Profilbild von MarieOn

MarieOn

Lesejury Star
offline

MarieOn ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit MarieOn über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 14.08.2025

Erinnerungen an ein tödliches Drama

Die Ausweichschule
0

Herr Mertens, Lektor eines mittelgroßen Verlages, hat das Manuskript neben sich liegen. Der Kellner schenkt Wein nach. Der Autor blickt in seine übergroße Ramenschüssel. Mit den Stäbchen bekommt er etwas ...

Herr Mertens, Lektor eines mittelgroßen Verlages, hat das Manuskript neben sich liegen. Der Kellner schenkt Wein nach. Der Autor blickt in seine übergroße Ramenschüssel. Mit den Stäbchen bekommt er etwas zu greifen, das wie gebratenes Ei aussieht. Ein Stück davon gelangt in seinen Mund, es ist so heiß, dass ihm die Tränen in die Augen schießen. Der Rest plumpst in die Nudelbrühe und zaubert ein Stücken grünen Spargel nach oben. Herr Mertens schiebt sich ein großes Stück glasiertes Irgendwas in den Mund und kaut nachdenklich. Ob der Autor glaube, dass die Geschichte für ein größeres Publikum interessant wäre, der hegt gerade Zweifel. Sie sei so, Herr Mertens ringt um Worte, entschuldigt sich, beliebig. Er müsse sich überlegen, ob er etwas Literarisches schreiben oder den Zeitgeist treffen wolle. Das Ganze sei fast akademisch brav und er sei doch nicht traumatisiert. Schließlich habe er zwar den Täter gesehen, aber keine Toten. Aber im Grunde sei er, Herr Mertens, eh so was wie ein Unterhaltungsonkel und fände Krimis super. Deswegen also auch gar nicht der richtige Ansprechpartner. Er könne ihn aber gerne weiterempfehlen, schmatzt er wohlwollend. Ja, das wäre schön.

Die unerwartete E-Mail-Anfrage eines Dramatikers trifft ein. Er möchte ein Stück über Amokläufer auf die Bühne bringen und habe ein paar Fragen. Als sie telefonieren, legt er große Behutsamkeit in seine Stimme und fragt, ob der Autor sich dazu im Stande fühle. „Imstande fühle“, der Autor will sich über die Wortwahl nicht lustig machen, glaubt aber, dass dieses ganze „Mental Health“ zu mehr Ratlosigkeit als zu echter Hilfe für die von Trauma Betroffenen führt. Im Laufe des Gesprächs entspinnt sich ein möglicher Plot. Wer war Steinhäuser?

Der Autor erinnert sich an die sechzehn brennenden Kerzen und die eine Abseits stehende, die nicht recht brennen wollte. Sechzehn Menschen hat Steinhäuser am 26.04.2002 am Erfurter Gutenberg-Gymnasium hingerichtet und sich danach selbst erschossen.

Fazit: Kaleb Erdmann erinnert sich an das tödliche Drama seiner Kindheit. Damals war er ein elfjähriger Fünftklässler. Während die Ältesten ihre Abiprüfungen schrieben, wartete die 2A auf das Läuten, das die letzte Unterrichtsstunde dieses Tages ankündigen würde, als ein Schuss fiel. Kurz darauf wurde die Klassentüre aufgerissen und eine schwarz gekleidete Gestalt mit Skimaske schaute in den Raum und verschwand wieder. Das Gespräch mit dem Dramatiker reißt nicht geahnte Wunden auf und er beginnt zwanghaft das Geschehen und die Folgen zu sezieren. Eineinhalb Jahre Therapie konnten seine Dissoziation, seine Panikattacken und sein Kontrollbedürfnis nicht auflösen. Er hinterfragt alles, so auch den Umgang der Presse, der Behörden und der Schulleitung mit den Konsequenzen des Massakers. Warum haben die Eltern Steinhäuser nicht gemerkt, wie ihr Sohn abdriftete? Erst als er versucht, sich dem Thema schreibend zu nähern, wird ihm klar, wie stark er traumatisiert ist. Mir gefällt die Herangehensweise, wie er die Geschichte durch Anekdoten auflockert, gut. Es ist die Verarbeitung eines Kriegsszenarios, das sich im Großen wie im Kleinen weltweit immer wieder ereignet, auch jetzt in diesem Moment, wo ich hier sitze, schreibe und mir bewusst wird, wie glücklich ich mich schätzen kann, derzeit keiner Bedrohung ausgesetzt zu sein. Die Geschichte ist spannend und hat mich zum Mitdenken angeregt. Meine große Empfehlung für diese kluge Aufarbeitung. Ich mochte auch sein Debüt „Wir sind Pioniere“ sehr.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 12.08.2025

