Erinnerungen
6 aus 49Haus Amalie ist immer voller Menschen, denn Pensionswirtin Lina lebt für ihre Gäste. Das Hotelgewerbe war schon immer ihr Traum und zusammen mit Freundin Maria schafft sie es von der Küchenhilfe zur eigenen ...
Haus Amalie ist immer voller Menschen, denn Pensionswirtin Lina lebt für ihre Gäste. Das Hotelgewerbe war schon immer ihr Traum und zusammen mit Freundin Maria schafft sie es von der Küchenhilfe zur eigenen Zimmervermietung, nebenbei gilt es noch die Wirren des zweiten Weltkriegs ohne die Ehemänner zu überstehen und die Familie durch die Not der Nachkriegszeit zu bringen. Lina hatte nie viel, aber sie glaubt an das Glück, das Glück in Form eines Lottoscheins.
6 aus 49 ist ein recht ungewöhnlicher Titel für einen Roman, aber letztlich beschreibt er Lina, die Großmutter der Autorin so treffend, wie nichts sonst, den Lina ist besessen vom Lottospielen. Sie hat dabei ihr ganz eigenes System, ihre ganz eigene Philosophie zum Spiel und immer die Hoffnung auf einen Gewinn, die sich sogar ab und an erfüllt.
"Meine Großmutter war eine leidenschaftliche Lottospielerin, das ist begründet in der Tatsache, dass sie als Kind eine Art von Armut erlebte, die so bitter war, dass sie noch am Ende ihres Lebens zu mir sagte: So eine Armut, wie ich sie als Kind erlebt habe, gehört verboten."
Autorin Jacqueline Kornmüller erzählt nun hier vom Leben dieser Frau, nicht alles davon tatsächlich autobiographisch, aber sicher recht viel. Sie erzählt so herzlich und so liebevoll von ihrer Oma und damit eigentlich auch von sich, von ihrer Mutter, von der zeitlebens besten Freundin ihrer Oma, Tante Marie und zeichnet für den Leser das Bild einer ganzen Generation, im Schönen, aber eben auch im Dunklen. Sollte ich jemals nach Bindestrich kommen, werde ich mich beim Gang zum Bahnhof an Hedy und ihren Mann erinnern.
Mich hat das Buch natürlich mit jeder Seite, mit jedem Wort an meine Oma erinnert, die ich über alles geliebt habe. Auch sie hat diese Zeit miterlebt, aber sie hat sich für das Schweigen entschieden, die Gründe hierfür kenne ich nicht und ich habe leider nicht mehr die Möglichkeit sie danach zu fragen. Wie auch die Autorin habe ich viele Jahre bei meiner Oma gelebt und so verstehe ich das innige Verhältnis der Beiden nur all zu gut. Wärend es im Buch das französiche Bett war, war es bei uns immer das gemeinsame Bad, Momente in denen ich mich als Kind geliebt und beschützt gefühlt habe.
Die Autorin erzählt ihre Geschichte mit leichten und klaren Worten, meist chronologisch, aber ab und zu springt sie auch in die Gegenwart und zu sich selbst zurück. Die Liebe zu ihrer Großmutter Lina ist in jedem Wort, jedem Satz zu spüren, sie ist die warme weiche Decke in die man sich beim Lesen gern einkuscheln möchte. Das Buch ist eine Hommage an diese Frau, es ist fast eine Liebesgeschichte, aber eben auch eine Familiengeschichte, eine Biographie, ein Zeitzeugnis, ein bisschen eine coming of age Story der Autorin, wobei der Fokus immer auf Lina liegt und Linas Tochter, die Mutter der Autorin (die auch immer nur "Linas Tochter" genannt wird), eher eine Nebenrolle einnimmt.
Für mich ist das Buch definitiv eines meiner Jahreshighlights, durch die Lektüre habe ich mich an so viele Momente mit meiner Oma erinnert und allein dafür bin ich der Autorin unendlich dankbar, den auch für mich war meine Oma ein ganz besonderer Mensch (Lotto gespielt hat sie allerdings nie). Einen ganz, ganz winzigen Kritikpunkt hätte ich dann, augenzwinkernd, allerdings doch noch. Das Cover, beziehungsweise der Titel. Natürlich könnte der Titel nicht treffender sein, "6 aus 49" steht quasi für Lina und ihr Leben, aber sorry, optisch ist es echt gewöhnungsbedürftig. Diese Zahlen, auf diesem wunderschönen, ein bisschen an ein Wimmelbild mit Szenen aus Linas Leben erinnernden Schutzumschlag, ich glaube ich hätte das Buch entweder direkt liegengelassen und mich über das Cover nur gewundert, oder ich hätte erst recht danach gegriffen, einfach um zu sehen was das soll.