt zu kämpfen. Dabei stellt das Buch die richtige Frage: Warum wird weiblicher Rückzug als Scheitern gewertet – und nicht als Konsequenz auf dauerhafte Überforderung?

Fazit

Alles in allem ist "Pleasure" ein komplexes, forderndes, wütendes und dabei enorm kluges Buch. Es verwebt persönliche Erfahrung mit struktureller Analyse, ohne sich in Theorie zu verlieren. Jovana Reisinger schafft es, Gesellschaftskritik spürbar zu machen – in Sprache, Körper und Alltag. Das Buch ist nichts für Leser:innen, die lineare Erzählungen oder einfache Lösungen suchen. Aber es ist ein Geschenk für alle, die wissen wollen, wie tief Klassenverhältnisse und patriarchale Strukturen in unsere intimsten Lebensbereiche eindringen – und was es bedeutet, sich ihnen mit Sprache, Stil und Sturheit zu widersetzen. Von mir gibt es 4 von 5 Sternen.

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Veröffentlicht am 09.06.2025

Ein starkes literarisches Zeugnis über Verlust und Überleben

Radio Sarajevo
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„Radio Sarajevo“ ist ein bewegender Debütroman, der den Krieg, die Flucht und den Neuanfang eines Kindes im zerfallenden Jugoslawien erzählt. Tijan Sila, geboren 1981 in Sarajevo, emigrierte Mitte der ...

„Radio Sarajevo“ ist ein bewegender Debütroman, der den Krieg, die Flucht und den Neuanfang eines Kindes im zerfallenden Jugoslawien erzählt. Tijan Sila, geboren 1981 in Sarajevo, emigrierte Mitte der 90er Jahre mit seiner Familie nach Deutschland und verarbeitet in seinem literarischen Debüt eigene Erfahrungen seiner Kindheit und Jugend während des Bosnienkriegs. Heute lebt er in Kaiserslautern und arbeitet als Lehrer.

Worum geht’s genau?
Der Roman erzählt aus der Sicht des 10-jährigen Tijan, der den Ausbruch des Bosnienkriegs miterlebt. Sarajevo wird bombardiert, die Stadt versinkt in Chaos und Zerstörung. Der Junge wächst zwischen Ruinen auf, lernt, sich in einer Welt zu behaupten, die von Gewalt und Verlust geprägt ist. Er handelt auf dem Schwarzmarkt, um zu überleben, erlebt, wie Freundschaften zerbrechen, wie Menschen zu Tätern und Opfern werden. „Radio Sarajevo“ schildert die brutale Realität eines Bürgerkriegs, der nicht nur politische, sondern tief menschliche Abgründe offenlegt. Es ist zugleich eine Geschichte vom Überleben, von Traumata und von der Suche nach einem neuen Leben.

Meine Meinung
Das Buch lange jetzt seeehr lange auf meinem SuB. Ein Wellnesswochenende hat jetzt dazu geführt, dass ich es endlich lesen konnte. Eine gute Entscheidung, denn Tijans Schilderungen haben mich emotional echt gepackt. Die Sprache ist roh und authentisch, die Darstellung des Kriegsalltags und der psychischen Belastung ist eindringlich und unverblümt. Man spürt den Geruch von verbranntem Material, die Angst und Verzweiflung eines Kindes, das zwischen Verlust und Überlebenswillen gefangen ist. Besonders stark fand ich, wie der Autor die Ambivalenz menschlichen Handelns darstellt: Dichter werden zu Mördern, Täter zu Helden – das ist eine erschütternde Realität, die hier ohne Beschönigung gezeigt wird.

Die Erzählweise ist dabei sehr persönlich und emotional, ohne ins Kitschige abzurutschen. Die Darstellung der Kriegstraumata und die Mechanismen, wie Menschen sich an das Unvorstellbare gewöhnen, sind nachvollziehbar und nachdenklich stimmend. Gleichzeitig vermittelt das Buch immer wieder die Hoffnung auf Heilung und Neuanfang, auch wenn die Narben tief sitzen.

Der Umgang mit der Sprache und den kulturellen Eigenheiten, wie etwa der besonderen bosnischen Fluchformeln, verleiht dem Buch eine besondere Authentizität. Manche Szenen sind brutal und verstörend, etwa die Schilderungen von Gewalt gegen Frauen oder die Armut, die aus Mangel an Nahrung resultiert. Diese ungeschönte Darstellung ist wichtig und macht die Geschichte umso kraftvoller.