Ein Debüt von großer verbaler Sprengkraft

Moscow Mule
0

Tonya träumt von einem Haus mit Garten. Glück, so stellt sie es sich vor, ist es, mit einer Tasse Tee auf der Veranda zu stehen und ihrem Hund beim Spielen zuzusehen. Für die lebhafte Karina ist das nichts. ...

Tonya träumt von einem Haus mit Garten. Glück, so stellt sie es sich vor, ist es, mit einer Tasse Tee auf der Veranda zu stehen und ihrem Hund beim Spielen zuzusehen. Für die lebhafte Karina ist das nichts. Für sie bedeutet Glück nichts anderes als Stillstand und Trägheit.

Ihre Fakultät ist mit Kindern von Unternehmern, Managern und Regierungsbeamten übervölkert. Und die studieren einzig um ihren Lebenslauf aufzuhübschen, leben nicht im Wohnheim und suchen nicht nach Jobs. Karina und Tonya studieren politischen Journalismus. Nach ihrem dritten Semester wurde Anna Politkowskaja unweit der Uni auf offener Straße erschossen. Dank dem selbst ernannten Zaren sind die Zeiten wieder unsicher. Man geht der Polizei aus dem Weg, ist besser so. Ihre Zukunftschancen sind übersichtlich und sie leben zu lange in Moskau, um an eine echte Opposition oder freie Wahlen zu glauben. Europa würde ihnen gefallen, deshalb suchen sie nach Austauschprogrammen europäischer Universitäten.

Tonya lebt ihm Wohnheim, teilt sich ein Kabuff mit anderen Kommilitoninnen, kocht Nudeln im Wasserkocher und flucht, wenn jemand ihr wieder das frisch gewaschene Spitzenhöschen von der Heizung geklaut hat. Karina tingelt zwischen dem Schlafsessel bei ihrer lieblosen Mutter in Moskau und dem Bett bei ihrer geliebten Oma, weit außerhalb der Stadt. Meistens verpasst sie nachts um eins die letzte Metro und dann lässt sie sich von einem Typen abschleppen oder kriecht zu Tonya ins Bett. Sie jagen Wombats hinterher, leicht beleibte Männer mittleren Alters, die schon zwei Unternehmen gegründet haben und dreimal geschieden sind. Nur die interessieren sich nicht für Tom Sawyer und Huckleberry Finn. An den jungen Frauen, die deren Blick zum Glänzen bringen, ist alles lang, Haare, Beine, Fingernägel, sie sind gepflegt, geduldig und sexy. In Russland können Frauen alles werden, dennoch entscheiden sich die meisten dafür, Mätressen zu sein.

Fazit: Maya Rosa hat ein Debüt mit ganz großer verbaler Sprengkraft hingelegt. Die Wortakrobatin hat zwei junge Protagonistinnen geschaffen, die mit einem mickrigen Stipendium versuchen, ein Studium zu wuppen und zu überleben. Beide schlagen sich Seite an Seite mit diversen Nebenjobs durch. Trotz der politischen Diskrepanz ist der Hunger nach Abenteuer und Zerstreuung und die Lebensfreude spürbar. Ich erfahre viel über dieses Land, ohne mich durch Infodump erschlagen zu fühlen. Die Autorin webt alle Eindrücke in die Geschichte hinein. Korruption, Staatsgewalt, die Kluft zwischen Arm und Reich und die Dekadenz des Reichtums, der jung erworben wird. Frauen, die von Freiheit träumen und sich stylen, anbiedern und verraten, um auf die schimmernde Seite der Medaille zu gelangen. Alle sind ein bisschen schmierig. Die beiden Heldinnen Tonya und allem voran Karina, aus deren sprunghafter Sicht erzählt wird, sind beste Freundinnen, bis es in Tonya klickt und sie schneller erwachsen werden will als Karina. Ich liebe die rotzige, lakonische, lustige Erzählstimme, die mit Worten umgeht, als würde sie ein großes Orchester dirigieren. Da ist alles dabei vom Paukenschlag über die Klarinette bis zur Harfe. Meine Güte, war das unterhaltsam.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 06.08.2025

Gesellschaftskritik par Excellence

Das Geschenk
0

In Vorfreude schwelgend ersinnt Fuchs seine große Karriere im Bundestag. Er hat leicht einen sitzen, als er am frühen Morgen am Spreeufer entlang schlendert und selbstgefällig vor sich hingrient. Er zückt ...

In Vorfreude schwelgend ersinnt Fuchs seine große Karriere im Bundestag. Er hat leicht einen sitzen, als er am frühen Morgen am Spreeufer entlang schlendert und selbstgefällig vor sich hingrient. Er zückt sein Handy, lächelt gewinnend, hinter sich die Kuppel des Reichstages. Währenddessen badet in der Spree ein Elefantenbulle. Bezeugen könnte das derzeit nur ein Obdachloser, der viel zu früh unter der Brücke aufgewacht ist und seine Kippen vermisst.

Tag 1

Der Kanzler Hans Christian Winkler sitzt am Frühstückstisch und liest die Tageszeitung, die seine Gattin ihm, wie jeden Morgen, bereitgelegt hat. Säuerlich stellt er fest, dass seine Partei bei den letzten Umfragen deprimierende Werte eingefahren hat. Sein Handy reißt ihn aus dem Tief und als er rangeht, erfährt er, dass vier afrikanische Elefanten am Spreeufer gesichtet wurden. Er hört weiter, dass alle Elefanten der umliegenden Zoos auf Vollständigkeit geprüft wurden. Ein Mysterium. Er wird den Krisenstab zusammentrommeln müssen, die Bundeswehr wird es richten. Tatsächlich, aber das weiß Winkler zu diesem Zeitpunkt noch nicht, wurden inzwischen achtunddreißig Elefanten gezählt und der Schaden, den die Vielfraße in die Landschaft schneisen, wird ein erhebliches Loch in den Haushalt reißen.

Der botswanische Präsident Tebogo ruft im Bundeskanzleramt an und bedankt sich beim Kanzler höchstpersönlich für das Einfuhrverbot von Elfenbein. Er zeigt sich wenig erfreut darüber, dass über die Hälfte seines Landes Naturschutzgebiet ist. Er habe sich den Bitten des Westens gebeugt und muss seinen Bürgern nun erklären müssen, dass die gut geschützten Elefanten, mit einem Populationswachstum von jährlich sechs Prozent, über den Bürgern stehen. Und um sich angemessen dankbar zu zeigen, hat er Berlin nun 20.000 Elefanten geschenkt.

Fazit: Gaea Schoeters hat wieder zugeschlagen. Nach ihrem Erfolgsdebüt „Trophäe“ hat sie eine Inszenierung geschaffen, die sich mit den aktuellen politischen Ereignissen auseinandersetzt und folgenschwere Entscheidungen anprangert. Sie zeigt mithilfe eines allwissenden Erzählers im Eilschritt, welche Bedeutung freilaufende Elefanten in der Zivilisation bekommen und entwickelt ein Schreckensszenario. Gleichzeitig zeigt sie eine Kette von Entscheidungen in der Politik. Wie man andere Länder in schwierige Situationen bringt, um im eigenen Land die Wählerinnen bei Laune zu halten. Die Schwierigkeit, gegen eine rechte Partei anzustinken, um zu verhindern, dass die Bürgerinnen ihr die Mehrheit schenkt. Wie Politikerinnen, die nicht feminin genug sind aber anpacken können, vor einen Karren gespannt werden, um ihn aus dem Dreck zu ziehen. Die Autorin lässt eine Expertin von Talk Show zu Talk Show ziehen und trifft enorm den Zeitgeist. Vieles an dieser Geschichte hat mich an die mediale Erstattungsgeilheit während Corona erinnert, doch es gab auch Parallelen zur Asylpolitik 2015. Und außerdem habe ich ganz viel über das Sozialverhalten im Matriarchat von Elefanten erfahren, wovon wir uns als Gesellschaft ruhig etwas aneignen könnten. Das war Gesellschaftskritik par excellence und ich bin froh, dass Gaea Schoeters frischen Wind in einige Köpfe bringen wird. Das hat mir richtig Spaß gemacht.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 04.08.2025