Einzig die Komplexität des Krieges, mit seinen vielen Fronten und wechselnden Loyalitäten, war für mich nicht immer leicht nachvollziehbar und hätte noch detaillierter beschrieben werden können. Etwa mit einem Nach- oder Vorwort. Insgesamt ist „Radio Sarajevo“ ein sehr gelungenes Debüt, das Krieg und Flucht mit großer Empathie und sprachlicher Kraft erzählt.

Fazit
„Radio Sarajevo“ von Tijan Sila ist ein eindringliches und emotional packendes Buch über die Schrecken des Krieges und die Kraft des Überlebens. Die Authentizität und Tiefe der Erzählung verdienen 4 von 5 Sternen. Es ist ein wichtiges Buch, das Geschichte und Menschlichkeit lebendig werden lässt. Ich danke dem Hanser Berlin Verlag und Netgalley herzlich für das Rezensionsexemplar.

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Veröffentlicht am 09.06.2025

Bewegende Frauenporträts aus einem Ort zwischen Hoffnung und Schmerz.

Die Frauen von Bidi Bidi
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In "Die Frauen von Bidi Bidi" erzählt Charline Effah von einer jungen Krankenschwester, die nach ihrer Flucht aus dem Kongo im ugandischen Flüchtlingslager Bidi Bidi landet. Dort trifft sie auf Frauen, ...

In "Die Frauen von Bidi Bidi" erzählt Charline Effah von einer jungen Krankenschwester, die nach ihrer Flucht aus dem Kongo im ugandischen Flüchtlingslager Bidi Bidi landet. Dort trifft sie auf Frauen, die wie sie Gewalt, Krieg und Verlust überlebt haben – jede mit ihrer eigenen Geschichte, jede mit ihren eigenen Wunden. Der Roman verwebt ihre Stimmen zu einem vielschichtigen, emotional dichten Porträt weiblichen Überlebenswillens in einem Ort des Übergangs aus der Sicht von Minga, der Tochter der Krankenschwester die auf den Spuren ihrer Mutter wandelt und nach Antworten sucht.

Charline Effah stammt aus Gabun und lebt heute in Paris. Sie hat sich einen Namen gemacht mit literarisch anspruchsvollen, zutiefst menschlichen Romanen, in denen sie das Erleben afrikanischer Frauen mit poetischer Sprache und scharfem Blick erforscht. Ihre Werke sind mehrfach ausgezeichnet worden und zeichnen sich durch politische Sensibilität und emotionale Tiefe aus.

Meine Meinung

Von der ersten Seite an hat mich dieser Roman in seinen Bann gezogen. Was mich besonders berührt hat, war die stille, aber eindringliche Art, mit der die Geschichten dieser Frauen erzählt werden – ohne Pathos, ohne Übertreibung, aber mit großer Würde. Minga, die Hauptfigur, dient dabei nicht als klassische Identifikationsfigur, sondern als Beobachterin und Erzählerin zugleich. Durch ihre Augen begegnen wir Frauen, die sexueller Gewalt, dem Tod ihrer Kinder oder der Vertreibung entkommen sind – und doch nicht gebrochen wirken.

Effah gelingt es, die Stimmen dieser Frauen nicht zu einer einzigen zu verschmelzen, sondern jede für sich sprechen zu lassen. Ihre Erfahrungen sind hart, aber niemals anonym oder reduziert auf Leid. Es geht um Erinnern, um Identität, um das Recht auf Menschlichkeit. Immer wieder tauchen poetische Bilder auf, die das Unsagbare greifbar machen – etwa wenn das Schweigen zwischen den Zelten schwerer wirkt als die Hitze oder wenn ein Lied, das gesungen wird, mehr Trost spendet als Medizin.

Besonders eindrucksvoll ist die Atmosphäre im Camp: Die Enge, der Staub, das Misstrauen – aber auch kleine Lichtblicke wie ein Gespräch, ein geteiltes Stück Brot oder ein Blick, der Mut macht. Die Spannung entsteht nicht durch äußere Handlung, sondern durch die emotionale Intensität, die zwischen den Zeilen liegt. Das hat mich oft innehalten lassen – um das Gelesene zu verarbeiten, um über die eigene Position nachzudenken.

Auch das historische und politische Umfeld – von kolonialer Gewalt bis zur Rolle internationaler Hilfsstrukturen – wird klug angedeutet, nie dozierend. So entsteht ein dichtes Netz aus persönlichen Geschichten, politischer Realität und literarischem Anspruch.

Fazit

"Die Frauen von Bidi Bidi" ist ein Roman, der leise spricht – und gerade deshalb lange nachhallt. Die Sprache ist poetisch, aber klar, die Figuren glaubhaft und berührend. Ein wichtiges Buch über weibliche Stärke, Erinnerung und Würde.

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