Konfliktreiche Beziehungen

Haralds Mama
0

Haralds Mama und seine Freundin treffen sich auf dem Flughafen in der Pampa, um Harald abzuholen. Noch scheint unklar, mit wem er gehen wird. Die Freundin hat im Anschluss an Haralds Reha einen kurzen, ...

Haralds Mama und seine Freundin treffen sich auf dem Flughafen in der Pampa, um Harald abzuholen. Noch scheint unklar, mit wem er gehen wird. Die Freundin hat im Anschluss an Haralds Reha einen kurzen, wenn möglich erholsamen Spa-Aufenthalt gebucht, die Mama findet das unnötig und teuer. Die Freundin sinnt darüber nach, ob sie ihr kleines Vermögen damit rechtfertigt, dass sie den Betrag zusammengehurt oder einen Blancokredit aufgenommen hat oder doch bei der letzten Steuererklärung begünstigt wurde. Die Mama wird mir Harald auf die „Insel“ fahren und dort werden sie es sich ein,- zwei oder auch drei Wochen gemütlich machen. Das wolle sie an dieser Stelle einmal sagen. Die Freundin habe ihre Zeit unnötig verschwendet.

Ding Dong: „Der Flug aus Strömme verspätet sich wegen vereister Fahrbahn um eineinhalb Stunden“.

Die Freundin empfindet unspezifisches Entsetzen bei der Vorstellung, sich noch länger von einer alten Vettel anstinken zu lassen. Sie späht nach einer Nische, wo sie sich verstecken und leise weinen kann.

Es erstaunt sie selbst, dass sie sich in Harald verliebt hat. Wäre er ein Hund, dann ein Golden Retriever.

So einer, der voller Lust auf das Agility Feld galoppiert, um dann ohne Vorwarnung von der Hindernisbahn abzubiegen, weil er einen Tennisball erspäht hat, wie blöd loszurasen, und stolz und überglücklich mit einem riesigen Stock wiederzukehren. S. 21

Zum Ende seines Jurastudiums wollte er für Gerechtigkeit kämpfen und dann das Amt des Richters besetzen. Sein Vater hatte in Nicaragua für Demokratie und sauberes Wasser gekämpft und war zehn Jahre zuvor bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Er war Haralds Trauer. Seine Mutter war genau das Gegenteil, praktisch, bodenständig und furchtbar effizient, hatte Harald ihr zufrieden erklärt.

Fazit: Johanna Frid hat ein effektives Kammerspiel geschaffen. Sie konzentriert sich auf drei Menschen, die innerhalb ihrer Beziehung konfliktreich aufeinandertreffen. Da ist zum einen Harald mit seinen psychischen Störungen und einer rasanten Talfahrt in die Psychopharmakaabhängigkeit. Die Hauptfigur, aus deren Sicht alles erzählt wird, die selbst psychisch labil und gesundheitlich angeschlagen ist und die kontrollierende, übergriffige Mutter, die sich nicht von ihrem Sohn lösen kann. Die Geschichte lebt von Momentaufnahmen, der Interaktion zwischen Mutter und Freundin und den Rückblicken der Freundin, die das ganze Drama ihrer Beziehung sichtbar machen. Die Sprache ist roh, die Gedanken der Protagonistin bissig und amüsant. Sie schluckt vieles runter, das augenscheinlich zu gemein ist und das Gewicht hätte den Konflikt richtig anzufachen. Die Autorin hat ein Händchen dafür, das ganze Drama einer Abhängigkeit mit allen Vertrauensbrüchen und Unzurechnungsfähigkeiten spürbar zu machen. Alle Beteiligten sind unsympathisch, wie im echten Leben und das befähigt mich als Leserin auf die Metaebene zu gehen und genüsslich von außen auf die Szenerie zu schauen. Die mehrfach ausgezeichnete Autorin hat eine einzigartige Stimme und kluge Gedanken und ich freue mich schon jetzt auf ihr nächstes Buch.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 31.07.2025

Eine toxische Beziehung

Bittersüß
0

Richard Aveling, Mitte Fünfzig, grau melierte Schläfen mit dichtem schwarzen Haar. Er ist der Vorzeigeautor des Verlags Winden & Shane und Charlie bewundert ihn schon seit Jahren. Sie hätte nie geglaubt, ...

Richard Aveling, Mitte Fünfzig, grau melierte Schläfen mit dichtem schwarzen Haar. Er ist der Vorzeigeautor des Verlags Winden & Shane und Charlie bewundert ihn schon seit Jahren. Sie hätte nie geglaubt, dass sie ihm einmal leibhaftig begegnen würde. Doch dann steht er vor ihr, als sie die Hintertür des Verlags aufstößt, um eine Zigarette zu rauchen. Charlie bewarb sich mit zweiundzwanzig, jetzt arbeitet sie seit einem Jahr dort als Assistentin der Pressearbeit unter ihrer direkten Vorgesetzten Cecile.

Ihre beste Freundin Ophelia bot ihr für kleines Geld ein Zimmer in einem Haus ihrer Eltern an. Schöner hätte sie im teuren London nirgendwo wohnen können. Jetzt wohnen sie mit Eddy in einer WG. Alle arbeiten bei Winden & Shane, kochen jeden Abend miteinander, besuchen Partys und tauschen sich über den neuesten Verlagsklatsch aus. Das hätte Charlie sich nicht träumen lassen, als sie aus dem Haus ihres Stiefvaters ausgezogen ist. An ihren richtigen Vater hat sie keine Erinnerung mehr, ihre Mom trennte sich frühzeitig und heiratete wieder. Auch das Bild ihrer Mom, ihr Geruch verblasst langsam. Sie starb, als Charlie sechzehn war.

An einem für London typischen regnerischen Montagmorgen schickt Cecile Charlie zu Avelings Wohnung, damit sie ihm die Druckfahne seines neuen Buches bringt. Cecile möchte, dass Charlie keinesfalls seine Wohnung betritt, aber dann bittet er sie mit nach oben zu kommen und lädt sie zu einem Kaffee ein. Sie kommen ins Gespräch und Charlie kann nicht anders, als diesen attraktiven, erfolgreichen Mann zu verehren.

Ich wollte locker und unkompliziert rüberkommen, ihm nicht zeigen, wie ich eigentlich war, ein nervöses Mädchen, das es allen recht machen wollte. S. 111

Fazit: Hattie Williams ist mit ihrem Debütroman etwas Besonderes gelungen. Sie lässt ihre Ich-Erzählerin die Vergangenheit rekonstruieren und schafft mit dieser fiktiven Geschichte eine Nähe von autobiografischer Schönheit. Die emotional labile Charlie trifft einen exzentrischen, verheirateten Mann, der ihr Vater sein könnte. Ihre Bedürftigkeit nach Sicherheit und das Bedürfnis, gesehen zu werden, treibt sie in eine Affäre, die er forciert. Sie ist ihm weder körperlich noch emotional gewachsen. Die Intension des Autors bleibt für Charlie nebulös. Im Laufe der Affäre spaltet er sie von ihren Freunden ab und treibt sie in die Isolation. Entweder er blockt ihren Wunsch zu reden ab, oder er erregt ihr Mitgefühl. Letztendlich geht es nur darum, sein Ego zu streicheln. Er wird größer und wichtiger, sie kleiner. Eine toxische Beziehung par excellence, die sich so subtil entwickelt, dass auch ich als Außenstehende zwischenzeitlich meine Zweifel an der Nichtaufrichtigkeit Avelings hatte. Das vorauszusehende Ende der Liaison ist grausam und weckt tiefes Mitgefühl und das Ende des Buches ist so berührend und heilsam. Die Autorin beherrscht die Kunst, sich ganz tief in ihre Figuren hineinzuversetzen und alle Gefühle zu zeigen. Auch das Thema Depression hat sie bestens umgesetzt. Chapeau, das hat mich unglaublich gut unterhalten

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere